11. Thomas
Ich schwebe auf peinlich rosaroten Wolken, als ich die Treppe nach unten gehe, um uns einen starken Kaffee zu kochen. Meine Beine fühlen sich immer noch weich an. Ich fand den Sex gestern unter der Dusche schon unglaublich, aber das eben ... Mir fehlen die Worte, wie perfekt es sich angefühlt hat.
Vor der Kaffeemaschine halte ich inne und spüre den Empfindungen nach. Ich will keine Vergleiche anstellen, denn die Angst ist immer noch gegenwärtig. Bisher habe ich nicht daran geglaubt, dass es so etwas wie einen perfekten Menschen für jeden von uns gibt. Aber Veit ist ... Ich habe den Eindruck, dass er die Person ist, nach der ich mein Leben lang gesucht habe. Dabei war er noch ein Kleinkind, als ich mich auf diese Suche begeben habe. Ich werde nicht über den Altersunterschied nachdenken. Er ist einfach nur der Grund dafür, dass ich solange warten musste. Jetzt will ich genießen, ihn glücklich machen, aber vor allem noch viel, viel mehr Sex mit ihm haben.
Verdammt, das war einfach unbeschreiblich. Ich dachte, es wäre besser für mich, nicht mehr aktiv zu sein, aber Veit hat mich eindeutig vom Gegenteil überzeugt. Allerdings kann ich es kaum erwarten, ihn ebenfalls in mir zu spüren. Mir wird schlagartig bewusst, wie viele Möglichkeiten wir haben und ich bin gewillt, alles auszuprobieren, mich auf alles einzulassen. Ich habe noch nie auf diese Weise losgelassen. Es war, als würden mich nur Instinkte leiten.
Kopfschüttelnd muss ich mir eingestehen, dass ich mich bei Elsa niemals dermaßen frei gefühlt habe. Ich habe mich immer an meine Kontrolle geklammert und versucht, ein Programm abzuarbeiten, von dem ich dachte, dass es in Ordnung sein würde. Sie hat mir nicht das Gefühl gegeben, dass ich auch loslassen könnte und ich wusste nicht, wie ich den Punkt ohne ihre Hilfe erreichen kann.
»Ist der Kaffee schon fertig?« Veit lehnt im Türrahmen und sieht zum Anbeißen aus. Seine Haare stehen in alle Richtungen vom Kopf ab. Auf Wangen und Hals sind deutliche Spuren von mir zu sehen. Rote Flecke, die meine Bartstoppeln hinterlassen haben. Er lächelt und seine Augen glänzen.
»Gleich«, erwidere ich und beeile mich, den Automaten zu befüllen.
Er kommt näher, schlingt seine Arme von hinten um meine Hüften und lehnt den Kopf gegen meine Schulter.
Ich halte erneut inne. Diesmal verfalle ich nicht in seltsame Überlegungen, sondern genieße die Nähe.
»Du hast mich für alle anderen Männer versaut«, nuschelt Veit und beißt mir in den Nacken.
»Mit meinem kleinen Schwanz?«, frage ich ungläubig und drehe mich in seinen Armen um.
»Mit deinem perfekten Schwanz«, korrigiert er und haucht mir einen Kuss auf die Lippen. »Willst du etwa gelobt werden?«
»Vielleicht ein bisschen«, gebe ich zu, denn seine Worte sind mehr als nur Balsam für meine geschundenes Selbstbewusstsein.
»Möchtest du eine Dankeskarte?«
»Gelegentliche Wiederholungen würden mir besser gefallen.«
»Gelegentlich?« Veit runzelt die Stirn und mustert mich empört. »Damit kann ich mich nicht zufriedengeben.«
»Also ist das hier immer noch was du willst?«
Unsere Blicke treffen sich, lang und intensiv schauen wir uns an. Ich brauche keine Antwort, denn ich erkenne sie in seinen Augen.
»Ja«, flüstere ich verstehend. »Du und ich. Daran gibt es nichts zu rütteln.«
Ich wuschle ihm mit einer Hand durchs Haar und amüsiere mich über sein süßes Grummeln.
»Auch das kann ich dir schriftlich geben.«
»Mündlich und körperlich reichen vollkommen«, erwidere ich lachend.
Wie ein letztes Puzzleteil vervollständigt sich die Erkenntnis in meinem Herzen. Ich will Veit in meinem Leben. Es ist das, was ich schon seit einer kleinen Ewigkeit wollte. Vermutlich sogar in dem Moment, als er mir im Büro zum ersten Mal gegenüber stand.
