Ich hatte nie viel darüber nachgedacht, wie viel Arbeit es wohl machte, ein Bed & Breakfast zu führen, aber es war anstrengend. Kaum vorstellbar, dass Stewart das überstanden hätte, wenn ich nicht vor zwei Tagen hier hereingekommen wäre und ihm geholfen hätte.
Streng genommen gefiel es mir ganz und gar nicht, dass er sich den Rücken krumm schuftete, um Leute zufriedenzustellen, die müde, unleidlich und aggressiv waren, weil sie Weihnachten nicht zu Hause verbringen konnten.
Ich verstand durchaus den Stress und die Enttäuschung, wenn man während der Feiertage nicht daheim sein konnte. Mir wurde das Herz auch jedes Mal schwer, wenn ich daran dachte, dass meine ganze Familie zusammen war, kochte, backte und sang und eine schöne Zeit zusammen hatte – ohne mich.
Und dann dachte ich an Stewart.
Ich sah zu, wie er sich geschäftig durchs Haus bewegte, nach den Gästen sah und darauf achtete, dass sie es bequem hatten trotz mangelnder Zentralheizung, und wusste auf einmal, dass
ich nirgends sonst lieber wäre.
Er ertappte mich dabei, wie ich ihn lächelnd anschaute, und kam zu mir. „Also, Mister sexy Alpha, kann ich dich für eine Tasse heiße Schokolade mit Mini-Marshmallows gewinnen?“
„Mmm, das sieht köstlich aus.“ Ich nahm die Tasse, die er mir reichte, und trank einen Schluck. Ich nahm einen Marshmallow in den Mund, dann blickte ich auf und schob ihn zwischen meine Lippen.
Stewart grinste und beugte sich vor, um mich zu küssen und dabei den Marshmallow zu stehlen. „Du hast recht. Köstlich.“
Ich rutschte auf dem Sofa zur Seite und zog ihn sanft, bis er neben mir auf das Kissen sank. „Setz dich für ein paar Minuten. Du bist schon den ganzen Tag auf den Beinen.“
Mit einem übertriebenen Seufzen lehnte er sich an meine Schulter. „Wenn du darauf bestehst …“
„Ich bestehe darauf.“ Ich legte meinen Arm um seinen Rücken. Es gefiel mir, ihn so nahe bei mir zu haben, nahe genug, um seinen Duft einatmen zu können und zu wissen, dass er okay war und sich nicht überarbeitete. „Du musst dich hin und wieder mal ausruhen.“
Er zuckte mit den Achseln und legte seine Hände um meinen Arm. „Du bist schön warm.“
Ich nickte Richtung Kamin. „Das ist das Beste daran, wenn man das Feuer im Auge behalten soll. Man wird schön gewärmt.“
Ein junger Omega mit einem Säugling auf dem Arm und einem Baby im Bauch kam herein und nahm ein Plätzchen vom Teller. „Mein Arzt bringt mich um, wenn ich noch mehr zunehme während der Schwangerschaft. Aber ich kann einfach nicht
aufhören, davon zu naschen.“
Stewart lehnte sich etwas zurück und lächelte. „Es ist Heiligabend. Kalorien zählen an Weihnachten nicht.“
„Tja, sagen Sie das meinem Alpha, wenn Sie ihn das nächste Mal sehen. Er fand es schon nicht gut, als ich mir ein drittes Stück von der Quiche genommen habe.“ Der Omega lachte und rieb sich den Bauch. „Aber was soll ich sagen? Wir essen eben gern.“
„Nehmen Sie sich so viel, wie Sie möchten.“ Er drückte mich fester, beinahe besitzergreifend. „Ich sorge dafür, dass mein Alpha noch mehr backt.“
Ohne es zu merken, hatte sich mein Körper verkrampft. Nicht auf unangenehme Weise, aber ich war erstaunt von seiner Bemerkung. Noch erstaunter war ich darüber, wie sehr mir diese Worte gefallen hatten.
Stewart musste meine Anspannung gespürt haben, denn er löste sich sofort von mir und schaute mich entsetzt an. „Ich wollte nicht … Ich meine … tja.“
Ich legte ihm eine Hand auf die Wange, beugte mich vor und küsste seine zitternden Lippen. „Du musst dich nicht entschuldigen. Es wäre für jeden Alpha eine Ehre, dir zu gehören.“
Er öffnete den Mund, um zu antworten, aber da flog die Haustür auf und zwei Männer von der Energiefirma platzten herein, um möglichst schnell der eisigen Kälte zu entfliehen. Wir drehten uns beide um, als ein kalter Windstoß mit ihnen durchs Haus fuhr.
