D ie Stammgäste traten von Leiras Tür weg und machten sich auf den Weg zu ihren Lieblingsplätzen an der langen Bar auf der anderen Seite des Innenhofs. Sie saßen an der Bar und plauderten über die Arbeit und die Bowling-Saison, während Estelle zum hinteren Teil der Bar ging. Alle achteten darauf, nicht in Richtung des Gästehauses zu schauen. Estelle stand auf ihrem Hocker auf und wischte die Theke ab, als ein Paar versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. »Nein, Süße, noch nicht. Beende dein Gespräch.« Sie legte den Kopf schief, als hätte sie etwas Interessantes gehört und hüpfte hinunter, ging in die Bar und bog scharf in Richtung Küche ab, vorbei an dem großen rosafarbenen, mit weißen und blauen Ornamenten geschmückten Weihnachtsbaum. Die beiden sahen sich an und blickten sich um, als Mitzi sie anlächelte.
»Ich schwöre, sie hat das Gehör einer Fledermaus«, sagte Paul.
»Warte einen Moment, bis wir sicher sind, dass sie wirklich weg ist.« Craig lehnte sich auf seinem Hocker nach links, um einen besseren Blick ins Innere zu werfen. »Keine Spur von ihr.«
»Sie ist außer Sichtweite in der Küche. Sie kann uns weder hören noch sehen.«
»Ich meine, ich bekomme die weißen Lichter überall. Die Hälfte davon lässt sie das ganze Jahr über brennen. Das ergibt irgendwie Sinn.«
»Sollen wir Geschenke mitbringen? Vielleicht einen chinesischen Gabentausch machen? Oder ein Wichtelspiel.«
»Da drinnen steht eine Elfe im Regal, die jede Nacht umherzieht.«
»Kein Scherz …«
»Kein Wichteln. Wir machen das für Leira. Verschönern ihre Wohnung. Muntern Leira auf. Bleiben bei der Mission.«
»Hast du die großen Lichtkugeln am Zaun vor dem Haus gesehen? Estelle hat eine Vision. Der rosa Baum ist cool.«
»Beeilen wir uns und werden fertig, bevor Estelle zurückkommt. Jemand muss herausfinden, wann Leiras Wohnung leer ist.«
»Oder wir stürmen einfach den Laden und bauen uns direkt vor ihr auf, ohne auf ihr Fluchen zu achten.«
»Ich höre es gar nicht mehr. Sie sagt: ›Wichser‹ und ich sage: »Gut, wie geht es dir?«
»Meinst du, Correk schafft es rechtzeitig zur Party zurück?«
»Wahrscheinlich nicht. Es hat sich so angehört, als ob er irgendwo undercover wäre.«
»Ich bringe einen gebackenen Brie und Ingwerkekse mit. Das mögen immer alle.«
»Wie kann so ein großer Schluck Wasser unbemerkt bleiben?«
»Nicht unbemerkt. Undercover. Zieh deine Zunge wieder zurück in deinen Kopf, Mitzi. Du siehst aus wie Lemon.«
»Estelle hat etwas Besseres zu tun. Sie ist immer noch drinnen und beachtet uns gar nicht. Sie kann uns nicht hören.«
»Das hat nichts zu bedeuten.« Kimberlys Augenbrauen schossen in die Höhe, als jemand aus der Tür zum Innenhof kam, aber es waren nur ein paar Studenten der University of Texas, die auf dem Weg zum Cornhole Spiel waren. »Man könnte meinen, wir wären ein Haufen Kinder.«
»Das ist nur, weil wir ausnahmsweise mal die Regeln brechen und etwas für Leira tun wollen. Du hast das Wohnzimmer gesehen.« Cassidys Augen wurden bei der Erinnerung daran noch größer. »Nicht viel Dekoration an einem gewöhnlichen Tag.«
Mike lehnte sich über den Tresen, behielt die Fenster im Auge und füllte sein Glas aus dem Zapfhahn. Er lehnte sich zurück und trank die Hälfte aus, um den Beweis zu vertuschen. »Mit Scheiße davonzukommen, ist der halbe Spaß.«
»Du gibst immer so viel Trinkgeld. Womit genau kommst du durch?« Craig schüttelte den Kopf.
»Das ist Estelles Haus und wir sind auf Einladung hier. Ich laufe Gefahr, verbannt zu werden.« Er kippte die letzten Schlucke hinunter, weil er es nicht riskieren wollte.
»Gott weiß wo. Du müsstest es in einer der Bars unten an der Straße versuchen und dich durch die Millennials kämpfen. Kein Bier ist das wert.«
»Er mag es, am Rande zu leben.«
»Es ist eher wie die Schneide eines Buttermessers.«
»Fick dich, Craig, und deine kleinen Tabellenkalkulationen gleich mit.«
»Beleidige nicht das Tabellenblatt eines Mannes.«
»Können wir uns für eine Sekunde auf Leira konzentrieren? Männer!«
»Ich weiß, was ich ihr zu Weihnachten schenken werde. Ein gerahmtes Bild von uns. Damit sie etwas zum Anschauen hat.« Mitzi nickte entschlossen mit dem Kopf.