Damals noch schüchtern, mit roten Wangen, aber auch mit diesem goldenen Feuer im Blick. Er hat sich mein Herz geschnappt. Ich habe nur verdammt lange gebraucht, um es zu erkennen. Letztendlich kann ich nicht einmal mehr wütend auf Elsa sein. Wahrscheinlich hat sie die ganze Zeit gespürt, dass sie nur noch die Nummer zwei in
meinem Leben ist. Das macht mich irgendwie zu einem egoistischen, blinden Idioten.
Seufzend erkenne ich die Tatsache an, aber jetzt ist es endlich soweit, dass ich in der Gegenwart gelandet bin und eine Zukunft vor Augen habe, die meinen Körper in heiße, verlangende Aufregung versetzt.
Wir trinken Kaffee und essen Toastbrot. Es ist zum Frühstücken im Grunde zu spät, aber wir haben Hunger und keine Lust, etwas zu kochen. Mein Kühlschrank gibt nicht sonderlich viel her.
Ich habe immer noch das Gefühl, mich in einer surrealen Blase zu befinden. Wir reden und lachen, küssen und berühren uns. Es erscheint mir ganz natürlich und zugleich gigantisch.
Auch das Wohnzimmer aufzuräumen und zu dekorieren, geht selbstverständlich Hand in Hand. Schließlich sind wir fertig und lassen den Raum auf uns wirken. Jetzt bin ich noch sicherer, dass an die graue Wand ein Bild von Veit gehört.
»Wenn wir erst den Weihnachtsbaum aufstellen«, sagt er und schaut nach draußen, auf die Terrasse, wo der Baum auf seine Bestimmung wartet.
»Das könnte ziemlich gut werden«, stimme ich schmunzelnd zu.
Veit lässt sich auf das Sofa fallen und breitet die Arme aus. Ehe ich die Einladung annehmen kann, klingelt es an der Tür. Verwundert sehen wir uns an. Ich erwarte keinen Besuch und sonntags wird gewöhnlich keine Post zugestellt. Wer auch immer vor der Tür steht, ist offenbar ungeduldig, denn es läutet erneut.
Seufzend drehe ich mich um und schaue nach, wer unseren gemütlichen Sonntagnachmittag stört.
»Bastelzeit!«, ruft Dennis, sobald ich die Tür öffne und drängt sich mit einer großen Kiste an mir vorbei.
Fassungslos starre ich ihm hinterher, beobachte, wie er sich die Schuhe von den Füßen streift und mich mit einem breiten Grinsen bedenkt.
»Ich hoffe, ich habe euch nicht gestört?«
»Dennis?«, fragt Veit und kommt ebenfalls in den Flur. »Was machst du hier?«
»Du hast gesagt, wir wollen Weihnachtsdeko basteln. Hier bin ich.«
»Hatten wir uns für heute verabredet?«, erkundigt er sich und
scheint ebenso irritiert zu sein wie ich es bin.
»Nö, aber ich langweile mich zu Hause. Also müsst ihr mich jetzt ertragen.«
Ich schließe die Tür, horche einen Augenblick in mich und stelle mich auf die neue Situation ein. Es fällt mir erstaunlich leicht, obwohl Dennis mich mit seiner dominanten Art immer noch ein bisschen verunsichert.
»Dann gibt die Kiste mal her, damit du deine Jacke ausziehen kannst«, sage ich und nehme ihm den schweren Karton ab. »Was ist denn da alles drin?«
»Dein Mann ist doch cooler als gedacht«, meint Dennis und umarmt Veit.
Ein winziger Funken Eifersucht glimmt auf, aber ich weiß, dass er unbegründet ist.
»Danke für das Lob«, antworte ich mit einem breiten Grinsen, als ich an Dennis vorbei in die Küche gehe. »Kaffee?«
»Glühwein«, erwidert Dennis. »In der Kiste sind zwei oder drei Flaschen.«
»Ich dachte schon, sie ist von den Bastelmaterialien so schwer.«
Den Karton stelle ich auf den Tisch und hole den Glühwein heraus. Drei Flaschen! Wenn wir die heute austrinken, werden wir morgen auf keinen Fall zur Arbeit gehen können. Schmunzelnd nehme ich einen Topf aus dem Schrank und träume davon, mit Veit die ganze nächste Woche im Bett zu bleiben.
