L eira Berens saß auf ihrer Couch, ihr linkes Bein auf ein Kissen gestützt, von ihrer Arbeit bei der Paranormal Defense Force freigestellt. Sie trug einen steifen weißen Gips, der bis über das Knie reichte und der Arzt hatte ihr verordnet, das Bein noch mindestens eine Woche lang zu schonen. Leiras Partner bei der PDF, Felix Hagan, schlug vor, ihr einen schönen roten Gips oder etwas in Grün zu besorgen, das zum Mustang passte. »Du könntest beides machen und wärst dein eigener Weihnachtsschmuck.« Leira hatte ihm einen entschlossenen, leeren Blick zugeworfen und er ließ es fallen. Für den Anfang war Leira nicht besonders gut darin, es einfach zu nehmen .
Sie vermisste Correk bereits und fragte sich, ob es ihm gut ging und Hagan wusste, dass er die Dinge nicht forcieren sollte. Nicht dieses Mal. Der Kampf mit Rhazdon lag noch zu nah und dieses Mal gab es Verluste. Leira zuckte zusammen, als sie sich daran erinnerte, wie ihre Mutter fast über die Klippe gestürzt wäre.
Der Troll saß auf ihrem Bauch und war damit beschäftigt, sich Knusper Puffreis in den Mund zu schütten, bis seine Backen so weit wie nur möglich ausgedehnt waren. Er öffnete den Mund und schaute Leira an, während die Süßigkeiten hinter seinen scharfen kleinen Zähnen abprallten und einen Lärm verursachten. Er tat sein Bestes, um sie zu unterhalten.
Ihre Mutter, Eireka, kam aus der Küche und lachte, als sie sah, wie Yumfucks Kopf durch den Schwung der Süßigkeiten wackelte.
Eireka war vorerst wieder in das Gästehaus gezogen und tat ihr Bestes, um sich um Leira zu kümmern. Diese ließ ihren Schimpfkanonaden freien Lauf, als Erika beim Aufstehen von der Couch half. Wenn Leira die Zähne zusammenbiss, blitzte ein Schmerz in ihrem Gesicht auf, aber sie beschwerte sich nicht. Nicht, wenn man die Reihung der Wichser oder Hurensöhne nicht mitzählte.
Eireka sah ihre Tochter an, während Leira sich zurücklehnte und auf die verblassenden orangefarbenen, kreisförmigen Flecken an der Decke starrte. Eireka folgte ihrem Blick und starrte die Flecken an. All die Jahre allein haben dich stoisch gemacht , dachte Eireka mit einem Stich im Herzen. Sie schaute sich im Wohnzimmer um, auf der Couch und dem roten Samtstuhl. »Es sind schon die Feiertage und es ist keine einzige Weihnachtsdekoration zu finden. Wo ist die alte Kiste mit dem Weihnachtsschmuck? Einige davon habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen.«
»Mama … lass es gut sein.«
Eireka hielt inne und beobachtete Leira. »Ich weiß, dass du ihn vermisst.«
Leira sah zu ihrer Mutter auf. »Correk, sein Name ist Correk.« Sie sagte seinen Namen leise. »Habt ihr schon etwas gehört?«
»Noch nicht. Nach dem Kampf mit Rhazdon und als sie ihn durch das Portal zurückbrachten, war er noch am Leben. Das ist alles, was wir im Moment wissen, aber bei all der Magie auf Oriceran …« Ihre Stimme verstummte, als sie den Gedanken wieder fallen ließ. »Wie wäre es mit einem Kranz für die Tür?«
Leira warf einen langen Blick auf ihre Mutter und ihr Gesicht wurde weicher. »Ich weiß, dass dies dein erstes Weihnachten seit deiner Entlassung ist.« Leira tat ihr Bestes, um zu lächeln. »Klar, warum nicht? Lass uns einen Kranz machen. Wie wäre es mit einem mit Tannenzweigen und einer großen roten Schleife? Wir machen es klassisch.« Sie lagerte sich auf der Couch um und spürte einen stechenden Schmerz, der sich mit einem Juckreiz vermischte, welcher sie, tief im Inneren des Gipses, schon seit Tagen plagte.
Sie schloss die Augen, um sich zu konzentrieren und zog so viel Magie an, dass ein dünner Strom durch ihren Körper floss und den gebrochenen Knochen in ihrem Bein beruhigte. Eireka sah, wie die Symbole langsam über Leiras Arm rollten, atmete tief ein und sandte ihre eigene Energie aus, um sie mit der ihrer Tochter zu vereinen und den Schmerz in Leiras Knochen zu lindern. Leira stieß einen zufriedenen Seufzer aus, als sich die Magie um den Juckreiz in der Kniehöhle drehte. Die Energie ihrer Mutter gab ihr einen ungewohnten Trost.