„Hey!“ Stewart sprang auf und ging ihnen entgegen. „Ich bin froh, dass Sie da sind.“
Ein Anflug von Eifersucht raste meinen Rücken hinauf und ich folgte Stewart auf den Füßen, denn es gefiel mir nicht, wie begeistert er diese fremden Alphas begrüßte. Ich versuchte, dieses unangemessene Besitzerdenken zu verdrängen, aber es gelang mir nicht. Ich legte einen Arm um Stewart und signalisierte damit ihm und den andern Männern, dass er vergeben war.
Dieser Omega gehörte mir.
Ehe ich mich versah, hatte Stewart die Handwerker in den Keller geführt, damit sie die Hauptsicherung herausnehmen konnten, bevor sie draußen anfingen, die Leitungen von der Schneelast zu befreien. Ich wollte schon mitgehen, als gerade mein Bruder Reggie anrief. Das konnte ich nicht ignorieren.
„Hey, Mann.“ Ich ging hinüber in den leeren Speisesaal und setzte mich an den Tisch. „Wie läuft es so?“
„Glänzend, wie immer.“ Er lachte und ich hörte im Hintergrund seinen Gefährten zetern. „Wie geht es dir?“
„Gut.“ Ich seufzte, als ich an ihn und den Rest der Familie dachte. „Aber ihr fehlt mir.“
„Ja, du fehlst uns auch. Vor allem den Kindern. Sie machen uns wahnsinnig mit der Fragerei, wann du endlich hier sein wirst.“ Reggie räusperte sich. „Offenbar hast du mit ihnen an Thanksgiving eine Wette abgemacht, die sie nun einlösen wollen.“
„Oh, Mist.“ Ich lächelte, als ich an unsere Staffelläufe dachte, als wir das letzte Mal zusammen waren. „Sie haben nicht wirklich Elf-Pasta gemacht, oder?“
Reggie lachte laut und polternd. „Noch nicht, aber wir haben alle Zutaten hier, du solltest deinen Hintern also herbewegen, um das Zeug zu essen.“
Mein Magen drehte sich um bei der Vorstellung, einen Teller Spaghetti zu essen, mit Ahornsirup, Schoko-Karamell-Soße, Marshmallows und M&Ms, während ich als Elf verkleidet war. „Du weißt, dass ich sie habe gewinnen lassen, oder?“
Reggie gackerte, als krümmte er sich vor Lachen. „Ja, und das war echt dämlich von dir. Du wirst zweimal etwas davon haben. Erst beim Essen, dann noch einmal, wenn es dir wieder hochkommt.“
Das Grinsen auf meinem Gesicht war aufrichtig, ich wollte nichts lieber, als daheim sein bei diesen Kindern, und die Wette einlösen, einfach, weil es sie glücklich machte. „Ich weiß nicht, ob ich es bis morgen schaffen werde. Sag allen, dass ich sie sehr vermisse. Und dass ich euch alle liebe.“
Reggie wurde ernst, was nicht oft der Fall war. „Bist du sicher, dass alles in Ordnung mit dir ist, Ro?“
„Ja, es ist nur …“ Ich wusste nicht, was ich sagen oder ob ich es überhaupt erwähnen sollte. Aber Reggie war jemand, der alles verkraften konnte, also schüttete ich ihm mein Herz aus. „Ich habe einen Omega kennengelernt.“
„Im Ernst?“ Die Freude war ihm deutlich anzuhören. Und auch wenn ich es nicht sehen konnte, ahnte ich, dass er lächelte. „Wurde aber auch Zeit, kleiner Bruder.“
„Tja, nun …“ Ich atmete tief durch, dankbar für seine Unterstützung, aber auch angesichts der ungewissen Realität meiner Lage. „Es gibt da nur ein Problem.“
„Und das wäre?“
„Er lebt hier. Er führt ein B&B hier und kann nicht wegziehen.“
Reggie schwieg einen Moment und ich fragte mich, ob die Verbindung wohl unterbrochen worden war. Aber dann sprach er weiter und ich wusste, er hatte nicht nur meine Worte gehört, sondern auch die tiefere Bedeutung dahinter verstanden. „Wenn er dein Omega ist, dann findest du eine Lösung. Hier oder da, das macht keinen Unterschied. Folge einfach deinem Herzen.“