Ich hatte schon viele Weihnachten erlebt. Die meisten davon mit meiner Familie, ein paar ganz allein – jedes war etwas Besonderes und Erinnernswertes auf seine eigene Art. Dieses Jahr war es mit keinem in der Vergangenheit zu vergleichen, aber gleichzeitig war es eines meiner Favoriten.
Den Gasthof so zu führen, dass meine Tante stolz auf mich gewesen wäre, erfüllte mich mit einem nie zuvor erlebten Gefühl von Erfolg. Und daran hatte Roland einen enormen Anteil. Hätte ich mich ohne ihn nur so durchgewurschtelt? Absolut.
Aber mit ihm an meiner Seite war es mit dem Durchwurschteln schnell vorbei gewesen und wir hatten einen erinnerungswürdigen Status erreicht. Das hatten wir geschafft – gemeinsam.
Wir verhalfen auch den Gästen zu schönen Erinnerungen. Die meisten von ihnen wollten eigentlich gar nicht hier sein, nicht wirklich jedenfalls. Sie wollten überall im Haus Strom haben, und erst recht wollten sie bei sich daheim sein, umgeben von ihren eigenen Familien, um sich auf die Weihnachtsfeier einzustimmen.
Und ich wollte gern glauben, dass wir ihnen dabei helfen konnten, diese Sehnsucht für einen Moment zu vergessen, wenn auch nur für eine Stunde hier und da.
Das Plätzchen-Verzieren war ein Heidenspaß gewesen. Alle im Haus hatten sich daran beteiligt, hatten grüne Bäume, rote Kugeln oder gelbe Sterne gemacht. Mit Streuseln. Es gab jede Menge Streusel. Zucker im Überfluss. Als wir endlich anfingen, aufzuräumen, waren alle Bäuche voll und jeder hatte einen Zuckerschock.
„Es tut mir so leid“, sagte James entschuldigend, als sein Jüngster um den Tisch rannte und ein Lied über einen Hai sang. „Ich würde ihn vor die Tür schicken, um sich auszutoben, aber es ist zu glatt draußen.“
„Kein Problem.“ Denn wir waren alle mehr oder weniger kurz davor, verrückt zu werden. Es war eine Sache, im Haus zu bleiben, weil man es möchte, aber etwas völlig anderes, wenn man dazu gezwungen war.
„Staffellauf im Wohnzimmer!“ Roland ging mit einem Zwinkern an mir vorbei, eine rätselhafte Kiste unter dem Arm.
Alle folgten ihm. Was hätten sie auch sonst tun sollen?
„In meiner Familie machen wir zu Thanksgiving immer alberne Spiele“, erklärte er, nahm ein paar Sachen heraus und legte sie auf einen kleinen Beistelltisch. Löffel, Marshmallows, Papiersterne, Walnüsse. „Der Gewinner darf sich eine alberne Aufgabe für den Verlierer ausdenken.“ Er beugte sich vor, legte eine Hand an den Mund und flüsterte überlaut: „Für mich. Ich bin immer der Depp, der etwas Albernes tun muss.“
Das brachte ihm Gekicher ein.
„Wer macht mit?“
Wir alle. Keiner wollte sich das entgehen lassen. Wie sollten sie auch? Roland hatte etwas Anziehendes an sich und sein Enthusiasmus war ansteckend.
Wir trugen Nüsse auf Löffeln, balancierten Papier auf dem Kopf, jonglierten mit Marshmallows und lachten und lachten und lachten.
Es war perfekt, um die angestaute Energie loszuwerden. Und wie angekündigt, wurde Roland Letzter.
„Also, was für alberne Dinge wirst du tun?“ Ich blickte zu ihm auf, als ich den Geschirrspüler einschaltete. Das Durcheinander vom Abendessen war bereits abgeräumt und die Küche war so ordentlich, wie sie nur sein konnte, bis das Geschirr sauber war.
„Das wirst du schon sehen.“ Er küsste mich auf die Wange. „Ich habe etwas für meine Nichten und Neffen besorgt, was hervorragend für heute Abend geeignet ist.“
Ich bekam einen weiteren Kuss, dieses Mal auf den Mund, dann war er verschwunden.
Meine Fantasie malte sich allerlei aus, was die alberne Aufgabe für seine Niederlage sein könnte. Aber nichts davon traf genau, was Roland sich ausgedacht hatte.
Ich schürte das Feuer im Holzofen und ging hinüber ins Wohnzimmer, als Roland die Treppe hinunterkam. Er trug eine grüne Strumpfhose, eine Art grünes Filzkleid, Schuhe mit geringelter Spitze und einen spitzen Hut.
