MEIN FREUND, DER HOLUNDER
Gleich neben dem Haus steht ein Holunderbaum, auf den ich mich jedes Frühjahr freue, wenn er seine feinen weißen Blüten anlegt wie ein Brautkleid. Sie stinken ein wenig nach Schweißfüßen, sagt mein Mann. Ja, stimmt, aber eingelegt in Essig und Zucker wird Holunderlimonade daraus, sogar Holunderchampagner, oder feinste Holunderküchlein! All das weist mein Mann von sich, weil er glaubt, er sei gegen den Holunder allergisch. Tatsächlich niest der Arme sich durch den Frühling, und es wäre eine Liebestat gewesen, den Holunder zu fällen, aber da ich an ihm wie an meinem Mann hänge, geriet ich in einen moralischen Zwiespalt.
Viele Märchen und Geschichten ranken sich um den Holunder. Als Kind war ich märchensüchtig, und besonders Frau Holle der Gebrüder Grimm hatte es mir angetan. Sie ist der germanischen Schutzgöttin Holda nachempfunden, die in einem Holunderbaum wohnt, den man vor die Häuser und Ställe pflanzte, um Hexen und bösen Zauber abzuwehren. Dass im Holunderbusch die guten Geister wohnen, glaubten auch die Griechen und Römer. Mein Mann allerdings nicht. Die schlimmen Geschichten über den Holunder verschwieg ich ihm: Er wird auch »Baum des Teufels« genannt, weil sich Judas nach seinem Verrat an Jesus an einem Holunder erhängt haben soll. Allerdings soll man einen Holunder auf gar keinen Fall fällen, sonst kann das Blut der Hexe, die in ihm wohnt, herausfließen. Meinem Mann schwirrte langsam der Kopf von meinen Holundergeschichten. Hexen können sich in Holunderzweige verwandeln und zurück, und deshalb hat man niemals aus Holunderholz Möbel hergestellt. Auf gar keinen Fall darf man ein Kind in eine Wiege aus Holunderholz legen, sonst wird es von Frau Holle geraubt. Was denn nun, fragte mein Mann niesend, ich denke, Frau Holle ist die Gute? Wie Scheherazade hatte ich Zeit gewonnen für den Holunder, als mein Mann zusätzlich zur Allergie eine Erkältung und Fieber bekam. Schwach und gefügig nahm er nun meinen Holundertee an, während ich ihm ins Ohr säuselte, dass Holunder ein altes Heilmittel sei. Tatsächlich erholte er sich schnell, um dann allerdings zu seiner Allergie zurückzukehren und von neuem den Holunder zu beschuldigen.
Die Axt wurde gesucht und auch gefunden. Am Abend vor seiner Hinrichtung blühte der Baum besonders schön, wie mir schien. Als letzten Versuch pflückte ich eine besonders große, weißfiedrige Blüte, legte sie meinem schlafenden Mann unters Kopfkissen und dokumentierte mit dem Handy den Verlauf der Nacht. Er schlief tief und fest, nieste kein einziges Mal und wachte trockenen Auges auf. Es ist nicht der Holunder!, rief ich übermüdet, aber triumphierend – und tatsächlich wurde die Hinrichtung aufgeschoben. Der Holunder durf‌te bleiben. Die Beeren wurden reif, ich kochte Holundermarmelade ein, was großen Anklang fand – und dennoch: Kaum kommen das Frühjahr und das Niesen zurück, wird der Holunder wieder aufs Neue beschuldigt. Irgendjemand muss einfach schuld sein.