D ie kurzen, in fröhlichen blauen und gelben Farben gehaltenen Busse bogen in den Fleeker Way ein, den Eingang zum sechsundzwanzig Hektar großen Campus in Round Rock, Texas, außerhalb von Austin. Die Fahrt zu den Hauptgebäuden führte vorbei an einem Skulpturengarten mit einem Labyrinth für meditative Spaziergänge, das durch Wanderwege mit gepflegten englischen Gärten verbunden war. Näher an den Hauptgebäuden standen lebensgroße Statuen beliebter Superhelden, die mitten im Flug posierten oder wundersame Dinge taten, wie ein kleines Auto über ihren Kopf zu halten.
Die neuen Angestellten drückten ihre Gesichter näher an das Glas im Inneren des Shuttles und ließen ihre Münder offen stehen.
Lily Sharpton saß im Bus und verdrehte die Augen über die beiden Mädchen auf der gegenüberliegenden Bank. »Reizüberflutung, ich erinnere mich gut daran. Visueller Orgasmus. So kann man zweifellos etwas akzeptieren, das katastrophale Folgen haben könnte.«
Billy stupste sie mit seinem spitzen Ellbogen in die Rippen. »So zynisch in so jungen Jahren«, kicherte er. »Wie geht es mit deinem Projekt voran?«
Das Lächeln verschwand aus Lilys Gesicht und sie sah sich um. »Solche Fragen stellt man nicht, Billy«, antwortete sie mit leiser Stimme und schaute die beiden Mädchen an. Sie zeigten immer noch auf die Sehenswürdigkeiten und lächelten, als das Shuttle vor dem größten glasüberdachten Gebäude anhielt. »Zwei Labortechniker sind ohne Abschied verschwunden, weil sie sich gegenseitig dummes Zeug erzählt haben. Einer von ihnen hatte schon ein höheres Dienstalter.«
»Was ist ein Dienstalter an einem Ort, der noch nicht einmal ein Jahr geöffnet ist?«
»Komm schon, wir sind da. Bleib dabei, mich nach meinem Liebesleben zu fragen. Das ist für uns beide aufregend genug und wir können unsere Jobs behalten.«
Sie stiegen aus dem Bus aus und sahen einen großen Halbkreis aus Rosensträuchern mit Narzissen und Tulpen, die das Innere säumten. Alles war gestutzt und gejätet, kein Blütenblatt und kein Grashalm war fehl am Platz.
Alle gingen in einer geordneten Reihe durch den Scanner und streckten ihren linken Arm aus, damit der Chip unter ihrer Haut gelesen werden konnte. Lily hatte ihren täglichen Moment des Zweifels, ob sie sich einen Chip unter die Haut setzen lassen sollte aber verdrängte den Gedanken. »Achttausend im Monat plus Vergünstigungen«, flüsterte sie sich selbst zu. Ein weiterer Teil ihrer täglichen Routine. Sie hielt ihren Rucksack hoch und ließ ihn scannen, wobei sie sich schnell daran erinnerte, wo sie ihren Zauberstab gelassen hatte. Zu Hause auf dem Trockner. Abgehakt.
Ihr magischer Freundeskreis war für die Arbeit bei Fleeker rekrutiert worden und es gab Gerüchte, dass in der zehnten Etage alle Führungskräfte magisch sind, aber niemand war sich sicher und Lily musste ihren Job behalten. Sie wartete am Aufzug. »Zwei Jahre und meine Kredite sind abbezahlt. Nur zwei Jahre.«
Billy sah sie an. »Was murmelst du immer?«
»Tägliche Affirmationen«, antwortete Lily, quetschte sich in den Aufzug und schaute zu einem großen Mann auf, der zu viel Kölnisch Wasser trug und neben ihr stand. Die Sensoren auf beiden Seiten der Tür scannten erneut ihren Chip.
Der Aufzug hielt im vierten Stock an und eine angenehme Frauenstimme sagte ›Eins‹, über die Sprechanlage. Die Sicherheitskräfte wussten jederzeit, wo sich jemand im Gebäude aufhielt und wie viele Personen in einem bestimmten Stockwerk aussteigen sollten.