Die Energie spürte, dass etwas nicht stimmte und stürzte sich auf den Bruch in ihren Knochen, um ihn zu heilen. Eireka spürte die Präsenz des stärkeren Lichts und wich zurück. »Turner Underwood hat sich ziemlich klar darüber ausgedrückt, junge Dame.«
»Jetzt muss ich mich nicht mehr fragen, wie du in meiner Jugend geklungen hättest.« Leira ließ den Zauber verklingen und blickte zu ihrer Mutter auf. »Holst du die verlorene Zeit wieder auf?« Sie schenkte ihr ein schiefes Lächeln. »Ich werde nicht versuchen, das Bein mit Magie zu heilen. Turner sagte, er sei sich nicht sicher, ob es richtig heilen würde, wenn ich das täte. Ich werde das Risiko nicht eingehen. Zumindest nicht in diesem Fall. Ich kann ein wenig geduldig sein.« Sie hielt zwei Finger hoch, die nur wenige Zentimeter voneinander entfernt waren.
»Ein bisschen«, zwitscherte der Troll. »Ich kann das Warten ertragen … ein bisschen.« Er schüttete mehr Pop Rocks in seinen Mund.
»Woher hast du die?«, fragte Leira, als der Troll ihr welche anbot. Leira streckte ihre Hand aus und schüttete sich etwas davon in den Mund, um zu spüren, wie es zischte und knallte. Ihr Mund verengte sich durch die sauren Süßigkeiten.
»Nana hat sie natürlich für ihn besorgt. Ich habe deine Großmutter bei uns allein gelassen. Die Möbel sind sicher schon umgestellt und es besteht die Möglichkeit, dass sie das Kartenspiel benutzt, um den Nachbarn die Zukunft zu lesen. Wahrscheinlich betrügt sie auch mit ein bisschen Magie.« Eireka sah den Ausdruck auf dem Gesicht ihrer Tochter.
»Manchmal vergesse ich, dass du ein Detective warst. Das meiste davon habe ich verpasst. Keine Sorge, ich glaube nicht, dass sie jemandem das sogenannte Lesen in Rechnung stellen würde. Ich glaube, sie mag es einfach, ihre Gesichter zu sehen, wenn sie ihnen ein paar Dinge erzählt, die sie nicht wissen sollte.«
»Nana hat mir erzählt, dass sie einige ihrer verstorbenen Verwandten getroffen hat, als sie in der Zwischenwelt war und Botschaften weitergibt«, sagt Leira. »Sie kann nicht an eine Tür klopfen und sagen: Hey, ich habe deinen Onkel Bob getroffen. Er sagte, dass der Ohrring, den du verloren hast, hinter die Kommode gerollt ist und dass er etwas Geld vergessen hat, das auf einem Konto bei einer Bank in Wichita liegt. Die Lesungen sind ihre Tarnung. Nana ist schlau.«
»Du hast das von ihr. Sehr einfallsreich. Es schadet auch nicht, dass sie ein Kartenspiel benutzt, das auf Oriceran hergestellt wurde und in dem ein wenig Magie gespeichert ist.«
Yumfuck schaute überrascht auf, als er auf Leiras Bauch saß.
»Stimmt, ich weiß von den Karten.« Eireka zog eine Augenbraue hoch und lächelte. »Mama denkt, dass sie schlau ist. Am besten lässt du sie das weiter denken, auch wenn sie wieder nach Oriceran geht. Ich weiß nicht, was sie alles vorhat oder ob du beteiligt bist.« Sie deutete auf den Troll, der seinen Mund zuklappte und ihn genauso schnell wieder öffnete, mit einem weiteren lauten Rasseln von explodierenden Süßigkeiten. »Aber Geheimnisse kommen immer ans Licht, mein pelziger Freund.«
»Nana reist wieder durch Portale. Sogar nach der Zwischenwelt. Das ist wirklich mutig.«
Ein lautes, scharfes Klopfen an der Tür ertönte und Eireka ging hin, um die Tür zu öffnen wobei sie das beharrliche ›Nein‹, von Leira ignorierte.
Eireka blieb an der Tür stehen und wartete, schaute zurück zu dem Troll, der widerwillig von Leiras Bauch glitt und langsam ins Schlafzimmer ging und die Tür schloss, als das Klopfen wieder einsetzte. »Er hat das mit den Schuldgefühlen gut im Griff«, flüsterte Eireka. Sie öffnete die Tür weit und sah die meisten Stammgäste in einer Schlange vor der Tür stehen. »Hallo Leute, es ist wohl Mittagszeit. Kommt doch rein.« Sie trat zur Seite, um Craig und Scott an ihr vorbeizulassen.
