21
Stewart
Sieben Monate später
„Diese Küche ist sauber, Liebes.“ Roland nahm mir den Putzlappen ab.
„Ich möchte einfach nicht in einen schmutzigen Gasthof zurückkehren.“ Meine Tasche war gepackt, der Gasthof geschlossen, alles war bereit für den Geburtstermin, den der Arzt benannt hatte, aber ich fühlte mich noch nicht bereit. Nicht einmal ansatzweise.
„Der Gasthof glänzt. Und selbst wenn nicht, dann sorge ich dafür, wenn wir wieder zurück sind.“ Er nahm meine Hand in seine. „Ich weiß, du bist nervös, aber alles wird gut. Dr. Gray leitet die Geburt ein, weil du überfällig bist, nicht weil er sich Sorgen um das Baby macht.“
Ich war in der 41. Woche der Schwangerschaft und ich fühlte mich, als hätte ich einen Elefanten ausgetragen. Ich sah auf jeden Fall so aus.
Dr. Gray hatte gemeint, es wären „nur“ 41 Wochen, aber da wir bereits keine Zimmer mehr vergaben in Vorbereitung auf die Geburt unseres Kleinen, war es wahrscheinlich ein guter Zeitpunkt für die Niederkunft.
„Ich bin nicht nervös. Ich meine, natürlich schon, bis zu einem gewissen Grad. Ich werde ein menschliches Wesen aus meinem Körper pressen. Aber ich bin nicht nervös wegen des Gasthofes. Ich habe einfach das Gefühl, ich muss mich irgendwie beschäftigen.“ Im Forum für schwangere Omegas wurde das als Nestbau bezeichnet.
Ich nannte das nervig.
Ich hatte mir die letzten paar Wochen, in denen der Gasthof geschlossen war, völlig anders vorgestellt. Ich dachte, Roland und ich würden lange schlafen und die Vormittage dann faul im Bett verbringen, Arm in Arm, stattdessen stand ich um vier Uhr morgens auf und erledigte etwas, das nicht erledigt werden musste. Aber so war es eben.
Dieser Nestbau musste dringend aufhören.
„Ich weiß.“ Er schlang von hinten seine Arme um mich und legte sein Kinn auf meine Schulter, seine Wange an meiner geschmiegt. „Aber wir sind bereit. Der Gasthof ist bereit. Und in einer Stunde, wenn wir beim Arzt sind, ist der auch bereit.“
„Du klingst so zuversichtlich.“ Ich lehnte mich an ihn.
„Weil ich ein Geheimnis kenne.“ Seine Stimme klang amüsiert.
Ich drehte mich in seinen Armen, mein enormer Bauch war im Weg, ich konnte ihm nicht so nahe sein, wie ich gern wollte. „Ein Geheimnis?“
„Das hier muss ein Traum sein – einfach alles. Du. Das Baby. Unser fantastisches Leben. Keiner kann so viel Glück haben.“ Er strich mit dem Daumen über meine Wange. „Und wenn ich mitten in einem so tollen Traum stecke, dann gibt es eben nichts, worüber ich mir Sorgen machen müsste.“
Die Argumentation hatte deutliche Schwachstellen. Sehr deutliche.
„In dem Fall wäre ich wohl auch zuversichtlich.“ Ich trat zur Seite und nahm den Putzlappen. „Sobald ich mit der Schmutzwäsche fertig bin.“
Er lachte, als ich in die Waschküche watschelte.
Eine Stunde später trafen wir im Krankenhaus ein.
Wir hatten auch die Möglichkeit, in der Stadt zu entbinden, aber ich wollte das möglichst nahe an meinem Zuhause machen und mit meinem eigenen Arzt. Aber als ich nun hier war, kamen mir all die Gründe in den Sinn, die für ein großes Stadtkrankenhaus sprachen. Dann kam Dr. Gray herein und auf einmal war wieder alles in Ordnung.
„Heute ist der große Tag.“ Er strahlte mich über sein Klemmbrett hinweg an – denn, ja, er benutzte noch immer eins von diesen Dingern. „Die Schwester meinte, Sie machen sich großartig und wir können gleich mit der Infusion anfangen, sobald ich unterschrieben habe. Irgendwelche Fragen?“
Ein paar andere Dinge waren bereits erledigt. Ich wusste nicht, wie viel davon dem Wohl des Babys geschuldet war und dem üblichen Prozedere entsprach oder was mit dem Einleiten der Geburt zu tun hatte, aber mein Bauch verkrampfte sich bereits in regelmäßigen Abständen, was laut Schwester ein sehr gutes Zeichen war. „Ich denke nicht.“ Als könnte ich mir noch irgendetwas merken.
„Was ist mit Ihnen, Dad?“ Er sah Roland an. „Irgendwelche Fragen?“
„Wie lange wird es nach der Infusion dauern, bis es richtig losgeht?“ Mein armer Süßer hätte es gern etwas genauer. Zum Leidwesen seines geistigen Zustands hielten sich Babys aber nicht an Termine.
„Angesichts der guten Reaktion auf das, was wir bisher gemacht haben, stehen die Chancen gut, dass Sie ihrem Sohn binnen 24 Stunden in die Augen sehen können.“
Ich schnappte nach Luft.
24 Stunden? Das war doch Wahnsinn? Oder war es die Realität?
„Das muss ich so sagen“, fuhr er fort. „Es würde mich aber wundern, wenn Sie es nicht schon zum Abendessen auf dem Arm halten könnten.“ Und da die Mittagszeit schon vorbei war, hatte ich keine Einwände.
Drei Stunden später, nach immer heftigeren Wehen und ziemlichen Kraftausdrücken und Betteln, dass es aufhören möge, und einer halben Stunde pressen war unser süßer Junge auf der Welt und schrie seinen Unwillen lauthals in die kalte Welt hinaus.
Es war der schönste Klang, den ich je gehört hatte.
„Glückwunsch!“ Dr. Gray legte ihn zum ersten Mal in meine Arme. „Er ist absolut perfekt.“
„Das ist er.“ Ich blickte staunend auf ihn herab. Er war unser Baby. „Wir haben das gemacht.“
„Ja, Liebes, haben wir.“ Roland zog einen Stuhl heran, um sich auf Augenhöhe mit mir ans Bett zu setzen.
„Wie soll das Baby denn heißen?“ Die Schwester warf über Dr. Gray hinweg einen Blick auf unseren Sohn, der bereits nach seiner Mahlzeit schrie.
„Beau“, sagten Roland und ich gleichzeitig.
Wir nannten ihn nach Tante Bea, der Frau, die uns unwissentlich zusammengebracht hatte.
„Das passt zu ihm.“ Die Schwester lächelte und sah ihn an. „Wenn Sie Hilfe brauchen beim Stillen oder sonst irgendetwas, ich bin gleich hier und mache sauber.“
„Danke.“ Mein Blick fiel auf ihn und ich legte ihn passend hin, damit er leichter saugen konnte. „Das weiß ich zu schätzen.“
„Wir haben ein Baby.“ Roland küsste mich auf die Stirn. „Und ich dachte, als du mir das Buch deiner Tante gegeben hast, das wäre mein schönstes Geschenk. Ich hatte zu geringe Ansprüche.“ Er lehnte sich nahe an mein Ohr. „Ich liebe dich so sehr. Danke dafür, dass du so bist, wie du bist.“
„Ich liebe dich auch. Danke, dass du zurückgekommen bist.“
„Ich wüsste nicht, wo ich lieber wäre, als an deiner Seite.“
Ich empfand es ganz genauso.