16
Roland
Wir räumten auf und gingen zu Bett, ohne viel zu reden.
Wir wussten beide, was der nächste Morgen uns bringen würde, und keiner von uns wollte darüber reden oder auch nur, dass es überhaupt passierte. Jedes Mal, wenn ich mir vorstellte, an Bord des Flugzeugs zu steigen und Stewart für immer zurückzulassen, drehte sich mir der Magen um und ich fühlte mich elend.
Ich hatte so etwas noch nie zuvor erlebt.
Aber das hieß nicht, dass ich eine Wahl hatte. Denn die hatte ich nicht. Mein ganzes Leben fand daheim bei meiner Familie statt und ich musste Weihnachten einfach bei ihnen sein. Wenn alles gut lief, würde ich an einer gedeckten Weihnachtstafel Platz nehmen, nachdem ich mich für die Kinder zum Affen gemacht und mich bei meinen Vätern entschuldigt hatte, weil ich einen Großteil des Weihnachtsfestes versäumt hatte.
Aber sobald ich zu Hause war, bedeutete das, getrennt von Stewart zu sein. Das war etwas, über das ich wohl nie ganz hinwegkommen würde, aber unser unglückliches Timing ließ nichts anderes zu.
Dies war also unsere letzte gemeinsame Nacht und keiner von uns wollte sie mit Reden vergeuden.
Sobald wir allein in seinem Zimmer waren, lehnte Stewart sich an meine Brust und stand einfach nur da.
Schweigend zog ich ihn aus und deckte ihn zu, dann zog ich mich selbst aus und stieg zu ihm ins Bett.
Wir waren beide erregt, aber das Gefühl der Dringlichkeit war nicht dasselbe wie in der Nacht zuvor. Dieses Mal berührten wir einander mit langsamen und gleichmäßigen Bewegungen. Meine Fingerspitzen glitten über sein Schlüsselbein, dann hinunter zu seinen verhärteten Nippeln. Ich drehte sie zwischen meinen Fingern, was ihn leise aufstöhnen ließ, aber er schrie nicht auf. Und er bettelte auch nicht. Es gab keinen Grund dazu.
Ich wusste, was Stewart von mir brauchte, und er wusste, was ich von ihm brauchte.
Ich rollte mich auf ihn, bedeckte seinen Körper mit meinem, umfing ihn auf eine Weise, als wäre er komplett gefangen. Unsere Küsse waren langsam und bedeutungsvoll, sie drückten unsere Gefühle besser aus, als wir es in Worte hätten fassen können, während sich unsere Körper miteinander vereinten.
Ich fickte Stewart nicht und er fickte mich auch nicht.
Ich bewegte meinen ganzen Körper an seinem, als ich schließlich in ihn eindrang und Stewart mit ganzer Seele liebte. Es ging uns nicht nur um körperliche Lust, wir suchten nach etwas Tieferem. Etwas, das ich nur aus Filmen kannte … und von meinen eigenen Eltern.
Dies war nicht nur ein Urlaubsflirt. Diese Verbundenheit mit Stewart war ein einmaliges Erlebnis, aber leider nur von sehr kurzer Dauer. Daher ließen wir uns Zeit, bewegten uns bis zum Rand der Erlösung, dann zogen wir uns wieder zurück, um diese Nacht so weit wie möglich in die Länge zu ziehen.
Und als keiner von uns beiden es noch länger aushalten konnte, kamen wir gemeinsam, erlebten den Höhepunkt zusammen, ohne das Tempo zu reduzieren. Mein Knoten würde ihn ausfüllen, während wir uns weiter küssten und umarmten, bis ich wieder in der Lage war, mich zu bewegen.
Und dann würden wir von Neuem beginnen.
Das erste Licht des Tages drang durch die Vorhänge und noch immer waren wir miteinander verbunden, sahen uns in die Augen, auch wenn wir beide sehr müde waren. Aber diese Erschöpfung war nichts im Vergleich zu der Traurigkeit, die wir spürten, angesichts des bevorstehenden Abschieds.
Zögernd stand ich auf und packte meine Sachen zusammen, bevor ich schnell unter die Dusche ging. Ich hasste es, seinen Duft von mir abwaschen zu müssen, aber ich wollte Stewart dabei helfen, die ganzen Gäste auszuchecken, und das ging nicht, wenn ich dabei nach Sex roch.