Lily drängte sich vor und quetschte sich an zwei Technikern in blauen Gefahrenkostümen vorbei. »Entschuldigung, Entschuldigung.«
Auf einem großen Schild an der Wand vor dem Aufzug stand in großen schwarzen Großbuchstaben: SICHERHEITSSTUFE AA. Die höchste Sicherheitsstufe. Die anderen im Aufzug musterten sie und einige Augenbrauen gingen nach oben. Lily drehte sich in letzter Sekunde um, bevor sich die Türen schlossen. »Japp, ihr Dumpfbacken. Ich bin schlauer als ihr alle!«
Die Türen schlossen sich vor verblüfften Gesichtern. Das morgendliche Ritual war fast abgeschlossen. Ein paar Leute hatten sich bei der Personalabteilung über ihr Verhalten beschwert, aber es kam nie etwas dabei heraus. Lilys Fähigkeiten waren zu begehrt.
Außerdem bin ich nicht gerade ein Mensch , dachte sie und ging durch die Doppeltüren, die sich mit einem Zischen zur Seite öffneten, als sie sich näherte. Sie blieb im Vorraum stehen und räumte ihre Sachen in ein Schließfach, tippte einen kurzen Code ein und trat zurück, um es abzuschließen. Sie zog sich einen neuen Schutzanzug und Gummistiefel an und ging auf die letzte Tür zu. Wieder öffneten sie sich mit einem leisen Zischen und ein ultravioletter Lichtstrahl wurde von oben ausgestrahlt, um jegliche Technologie zu desinfizieren und zu deaktivieren, die jemand auf das Gelände schmuggeln wollte.
Niemand würde so dumm sein. Sie ging zu ihrem Arbeitsplatz und holte die Objektträger mit den Partikeln eines Artefakts heraus. Einige der Objektträger waren mit menschlichen Hautzellen gemischt, andere mit verschiedenen magischen Zellen und wieder andere mit Rinderzellen.
Lily klopfte auf ihre Tasche. Darin befand sich ein Foto ihrer Tante. »Okay, Tante Lois, ich werde dich stolz machen. Noch zwei Jahre, dann sind die Kredite abbezahlt und vielleicht kann ich bei der PDF mitmachen.« Ihr Traumjob.
Sie beugte sich vor und betrachtete das erste Präparat unter einem Lasermikroskop. Sie hob den Kopf und sah sich um, ihr Gesicht errötete. Sie biss sich auf die Unterlippe und beugte sich langsam über das Mikroskop, wobei sie ein Auge schloss, um besser sehen zu können. »Es funktioniert«, flüsterte sie mit schnell schlagendem Herzen. Die Zellen verbinden sich.
* * *
Correk fand Perrom in der Nähe des Dunklen Marktes und machte sich nicht die Mühe, sich unauffällig zu verhalten, sondern ging auf die Händler zu, die das Zelt umringten. »Ich habe den Feen nicht geglaubt, als sie mir sagten, dass ich dich hier finden kann.« Correk joggte, um seinen alten Freund einzuholen.
Perrom drehte sich überrascht um und seine vier Pupillen bewegten sich in verschiedene Richtungen, um zu sehen, wer den ihn rufenden Correk bemerkte hatte. Er hob einen Finger an seine Lippen. »Ich bin als Kunde hier. Es ist schön, dich zu sehen.« Er umarmte Correk und klopfte ihm auf den Rücken. »Als Käufer ist es einfacher, die verschiedenen Akteure kennenzulernen. Händler neigen dazu, zu viel zu sagen und Dinge zu verheimlichen«, sagte er in leisem Tonfall.
Ein großer, breitschultriger Händler mit einem kleinen Stand im vorderen Teil des Marktes rief jedem, der an ihm vorbeikam, lautstark ›Hallo‹, zu. Correk schaute zu dem jungen Zauberer hinüber, als er spielerisch einem Kunden den Geldbeutel aus der Hand schlug.
Perrom beobachtete, wie der Zauberer lächelnd den Kopf schüttelte.
»Sie stellen die neueren Händler nach vorn und Louie vor die Tür, weil er nervt und niemand drinnen ihm zuhören muss«, erklärte Perrom.
»Wenn er so lästig ist, wie hat er dann überhaupt einen Platz auf dem Markt bekommen?«
»Er hat die einzigartige Gabe, kleine Artefakte zu finden, die eine große Wirkung haben.«
»Ah, ein schlauer Dieb.«
»Er kommt an seltsamen und gefährlichen Orten auf Oriceran rein und raus, ohne einen Kratzer zu bekommen. Entweder versteckt er geschickt, wie mächtig er ist oder er wurde unter einem Glücksstern geboren.«
Correk trat an den Tisch heran und hob ein Metallarmband mit einem Rubin in der Mitte auf. »Das ist ziemlich alt.«
»Nein, du bist alt«, sagte Louie. Seine blonden Locken hüpften, als er nickte und auf Correk zeigte.
