Kapitel 19

D er Troll schlüpfte frühmorgens aus der Tür des Gästehauses, bevor Correk oder Leira wach waren. Er trug seinen Cowboyhut und seine Stiefel und war fest entschlossen, Eireka und Mara in ihrer neuen Wohnung wieder zu besuchen. Ausgerüstet war er mit der Karte, die Mara für ihn gezeichnet hatte und einer kleinen Tüte Cheetos für unterwegs.

Es dauerte eine Stunde, bis er die Brücke am South Congress mit Blick über den Colorado River erreichte. Er machte eine Pause und kroch unter der Brücke hindurch auf die Stahlsparren, wo er sich hinsetzen konnte, um den Fluss fernab von Menschen zu betrachten.

Eine Million Fledermäuse säumten die gesamte Unterseite der Brücke, ihre Flügel zusammengefaltet. Sie waren alle erst vor ein paar Stunden zurückgekehrt, um den Tag über zu schlafen. Eine Fledermaus öffnete träge ein Auge und schaute Yumfuck an.

»Yumfuck!« Er winkte, zog ein Cheeto heraus und biss hinein. Die Fledermaus regte sich, richtete ihre Flügel zurecht und schlief wieder ein.

Die Sonne stand hoch am Himmel und die Leute waren mit ihren Kajaks auf dem Fluss unterwegs, während die Läufer über die Wege sprinteten.

Der Troll schwang seine winzigen Beine über den Fluss und fraß sich schnell durch die Tüte, wobei er am Ende einen lauten Rülpser ausstieß, der die Fledermäuse in seiner Nähe störte. Ein paar flatterten, flogen kurz auf oder krabbelten davon. Yumfuck zuckte mit den Schultern und stand auf. Leise trillernd streichelte er die eine schlafende Fledermaus, die in seiner Nähe blieb. »Hart im Nehmen«, zwitscherte er.

Er kletterte zurück auf die Brücke, wobei er darauf achtete, dicht am Geländer und weg von den sich schnell bewegenden Füßen der Touristen zu bleiben. Er machte sich auf den Weg auf die andere Seite und überquerte den Riverside Drive, während er nach einem anderen Ort für eine kurze Pause Ausschau hielt. Am liebsten irgendwo, wo es etwas zu essen gab.

Der kleine Troll steckte seine Nase in die Luft und schnüffelte nach einem leckeren Essensgeruch. Nichts. Er ging weiter, wanderte an den kleinen Geschäften vorbei, die die Straße säumten und stolperte über einen kleinen Haufen Zigarettenstummel. »Verdammter Mistkerl!«

Er richtete sich auf und bürstete die Asche vorsichtig von seinen Stiefeln. »Hmpf! Was?« Der Geruch von Speck stieg ihm in die Nase. Er drehte sich um, aber der Wind änderte seine Richtung und es war schwer zu sagen, woher der Geruch kam.

Der Troll bewegte sich näher an die Gebäude heran und lief durch die kurzen Vorgärten mit spärlichem Gras, gelegentlicher Palme oder Kakteenbüscheln und hielt in Abständen kurz an, um noch einmal kräftig zu schnuppern. »Speck!«

Vor einem langen, roten Backsteingebäude mit einem Schild, auf dem ›Glückskäfer Betreutes Wohnen‹ stand, schnupperte der Troll die Luft. Der Speckgeruch war stärker. Er trillerte, klatschte in die Hände und machte sich auf den Weg zum Vordereingang. Eine Frau mittleren Alters in buntem rosa Kittel eilte an dem Troll vorbei, ohne ihn zu bemerken und ging auf die doppelten Glastüren zu.

Wieder fast zu spät zur Arbeit gekommen. Das zweite Mal diese Woche . Sie umklammerte ihre blaue Brotzeittasche fester und beschleunigte das Tempo, als sich die automatischen Türen vor ihr öffneten und sie hineinlief, um auf die Stechuhr zuzugehen.

»Oooooh.« Der Troll ging auf die Türen zu und wartete darauf, dass sie sich öffneten, aber nichts geschah. Frustriert hüpfte er auf und ab und winkte mit seinem Hut.

Er ging zurück und setzte sich auf eine Bank im vorderen Bereich, der Geruch von Speck lag noch in der Luft, als ein Mann zügig auf den Eingang zuging und sich die Türen wieder öffneten.

Der Troll kam gerade an, als sich die Türen schlossen. »Mistkerl!«, zwitscherte er und fuchtelte mit der Faust. Er lehnte seinen Kopf gegen die Scheibe und sah zu, wie ein Pfleger einen Wagen mit Tabletts mit Essen den Flur hinunterschob. »Rattenbastard!«, schrie er durch die kleine Öffnung zwischen den Türen, aber niemand hörte ihn.

