Innerhalb von zwölf Monaten ohne offensichtlichen Grund ein Dutzend Kilo mehr auf den Rippen: Diese ungewöhnliche Zunahme einer Patientin beschäftigte mich vor einigen Jahren lange. Und lange erfolglos – bis mir der Zufall zu Hilfe kam …
Verena S. habe ich noch sehr gut in Erinnerung, denn kaum eine Patientin war beim ersten Aufeinandertreffen so emotional. Sicher: Viele Menschen sind unglücklich ob ihres Übergewichts und der gesundheitlichen Probleme, die sie zu mir führen – doch die wenigsten fangen wirklich an zu weinen. Die 55-Jährige dagegen hatte kaum die ersten Worte gesprochen, als ihr schon die Tränen über die Wangen liefen. Sie schluchzte ihre Geschichte mehr heraus, als dass sie diese erzählte.
Seit etwa einem Jahr nehme sie unaufhörlich zu, zwölf Kilo mehr zeige die Waage nun an. Da sie immer schlank gewesen sei, schäme sie sich extrem. Treffe keine Freunde mehr, aus Angst vor Kommentaren oder Nachfragen, wie sie als stets zierliche Frau zu den zusätzlichen Kilos gekommen sei. Auch mit ihrem neuen Partner gebe es Probleme. »Das ist einfach gemein«, erklärte Verena schniefend, »da treffe ich den Mann meiner Träume – und dann schäme ich mich davor, mich vor ihm auszuziehen.«
Das Gute: Meine Patientin war vorbildlich vorbereitet! Über vier Wochen hinweg hatte sie ein Ernährungstagebuch geführt, das wir nun gemeinsam durchgingen. Mir fiel auf: Verena aß zwar gesund, also viel Gemüse, Obst und Vollkornprodukte. Doch sie nahm dabei auch sehr viele Kohlenhydrate zu sich – beinahe 250 Gramm pro Tag. Deutlich zu viel für eine Bürokauffrau, die stundenlang vor dem Computer arbeitete und die schnell verfügbare Energie aus Kohlenhydraten kaum verbrannte. An diesem ungünstigen Verhältnis von hoher Kohlenhydrataufnahme bei wenig Bewegung änderten leider auch Verenas zwei Yogastunden pro Woche nichts.
Also empfahl ich ihr, den Speiseplan zu optimieren. Und das tat meine Patientin: Sie aß fortan nicht nur deutlich weniger Kohlenhydrate, sondern bezog diese auch aus wertvolleren Quellen wie Hülsenfrüchten. Doch der Erfolg blieb aus. Nach drei Monaten hatte Verena nur ein Kilo verloren.
Da ich fest davon überzeugt war, dass die Ernährungsumstellung bessere Erfolge hätte bringen müssen – schließlich war Verena allen gängigen Untersuchungen zufolge gesund –, machte ich mich auf die Suche nach einer versteckten körperlichen Ursache. Unter anderem mit einem Glukosetoleranztest und einer genauen Blutuntersuchung inklusive Schilddrüsen- und Geschlechtshormonen sowie Cortisol. Alles ohne auffälligen Befund. Auch ein Gespräch von Verena mit einem Psychologen ergab keine Hinweise. Und so gingen wir auseinander, ohne dass ich etwas tun konnte. Selten – und frustrierend!
Was am Ende half? Glück! Denn wenige Wochen nach unserem letzten Treffen begegnete ich Verena zufällig in dem großen Supermarkt, der direkt unter meiner Praxis liegt. Dabei fiel mir auf: Sie trug jetzt eine Brille, kniff während unseres Small Talks die Augen zusammen und drehte den Kopf immer wieder ruckartig ein wenig nach rechts und links. Auf meine Frage, was los sei, antwortete sie, dass sie nicht mehr richtig sehen könnte. Es wäre, als würde ihr jemand von links und rechts eine Pappe vor die Augen halten. Sie hätte schon einen Termin beim Augenarzt gemacht – doch bis dahin würden noch vier Wochen vergehen.
Ich bat Verena, mich direkt in die Praxis zu begleiten, schließlich arbeitete in meinem Team auch ein Augenarzt. Ich hatte einen Verdacht: Bestimmte Tumoren können Gesichtsfeldausfälle verursachen, eine sogenannte »Scheuklappen-Hemianopsie«. Außerdem lösen sie einen Anstieg des Hormons Prolaktin aus – und der wiederum kann zu einer Gewichtszunahme führen. Beide Symptome zeigte Verena.
Zurück in der Praxis diagnostizierte mein Kollege tatsächlich eine Scheuklappen-Hemianopsie – und die anschließende Blutuntersuchung ergab einen exzessiv erhöhten Prolaktinwert. Ich schickte Verena daher zu einem Radiologen. Das MRT bestätigte den Verdacht: Meine Patientin litt unter einem sogenannten hormonproduzierenden Hypophysenadenom, einem Tumor der Hirnanhangdrüse. Diese bildet die Schaltzentrale des Hormonsystems, ist erbsengroß und liegt geschützt in einer Vertiefung des Schädelknochens, etwa in der Mitte des Kopfes auf Höhe der Augen. Das Gute an dieser Tumorart: Sie ist nur in Ausnahmefällen bösartig – und lässt sich medikamentös gut behandeln. Eine Operation oder gar Bestrahlung sind extrem selten nötig.
Schnell nahm Verenas Geschichte eine positive Wendung: Durch die medikamentöse Therapie sank der Prolaktinwert auf Normalniveau. Der Tumor schrumpfte, die Sehstörungen verschwanden. Der Zeiger auf der Waage rutschte nach links – umso stärker, als Verena die Ernährungsumstellung beibehielt.
Lange gingen Forscher davon aus, dass bereits ein leicht erhöhter Prolaktinspiegel – etwa infolge einer Medikamenteneinnahme – den Stoffwechsel negativ beeinflusst und so die Neigung zu Übergewicht verstärkt. Neue Forschungen zeigen jedoch: Lediglich extrem erhöhte oder sehr niedrige Prolaktinwerte sind mit einer Gewichtszunahme assoziiert. Allerdings gibt es weitere Hormonstörungen, die Übergewicht auslösen können. Dazu gehören beispielsweise ein Ungleichgewicht der Schilddrüsenhormone infolge einer Unterfunktion des Organs und eine Dysbalance der Geschlechtshormone. Bei einer überraschenden, nicht erklärbaren Gewichtszunahme sollten Sie deshalb stets Ihren Hormonstatus überprüfen lassen.