Ich stellte den Fernseher ab und warf die Fernbedienung quer durchs Zimmer. Als wollte Cupido mich absichtlich quälen, landete sie weich auf dem Sessel, vollkommen unbeschädigt.
Das ärgerte mich umso mehr, als dass ich gehofft hatte, eine Ausrede zu haben, den Fernseher nie wieder einschalten zu können. Man sah dort nichts außer glücklichen Paaren, die jedes nur erdenkliche Opfer brachten, um mit dem Menschen zusammen zu sein, den sie liebten.
Als ob das jemals so einfach wäre.
Ich wusste aus erster Hand, dass die Liebe so nicht funktionierte. Ja, Liebe. Es hatte keinen Sinn, die Tiefe meiner Gefühle, die ich für Stewart empfand, zu leugnen. Ich war in ihn verliebt. Nachdem ich sieben Wochen lang so getan hatte, als würde es mir nichts ausmachen, ihn zurückgelassen zu haben und ihn nie wiederzusehen, fing ich an zu kapieren, dass ich ein Idiot war.
Mein Telefon klingelte und mein Herz fing an zu rasen. War es Stewart? Hatte er gespürt, dass ich an ihn dachte? Dachte er zur
selben Zeit auch an mich? Ich blickte auf das Display und sah das alberne Gesicht meines Bruders.
„Hi, Reg.“ Ich atmete enttäuscht aus und ließ den Kopf auf das Sofakissen sinken. „Was ist los?“
„Ich freue mich auch, deine Stimme zu hören, Bro.“ Er tat so, als hätte ich seine Gefühle verletzt. „Hat jemand heute Morgen in dein Müsli gepinkelt?“
Ich erwog, ihn anzulügen und ihm etwas von Stress bei der Arbeit zu erzählen, aber eigentlich wollte ich nicht länger lügen. Nicht mir selbst gegenüber und auch zu niemandem sonst. „Ich habe nur an Stewart gedacht.“
„Weißt du, ich habe immer gedacht, Dad hätte es im Scherz gemeint, wenn er sagte, dass er dich als Kind oft auf den Kopf hätte fallen lassen, aber langsam fange ich an zu glauben, dass er das wirklich getan hat.“
Das war ein uralter Scherz in meiner Familie, aber mir kam er zunehmend real vor. „Ja, den Eindruck habe ich auch.“
„Warum benimmst du dich dann so verdammt starrköpfig?“ Reggie hatte mir seit Weihnachten ein Dutzend Mal diesen Vortrag gehalten, aber jetzt dachte ich zum ersten Mal ernsthaft über seine Worte nach, anstatt einfach nur abzuwinken. „Es ist sonst gar nicht deine Art, dich selbst zu sabotieren.“
„Ich weiß nicht, was ich machen soll, Mann.“ Ich schloss die Augen und kämpfte gegen den Frust an, der sich seit Monaten in mir aufgestaut hatte. „Ich kann nicht aufhören, an ihn zu denken, aber ich befürchte, wenn ich ihn anrufe oder besuche, dann würde es nur noch schwerer, wieder zu gehen.“
„Äh, ja, Blödkopf.“ Ich war froh, dass wir uns nicht persönlich sahen, denn sonst hätte er mir wahrscheinlich eine gescheuert für so viel Ignoranz. „Das wird schwer. Das ist der Versuch des Schicksals, dir klarzumachen, dass du nicht gehen sollst. Im Ernst, Bro. So schwer ist das doch nicht zu kapieren.“
Ich kicherte. „Es fühlt sich aber so an. Ich weiß nicht einmal, ob er mich überhaupt noch wiederhaben will.“
„Es gibt nur einen Weg, um das herauszufinden.“ Reggie war schon immer gut darin gewesen, auf den springenden Punkt zu kommen. „Mach dich auf die Socken und besuche ihn. Du musst doch sowieso beruflich da in die Gegend, oder nicht?“
„Ja.“ Ich hatte einmal im Monat in der Nähe des Gasthofes beruflich zu tun, aber ich hatte nicht die Eier, ihn zu besuchen, seit ich abgereist war. „Und?“
„Mann, beweg deinen Hintern dahin und warte ab, was passiert. Wenn du ihn noch immer willst und er dich auch, dann bleib da. Du bist es dir selbst schuldig, es zumindest zu versuchen.“
„Was ist mit unseren Vätern?“ Ich hasste die Vorstellung, meine Familie zu verlassen. „Und was ist mit euch? Die Kinder werden mich vergessen.“
„Du nimmst dich selbst zu wichtig.“ Reggie kicherte. „Außerdem sehen wir dich doch auch so kaum, weil du viel zu viel arbeitest. Du kannst doch alle paar Monate zu Besuch kommen. Ist das nicht besser, als sich den Rest des Lebens allein und elend zu fühlen?“
„Verdammt, Reg. Halt bloß nicht deine Meinung zurück.“
„Tue ich nie. Und wenn du mir mal zuhörst, dann läuft es gleich viel besser, oder?“
Da hatte er nicht ganz unrecht. „Manchmal.“
„Immer, Arschloch.“ Er lachte erneut. „Besuch ihn einfach. Valentinstag steht vor der Tür. Kauf Pralinen und Rosen und schau, ob er deine jammervolle Gestalt zurückhaben will.“
Ich atmete tief durch, beugte mich vor und stützte die Ellbogen auf den Oberschenkeln ab. „Ich schätze, es kann nicht schaden. Entweder will er mich oder will mich nicht. So oder so, ich muss es wissen.“
„Genau.“ Er räusperte sich und sprach übertrieben vornehm weiter. „Das wären dann dreihundert Dollar für die Sprechstunde.“
„Bis dann, Bro.“ Zum ersten Mal seit Tagen lächelte ich wieder und beendete das Gespräch. Meine Reisepläne sollten ein paar zusätzliche Tage im Anschluss beinhalten.
Mein Kunde war nicht
allzu erfreut über den geänderten Zeitplan, aber ich war zu aufgeregt, um mich damit zu befassen.
Ich hatte eigentlich geplant, an einer wichtigen Besprechung um 14 Uhr teilzunehmen, aber da ich an diesem Tag Stewart besuchen wollte, sagte ich ab und schulte meine Mitarbeiter, damit sie allein die Präsentation vor dem Aufsichtsrat halten konnten. Es war etwas kompliziert und ich hatte ein wenig ein schlechtes Gewissen, sie allein damit zu lassen, aber das aufgeregte Kribbeln in meinem Bauch war mir gerade viel wichtiger.
So sehr ich mir auch wünschte, dass Stewart sich freute, mich zu sehen, und gern eine Beziehung mit mir eingehen wollte, machte
mir diese Vorstellung auch gleichzeitig Angst.
Ich wusste nicht, wie eine richtige Beziehung funktionierte, und ich wollte es nicht versauen. Stewart war ein so lieber Mensch, man durfte ihm auf keinen Fall wehtun. Als ich am Nachmittag des Valentinstages vor dem Gasthof hielt, war ich daher nur noch ein einziges Nervenbündel.
Mir gingen so viele Szenarien durch den Kopf, als ich das Gebäude betrat und mich auf die Suche nach Stewart machte. Er war nicht im Wohnzimmer oder im Speisesaal, daher ging ich in die Küche. Er war meistens da, zumindest soweit ich wusste.
Wie erwartet, stand Stewart an der Anrichte. Aber womit ich nicht gerechnet hatte, war die Schachtel in seiner Hand.