Seit Leira vor ein paar Tagen aus dem Krankenhaus entlassen worden war, strömten die Stammgäste in dem Gästehaus hinter Estelles Bar ein und aus. Sie kamen in einer geordneten Gruppe herein, ließen Aufläufe oder Bier da und blieben gerade lange genug, um ihren Gips zu signieren oder einen Moment zu plaudern.
Estelle warf von der Terrasse aus immer ein wachsames Auge auf sie, die Zigarette fest zwischen den Lippen, während der Rauch um ihre rote Haartolle wirbelte. Die Leute kamen in Vierergruppen herein und nach ein paar Minuten wurde erwartet, dass sie weitergingen, während alle anderen vor der Tür warteten. Eireka lächelte, blickte zu Estelle hinüber und winkte ihr zu. Estelle antwortete mit einem Nicken und blies eine lange Rauchfahne aus, wobei sie genau dort blieb, wo sie war, eine Hand auf der knochigen Hüfte.
Estelle hatte nur einmal vorbeigeschaut, spät in der Nacht, nachdem die Bar leer war und leise an die Tür geklopft. Leira war noch wach gewesen, hatte wieder an die Decke gestarrt und war dankbar für die Ablenkung. »Herein.« Sie konnte den Zigarettenrauch sogar durch die geschlossene Tür riechen. Das war Estelles Visitenkarte.
Estelle kam herein und holte leise einen Stuhl aus der Küche, ohne ein Wort zu sagen. Leira war an die Einmischungen von Estelle gewöhnt, wenn sie allein war. Sie schien immer zu wissen, wann sie hereinplatzen und wann sie sich zurückhalten sollte.
Estelle zog den Stuhl nahe an die Couch heran und setzte sich auf die Kante, lehnte sich in der Dunkelheit dicht an Leira heran, um sie besser sehen zu können. »Wie geht’s dir, Kleine?« Sie bemühte sich, nicht an der angezündeten Zigarette zu ziehen. Ein kleines Zugeständnis daran, dass sie sich im Gästehaus befand.
Leira schaute über Estelles Schulter hinweg und sah den Troll auf dem Küchentisch stehen und um den Türrahmen herum spähen. Sein blasses Fell schimmerte silbrig im Mondlicht, das durch die Fenster hereinfiel. Er zog sich in den Schatten zurück, als Leira sich wieder auf Estelle konzentrierte.
»Mein Verstand denkt, dass ich aufstehen und etwas tun kann, aber mein Körper zögert noch ein wenig«, antwortete Leira schließlich. Sie stützte sich auf ihre Ellbogen und stieß ein leises Ächzen heraus, vorsichtig, um ihre Mutter nicht zu wecken. Der Troll spähte wieder umher, diesmal hielt er ein großes Stück Toasty zwischen seinen Pfoten und knabberte leise an den Rändern. Leira zwang sich, zu Estelle hinüberzusehen.
»Hört sich gut an.« Estelles Stimme war tief und kiesig. Ihr normaler Tonfall. »Dein juckendes Hirn wird dich unruhig machen, aber es wird dich auch etwas schneller von der Couch bringen.« Estelle lehnte sich zurück, den Kopf zur Seite geneigt, während sie Leira musterte. »Du kommst schon klar. Du hast ein bisschen gute texanische Erde in dir.«
Leira sah zu Estelle hinüber. »Du meinst doch nicht etwa mich?«
»Nein, mein Mädchen. Jeder muss ein Stückchen Dreck essen, bevor er stirbt. Das ist gut für dich. Wenn du das Glück hast, aus Texas zu kommen, dann hast du diesen guten texanischen Dreck im Blut. Irgendetwas ist mit dem Boden hier … wenn du zu Boden gehst, bist du doppelt so entschlossen, wieder aufzustehen und es allen zu zeigen.«
Estelle lehnte sich näher an Leira heran, bis Leira die Mischung aus Shalamar und Zigaretten riechen konnte. Nach vier Jahren im Gästehaus war das seltsam beruhigend für sie. Es gab ihr das Gefühl, mit der Welt verwurzelt zu sein. Ich brauche das.
Das Bild von Correk, wie er vom Schlachtfeld getragen wurde, schoss ihr durch den Kopf und sie spürte ein starkes Zucken in ihrem Bein, das sie zusammenfahren ließ, als sie von Estelle zurückwich. Sie hatten das gebrochene Bein mit einem Unfall erklärt, als sie einen Bösewicht aufgespürt hatten, der wohl seine Medikamente nicht genommen hatte und daher sehr aggressiv war. Correks Abwesenheit wurde als ein Auftrag für die Bundespolizei erklärt, über den sie nicht im Detail sprechen durften. Er würde für eine Weile nicht zurückkommen.
