DIE KERNAUFGABE
Ich habe lange gebraucht, um mich mit dem Granatapfel anzufreunden, was vor allem daran lag, dass ich nie wusste, wie ich die Kerne aus der Schale herausbekommen sollte, ohne die Küche und mich selbst in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Ich pulte die wunderschönen rubinroten Kerne in endlosen Sitzungen einzeln heraus, ich schälte den Granatapfel und versuchte, der Kerne von außen habhaft zu werden, ich schnitt ihn auf verschiedenste Arten auf und verstand bei den anschließenden Versuchen der Fleckentfernung, warum der Saft von Alters her zum Färben von Teppichen verwendet wird.
Je mühsamer sich das Entkernen darstellte, umso mehr wollte ich unbedingt Granatäpfel verwenden, denn plötzlich tauchten sie überall auf: in Salaten, im Gemüse, beim Fleisch, in Nachspeisen und Kuchen. Und seit es in jeder Küche Ottolenghi-Kochbücher gibt, geht gar nichts mehr ohne den Granatapfel. Wahrscheinlich war es auch ein Granatapfel,
von dem Eva im Paradies genascht hat, der erst in unseren Breitengraden zum Paradiesapfel und roten Apfel umgedichtet wurde. Als »Frucht der Sünde« hängt er bis heute als Apfel oder Weihnachtskugel am 24. Dezember, dem Gedenktag von Adam und Eva, am Weihnachtsbaum. Ob das wirklich stimmt? Ich weiß es nicht. Ich habe auch keine Ahnung, wie Eva damals die Kerne aus der Frucht bekam. Auf jeden Fall war es fleckentechnisch praktisch, dass sie komplett nackt waren. (Bevor sie ihre Scham mit Feigenblättern bedeckten, was im Fall von Adam ziemlich angeberisch war, denn Feigenblätter sind riesig.) Auch der Apfel, den Paris der schönsten unter den drei Göttinnen Hera, Aphrodite und Athene überreichte, war wohl ein Granatapfel, wenn auch vergoldet. Da entfiel zwar das Problem, die Kerne herauszulösen, aber es gab dennoch jede Menge Ärger. Hübsch ist an der Geschichte, dass Paris gar nichts von den drei Damen wollte, sondern von Zeus zu Griechenlands Topmodel-Show verdonnert wurde und wohl zu Athene und Hera sagen musste: Ich habe heute keinen Granatapfel für dich …
Irgendwann befragte ich endlich das allwissende Internet: Wie esse ich einen Granatapfel? (Ganz nebenbei beschäftigt mich die Frage, was es bedeutet, wenn wir nicht mehr die Alten nach ihren Tipps
und Tricks fragen müssen, sie uns sorgfältig merken, ihre Geheimrezepte verwahren und weitergeben, wenn wir ihre Erfahrung und ihr Wissen nicht mehr als Teil unseres Erbes sehen.) Das Internet wusste natürlich genau, wie man einen Granatapfel fein säuberlich und ohne einen einzigen Spritzer mit der Klopfmethode isst, aber es verriet nichts über die psychologisch wertvolle Komponente des Ratschlags: Neuerdings bewaffne ich mich nämlich immer, wenn mich etwas ärgert, mit einem hölzernen Kochlöffel, stelle eine Schale in die Spüle und dresche darüber auf einen halbierten Granatapfel ein. Alle Menschen, die mich ärgern oder zur Weißglut bringen, die mich empören und vor Wut fast explodieren lassen, weil sie z.B. den Klimawandel leugnen, eine schlechte Kritik über einen Film von mir geschrieben haben, Glyphosat weiter genehmigen, Restmüll in den Papiermüll kippen, den Brexit befürworten oder mich auf dem Fahrrad fast über den Haufen gefahren haben: Ich verprügle sie alle nach Strich und Faden, dresche nach Kräften auf sie ein, und danach verzehre ich meinen Granatapfel, Kern für Kern, ganz und gar friedlich – und ohne einen einzigen Blutfleck auf meiner weißen Weste.