Die Frage, wie es sich im Büro anfühlen wird, möchte ich lieber noch ein bisschen ignorieren. Obwohl ich mir sicher bin, dass ich mich nicht verstecken will. Wir können nicht nur privat ein Paar sein, wenn wir die meiste Zeit zusammenarbeiten.
»Wieso hast du so viel Zeug?«, frage ich Dennis und deute auf all die Sachen, die er auf meinem Küchentisch ausbreitet.
»Ich habe schon immer gern gebastelt und ...« Er verstummt schlagartig, runzelt die Stirn und scheint für einen Moment in Gedanken versunken. »Ich bastle nun mal. Hast du ein Problem damit?«
»Nein«, antworte ich beschwichtigend. »Natürlich nicht.«
»Hey, alles in Ordnung?«, erkundigt sich Veit, dem die seltsame Veränderung auch aufgefallen ist.
»Perfekt«, nuschelt Dennis, strafft die Schultern und grinst breit.
Es wirkt nicht so echt und selbstbewusst wie zuvor, aber weder Veit noch ich hinterfragen es.
»Ich habe gehört, du hast einen Test gemacht«, sagt er mit provokantem Unterton in der Stimme.
Fragend schaue ich Veit an, dessen Gesicht augenblicklich zu glühen beginnt.
»Ich erzähle dir nie wieder irgendwas«, knurrt Veit.
»Ist doch nichts, wofür man sich schämen muss. Ich bewundere dein Verantwortungsbewusstsein, Thomas. Wissen ist besser, als unbewusst andere in Gefahr zu bringen.«
»Das hätte ich niemals getan«, erwidere ich. Ich schaue Veit an, der vorsichtig lächelt, zu mir kommt und mir einen Kuss auf die Lippen drückt.
»Du musst dich nicht rechtfertigen. Tut mir leid, dass ich es ausgeplaudert habe. Ich ...«
»Schon gut«, unterbreche ich ihn und reibe meine Nase an seiner. Ich mag die Geste, weil Veit dann immer leise zu schnurren beginnt.
Der Glühwein ist heiß. Ich befülle drei Tassen und stelle sie auf den Tisch. Der schwere Duft von Orangen, Nelken und Zimt wabert durch den Raum. Veit stellt weihnachtliche Musik an. Wir prosten uns zu und trinken winzige Schlucke. Der Alkohol breitet sich glühend in meinem Bauch aus. Veit zaubert er dunkelroten Wangen.
»Also gut«, sagt Dennis und klatscht begeistert in die Hände. »Ich habe gehört, dass du Dekoration für deinen Baum brauchst. Wir haben Papier, Moosgummi, Nudeln und Zapfen.«
»Und was machen wir damit?«, frage ich ein bisschen überfordert.
Vermutlich habe ich in der Grundschule das letzte Mal gebastelt und hatte nie besonders viel Spaß dabei. Das war einer der Gründe, weshalb ich kein Architekt werden wollte, sondern Immobilienprojekte betreue und verkaufe.
»Aus dem Moosgummi kannst du echt hübsche und verdammt kitschige Kugeln basteln, aus dem Papier Sterne falten, die Nudeln eignen sich ebenfalls für Sterne oder für Ketten. Dafür müssen wir sie allerdings kurz in kochendes Wasser geben. Und mit den Zapfen kann man niedliche Wichtel gestalten.«
»Und was geht besonders einfach, damit ich mich nicht vor
meinem Freund blamiere?«, erkundige ich mich und genieße den beeindruckten Ausdruck auf Dennis‘ Gesicht.
»Hast du ihn also endlich überzeugt?«, fragt er und klopft Veit auf die Schulter. »Gut für dich, Mann. Ich hätte dein Gejammer auch echt nicht länger ertragen.«
»So schlimm war ich gar nicht«, grummelt Veit.
Seine Ohrenspitzen verfärben sich dabei niedlich. Ich möchte ihn schon wieder küssen, berühren, festhalten. Mein Kopf ist voll von all den Lauten, seinem Geschmack und dem wunderbaren Duft seiner Haut.
»Fickst du ihn gerade in Gedanken?«
Eine Nudel trifft mich an der Stirn. Dennis lacht dreckig, während ich mich verschämt in Luft auflösen möchte.
»Hör auf zu stänkern, sonst fliegst du raus«, schimpft Veit.
