BAGELS F‌IRST!
Ich erinnere mich an Onigiri und sehne mich nach Japan, an Paella und vermisse Spanien, aber an welche landestypische Spezialität erinnere ich mich, wenn ich an die USA denke? Zurzeit kann ich nicht gerade behaupten, dass ich mich nach Amerika sehne, aber manchmal würde ich an einem Sonntagmorgen doch zu gern zu »Russ & Daughters« in New York laufen, einem Delikatessenladen in der Lower East Side, und mich in die Schlange stellen, um einen bagel with lox and cream cheese zu kaufen.
Früher war der Bagel in den USA das einzige Gebäck, das einigermaßen nach Brot schmeckte, inzwischen kennt die ganze Welt den meist leider ziemlich pappigen Kringel, der ursprünglich natürlich gar nicht aus den USA kommt, sondern aus der polnisch-jüdischen Küche. In Krakau habe ich verstanden, warum er ein Loch in der Mitte hat, denn dort wird er aufgereiht auf einem Stock auf der Straße verkauft. In den USA gilt er als typisch New York, und in New York selbst ist nur der bialy noch typischer: Ein Bialy hat kein Loch in der Mitte, sondern wie ein Schmalzkuchen eine Vertiefung, die mit Zwiebeln und Brotkrumen gefüllt ist. Wenn man also weiß, was ein Bialy ist, sich am Sonntag nach Bialys und Bagels mit Lachs und Cream Cheese verzehrt und behauptet, dass sie nirgends so gut sind wie bei »Russ & Daughters«, dann ist man schon fast ein New Yorker – oder kann zumindest stolzgeschwellt so tun. Der Laden liegt in dem ehemals jüdischen Einwanderungsviertel, sonntags wartet geduldig eine sehr lange Menschenschlange auf frisch und hauchdünn aufgeschnittenen Lachs aus Nova Scotia, Schottland, Norwegen oder Irland, selbstgemachten shmear mit Schnittlauch, Meerrettich oder Dill, Heringshappen, Stör und knusprige Bagels und Bialys. Es gibt ein Sandwich, das heißt »Mensch«, und eins, das heißt »Shtetl«. Während man wartet, hat man Zeit, über Flucht und Vertreibung aus Europa nachzudenken und wie Immigranten sich immer und überall wenigstens eine kulinarische Heimat geschaffen haben. 1907 emigrierte Joel Russ aus Polen nach New York und verkauf‌te aus einem Fass schmaltz herring, Rollmöpse, an die jüdische Nachbarschaft. Nach sieben Jahren konnte er einen kleinen Laden eröffnen. Er bekam drei Töchter, die von Anfang an im Laden mithalfen. 1935 machte er sie zu Partnern und nannte den Laden »Russ & Daughters«, was es zuvor nie gegeben hatte in den USA , wo immer nur die Brüder und Söhne als Partner genannt worden waren. Vater Russ hatte es geschafft und mit klassisch jüdischen Spezialitäten aus Osteuropa einen Sehnsuchtsort in Amerika erschaffen. Der Laden gehört heute immer noch der Familie, aber die jüdischen Delikatessen gibt es so nur noch hier und sonst nirgendwo mehr. Sie fungieren als Geschichtsunterricht für das, was endgültig verloren ist. Außer hier, in den USA .
Das ist das tolle, liberale, großzügige Amerika – aber dieser Tage, so scheint’s, brauche ich einen Bialy mit shmear besonders dringend, um mich daran zu erinnern – und mich nach diesem Amerika zu sehnen.