Satan
Verdammt, ich wusste doch vorher, worauf ich mich hier eingelassen habe, wieso frisst es mich jetzt so an?
Er will Sex, will möglichst oft kommen. Mehr nicht!
Es wäre wirklich besser, das möglichst bald in meinen Dickschädel zu kriegen.
Ich suche mein Hemd und streife es über, finde auch Olivers Shirt und werfe es ihm zu, bevor ich das Handtuch und alle anderen Utensilien nehme und im Badezimmer entsorge.
Als ich von dort zurückkehre, ist er ebenfalls wieder angezogen und steht offensichtlich unschlüssig da.
„Möchtest du dein Bier austrinken?“, frage ich und deute zum Tisch.
Er nickt knapp, greift nach der Flasche und setzt sie sofort an. Erst danach lässt er sich auf das Sofa sinken.
„Denkst du nicht, dass wir drüber reden sollten?“, will ich wissen, weil es mir irgendwie unabdingbar erscheint, ein paar Sachen zu klären.
Nicht nur mir scheint diese Situation unbehaglich zu sein.
„Wenn ich wüsste, wie ich es erklären soll, könnten wir das tun“, antwortet er und seufzt tief. Sein Blick hängt auf der Tischplatte, auch nachdem ich mich wieder zu ihm gesetzt habe.
„Heute bist du nicht in diese Trance gefallen. Was war anders?“
„Keine Ahnung, es war unbestritten sehr geil, ich mag es, von dir gefickt zu werden. Aber … die Trance … sie hat sich im Laufe der Monate immer weiter verkürzt und am Freitag … war sie dann ganz weg.“
„Also hat Sex jetzt nicht mehr die Bedeutung, die er bisher für dich hatte?“
Er hebt die Schultern und sieht mich kurz an. Nach einem tiefen Durchatmen sagt er: „Ich weiß es wirklich nicht. Vielleicht ist das beim nächsten Mal wieder anders?“
„Hm, möglich. Und was, wenn nicht?“
„Dann muss ich was anderes probieren.“
„… um was genau zu erreichen? Was ist in der Trance so toll, dass du derart süchtig danach bist, sie zu erleben?“
Sein Blick fährt wieder zu mir. „In dem Zustand ist alles toll. Wie es mal war.“
Seine Worte lassen mich innerlich zusammenzucken. Seine Vergangenheit war also toll? Dann lebt er in diesem Sexwahn seine Sehnsucht nach – ja, nach was?! – aus?
„Wen oder was vermisst du so sehr?“, frage ich mit viel zu brüchiger Stimme.
Hastig springt er auf, stellt die Flasche ab und sagt: „Ich muss gehen!“
„Verstehe“, erwidere ich, obwohl ich nichts von dem begreife, was hier passiert.
Er geht zum Flur, ich folge ihm.
Kaum hat er seine Jacke übergestreift, wendet er sich zur Wohnungstür.
„Oliver“, murmele ich.
„Ja?“
„Tut mir leid, wenn ich zu neugierig war.“
„Schon okay! Ist meine eigene Schuld.“ Er winkt ab. „Ich gehe dann jetzt.“
Ein Nicken kriege ich zustande. „Okay, bis dann.“
Die Tür öffnet sich, fällt hinter ihm ins Schloss und ich stehe da wie ein begossener Pudel.
Was soll ich jetzt machen? Ist der Deal eben hinfällig geworden?
Glaubt Oliver allen Ernstes, dass seine Trance zurückkehren wird?
Fragen, auf die ich in tausend Jahren keine Antworten erhalten werde.
Mit einem Seufzen wende ich mich ab und kehre ins Wohnzimmer zurück, um die Bierflaschen zu entsorgen.
Beide sind noch mehr als halbvoll.
Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es gerade einmal halb elf ist, aber ich fühle mich zerschlagen und müde, als hätte ich einen Marathon absolviert.
~*~
Ob die Arbeit auf Oliver eine ähnlich ablenkende Wirkung hat wie auf mich? Ich kann nicht behaupten, dem heutigen Feierabend entgegenzufiebern, weil ich einfach nicht weiß, was dieser Freitag noch bringen wird.