»Ach, hast du hier etwa inzwischen sogar das Hausrecht?«
»Wenn du nicht nett bist, dann schon.«
Ich beobachte die beiden, deren hitziges Wortgefecht mich zum Schmunzeln bringt. Allerdings hat Dennis eine Frage aufgeworfen, die auch bei mir unter der Oberfläche schlummert. Ich weiß theoretisch, dass es viel zu früh ist, um es in Erwägung zu ziehen. Die Vorstellung, dass er heute Abend in seine Wohnung zurückkehrt und wir uns morgen erst im Büro treffen, verursacht ein unangenehmes Drücken in meinem Bauch. Zu Weihnachten schenke ich ihm einfach einen Schlüssel und werde sehen, wie er darauf reagiert. Hoffentlich positiv. Es fühlt sich richtig an.
»Fangen wir endlich an?«, erkundige ich mich, um mich von dem Gedanken abzulenken.
»Benehmt euch, sonst setze ich euch beide vor die Tür.« Inzwischen fliegen nämlich ziemlich viele Nudeln und sogar Wollknäule durch die Küche.
»Das würdest du nicht machen«, rufen sie einstimmig und sorgen dafür, dass ich erneut zu lachen anfange.
»Basteln«, bestimme ich und zeige auf all die Sachen, von denen ich nicht weiß, wie sie an meinem Baum aussehen sollen.
»Papier oder Moosgummi?«, fragt Dennis und wedelt mit zwei Blättern vor meiner Nase herum.
Ich strecke meine Hand danach aus und entscheide mich für das
gummiartige, glitzernde Zeug.
»Sehr gute Wahl«, meint Dennis. »Das ist echt nicht schwer.«
Er schneidet verschieden breite Streifen ab, misst Abstände aus, klebt und erklärt geduldig, als würde er so etwas hauptberuflich machen. Es wäre möglich, denn ich habe keine Ahnung, wo er arbeitet. Als ich ihn danach frage, wird er seltsam still. Erneut ist es, als würde er versuchen etwas zu verbergen, das auch Veit nicht kennt.
»Ich habe eine halbe Stelle in der Aidshilfe«, verrät er schließlich. »Das reicht mir momentan vollkommen aus.«
»Macht Sinn«, erwidere ich und würde zu gern wissen, was dieser dunkle Schatten zu bedeuten hat. »Du bist ja sehr engagiert.«
»Ich habe viel Sex und rede am liebsten darüber. Es ist der perfekte Job.«
Ich möchte nachfragen, wie diese Bastelei in sein sexdominiertes Leben passt, aber jeder braucht wohl einen Ausgleich. Eifrig versuche ich seinen Erklärungen zu folgen. Was bei ihm mühelos und locker aussieht, stellt sich für mich wie kaum bezwingbare Hürden dar. Ich verbrenne mir ständig an dem Heißkleber die Finger, nur die Moosgummistreifen kleben nicht zusammen. Dafür glitzere ich überall. Frustriert hole ich mir eine weitere Tasse Glühwein.
Bei Veit sieht die Kugel deutlich hübscher aus, als mein unförmiges Ding.
Erneut klingelt es an der Tür. Wer es auch ist, ich bin demjenigen schon jetzt dankbar, dass er mir eine kleine Bastelauszeit beschert.
Allerdings ändere ich meine Meinung schnell, als meine Eltern mir gegenüber stehen.
»Was macht ihr denn hier?«, frage ich perplex und fühle mich seltsam benommen.
»Es ist der zweite Advent«, erwidert meine Mutter fröhlich und drückt mir einen Kuss auf die Wange. »Wir dachten, wir kommen dich auf einen Kaffee besuchen.«
»Deine Mutter hat auch Plätzchen mitgebracht«, sagt Papa und klopft mir auf die Schulter.
»Und einen Adventskranz habe ich für dich gebastelt. Damit es nicht so leer in deiner Wohnung aussieht.«
Sie gehen an mir vorbei. Ich lehne mich von innen an die Tür und
atme tief durch. Das ist verrückt, allerdings gibt es keinen Ausweg aus dieser Situation. Abgesehen von dem, schnell in meine Schuhe zu schlüpfen und davonzulaufen.
»Thomas, du hast ja Besuch«, ruft meine Mutter und klingt viel zu begeistert. »Ihr bastelt? Schau dir das an, Wolfgang. Eine Bastelrunde!«
Himmel, wo ist das Loch, in das ich mich verkriechen kann?
Mein Herz hämmert wild in der Brust, als ich die Küche betrete und von vier Augenpaaren erwartungsvoll angestarrt werde.