Yumfuck trat von den Türen weg, blinzelte zu den Kameras hoch und winkte mit den Händen. Er schaute zurück zu den Türen. Nichts. Der Pfleger kam aus dem einen Raum und ging in einen anderen, weiter unten im Flur. Der Troll streckte ihm die Zunge heraus, prustete und marschierte zurück zur Bank, als ein großer Hund vor die Türen rannte, die Sensoren auslöste und die Türen öffnete.

Yumfuck rappelte sich auf, während sich die Türen schlossen. Er schaute auf den Hund, der in der Ferne davon trottete, schaute auf die Türen und schaute auf den Hund. Yumfuck lächelte.

Er wich zurück, brüllte und wuchs auf die Größe eines großen Hundes an. Er wedelte mit den Armen, als sich die Türen öffneten und er hineinlief, während er bereits wieder auf seine Größe schrumpfte. Der Pfleger rollte den Wagen aus einem Raum heraus, als Yumfuck auf dem Bauch zu den Rädern rutschte und sich festhielt, als der Wagen um eine Ecke bog.

»Guten Morgen Mrs Toler, wie geht es Ihnen heute? Lassen Sie mich das für Sie vorbereiten.« Der Pfleger holte ein Tablett mit einer Speisekarte heraus und stellte es auf den Tisch über Mrs Toler’s Bett.

Der Troll spähte von den Rädern hervor, an die er sich klammerte und schwang sich auf die unterste Etage, wo er leise den Deckel von einem Tablett abhob und vorsichtig seinen Hut abnahm. Er steckte seinen Kopf darunter, vergrub sein Gesicht im Rührei und stieß ein leises, gedämpftes »Yumfuck«, aus.

Der Pfleger sah verwirrt zu Mrs Toler auf, die süß lächelte und »Yumfuck«, sagte. Es war das erste Wort, das sie in der ganzen Woche gesprochen hatte.

»Das ist ein verheißungsvolles Wort, Mrs Toler. Ich bin mir nicht sicher, wie Ihre Familie es aufnehmen wird. Ich frage mich, ob ich es überhaupt melden sollte.« Er kratzte sich am Kopf. »Vielleicht sollte ich einfach ›yum‹ in die Akte schreiben.«

»Yumfuck.« Mrs Toler lächelte wieder.

»Okay, wie Sie wollen.« Der Pfleger notierte sorgfältig ›sprach heute, sagte yumfuck‹, in ihrer Akte.

Zwei Wächter liefen auf dem Weg zum Eingang an der Tür vorbei und suchten nach dem großen pelzigen Tier, das den Kameras an der Eingangstür zugewinkt hatte.

»Noch nichts, Bob«, sagte einer von ihnen in ein Walkie-Talkie. »Verdammtes Ding. Eine Art Kreuzung aus einem kleinen Bären und einem Hund.«

Yumfuck aß sich durch das Tablett, bis nichts mehr drauf war. Er zog seinen Kopf heraus, setzte seinen Hut wieder auf und schlüpfte aus dem Wagen, während der Pfleger ihm den Rücken zuwandte. Der Pfleger drehte sich gerade noch rechtzeitig um, als der Troll die Tür erreichte.

»Yumfuck!« Er winkte und lupfte seinen Hut, bevor er den Flur hinunterhuschte.

Die Augen des Pflegers wurden groß. »Ich muss aufhören, diese Doppelschichten zu übernehmen. Sie werden hier ein Bett für mich finden. Ich bin noch nicht mal vierzig!« Der Pfleger schob den Wagen in den nächsten Raum und murmelte die ganze Zeit vor sich hin.

Yumfuck ging den Flur hinunter und bog in den Aktivitätenraum ein, in dem mehrere Bewohner auf Stühlen saßen und den Wetterkanal schauten.

»Bäh!« Der Troll entdeckte die Fernbedienung in den Händen eines älteren Mannes und trillerte leise und lächelte den Mann an, als er seine Hände ausstreckte.

Der Mann lächelte zahnlos, schob die Fernbedienung in Richtung des Trolls und kicherte. »Ich habe meinem Hund immer einen Cowboyhut aufgesetzt.« Der Mann streckte einen Finger aus und rieb den Kopf des Trolls, der daraufhin trillerte und für einen Moment die Augen schloss.

Yumfuck nahm die Fernbedienung in die Hand, hielt sie über seinen Kopf und sprang herunter, um näher an den Fernseher zu kommen. Er zappte durch die Kanäle, bis er einen Filmkanal fand, auf dem ›Dirty Dancing‹, lief und quietschte vor Freude.

