FAMILIENGERICHT
In jeder Familie gibt es bestimmte Gerichte, die sonst kaum ein anderer Mensch auf der Welt mag oder versteht. Meine Tochter und ich lieben zum Beispiel gefährlich angebrannten Knusperreis. In der Familie meines Mannes isst man mit Vorliebe Maschinenöl. Zumindest sieht es so aus. Das erste Mal, als ich dort zum Essen eingeladen wurde, warnte er mich: Das möge sonst kaum jemand, aber sein Vater schlürfe es schon zum Frühstück, und ein Essen ohne dieses Öl sei in seiner Familie schlicht nicht vorstellbar.
Aus Märchen kennen wir den Test, dem der Abenteurer, der entweder ausgezogen ist, um das Fürchten zu lernen oder die Prinzessin zu erobern, ausgesetzt wird: Die Fremden setzen dem Neuling ein unbekanntes und gänzlich widerwärtiges Essen vor, das sie selbst unbegreif‌licherweise lieben und täglich zu sich nehmen. Feixend beäugen sie den Neuling. Wird er es schaffen, dieses grässliche Zeug hinunterzubringen? Schafft er es nicht, wird er natürlich niemals die Prinzessin bekommen und noch nicht einmal ihr Fahrrad ausleihen oder ihren Hund streicheln dürfen. Mit einigem Herzklopfen also betrachtete ich das großzügig verteilte grünschwarze schmierige Öl auf meinen Salat und lächelte verkrampft. Mein Schwiegervater sagte, er habe Jahre gebraucht, sich daran zu gewöhnen, aber jetzt könne er gar nicht mehr ohne. Er war also auch einmal Neuling gewesen.
Die Familie meiner Schwiegermutter stammt aus der Steiermark, wo auf riesigen Feldern die bis zu zehn Kilo schweren grüngelben Kürbisse herumliegen wie gestrandete Tiere. Nur die Kerne werden herausgeschält, die Kürbisse untergepflügt oder an die Schweine verfüttert. Für einen Liter Kürbiskernöl braucht man ungefähr fünfunddreißig Kürbisse, ein Kürbis hat bis zu eintausend Kerne. Ich nahm diese Information dankend entgegen, und noch immer hatte ich kein einziges Salatblatt angerührt. Alle anderen hatten ihren Salat längst aufgegessen, als ich mich endlich überwand und mir ein Blatt mit Maschinenöl in den Mund schob. Und siehe da: Erleichtert fand ich den Geschmack verblüffend gut. Die Familie betrachtete mich stumm und hielt meine Begeisterung anfangs für vorgetäuscht. Aber bald bekam ich bei jedem Besuch eine ganze Flasche dieses Öls geschenkt: original Kürbiskernöl aus der Steiermark. Wahrscheinlich bekommt man damit auch alte Nähmaschinen, Vespas und eingerostete Schlösser wieder in Gang, aber auch mich beschwingt dieses Öl. Es schmeckt intensiv, es passt sich nicht an, es verschwindet nicht unter dem Geschmack von anderen Lebensmitteln, es bereichert sie und behauptet sich gleichzeitig. Es veredelt jeden Salat, aber auch kalt aufgeschnittenen Braten. Ich esse es auf Brot mit Salz – oder pur.
Meine Schwägerin, von Kindheitsbeinen an auf Kürbiskernöl trainiert, isst es gern zu Vanilleeis. So weit bin ich noch lange nicht. Aber ich freue mich schon auf Kandidaten, die in meiner Familie irgendwann den Kürbiskernöltest bestehen oder den angebrannten Knusperreis essen müssen.