Ein Schwangerschaftstest.
Als ich die Drogerie betrat, ließ mich das Gefühl, alle Augen wären auf mich gerichtet, beinahe vor meinem Vorhaben kneifen. Ich war bestimmt gar nicht schwanger. Ich meine, wir waren doch nur ein paar Tage zusammen gewesen.
Andererseits hatte ich in der Schule Sexualkundeunterricht gehabt. Ich wusste, wie das funktionierte und dass schon ein einziges Mal ausreichte.
Als die Symptome immer mehr zunahmen – Erschöpfung, Übelkeit, Unkonzentriertheit – war meine erste Überlegung, Roland anzurufen. Er würde es wissen wollen. Selbstverständlich würde ich mich ihm nicht aufdrängen oder ihn zwingen, am Leben des Babys teilzunehmen oder mir Geld zu geben oder sonst irgendetwas, das unter alleinstehenden Omegas so kursierte.
So war ich nicht.
Aber er hatte es verdient, Bescheid zu wissen.
Ich würde es ihm sagen, sobald ich Gewissheit hatte. Dann würde ich ihn anrufen und sagen: „Rate mal, wer demnächst Vater wird?“ Es wäre für uns beide nicht leicht. Aber wenn ich den Anruf vorher machte und dann doch nicht schwanger war, wäre es noch viel schlimmer. Das musste ich ihm nicht antun.
Und es war dieser Gedanke, der mich meine Paranoia, angestarrt zu werden, beiseiteschieben und den Test kaufen ließ. Ich hielt diesen Test gerade in der Hand, als Roland mit einer Tasche in der Hand die Küche betrat und große Augen machte.
„Ist es das, wonach es aussieht?“ Er stellte die Tasche ab.
„Wahrscheinlich.“ Ich zuckte mit den Achseln. Ich würde ihn nicht anlügen. Niemals. Er verdiente etwas Besseres als das. „Ich würde gern in deine Arme stürzen, wie man es in Filmen immer sieht.“ Ich legte die Schachtel auf der Anrichte ab.
Das konnte warten. Roland war hier.
Mein
Roland, nicht ‚RolandTravels‘.
„Das wäre die Art Begrüßung, auf die ich gehofft hatte.“ Er breitete die Arme aus und lud mich damit ein.
Ich lief zu ihm, wollte seine Wärme spüren, seinen Geruch, wollte Gewissheit, dass er wirklich hier war. Seine Arme schlossen sich sofort um mich und ich war zu Hause.
„Du hast mir gefehlt“, sagte ich gegen seine Brust. „Ich wollte dich so oft anrufen, aber du hast dein Leben …“ Und ich hatte Angst.
„Ich wollte dich auch anrufen und … bist du es?“
„Bin ich was?“ Ich brauchte einen Moment, bis ich verstand, was er meinte. „Keine Ahnung. Ich glaube, es wäre möglich, aber ich
wollte ganz sicher sein, bevor ich dich anrufe, um es dir zu sagen. Ich wollte nicht …“
„Schhh.“ Er drückte mir einen kleinen Kuss auf die Schläfe. „Natürlich hättest du es mir nicht vorenthalten.“ Er machte einen Schritt zurück und nahm meine Hand in seine. „Ich bin hier. Ich konnte es nicht länger aushalten. Nicht in deiner Nähe zu sein, mit dir zu reden, dir bei deinen alltäglichen Dingen zu helfen. Das war schrecklich. Sag mir, dass du mich hier haben möchtest.“
„Mehr als alles andere, und zwar nicht wegen des Babys.“ Ich legte ihm meine Hand aufs Herz. „Sondern deinetwegen. Ich weiß, es waren nur ein paar Tage, aber ich … Mir kommt es so vor, als wäre ich …“ Mir fehlten die richtigen Worte. Und dabei hätte ich so viel zu sagen. „Es ist nicht wegen des Babys. Das sollst du wissen.“
„Du denkst, es gibt wirklich dieses Baby?“ Er zog seine Unterlippe zwischen die Zähne.
Ich konnte nicht anders, ich beugte mich vor und küsste ihn.
Der Kuss wurde intensiver.
Ich hatte ihn so sehr vermisst.
„Ich glaube schon“, antwortete ich nach dem Kuss. „Was das Baby angeht, meine ich. Ich denke, ich bin schwanger, aber sicher ist das nicht. Ist das okay?“ Ich klappte meinen Mund zu. Ist das okay?