Er legte die Fernbedienung weg, hob die Arme über den Kopf und tanzte zur Musik, während die Bewohner im Takt klatschten. Der Troll trillerte vor Vergnügen, beugte sich zu den Bewohnern und tanzte, während er näher an sie herantrat. Einige der Bewohner tanzten auf ihren Stühlen und fuchtelten mit den Armen.

»Woot! Woot!« Der Troll sah zu, wie das Mädchen auf den Mann zu rannte, der sie über seinen Kopf hob.

»Oooooh, ja? Ja!« Er nickte und eine ältere Frau nickte zurück. Der Troll hob seine Arme hoch über den Kopf und rannte auf die Frau zu, die ihn mit der Hand auffing und über ihren Kopf hob.

Er wölbte seinen Rücken, streckte Arme und Beine aus und lächelte so, dass alle seine scharfen, spitzen Zähne zu sehen waren. Die Frau setzte ihn sanft wieder auf den Boden, während der Troll sich umdrehte, sich verbeugte und mit seinem Hut vor sich winkte. »Yumfuck«, sagte er feierlich.

»Yumfuck«, sagte sie und nickte gütig mit dem Kopf.

Der Troll verbeugte sich noch einmal vor der Gruppe und winkte kräftig. »Dancing with the Stars!«, zwitscherte er. »Yumfuck!«

»Was ist das für eine Aufregung hier? Wer hat den Sender gewechselt?« Ein großer Pfleger stürmte in den Raum und ging direkt auf die Fernbedienung zu. Der Troll drückte sich mit dem Rücken an die Wand, bis er die Tür erreichte und aus dem Zimmer rannte. An der Rezeption blieb er stehen und hüpfte hoch, um drei Rosen aus einer Vase zu nehmen, bevor er auf die Größe des großen Hundes anwuchs und die Türen öffnete. Als er draußen war, drehte er sich um und winkte lächelnd in die Kameras. »Yumfuck!«

Der Wachmann, der vor dem Monitor saß, spuckte seinen Kaffee aus und stand auf, nicht sicher, wen er anrufen sollte.

Der Pfleger im Aktivitätenraum schaltete auf den Wetterkanal um, als ein Bewohner ›Yumfuck!‹, sagte und mit der Faust auf den Tisch schlug. Bald folgte ihm ein anderer und noch einer, alle schlugen mit den Fäusten oder klopften mit ihren Stöcken. ›Yumfuck! Yumfuck!‹

»Okay, okay«, ergab sich der Pfleger und schaltete den Kanal zurück. Der andere Kollege auf der Etage kam in den Raum und kratzte sich wieder am Kopf. »Haben wir etwas verpasst? Was soll das ganze Geyumfucke?«

* * *

Yumfuck machte sich schließlich auf den Weg zu Eireka und Mara, klopfte höflich an und trat zurück, als Mara die Tür öffnete. »Ich nehme an, niemand weiß, dass du weg bist.«

Der Troll hielt die Blumen hoch, lächelte und nickte, die Finger hinter seinem Rücken überkreuzt.

Mara beugte sich vor und nahm die Blumen entgegen. »Danke und mach keinen Unfug. Nur damit du es weißt, ich rufe Leira an, um ihr zu sagen, wo du bist. Komm doch rein, hast du Hunger?«

»Yumfuck!« Er schlenderte herein und ließ sich auf der Couch nieder. »Niemand stellt Baby in die Ecke«, quietschte er.

»Eines Tages wirst du mir von deinen Abenteuern erzählen.«

»Sobald du mir von deinen erzählt hast.« Er legte den Kopf schief und wartete.

»Ich sehe, du hast ein paar Tricks von Leira gelernt.«

Sie presste die Lippen aufeinander und überlegte, was sie sagen sollte.

»Spuck’s aus«, quiekte der Troll. »Wir sind dazu bestimmt, Dinge gemeinsam zu tun.«

»Früher hatte ich ein Ziel, ich half Magiern, die aus Oriceran geflohen waren. Aber die Gruppe hat sich aufgelöst, während ich weg war und ich weiß nicht, was ich tun soll.«

»Sammle Informationen. Das ist immer der erste Schritt.« Yumfuck zuckte mit seinen kleinen Schultern.

»Wow, nicht mal eine Filmreferenz. Du hast doch kein Mitleid mit mir, oder?«

»Du scheinst es ja gut im Griff zu haben.« Er prustete ihr zu. »Schwimm einfach weiter.«

»Und wir sind wieder im Kino.« Mara schüttelte den Kopf und ging in die Küche, um ihm etwas zu essen zu holen.

»Wenn du dich daran erinnerst, wie du mich um Hilfe bitten kannst, werde ich hier sein.« Der Troll lehnte sich zurück und griff nach der Fernbedienung, um einen weiteren Film zu suchen.