»Tja«, sage ich und räuspere mich. »So schnell war das nicht geplant, aber ihr ... ihr werdet nicht wirklich überrascht sein.«
Ich schaue meine Eltern an und reibe nervös über meinen Bauch. Dennis beobachtet mich interessiert. Allerdings liegt in seinem Blick eine stumme Warnung. Sie ist nicht nötig, denn ich habe meine Eltern noch nie angelogen und sehe nach dem Gespräch mit meinem Vater keinen Grund, daran etwas zu ändern.
»Das sind Veit und Dennis«, erkläre ich meinen Eltern.
Dennis‘ Augen werden zu schmalen Schlitzen. Veit wirkt dagegen beinahe nervöser als ich es bin.
»Jungs, das sind meine Eltern, Manuela und Wolfgang Heinicke.«
Ich stelle mich neben Veit, lege einen Arm um seine Schultern und grinse meinen Vater an.
»Das ist mein Freund, Papa«, verkünde ich mit zittriger Stimme. Mein Puls rast, als ich ihn anschaue und bemerke, wie die Erkenntnis langsam Gestalt annimmt.
»Dein Freund?«, erkundigt sich meine Mutter mit einem überschwänglich-schrillen Unterton, der mir eine Gänsehaut beschert.
»Ja«, bestätige ich.
»Wann ist das denn passiert?«, fragt sie neugierig.
»Das ist der junge Mann aus dem Büro«, erklärt mein Vater. »Ich habe dir von Thomas‘ Schwärmerei erzählt, allerdings bin ich erstaunt, dass sich die Dinge offenbar nun recht schnell entwickelt haben.«
»Wo er doch immer eine Ewigkeit braucht, um zu erkennen, was gut für ihn ist«, sagt Mama. Sie kommt zu uns und zieht Veit in ihre Arme. »Ich freue mich, dich kennenzulernen.«
Auch Papa umarmt ihn kurz und klopft ihm väterlich auf den Rücken.
Veit ist mit der Situation sichtlich überfordert. Ein erstaunlicher Besitzerinstinkt macht sich in mir breit. Ich möchte Veit am liebsten von hier wegbringen, aber ich kann nichts anderes tun, als seine Hand zu ergreifen und sie beruhigend zu drücken.
»So schnell ist die ganze Familie versammelt«, stellt Dennis lachend fest. Er schiebt sich zwischen Veit und meine Eltern. »Es freut mich, Sie kennenzulernen. Ich bin quasi Veits Familie und sein bester Freund. Wir basteln Weihnachtsschmuck für Thomas‘ Baum, der bisher wohl noch recht kahl ist. Seine Exfrau hat offenbar sämtliche Kugeln und Lichterketten mitgenommen. Die Schlampe.« Die letzten Worte knurrt er leise, aber ich höre sie und verdrehe innerlich die Augen.
»Sie gefallen mir!«, ruft mein Vater und klopft Dennis begeistert auf die Schulter. »Der Glühwein riecht großartig. Kann ich einen Becher haben?«
»Aber natürlich«, erwidert Dennis, holt zwei Tassen aus dem Schrank und tut so, als würde er schon ewig hier leben.
Staunend beobachte ich, wie er meinen Eltern den Glühwein überreicht, seine eigene Tasse schnappt und mit ihnen anstößt.
»Ich habe was von Plätzchen gehört«, sagt Dennis und reibt sich den Bauch.
»Ja, natürlich. Hach, das ist so schön.« Mama bekommt rote Wangen, als sie die Dose mit den selbstgebackenen Keksen auf den Tisch stellt. »Mit so einer Überraschung hatten wir gar nicht gerechnet. Kann ich mitbasteln?«
»Darauf bestehen wir sogar«, behauptet Dennis charmant.
Im ersten Moment begreife ich nicht, weshalb sich Dennis dermaßen in den Vordergrund drängt, aber dann erkenne ich, was er in Wahrheit für uns tut. Eilig ziehe ich Veit ins Wohnzimmer und schließe ihn in meine Arme. Er drückt sich dicht an mich. Beruhigend streiche ich über seinen Rücken. Er bebt und schluchzt leise.
»Bist du okay?«, frage ich und presse mein Gesicht in seine Haare.
»Deine Eltern«, flüstert er. »Nebenan sitzen deine Eltern.«
»Ich wusste nichts von ihrem Überfall, aber sie freuen sich, dich
kennenzulernen«, erwidere ich beruhigend.
