„Wir haben noch eine Bewertung bekommen.“
Lulu schnurrte zur Antwort.
„Diese hier erwähnt dich sogar“, sagte ich, als wäre das etwas Besonderes, denn sie wurde in fast allen Bewertungen erwähnt. Sie war ein wichtiger Teil dieses Hauses, wie hätte man sie da nicht erwähnen sollen?
„Oh, und hier wird unsere heimelige Atmosphäre gelobt und die ausgezeichneten Muffins.“ Die wussten ja nicht, dass es sich um eine Backmischung gehandelt hatte, die ich mit Rolands Hilfe etwas aufgewertet hatte.
Roland.
Ich wusste von Anfang an, was wir waren. Er war ein netter Typ, der hier für ein paar Tage gestrandet war. Und sobald das vorbei war, würde er in sein normales Leben zurückkehren, so wie ich in meines. Das war kein Drama. Es gab keinerlei Erwartungen. Wir waren für die Feiertage zusammen gewesen und das war es.
Unsere Zeit zusammen waren nur wenige magische Tage. Aus und vorbei.
Ich ging die Bewertungen erneut durch und las diejenigen, die den Sturm vor einem Monat betrafen. Die Begeisterung und die Großzügigkeit, mit der sie die schwierige Lage bewerteten, hatte meinem Geschäft sehr gutgetan. Sie bekamen nicht den Luxus, den sie erwartet hatten. Sie bekamen nicht einmal einen richtigen Zimmerservice. Die meisten von ihnen hatten nicht einmal hier sein wollen.
Aber zu guter Letzt war es für sie alle eine besondere Zeit geworden und das spiegelte sich in ihren Bewertungen.
Der Gastwirt hat mich Willkommen geheißen, obwohl ich durch den ganzen Stress mit dem gestrichenen Flug vergessen hatte, im Voraus zu buchen. Ohne das Gingerbread Inn hätten wir tagelang im Flughafen festgesessen. Und wir haben uns zu keinem Zeitpunkt unerwünscht gefühlt. ~ RolandTravels
Ich las diese Bewertung oft, nicht unbedingt wegen dem, was dort über den Gasthof geschrieben wurde. Natürlich fühlten sie sich hier erwünscht. Meine Tante wäre aus dem Grab gestiegen und hätte mich heimgesucht, wenn ich je einem Gast das Gefühl gegeben hätte, nicht willkommen zu sein. Nein, was mich den Kommentar wieder und wieder lesen ließ, war die Tatsache, dass ich ohne ‚RolandTravels‘, Top Reviewer, niemals diese wundervolle Zeit mit Roland erlebt hätte. Mit meinem Roland.
Die Namensverwechslung zwischen ‚RolandTravels‘ und meinem Roland war der Auslöser gewesen für alles, was danach folgte.
Vermisste ich ihn
? Mehr als ich es mir eingestehen wollte.
Wünschte ich mir, wir hätten mehr Zeit miteinander gehabt?
Absolut. Ich ertappte mich oft bei dem Gedanken, wie gern er etwas mögen würde oder wie viel Spaß eine langweilige Tätigkeit mit ihm zusammen machen würde.
Wollte ich, dass die Dinge anders liefen, damit wir herausfinden konnten, wie weit es mit uns gehen könnte?
So sehr, dass es wehtat.
Aber das war für uns eben nicht vorherbestimmt. Seine Arbeit und seine Familie und sein gesamtes Leben waren eine Flugreise von hier entfernt. Wir waren eben nicht füreinander bestimmt.
Stewart und Roland haben aus dem Gingerbread Inn mehr gemacht als nur einen Ort, wo man den Kopf zur Ruhe betten konnte. ~ Doglover516
Ich klickte das Fenster weg. Ich wusste es besser, als sie immer wieder zu lesen. Diese eine Bewertung schmerzte vor allen Dingen jedes Mal. Die Leute hatten mehr in uns gesehen als einen überforderten Omega, der jede Hilfe annahm, die er kriegen konnte. Sie hatten uns als Team wahrgenommen. Bei Gott, wie sehr wünschte ich, dass dies der Realität entsprach.