Als ich um neun Uhr zur Frühstückspause gehe, sehe ich auf meinem Handy eine Nachricht von meiner Vielleicht-schon-wieder-vorbei-Affäre.
> Guten Morgen Sebastian! Ich hoffe, du konntest gut schlafen und machst dir nicht zu viele Gedanken über mein verqueres Leben. Grüße Olli
Was soll ich darauf, verdammt noch mal, antworten?
Während ich mein Pausenbrot esse und einen Kaffee trinke, tippe ich dann doch noch einen Text an ihn.
> Guten Morgen Oliver. Mach dir keinen Kopf, das wird schon. Grüße Sebi
Widerlich, diese nichtssagenden Nachrichten …
Bevor ich wieder an die CNC-Fräse zurückkehre, die ich heute für ein neues Fertigungsstück programmiere, kommt noch eine Rückmeldung.
> Hast du heute Abend schon was vor?
Eilig tippe ich zurück.
> Nein. Du kannst vorbeikommen.
Danach arbeite ich weiter und schaffe es, mich gut genug abzulenken, um nicht laufend an mein Handy und Oliver zu denken.
~*~
Nach dem Feierabend erledige ich zunächst meinen Wochenendeinkauf, anschließend steht der Wohnungsputz an.
Natürlich beherrscht Oliver samt seinen Macken und seinem schrägen Verhalten meine Gedanken, und ich bin heilfroh, dass ich einen Einkaufszettel geschrieben habe. Ansonsten hätte ich hundertprozentig die Hälfte vergessen oder irgendwelchen Quatsch gekauft.
Da ich heute Abend vermutlich nicht ins La Bouch e gehen muss, zumindest, wenn ich Olivers Nachfrage richtig gedeutet habe, plane ich, anständig zu kochen. Das sollte ja zu schaffen sein, bevor er auftaucht.
Nach dem Verstauen des Einkaufs ziehe ich mir Schlabberklamotten an und begebe mich an den wöchentlichen Großputz.
Zuerst Staubwischen und durchsaugen, dann Bad und Küche und anschließend noch wischen.
Es ist fünf Uhr, als ich mit allem durch bin und duschen gehe.
Nun muss ich nur noch die Bettwäsche wechseln und eine Waschmaschine anwerfen, anschließend kann das Wochenende beginnen.
Was es für mich bereithalten wird, kann ich aktuell nicht genau sagen, aber ich vermute mal, dass ich morgen Abend mit meinen Freunden außerhalb des Club Loveshack ausgehen werde.
Im entsprechenden Gruppenchat hat man sich auf eine Karaoke-Bar geeinigt, und irgendwie klingt das spaßig.
Nun ja, bislang habe ich nicht zugesagt, weil ich nicht weiß, ob Oliver morgen auch herkommen will.
~*~
Der Geschirrspüler ist eingeräumt, aber noch nicht voll genug, um ihn anzuschalten, deshalb schließe ich die Tür nicht ganz und schnappe mir ein Glas Cola, um mich auf dem Sofa mit einem Buch einzurichten.
Flackerndes Licht vom Fernseher ertrage ich zwar wieder sehr gut, aber heute will ich den Thriller zu Ende lesen, den ich vor einer Woche begonnen habe.
Ich habe nur noch sehr wenige Seiten vor mir, als mein Handy mir eine eingehende Nachricht meldet.
Ich greife nach dem Gerät und lese sie.
> Hey Sebi, ist es wirklich okay, wenn ich vorbeikomme?
Ich schnaube leise.
> Ja, sicher. Wir haben einen Deal, schon vergessen?
Seine Antwort kommt in Form der Türklingel und ich richte mich eilig auf.
Türsummer betätigen, dann ab ins Schlafzimmer, um anständige Klamotten anzuziehen.
Auch vorhin nach dem Duschen habe ich wieder Trainingshosen, dicke Socken und ein schlabberiges, altes Shirt herausgekramt.