Es war die beste Möglichkeit, noch etwas Zeit an seiner Seite zu verbringen, bevor ich selbst zurück zum Flughafen fahren musste.
Als ich aus der Dusche kam, sah ich, dass mein Dad mir eine Textnachricht geschrieben hatte. Es war ein Foto meiner Familie und es erinnerte mich nur noch mehr daran, dass ich aufbrechen musste. Ich kannte Stewart erst seit wenigen Tagen. Ich konnte meine ganze Familie nicht verlassen für so etwas Neues, egal wie reizvoll die Vorstellung auch sein mochte. Außerdem hatte ich auch noch meine Arbeit, um die ich mich kümmern musste. Ich war auf dem Höhepunkt meiner Karriere und ein Umzug wäre keine sonderlich kluge Idee für meine Zukunft gewesen.
Als ich schließlich die Treppe hinunterkam, waren alle Familien bereits fort, die mit dem eigenen Auto angereist waren. Nur ein paar Gäste waren noch da, die auf ihr Taxi warteten. Da mir nun nicht mehr viel zu tun blieb, rief ich mir ebenfalls ein Taxi, das mich abholen sollte.
Stewart und ich schlichen umeinander herum, aber wir hatten bereits damit begonnen, Abstand zwischen uns zu bringen, da uns nur noch wenig Zeit blieb. Als ich die Nachricht erhielt, dass mein Fahrer draußen wartete, hatte ich das Gefühl, es würde mir das Herz brechen, als ich mich schließlich zum Abschied an ihn wandte.
Nun war der Moment also gekommen.
„Ich werde dich vermissen.“ Ich ging direkt auf ihn zu und hoffte, dass er mich zum Abschied noch einmal in den Arm nehmen würde.
Stattdessen schlang er jedoch seine Arme um seinen eigenen Oberkörper und nickte. „Ich dich auch. Du warst fantastisch. Ohne dich hätte ich die letzten Tage nicht überlebt.“
Es brachte mich um, ihn nicht in den Arm nehmen und küssen zu können oder noch besser, ihn gleich mitnehmen zu können. Aber ich folgte seinem Vorbild und blieb auf Abstand. „Es war mir eine Freude. Und wenn ich jemals in diese Gegend zurückkomme, dann werde ich hereinschauen und nachsehen, ob du eine helfende Hand brauchst.“
Er lächelte, aber es erreichte seine Augen nicht. Sie glänzten feucht von nicht vergossenen Tränen. „Ich hoffe, das tust du wirklich.“
Es gab keinen Grund, uns beide noch länger zu quälen, daher nahm ich meine Taschen und ging zur Tür hinaus. „Leb wohl, Omega.“
Stewarts Stimme brach, als er sagte: „Pass gut auf dich auf, Alpha.“
Ich ging zügig zu dem Wagen, der draußen auf mich wartete. Ich sah mich nicht um, bis wir wegfuhren und mein Herz sich anfühlte, als würde es in tausend Stücke zerrissen, mit jedem Meter, den ich mich von dem alten Haus entfernte.
Ich riskierte einen Blick und sah, dass Stewart noch in der Tür stand, eine Hand auf dem Mund. Ich fragte mich, was er wohl dachte und ob er auch nur ansatzweise solch einen Schmerz empfand wie ich.
Mit steifen Schultern drehte ich mich nach vorn und nahm meine Entscheidung hin. So musste es eben sein. Er hatte sein Leben und ich hatte meines. Ich wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, beide Leben zu verbinden, aber ich sah nicht, wie das funktionieren sollte, daher fuhr ich weiter zum Flughafen, um nach Hause zu kommen. Wahrscheinlich für immer.
Der Flughafen war voll und die Sicherheitskontrolle hatte eine Wartezeit von über einer Stunde. Nach kaum fünf Minuten, dicht gedrängt mit Hunderten von anderen Fluggästen, die ebenfalls müde und maulig waren, stieg meine Temperatur und ich fing an zu schwitzen. Da es nur noch schlimmer werden würde, je länger das Warten dauerte, zog ich meinen Parka aus und öffnete meinen Rollkoffer, um ihn darin zu verstauen.
Als ich den Reißverschluss öffnete, sprang mir mein Herz bis zum Hals.
Das Buch. Die Ausgabe seiner Tante von The Night Before Christmas steckte in meinem Koffer.
Ein Erinnerungsstück an unsere gemeinsame Zeit, als würde ich je die schönsten drei Nächte meines Lebens vergessen.