Correk zog eine Augenbraue hoch und starrte Louie an.
»Ich habe dir ja gesagt, dass sein Umgang mit Menschen ein wenig seltsam ist.« Perrom lächelte. »Aber er hat recht. Du wirst älter.«
Louie lachte und zeigte auf Perrom. »Du verstehst mich, oder?«
»Wie viel für das Armband?«
»Zehn Goldmünzen. Es ist jede einzelne davon wert. Ich hätte fast einen meiner Arme verloren, als ich es zurückholte.« Louie lehnte sich zurück, die Hände in die Hüften gestemmt. Correk legte das Stück ab und ging weiter.
»Du wirst zurückkommen. Sie kommen immer wieder zu Louie zurück!«
»Er wird nicht mit dir verhandeln. Hinter dem ganzen Getöse verbirgt sich ein gerissener Geschäftsmann und ein flinker Dieb. Außerdem habe ich gehört, dass er eine Crew hat, mit der er sich das Geld teilt. Er hat eine geringe Gewinnspanne.«
Correk konnte immer noch das Summen des Armbands in seinen Fingern spüren. Ein uraltes und mächtiges Artefakt. »Ich kann ja zurückkommen.«
»Louie ist einer der Kaufleute, die ich kennengelernt habe. Er ist gut darin, sich im Hintergrund zu halten und zuzuhören. Größere Spieler vergessen, dass er da ist. Ich hoffe, dass er etwas davon mit mir teilen wird. Es schadet auch nicht, dass ich mehr elektronische Teile in die Hände bekommen habe.«
Er zog eine lötfreie Steckplatine aus seiner Ledertasche. Sie befand sich in einer Verpackung, auf deren Vorderseite Radio Shack in Rot aufgedruckt war. Perrom lächelte. »Ich kann eine Schaltung machen. Das ist faszinierend. Stell dir vor, wenn man das mit Magie kombinieren könnte?«
Correk sträubte sich und biss die Zähne zusammen. »Die beiden sollten nie zusammengebracht werden. Es gibt so viele unvorhergesehene Konsequenzen.«
Perrom klopfte ihm auf die Schulter. »Ich nehme an, dass manche alten Erinnerungen nie empfindungslos werden.« Perrom schüttelte den Kopf. »Das kommt schon noch, weißt du. Je mehr sich die Tore öffnen, desto mehr werden die beiden Seiten versuchen herauszufinden, wie sie ihre Talente kombinieren können.«
»Da hast du recht.« Correk rieb sich die Stirn. »Ich muss einen Weg finden, um Harkin loszulassen und weiterzumachen.«
»Versuche, nicht alles von ihm zu verlieren. Ich erinnere mich auch an ein paar ziemlich gute Zeiten. Dein Vater war ein großartiger Erfinder, der sich immer neue Spielereien einfallen ließ, um uns zu unterhalten. Er hatte immer Süßigkeiten in seinen Taschen. Ich nehme an, daher hast du deine Vorliebe für Junk Food.«
Correk zog eine Augenbraue hoch, nahm eine Flöte in die Hand und drehte sie um, ohne Perrom zu beachten.
»Okay, ich hab’s verstanden, genug gesagt«, lenkte Perrom ein. Eines Tages . »Was führt dich hierher? Willst du auf Oriceran bleiben?«
»Ich bin hier, um herauszufinden, ob du noch etwas gehört hast und dafür zu sorgen, dass ich so viel Energie habe, wie ich auf der Erde mitnehmen kann.« Vergiss Wolfstan Humphrey. Rhazdon ist ein viel größeres Problem.
Perrom runzelte die Stirn. »Es ist also noch schlimmer geworden.« Er holte tief Luft und atmete sie schnell wieder aus.