So sollte ich wohl besser nicht in der Tür stehen, wenn er ankommt …
Ich reiße mir die Sachen vom Leib und schlüpfe in Jeans und ein enganliegendes T-Shirt, die Socken tausche ich auch noch schnell, dann wieder zur Wohnungstür, an der Oliver längst angekommen ist.
Er steht darin und macht einen langen Hals, was mich zum Grinsen reizt.
„Komm herein, ich hab mich schnell vernünftig angezogen“, erkläre ich und er hängt seine Jacke an die Garderobe, bevor er zu mir ins Wohnzimmer kommt. „Magst du was trinken?“
Er sieht mich unverwandt an. „Nein, ich … Sebastian, können wir reden?“
Ich nicke sofort. „Klar können wir, aber dazu willst du vielleicht doch was trinken? Kaffee? Cola? Wasser?“
„Hast du Saft?“
„Oha, ich glaube, wenn überhaupt, dann steht nur ein Traubensaft im Kühlschrank. Ich trinke so gut wie nichts mit Zucker“, sage ich entschuldigend und mache mich auf den Weg zur Küche, um nachzusehen.
Ich öffne die Kühlschranktür und finde tatsächlich einen Tetra Pak dunklen Traubensaft. Als ich ihn herausnehme und ein Glas vom Regal nehmen will, steht Oliver hinter mir.
„Danke“, sagt er. „Für alles.“
Seine Augen nehmen mich einmal mehr gefangen, auch wenn ich nicht weiß, wie gut das für mich sein kann.
Ich stelle Paket und Glas auf die Anrichte und trete dichter zu ihm.
Ohne mein bewusstes Zutun legen sich meine Hände auf seine Schultern.
„Weißt du eigentlich, wie …“ Ich breche ab und seufze vernehmlich, bevor ich ihn loslasse und mich umwende.
„Wie, was? Wovon sprichst du?“, will er wissen.
Ich ignoriere ihn, nehme nur sein Getränk mit und setze mich im Wohnzimmer aufs Sofa.
Es ist eindeutig besser, ihm nicht auf die Nase zu binden, wie anziehend, interessant und faszinierend er auf mich wirkt. Wie sehr er mir nach dieser kurzen Zeit unter die Haut geht.
Ich will mich nicht zum Ziel machen oder ihn mit meinen Gefühlen von mir wegtreiben.
Ich fürchte, er wäre zu schockiert von meiner Verliebtheit.
Bin ich ja schließlich auch nach wie vor.
„Du wolltest reden“, sage ich, als er sich zu mir setzt.
Er nickt. „Vor ein paar Monaten habe ich herausgefunden, dass ich mit einem Orgasmus und in dessen Nachklang Erinnerungen heraufbeschwören kann, die mich … nun ja … glücklich machen“, beginnt er und sieht auf den schwarzen Bildschirm des Fernsehers.
Die Sehnsucht, die in seiner leisen Stimme liegt, will mir das Herz brechen.
Soll ich etwas erwidern oder lieber abwarten?
Ich entscheide mich dafür, zu schweigen.
„Klingt sicher sehr unintelligent für dich, was?“ Jetzt sieht er mich an.
„Ich weiß nicht. Vielleicht erklärt es dein Verhalten.“
„Meinst du?“
Ich hebe die Schultern und lasse sie wieder sinken, bevor ich antworte. „Jedenfalls erklärt es deine bisherigen Ausflüge ins La Bouche . Was ich nicht ganz begreife ist, wieso nur freitags?“
„Das …! Darüber möchte ich nicht reden, okay?“
„Sicher ist das okay.“ Ich atme tief durch. „Es spielt für das, was wir vereinbart haben, ja auch keine Rolle.“
Ich hoffe, meine Worte klingen so hart, wie ich sie sagen will.
Auch wenn ich mich innerlich dabei krümme, muss ich diese klare Linie einfach fahren, weil er sich so oder so auf nichts anderes einlassen wird.
Zumindest nicht so bald …