Was war das denn für eine Frage? Es war nichts, was ich hätte ändern können, wenn er es nicht okay gefunden hätte.
„Ich bin nicht traurig deswegen.“ Er verzog den Mund. „Ehrlich gesagt, glaube ich, bin ich glücklich.“
„Ich auch“, gestand ich. „Vielleicht – hier steht, man soll bis zum Morgen warten, aber ich will nicht so lange warten. Und es sind zwei Tests in der Schachtel.“
„Kann ich dabei sein?“
„Ich wüsste nicht, wo ich dich lieber hätte als an meiner Seite.“ Außer natürlich während des Pinkelns.
Wir gingen hinauf in mein Quartier und ich holte den Test aus der Packung. Ich starrte ein paar Sekunden darauf, dann pinkelte ich auf das Ende und legte das Ding auf den Spülkasten.
Da stand, man sollte drei Minuten nicht hinsehen.
Der Mensch, der die Anleitung geschrieben hatte, musste eine grausame Ader haben. Alles, was ich tun wollte, war zusehen, wie die blauen Linien auftauchten. Hätte Roland nicht im Zimmer nebenan gewartet, hätte ich genau das getan.
Aber er war eben da.
„Drei Minuten Wartezeit.“ Ich ging hinüber und setzte mich zu ihm auf das Bett. „Das klingt nach wenig, wenn man nur drei Minuten Pause hat oder zum Briefkasten rennen muss. Jetzt gerade kommt es mir nicht so kurz vor.“
„Wie auch immer das Ergebnis lautet, du schaffst das.“ Er drückte mein Bein. „Wir
schaffen das.“
Ich warf ihm einen Seitenblick zu. „Du bist wirklich nicht wütend?“
„Oh, und ob ich wütend bin.“ Er legte mir eine Hand auf die Wange und drängte mich sanft, ihn anzuschauen. „Ich bin wütend, weil ich dir nicht gesagt habe, was ich empfinde, bevor ich abgereist bin. Ich bin wütend, dass ich den Kontakt
zu dir nicht gehalten habe. Ich bin wütend, dass ich bis zum Valentinstag gebraucht habe, um wieder herzukommen.“ Er legte mir seine andere Hand auf den Bauch. „Aber ich bin nicht – und könnte auch nie – wütend auf dich sein, weil du vielleicht unser Kind unter dem Herzen trägst.“
Ich konnte ihn kaum erkennen, weil meine Augen so tränennass waren.
„Die drei Minuten sind um.“ Er stand auf und reichte mir seine Hand. „Lass uns einen Blick auf den Test werfen und sehen, ob du mich heute schon zum zweiten Mal zum glücklichsten Mann auf der ganzen Welt machst.“
„Zum zweiten Mal?“
„Das erste Mal war, als du in meine Arme gelaufen bist.“ Er verschränkte seine Finger mit meinen und in dem Augenblick wusste ich, dass alles in Ordnung kommen würde.
Wir gingen ins Bad, der kleine Stab auf dem Spülkasten wies uns den Weg wie eine Leuchtboje.
„Sollen wir beide gleichzeitig darauf schauen?“, fragte ich. Gab es da eine korrekte Verhaltensweise? Er lächelte. „Das würde mir gefallen.“
Ich nahm den Test und drehte ihn langsam um, damit wir beide einen Blick auf das Ergebnis werfen konnten. Eine kräftige Linie und eine schwache starrten uns an.
„Zwei ist positiv, richtig?“ Er drückte die Augen zusammen. „Das sind zwei Linien, oder?“
„Das sind zwei Linien. Ich trage ein Baby in mir.“ Ich hatte ein Baby in mir.
Rolands Baby.
Er nahm mir den Test aus der Hand und legte ihn auf dem Waschtisch ab, dann hob er mich mit einer eleganten Bewegung hoch.
„Was tust du da?“, fragte ich und kuschelte mich an seine Brust.
„Was ich schon tun wollte, seit ich zur Küchentür hereingekommen bin.“ Er trug mich aus dem Bad zum Bett hinüber. „Ich will dich nackt sehen, Dad.“
„Mir gefällt, wie sich das anhört.“
„Dass ich dich nackt will oder dass du Vater wirst?“ Roland setzte mich behutsam auf dem Bett ab.
„Beides.“ Absolut beides.
Es gab eine Menge Dinge zu bedenken und zu entscheiden, aber das konnte alles warten. Jetzt wollte ich erst einmal nur in Rolands Armen liegen.