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Stewart
Der Stromausfall war unausweichlich, aber das hieß nicht, dass es kein Albtraum war. Zwar war die Küche gesichert, wir konnten also weiterhin Nahrungsmittel lagern und kochen. Aber das galt nicht für die Heizung im ganzen Haus. Holzöfen waren … nun, eben Holzöfen.
Und die machten Arbeit.
Ich meldete den Stromausfall per Handy-App bei meinem Stromanbieter, aber ich sah schon, dass das Problem großflächig war. Das hieß wohl, dass es länger dauern würde. Bis auf die Leitungen, die am Generator hingen, also Lampen und Küchengeräte, funktionierte nichts mehr. Die Gäste konnten abwechselnd ihre Handys in der Küche aufladen, aber mehr konnte ich ihnen nicht anbieten.
Bis vor ein paar Jahren hatte Tante Bea nur die Küche am Generator angeschlossen. Zum Glück hatte ein befreundeter Elektriker wenigstens auch das Licht daran angeschlossen. Der gute alte Mr Kahoon. Meine Tante nannte ihn einen Zauberer. Ich machte mir eine Notiz, ihm eine Weihnachtskarte zu schicken.
„Sieht aus, als hätten wir eine Verschnaufpause.“ Roland kam in die Küche, wo ich überlegte, was alles zu tun war.
Etwas an der Art, wie er wir sagte, ließ meinen Magen Purzelbäume schlagen. Es kam ihm so leicht über die Lippen. Aber wahrscheinlich hatte das nichts zu bedeuten. Nicht wirklich. Man sagte das nur so.
Trotzdem.
Er war mit beiden Beinen voraus hineingesprungen und es fühlte sich toll an, dass es ihm wichtig war. Zu toll. Wenn er so weiter machte, würde er mich zu sehr verwöhnen. Wie alle anderen Gäste auch, würde er bald abreisen. Wenn ich das nächste Mal Gäste hatte – und für ihr Wohl sorgte – dann säße er in seinem Büro oder war zum Dinner aus, mit jemand anderem als mir.
„Danke.“ Ich klappte das Buch meiner Tante zu. „Ich habe nur nachgeschaut, ob ich alles im Blick habe.“
„Die Kinder sind alle oben mit ihren Eltern und deren Tablets. Alle anderen machen, was sie wollen. Du kannst durchatmen.“ Er kam zur Anrichte und blickte auf das Journal. „Damit organisierst du alles?“
„Ja. Das gehörte meiner Tante. Als der Gasthof noch ihr gehörte, hat sie alles notiert, was ihr wichtig erschien. Es ist im Grunde eine Art Handbuch.“ Ich öffnete die Schublade und legte das Buch an seinen Platz zurück. „Aber da steht nicht drin, wie man Fremde entschädigt, die während eines Eissturms zum Helden werden. Ich habe nachgeschaut.“
„Es gab weit und breit keine andere Unterbringungsmöglichkeit und es hat mich davon abgelenkt, an zu Hause zu denken und alle zu vermissen.“
Die Sehnsucht in seiner Stimme berührten mich tief.
Jemand klopfte an den Türrahmen zur Küche, als würden sie bei etwas stören. Was irgendwie ja auch der Fall war.
„Kommen Sie nur herein“, rief ich an Roland vorbei. „Wie kann ich Ihnen helfen, Mr Hanson?“
„Mein Mann hofft, dass ich ihm hier einen Tee machen kann.“ Er hielt eine Tasse mit einem Teebeutel darin hoch.
„Sicher, ich setze den Wasserkessel auf.“ Ich wollte den Generator nicht belasten, wenn ich stattdessen den Ofen benutzen konnte.
„Danke. Er hat mich außerdem gebeten zu erwähnen, dass es etwas kühl wird.“ Mr Hanson stellte die Tasse auf die Anrichte. „Ich dachte, Sie hätten vielleicht ein paar zusätzliche Decken?“
„Habe ich. Ich kann außerdem Holz im Ofen nachlegen.“ Es wäre zwar nicht so warm wie gewohnt, aber warm genug. Diese alten Gebäude waren nicht gut isoliert, daher sank die Temperatur schneller, als es für uns alle angenehm war, mich selbst eingeschlossen.
„Ich kümmere mich um den Holzofen.“ Roland sprang guter Dinge auf.
„Ich kann das machen. Du solltest dich ein wenig ausruhen.“ Es war eine anstrengende Tätigkeit und ich wollte sie Roland nicht aufhalsen.
„Nein. Mach du den Tee. Ich würde auch gern eine Tasse nehmen.“ Das ging.
Ich machte eine Kanne Tee für Mr Hanson, während meine Katze ihm um die Beine strich. Lulu war immer auf der Suche nach neuen Freunden und genoss die Gesellschaft.
Das trübe Wetter verdunkelte den Himmel schon am Nachmittag, daher nahm ich meine Jacke, um mehr Holz zu holen, bevor es zu dunkel wurde. Dieses Mal nahm ich ein paar Holzkisten von der Veranda, die in Tante Beas Journal erwähnt worden waren. Ich fragte mich, wie viel ich wohl unnötig umständlich erledigte.
Es war gar nicht so einfach, das Holz in den Kisten zu stapeln, außerdem war Wasser in den Holzschuppen gelaufen und angefroren. Im Frühjahr musste ich mir das Dach vornehmen. Bis dahin musste es irgendwie gehen.
„Zwei?“ Roland tauchte neben mir auf.
„Ich dachte, es wäre klüger, wenn Mr Hanson sich jetzt schon beklagt.“
Er nahm die erste Kiste und stellte sie ab. „Die sind zu schwer, um sie auf einmal zu tragen.“
Ich hob eine hoch. „Ja, ich habe nicht darüber nachgedacht.“
„Gut, dass ich hier bin.“ Er zwinkerte mir zu.
Er hat mir zugezwinkert. Ich versuchte, nicht zu viel hineinzuinterpretieren.
Versuchte es.
Und scheiterte.
„Warum bist du hier?“ Ich klappte den Mund zu und schämte mich für den unhöflichen Tonfall. „Ich meine, danke, dass du hier bist.“
Er kam einen Schritt näher, beinahe nahe genug, dass ich die Hitze spüren konnte, die seine Muskeln ausstrahlten. „Ich bin hier, weil ich etwas Gesellschaft brauche bei einer Tasse Tee.“
Na toll, jetzt wurde ich auch noch rot. Er war nur höflich. Ich durfte nicht zu viel hineinlesen in seine Worte, auch wenn sie mich mit Wärme und einem Kribbeln erfüllten. „Ich mag Tee.“ Ich hatte die Worte kaum ausgesprochen, als seine Lippen über meine strichen und sofort wieder verschwunden waren.
„Tut mir leid.“ Er griff sich beide Kisten auf einmal. „Ich hätte das nicht ohne deine Zustimmung tun dürfen.“
„Ich kann auch eine nehmen.“ Ich griff nach einer der Kisten und nahm sie ihm ab. „Und kein Grund, sich zu entschuldigen. Es hat mir gefallen und ich fände es schade, wenn du es bereust.“
Denn ich tat das ganz gewiss nicht.