„Auf gehts, Lulu. Heute Abend checken acht Gäste ein. Wir müssen dafür sorgen, dass alles vorbereitet ist.“
Ich verbrachte die nächsten Stunden damit, alles so vorzubereiten, dass der Aufenthalt keine Wünsche offenließ. Eine unerwartete Folge des Eissturms und der anschließenden positiven Bewertungen war die Tatsache, dass ich viele Buchungen bekam. Und mit jedem Wochenende wurde ich etwas besser darin, mich darauf einzustellen, ohne dass die Nerven blank lagen oder ich Selbstzweifel bekam.
Wer weiß, bis zum Valentinstag würde es mir vielleicht alles locker und lässig von der Hand gehen.
Ha. Wem machte ich denn hier etwas vor?
Das ganze Wochenende war komplett ausgebucht. Ich hatte schon den ganzen Tag darüber nachgedacht, welche Schokolade ich meinen Gästen anbieten sollte.
Der erste Gast traf eine Stunde zu früh ein, was gut war. Ich brauchte die Ablenkung. Die Bewertung zu lesen, ließ mich an Roland denken, bei jeder Kleinigkeit, auf die ich achtete – das Schließen des Klavierdeckels bis hin zum zeitlichen Ablauf.
Alles hier erinnerte mich an ihn.
„Willkommen im Gingerbread Inn
. Mein Name ist Stewart, ich bin der Gastwirt.“ Ich lächelte strahlend, als das junge Paar an der Rezeption stand.
„Wir sind die Drakes und möchten einchecken.“
Ich fand ihre Namen und legte ihnen ein vorbereitetes Formular zur Unterschrift hin. „Sie bleiben für drei Nächte?“
„Stimmt. Das sind unsere verspäteten Flitterwochen.“ Der Mann lächelte seinen Gatten an.
„Wie lange sind Sie schon verheiratet?“, fragte ich und zog seine Kreditkarte durch das Gerät.
„Wir haben vor ein paar Wochen geheiratet, aber unser Flug nach Aruba wurde wegen des Eissturms gestrichen.“
Mr Drake lehnte sich an seinen Arm. „Das Umbuchen war ein Albtraum. Und als mein Schwager Roland dann vorschlug, wie sollten stattdessen ein romantisches Wochenende hier verbringen … wie hätten wir da widerstehen können?“
„Roland hat Ihnen von meinem Gasthof erzählt?“ Das war mehr, als ich mir hätte wünschen können. Wie mochte es ihm wohl gehen? War er glücklich? War damit zu rechnen, dass er demnächst mal hier in der Gegend sein würde? Würde er sich wohl über einen Anruf freuen?
„Hat er. Er meinte, er hätte sich wie ein Arschloch aufgeführt, als er mit seinem Ehemann hier eincheckte, aber Sie hätten ihn das nicht spüren lassen.“ Er beugte sich vor. „Unter uns gesagt: Ich habe den besseren Bruder erwischt.“
Der falsche Roland. Mal wieder.
Natürlich war es immer der Falsche.
„Ich glaube, Brüder sind etwas Wunderbares“, widersprach ich und reichte ihnen die Schlüssel. „Ihr Zimmer ist das zweite rechts. Brauchen Sie Hilfe mit dem Gepäck?“
„Nein, wir kommen zurecht, aber danke. Oh, wir haben zum Abendessen einen Tisch bei Tony reserviert. Wann sollten wir uns da auf den Weg machen?“
„Ich werde nachsehen.“ Ich nutzte ihre Frage als willkommene Ablenkung. Bis sie eingecheckt und gut untergebracht waren, traf bereits der nächste Gast ein, dann noch einer und dann noch einer. Das Gute daran war, dass ich mich von der Arbeit ablenken lassen konnte, um nicht ständig an Roland zu denken.
Aber als ich am Abend zu Bett ging, kehrten die Erinnerungen an Heiligabend zurück.
Es gab einfach nicht genug, was mich ablenkte und Roland davon abhielt, jeden wachen Moment meines Tages in Anspruch zu nehmen.
Ich würde wohl damit leben müssen.