»Woher willst du das wissen?« Er hebt den Kopf und sieht mich zweifelnd an.
Ich lächle und hauche einen Kuss auf seine Stirn.
»Du machst ihren Sohn glücklich. Das ist ein unschlagbares Argument.«
Veit ist nicht überzeugt, aber ich küsse ihn, versuche ihm mit jeder Berührung zu zeigen, dass er keine Angst haben muss.
»Meine eigene Mutter mochte mich nicht. Weshalb sollte deine mich mögen?«
»Es tut mir leid, dass sie dich nicht geliebt hat. Wenn meine Mutter davon erfährt, wird sie dich auf der Stelle adoptieren oder zumindest mir die Hölle heiß machen, sollte ich nicht alles dafür tun, dass du glücklich bist.«
»Du bist ihr Sohn. Sie wird wohl eher mich überwachen.«
»Mach dir nicht so viele Gedanken«, bitte ich. »Ich kann gerade nichts daran ändern, dass sie hier sind. Wenn du nach Hause gehen möchtest, lasse ich mir eine Ausrede einfallen. Ihr könnt euch auch zu einem späteren Zeitpunkt kennenlernen, sobald du dich sicherer fühlst.«
»Tust du es?«, fragt er und sieht mich scheu an.
»Ich bin bereit, mich meinen Ängsten zu stellen, weil du mich in den wenigen Stunden schon glücklicher gemacht hast, als meine Frau es je geschafft hat. Ich weiß, dass es nicht allein ihre Schuld ist, sondern daran liegt, dass ich nicht bereit war, mich auf sie einzulassen. Du hast mich jedoch von der ersten Sekunde an überrannt und all meine Mauern eingerissen.«
»Dann sollten wir zurückgehen, bevor sie Dennis sympathischer als mich finden.«
»Mach dir deshalb keine Sorgen. Dein bester Freund hat uns diesen Moment zum Durchatmen verschafft. Er ist wirklich toll.«
»Aber ich bin derjenige, der mit dir ins Bett geht«, knurrt Veit und eine Spur Eifersucht blitzt in seinem Blick auf.
»Das bist du«, bestätigte ich schmunzelnd und fühle mich ungeheuer begehrt.
Veit küsst mich noch einmal voll wilder Leidenschaft, dann strafft er die Schultern und geht zurück in die Küche.
»Ist alles in Ordnung bei euch?«, erkundigt sich meine Mutter sofort. Sie geht auf Veit zu und nimmt ihn erneut in die Arme. »Der Überfall tut mir leid. Wir haben uns nur Sorgen um unseren Sohn gemacht, aber mir scheint, das ist jetzt nicht mehr nötig. Willkommen in der Familie.«
Ich schlucke schwer und spüre, wie es eng in meiner Brust wird. Veit schaut mich unsicher an, aber ich lächle breit.
»Mama, du machst ihm Angst«, behaupte ich grinsend und ziehe ihn zu mir.
»Setzt euch hin und bastelt weiter«, mischt sich mein Vater ein und wird von Dennis unterstützt.
Wir rücken enger zusammen. Veit knabbert Plätzchen und lobt sie begeistert. Meine Mutter strahlt und Papa grinst zufrieden. Ich koche Kaffee und erhitze eine weitere Flasche Glühwein.
Es herrscht eine ausgelassene und lustige Stimmung. Ich kann mich nicht erinnern, dass Papa jemals gebastelt hat. Seine Weihnachtskugel sieht genauso schief aus wie meine eigene. Ich weiß, dass sie auf jeden Fall am Baum hängen wird, und zwar nicht nur in diesem Jahr.
Einen Moment halte ich inne und betrachte die Menschen, die um den Tisch versammelt sind. Mir wird bewusst, dass es mit Elsa keine vergleichbare Situation gab. Natürlich waren meine Eltern freundlich und nett zu ihr. Sie hätten ihr immer geholfen und sich um sie gekümmert. Elsa wollte diese Nähe jedoch nicht. Wir sind zusammen ins Theater gegangen. Es gab opulente Restaurantbesuche und edle Feiern an glänzenden Orten, aber niemals ... nicht ein einziges Mal haben wir einfach zusammengesessen, geredet, gelacht, Plätzchen gegessen und verrückte Dinge dabei hergestellt.
Mein Herz wird ganz weit und eine tiefe Sehnsucht durchdringt mich. Genau so fühlt sich Familie an. Impulsiv lehne ich mich zur Seite und küsse Veits rotglühende Wange.