»Ich suche nach dem Drahtzieher hinter den neuen Anhängern von Rhazdons altem Kult. Sie haben die Halskette.«
»Es gibt noch mehr Gerüchte, dass mit dem alten Gnom etwas nicht stimmt und ich habe ihn ein paar Mal gesehen, als er auf dem Weg zu dem großen Zelt im hinteren Teil des Dunklen Marktes war. Dorthin kommt man nur mit Einladung. Ich bewerte noch nichts. Niemand will mir Details verraten. Die meisten haben zu viel Angst vor ihm. Du glaubst, er ist der Verräter? Das ergibt Sinn, abgesehen davon, dass er ein Gnom ist. Nicht gerade eine Supermacht und sie sind eher für ihre Integrität als für Verrat bekannt. Vielleicht hat er einen Verbündeten in diesem großen Zelt. Ich meine, wer geht schon mit guten Absichten auf den Dunklen Markt?« Er warf einen Blick auf das elektronische Teil in seinen Händen. »Okay, gutes Argument, ich bin hier. Es ist ein Hobby. Aber das kommt für dich nicht überraschend.«
»Es ist das Artefakt, das ich gefunden habe, das mich am meisten stört.«
»Das Unendlichkeitssymbol.«
»Es ist das Zeichen von Rhazdon und jetzt spielen seine Anhänger mit der Halskette von Prinz Rolim heiße Kartoffel. Sie schaffen es sogar, den Silbergreifen und einem von ihnen angeheuerten atlantischen Agenten einen Schritt voraus zu sein. Das sollte nicht möglich sein.«
»Dunkle Magie kann so sein. Sie hat eine ganz eigene, starke Kraft. Allerdings ist sie unberechenbar. Irgendwann verbrennt sie immer den Anwender.«
»Wir hatten eine Begegnung mit einem alten, dunklen Zauberer, der uns in den Hintern getreten hat, aber wir glauben nicht, dass er der Anführer ist.«
»Und wenn jemand wie er bereit ist, demjenigen zu folgen, der sich das alles ausgedacht hat. Wow …« Perroms Augen weiteten sich.
»Wer auch immer das ist, er ist fast so mächtig wie Rhazdon zu seiner Zeit. All die Geschichten, die ich gehört habe … Selbst wenn jemand Rhazdons alte Artefakte hätte, müsste er sie benutzen können, ohne sich in die Luft zu jagen.«
»Das ist nicht der Gnom. Gnome sind selbst mit einem Artefakt nicht so mächtig. Sie sind normalerweise klug genug, nicht damit zu spielen. Sie bewachen sie sogar, damit andere sie nicht bekommen können. Allerdings scheint dieser Kerl gegen den Strich gebürstet zu sein. Es gibt immer einen Ausreißer.«
»Ich muss zurück. Ich habe niemandem gesagt, dass ich hierherkomme.« Er umarmte seinen alten Freund und zögerte, das zu sagen, was ihn dazu gebracht hatte, nach Perrom zu suchen. Er war die einzige Person auf Oriceran, die ihm zuhörte, ohne ihn für verrückt zu erklären. Selbst da war er kurz davor zu gehen, ohne ein Wort zu sagen. Ich muss es laut aussprechen.
Perrom ging bereits auf den Eingang zum Markt zu. »Perrom.« Der Gesichtsausdruck von Correk ließ Perrom mit großen Schritten zurückgehen. Correk zögerte wieder. »Du kennst dich ein wenig mit dunkler Magie aus. Das ist in Ordnung. Ich habe dein Geheimnis bewahrt.«
»Mein Vater würde mich umbringen, wenn er das wüsste. Ich denke, es ist hilfreich, immer einen Schritt voraus zu sein, um eine Vorstellung von den Fähigkeiten eines jeden zu bekommen.«
»Denkst du … denkst du …« Schließlich platzte er damit heraus. »Glaubst du, dass Rhazdon noch lebt?« Endlich kam der Gedanke, der in Correks Kopf herumschwirrte, heraus. Perroms Gesicht verlor jeglichen Ausdruck und die Quadrate auf seiner Haut wechselten ständig, passten sich der Umgebung an und zogen die Aufmerksamkeit auf sich. »Atme tief durch«, flüsterte Correk und nickte einem Nicht in der Nähe zu, der seine Fledermausflügel in Position gebracht hatte.
