ERINNERUNGSSTÜCKE
Als seit vielen Jahren total und – wie ich meine – erfolgreich integrierte Münchnerin frage ich mich, wie man Kinder ohne Brezn großziehen kann, wenn doch das Erste, was sich die Kleinen zwischen ihre fast noch zahnlosen Kiefer stecken, eine Brezn ist, die man so praktisch halten und schwenken und an der man stundenlang saugen und nagen kann. Schnell eine Brezn auf die Hand – es gibt keinen besseren Schnullerersatz und schnelleren Trost als eine richtig gute Brezn.
Dabei kommt es allerdings aus meiner Sicht ganz entscheidend auf die Art der Brezn an, es darf nämlich auf gar keinen Fall eine schwäbische, badische oder österreichische sein, es muss eine wirklich bayerische sein: außen kross und innen weich. Die Ärmchen müssen auf eine ganz bestimmte Art gekreuzt sein, sie dürfen nicht zu dick und nicht zu dünn sein, an der dicksten Stelle sollen sie an die molligen Oberarme von wohlgenährten Mönchen erinnern, wie im Gebet auf den Schultern übereinandergelegt. Diese Oberarmstelle muss ein wenig aufgesprungen und saftig sein, die Unterarme dagegen knusprig, aber nicht hart. Und natürlich muss es eine Laugenbrezn sein, kurz vor dem Backen für wenige Sekunden in Natronlauge getaucht, aus nichts weiter bestehend als Weizenmehl, Hefe, Malz, Salz und Wasser. Farblich darf sie zwischen nussbraun und dunkelbraun changieren, aber auf gar keinen Fall hellgelb sein. Das Salz muss gekörnt sein, nicht zu viel, nicht zu wenig.
Ach, so eine perfekte frische Brezn zu finden ist zu einer Odyssee geworden, und die meisten Bäcker verdienen die goldene Brezn als ihr Wahrzeichen schon lange nicht mehr. Sie backen sie morgens auf, stecken den Teig in Brezelschlingmaschinen, kaum einer beherrscht noch die besondere Schlingtechnik, bei der die Teigwurst gerollt und gezogen wird, so dass sie sich auf beiden Enden verjüngt, dann in die Luft geworfen und so gedreht wird, dass der Bauch sich eindreht und die Ärmchen auf ihm festgedrückt werden.
Wenn ich eine perfekte Brezn erwische, ist das noch immer höchstes Glück, eine Steigerung nur noch möglich als Butterbrezn – einfach unschlagbar und nur in Bayern möglich. Meine Tochter, mit Brezn großgezogen wie alle echten Münchner Kindl, musste eine Zeitlang in Amerika ganz ohne Brezn auskommen, bis sie in New York an einem Straßenstand eine »Pretzel« entdeckte und jubilierend darauf bestand, eine zu essen, obwohl ich sie eindringlich warnte. Aber ihre Augen leuchteten, vor Vorfreude fing sie fast an zu zittern, ehrfürchtig bekam sie die viel zu große, farblich falsche, schlecht geschlungene Pretzel in die Hand, biss hinein – und fing an zu schluchzen. Es war nur eine miese Imitation einer Brezn. Selbst in München würde ich auch inzwischen meist am liebsten heulen, so selten erfüllt sich meine Sehnsucht nach einer frischen, reschen Brezn. Ich heule einer Brezn-Vergangenheit nach, die so golden vielleicht gar nicht war, aber zu ihr gehörten auch die komplett mumifizierten Breznstücke, die ich zwischen den Autositzen ausgrub, aus Hosentaschen und Tüten barg, Erinnerungen an die Tage mit kleinem Kind und den gemeinsamen Genuss von bayerischen Brezn.