Estelle beobachtete, wie der Schmerz durch Leiras Körper zuckte und lehnte sich zurück, die dünnen roten Lippen fest aufeinander gepresst. »Hör dir diese Anweisungen an. Du machst es nicht allein«, sagte sie schließlich. »Ich weiß, dass du nicht um viel Hilfe bitten wirst. Das verstehe ich und ich bewundere es. Du hast eine Menge Leichtsinn in dir. Aber es ist auch wahr, dass viele Leute hier dich als Familie betrachten und sie werden in kürzester Zeit hier durchstapfen, um nach dir zu sehen und ein wenig Freundlichkeit zu zeigen. Lass sie. Die Menschen finden ihre eigenen Wege, dir zu sagen, dass sie dich lieben, aber du musst bereit sein, es zu hören. Es ist auch ein Geschenk für sie.« Sie betonte die letzten Worte mit Nachdruck, nickte heftig mit dem Kopf und biss die Zigarette fast entzwei.
»Und jetzt lass mich diesen verdammten Gips unterschreiben.« Estelle hatte einen schwarzen Marker herausgezogen und machte ein übergroßes ›E‹, gefolgt von dem Rest ihres Namens in einem Wirbel. Sie schrieb ihren Namen direkt auf Leiras Knie, mit einem schönen Fleck, auf den ein wenig Zigarettenasche gefallen war. »Na bitte, schon viel besser.« Zufrieden klopfte sie sich auf die Oberschenkel und noch mehr Asche fiel auf den Boden.
Leira hatte sich in die Kissen zurückfallen lassen, ohne ihr zu antworten und schlief ein, bevor sie noch etwas sagen konnte. Als sie ihre Augen wieder öffnete, war es Morgen und Estelle war weg. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob sie wirklich ein Mensch ist .
Seitdem hatte Estelle die Stammgäste ermutigt, vorbeizukommen und ihre Besuche überwacht.
Die Stammgäste wussten, dass sie sich nicht in Leiras kleinem Wohnzimmer aufhalten durften, sonst würden sie auf Estelles Liste stehen. Wenn sie es doch taten, bekamen sie einen Monat lang Seitenblicke durch den rauchigen Dunst, die einen bis ins Mark erschüttern konnten. Das und die langsame Bedienung bei den Bieren. Craig und Scott eilten herein und signierten den Gips. Sie wünschten alles Gute, während Craig einen Sixpack Shiner Bock abstellte. »Ich war dir ein paar Bier schuldig«, sagte er und lächelte, als sie sich schnell wieder in die Bar zurückzogen. Der Gips wurde mit Unterschriften übersät. Cassidy holte ein paar Stifte in verschiedenen Farben hervor und malte Stechpalmenblätter und Beeren direkt neben ihren Namen.
Mike machte in letzter Minute den Vorschlag, dass sie Leira zur Bar helfen und sie dort abstützen könnten, während Mitzi und Kimberly den Kopf schüttelten. Aber er machte weiter, bis Estelle draußen ein leises Knurren von sich gab.
»Das war das erste Mal«, murmelte er leise, während er Leira mit großen Augen auf die Schulter klopfte. Schnell unterschrieb er mit seinem Namen und ging an Estelle vorbei, die ihm im Vorbeigehen ein großes, rauchiges ›O‹ über den Kopf blies.
»Verdammt, es ist, als würde sie ihn markieren, während er vorbeigeht«, sagte Craig und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Als die letzten Stammgäste wieder in der Bar saßen und Eireka die Tür geschlossen hatte, kam der Troll aus dem Schlafzimmer, kletterte an der Couch hoch und setzte sich auf die Lehne. Er ließ seine Beine über die Kante baumeln und gab ein leises Trillern von sich, hob einen Stift auf, den Cassidy vergessen hatte und bedeckte seine Pfote mit Tinte, setzte sie auf dem Gips auf, um einen winzigen Abdruck zu hinterlassen.
»Ein Yumfuck Weihnachten«, trällerte der Troll.
»Das würde eine Menge Essen einbeziehen.« Leira nahm den Troll von ihrem Gips und hielt ihn in ihrer Handfläche. »Das ist auch dein erstes Weihnachten. Ich schätze, ich kann es besser machen, wenn ich den anderen wenigstens nicht in die Quere kommt, Ho Ho Ho.«
»Fa ra ra ra ra.« Der Troll lächelte.
Leira sah den Troll an und lächelte. »Mein Lieblingsfilm aller Zeiten, egal zu welcher Zeit des Jahres. Eine Weihnachtsgeschichte. Der war gut, Yumfuck.« Sie hielt ihn näher an ihr Gesicht. »Aber keine Partys. Abgemacht?«
»Abgemacht.« Er überkreuzte seine Pfoten hinter seinem Rücken und lächelte Leira an.