»Das kann nicht sein«, zischte Perrom. »Du weißt, wie viel wir beim letzten Mal verloren haben. Unterstelle nicht, dass es umsonst war!«
»Es nicht zu sagen, würde die Wahrheit nicht ändern und die Möglichkeit zu ignorieren, könnte schlimmer sein. Hältst du es für möglich?«
Perrom sah Correk in die Augen, sein Kiefer mahlte. »Bei jedem anderen als Rhazdon würde ich nein sagen, aber dunkle Magie hat eigentlich keine Grenzen. Es liegt am Anwender, der nur so weit gehen kann. Wenn Rhazdon das Feuer überlebt hat, könnte er noch am Leben sein. Das darf nicht sein.«
»Sag niemandem, was ich gesagt habe, aber bleib wachsam.«
»Wem sollte ich es sagen, der zuhören würde? Wirst du König Oriceran warnen? Denk an seinen Vater. Dein Großvater …«
»Nicht ohne weitere Beweise. Ich muss gehen.« Er streckte seine Faust aus und Perrom legte seine Faust darauf. Das alte Symbol für die Übereinkunft, in einer Schlacht Seite an Seite zu kämpfen. Es war das zweite Mal in seinem Leben, dass Correk es benutzte.
»Immer, Bruder. Eines baldigen Tages werden wir mit Ehre und bis zum Ende kämpfen.«
»Selbst wenn es das letzte Gute ist, was wir tun.« Correk zog eine Grimasse, als er sich an den Anblick des alten Königs erinnerte, der sich geopfert hatte.
Perrom zog sich zurück, bevor jemand das Kampfzeichen sehen konnte. »Wenn ich etwas höre, werde ich dich finden, selbst wenn ich ein Portal öffnen muss. Du hast mein Wort. Jetzt geh. Wir haben hier lange genug gestanden.« Perrom drehte sich ohne ein weiteres Wort um und eilte auf die offene Klappe des Marktes zu.
Correk schritt so schnell er konnte davon, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Wenn er es laut aussprach, wirkte es, als könnte es wahr sein. Rhazdon lebt wahrscheinlich noch. Wir müssen diese verdammte Halskette endlich in die Finger bekommen.
* * *
General Anderson saß an einem langen Tisch vor den Senatoren, die den Ausschuss für Streitkräfte des Senats bildeten. Die geschlossene Sitzung war geheim, da niemand davon erfahren sollte.
»Ja, Sir, so haben wir das verstanden«, sagte er und legte seinen Hut auf dem Tisch ordentlich auf zwei Uhr, dem üblichen Platz. Er mochte Ordnung. In diesen Tagen war er nicht zufrieden mit der Entwicklung der Ereignisse. »Es wird vermutet, dass die lettische Regierung im Auftrag und mit Unterstützung der Russen versucht hat, das weltweit mächtigste Artefakt an sich zu reißen.«
»Aber sie haben versagt.« Ein mürrischer Senator aus Virginia schmatzte mit den Lippen.
»Ja, Sir. Das haben wir auch. Die Halskette befindet sich in den Händen einer Gruppe von abtrünnigen Hexen und Zauberern. Ihre Absichten sind unbekannt, gelten aber als negativ für unsere Interessen.«
»Das ist also nicht das einzige Artefakt? Es gibt Tausende von diesen Dingern auf der Welt?« Die Senatorin aus Arizona richtete sich in ihrem Stuhl auf und verzog ihren Mund zu einer wütenden, roten Linie.
»Auch das ist richtig und ein schlecht gehütetes Geheimnis. Verschiedene Stätten in älteren Teilen der Welt werden geplündert, weil ausländische Regierungen nach Artefakten suchen. Manche sind uns freundlich gesinnt, manche überhaupt nicht.«
»Ein Wettrüsten mit Magie«, sagte der Senator aus Virginia und verengte seine Augen.
»Das ist in etwa die Größe des Unternehmens. Es gibt Gerüchte, dass große Unternehmen in das Geschäft einsteigen, aber das kann nicht bestätigt werden. Sie tun ihr Bestes, um unter dem Radar zu bleiben.«
»Wir können sie also nicht ausschalten.«
Der Senator aus Maine schnaubte. »Na ja, ich nehme an, wir sind im Begriff, eine Art New-Age-Schlacht vor aller Augen zu führen.« Er schüttelte den Kopf. »Ich dachte, ich hätte schon alles gesehen. Ich habe mich eindeutig geirrt. Dein Antrag auf Finanzierung ist bewilligt, aber denk daran, dass es sich um Gelder hart arbeitender Steuerzahler handelt. Mach was draus. Ich möchte der Öffentlichkeit nicht erklären müssen, warum das so ist. Die Gegenreaktion würde nie enden.«
»Ja, Sir«, antwortete der General. Er atmete tief ein und fühlte eine gewisse Erleichterung.