Offenbar war er Roland der Elf
.
„Das hast du mitgebracht?“ Ich musterte ihn von Kopf bis Fuß, ziemlich angetan davon, wie die enge Strumpfhose seine muskulösen Beine betonte.
„Ich hatte versprochen, Elfen-Pasta zu essen.“ Seine Erklärung ergab für mich keinen Sinn, aber die Kinder schienen alle genau zu wissen, wovon er redete.
„Kriege ich auch welche ab?“ Das älteste Kind der Hansons, Freddie, blickte mit großen Augen zu ihm auf. „Das ist doch sicher zu viel Zucker für dich allein.“
Zucker? Ich musste dringend nachschlagen, was das für eine Pasta war.
„Freddie, ich wünschte, wir hätten welche hier.“ Er beugte sich vor und Lulu betrachtete das als Aufforderung, ihm auf den Schoß zu springen. „Lulu, ich habe gerade zu Fred gesagt, dass es keine Elfen-Pasta gibt. Ich habe sie zu Hause vergessen.“
„Vielleicht kann Mr Stewart welche machen. Er ist ein guter Koch.“
Ich sah Roland an, unsicher, wovon sie überhaupt redeten, erst recht, ob ich in der Lage war, sie zuzubereiten.
„Mr Stewart ist kein Elf.“ Roland stand auf, noch immer Lulu auf dem Arm haltend. „Es würde einfach nicht genauso schmecken.“
Mal wieder von Roland gerettet.
„Das stimmt, ich bin kein Elf.“ Ich verschränkte meine Finger und streckte mich. „Aber ich kann Weihnachtslieder auf dem Klavier spielen, so gut wie jeder andere.“
„Kannst du The Night Before Christmas
spielen? Meine Oma spielt immer die CD ab.“ Der kleine Junge wippte auf und ab.
„Lass mich schnell nachschauen.“ Ich dachte, das wäre ein Gedicht, kein Lied. Ich hatte sogar die Ausgabe meiner Tante Bea von diesem Kinderbuch auf dem Kaminsims stehen.
Ich holte mein Handy heraus und siehe da, es gab ein Arrangement zur Liedbegleitung.
„Ich hole nur schnell mein Tablet, dann können wir loslegen.“ Ich machte mich auf die Suche nach dem Gerät und betete, dass es aufgeladen war. Ich konnte die Noten unmöglich von meinem Handy ablesen, während ich auf dem Klavier spielte.
Zum Glück war es geladen und einsatzbereit, daher setzte ich mich ans Klavier und fing an, die Melodie zu klimpern. Es war eher eine Vermischung verschiedener bekannter Melodien als eine neue Komposition.
Ich verrutschte in der Zeile, gerade als der Text anfing, hielt inne und entschuldigte mich bei allen für das Missgeschick. Die Worte zu rezitieren und gleichzeitig die Melodie zu spielen, war schwierig, aber alle hatten sich um das Klavier versammelt, also würde ich mein Bestes geben.
Eine Hand legte sich auf meine Schulter. „Gib mir einfach ein Zeichen, wann ich einsetzen soll.“ Wieder einmal war es Roland. Der liebe, süße Roland kam zu meiner Rettung.
Ich fing von vorn an und nickte ihm zu, als das Gedicht einsetzen sollte.
„Twas the night before …“
Roland rezitierte das gesamte Gedicht aus dem Gedächtnis, seine Worte hatten etwas Verzauberndes, das alle gebannt lauschen ließ. Ich hörte einige Male beinahe auf zu spielen, um seiner vollen Stimme zuzuhören, die von dem nächtlichen
Besucher erzählte.
Lulu hielt er die ganze Zeit dabei auf dem Arm und sie füllte mit zufriedenem Schnurren die Stille.
„Du warst großartig.“ Ich blickte voller Bewunderung zu ihm auf.
„Das Gleiche habe ich auch von dir gedacht.“
Und dann passierte, was ich die ganze Zeit gehofft hatte, das passieren würde. Der Strom war wieder da, sämtliche Telefone piepten, das Radio plärrte. Der Flughafen öffnete wieder, die Straßen waren wieder sicher befahrbar.
Es war ein Weihnachtswunder.
Bloß fühlte es sich gar nicht so wundersam an, als Rolands Abflugzeit durchgegeben wurde. Er würde in zwölf Stunden abreisen.
Ich war noch nicht bereit dafür.