»Was ist mit dieser Halskette?«, fragte die Senatorin aus Arizona. »Ist sie es wert, verfolgt zu werden?«
»Das steht noch nicht fest.« Der General zog es vor, weder Leira noch das Lagerhaus zu erwähnen, das ein Ort für Geheimoperationen war. Auch nicht die Gerüchte, dass jemand die Artefakte für Tierversuche benutzt. Keiner der Anwesenden wusste etwas von all dem. Es war besser, es dabei zu belassen.
»Dann hast du deinen Auftrag. Sieh zu, dass wir dieses Rennen gewinnen, und zwar bald.«
* * *
Charlie Monaghan kam in sein Büro, das Gesicht in sein Handy vergraben, ein manikürter Finger scrollte durch die Nachrichten. Er schaute auf, als er hörte, wie sich Wolfstan Humphrey räusperte.
Wolfstan trug einen maßgeschneiderten Anzug mit offenem Kragen und lehnte sich an Charlies teure Ledercouch, den Arm auf die Lehne gestützt.
Charlie tat sein Bestes, um sich nichts anmerken zu lassen und eine Machtposition wiederzuerlangen, ohne viel Glück. »Verdammt …« Er warf einen Blick über seine Schulter. Seine Privatsekretärin war bereits wieder auf dem Flur verschwunden.
»Ich habe mich selbst hereingelassen«, sagte Wolfstan und stand auf.
»Mein Sicherheitsteam soll das beste sein …«
»Die Zeiten ändern sich. Es ist Zeit, dass wir uns offiziell kennenlernen«, sagte er und streckte seine Hand aus. »Wolfstan Humphrey. Ich war bei Ihrem Gipfeltreffen. Ich will gleich zur Sache kommen. Haben Sie eine Entscheidung getroffen?« Wolfstan steckte die Hände in die Hosentaschen und nahm eine lässige Haltung ein, aber Charlie konnte den Druck spüren.
Was für ein Arschloch. Erst das Treffen und jetzt das. Charlie hatte gehofft, mindestens noch eine Woche lang keine Antwort geben zu müssen. Er lächelte und zeigte dabei seine ebenmäßigen, weißen Zähne. »Der Vorstand bespricht noch die Details. In einer weltweiten Organisation wie dieser, können Entscheidungen eine Weile dauern.«
»Ja, das habe ich gehört.« Wolfstan kratzte sich am Kinn und seine Augen leuchteten, als er sich im Raum umschaute und die Schmuckstücke betrachtete, die Charlie ausgestellt hatte. »Senator Thatcher hat von Ihrem schönen Büro gesprochen. Fast so schön wie seines im Capitol. Ein wunderbarer Mann, Senator Thatcher. Er war ein wirklicher Freund für Fleeker.«
Charlie schluckte und sein Lächeln wurde noch angespannter. Ein Magier setzte ihn unter Druck. Einer seiner stärksten Verbündeten wandte sich von Axiom ab, um das neue Unternehmen zu unterstützen. Er musste seine Strategie neu überdenken. Vielleicht gab es noch eine Möglichkeit, die Dinge zu retten.
»Ich bin sicher, wir können eine akzeptable Vereinbarung treffen. Sie wollen den Handel zwischen Oriceran und der Erde erleichtern. Das will ich auch. Sie haben eindeutig mehr Wissen über die andere Welt als ich. Wir können beide davon profitieren.« Er streckte seine Hand aus, um sie zu schütteln und spürte, wie sich sein Magen durch die Vibrationen, die durch seinen Arm gingen und sich in seinem Körper ausbreiteten, umdrehte.
»Ausgezeichnet. Ich werde heute noch den Papierkram erledigen.« Wolfstan hielt seine Hand noch einen Moment länger in Position.
Ein Energiestoß durchfuhr Charlies Fingerknöchel und ließ sie schmerzen. Die Anspannung zeigte sich in seinen Augen.
»Ich werde Senator Thatcher wissen lassen, dass die Dinge voranschreiten. Er wird sich freuen zu hören, dass sich alle Teile so einvernehmlich zusammenfügen. Ich werde mich selbst hinausbegleiten.«
Charlie beobachtete Wolfstan, wie er den Flur hinunterging, dann schloss er langsam seine Tür. »Das ist nicht mein erster Gangster und auch nicht mein letzter. Irgendetwas wird die Magie ausschalten und wenn ich es gefunden habe, kann alles wieder normal werden.«