»Normalerweise spielt das keine Rolle. Sie ist fast nie dort, außer zum Schlafen, aber jetzt sitzt Leira eine Weile dort fest. Wir sollten etwas tun. Es für sie aufpeppen. Warte mal, ich mache eine Tabelle.« Craig holte seinen Laptop heraus.
Paul schaute über seine Schulter. »Das ist wie dein Tagebuch, nicht wahr? Dein ganzes Leben in einer Tabelle. Steht da auch dein Sexleben drin? Nein?«
»Ich hole den Baum«, sagte Mike und schaute wieder auf den Zapfhahn.
»Tu es nicht, Kumpel. Estelle kann eine Störung im Energiefeld spüren, die so klein ist wie ein pinkelnder Floh. Das ist es nicht wert. Du solltest stattdessen mit Freestyle-Klettern oder Fallschirmspringen anfangen. Das ist weniger gefährlich«, schlug Scott vor.
»Kauf einen Baum vom Parkplatz vor dem Supermarkt. Die haben die schönen, vollen Bäume.« Mitzi brach ein Stück von einem Cracker ab und öffnete ihre große Handtasche. Ihr kleiner Hund Lemon streckte seinen Kopf hoch, als sie ihn mit dem Cracker fütterte. »Ich kann die Lichter und ein paar Dekorationen besorgen. Ich frage mich, ob Leira welche hat.«
»Hat jemand eine Idee, wann wir das machen werden? Wir haben kaum eine Chance, Leira dazu zu überreden«, sagte Kimberly. »Es muss sein, wenn sie nicht da ist und das war in letzter Zeit nicht oft der Fall.«
»Ihre Mutter ist da und sie mag uns.« Craig schaute von seinem Laptop auf. Er war damit beschäftigt, die Namen aller Teilnehmer einzutippen und verschiedene Spalten zu erstellen. »Wer bringt das Essen mit?«
»Ich kann mein berühmtes Chili machen«, sagte Cassidy und hob ihre Hand.
»Ich werde Maisbrot machen.« Mitzi brach ein weiteres Stück des Crackers ab und gab es Lemon.
»Du fütterst den Hund auch mit normalem Hundefutter, richtig?« Kimberly schaute in die große Handtasche, als Lemon aufblickte und ein scharfes Bellen von sich gab.
»Craig, mach die Empanadas, die du zur letzten Mitbringsel-Party mitgebracht hast!« Mike wollte sich gerade über die Theke lehnen, als Estelle am Fenster vorbeikam und ihm direkt in die Augen sah. Er erstarrte und hielt ihrem Blick stand, weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte. Sie blinzelte und hielt am Fenster inne, bevor sie weiter ins Innere des Restaurants ging. »Es fühlte sich an, als wäre etwas über mein Grab gegangen.« Mikes Gesicht war aschfahl.
Craig lachte und klopfte ihm auf die Schulter. »Wir sollten es den Stammgästen aus der anderen Bar erzählen. Wie hieß sie?«
»Jackalope.«
»Das stimmt, das war’s. Wir machen eine richtige Party daraus.«
»Ich werde sie anrufen. Ich habe die Nummer von Toni. Ich mochte sie wirklich. Sie hatte etwas an sich.«
»Zuerst sollten wir herausfinden, wie wir da reinkommen, um den Ort überhaupt zu dekorieren und dann müssen wir die Eier haben, die Party zu schmeißen. Die Konsequenzen von Estelle kümmern uns einen Dreck.« Scott streckte seine Hand aus. »Kommt schon, steigt ein. Entweder sind wir alle dabei oder keiner. Wer ist dabei?«
»Scheiß drauf, ich bin dabei.« Mitzi klatschte ihre kleine, pummelige Hand auf die von Scott, während Craig seinen Laptop abstellte und ihre Hand mit seiner großen, ledrigen Hand vollständig bedeckte. Die anderen legten einer nach dem anderen schnell ihre Hände darauf und Mike sagte leise: »Alle für einen …«
»Und einer für alle …«, antworteten sie.
»Was um Himmels willen macht ihr hier draußen? Ihr habt doch nicht etwa ohne mich ein Team gegründet, oder?« Estelle saß wieder auf ihrem Hocker hinter der Bar, schenkte Mike einen Drink ein und schob ihn ihm mit einer fließenden Bewegung vor die Nase. Er schreckte auf und rutschte ungeschickt von seinem Hocker, konnte sich aber auffangen, bevor er ganz zu Boden fiel.
»Sie weiß es immer …«, flüsterte Cassidy ihm ins Ohr.
»Fledermausgehör«, ergänzte Paul flüsternd.
Estelle betrachtete sie alle und legte ihre Finger um ihre Zigarette, nahm einen langen Zug und ließ den Rauch langsam ausströmen. »Habt ihr schon Pläne für die Ferien?«
Mitzi summte die ersten paar Takte aus dem Exorzisten vor sich hin.
»Abendessen mit der Familie.«
»Wie er gesagt hat.« Craig klappte langsam seinen Computer zu und legte ihn beiseite, während sich alle wieder über den warmen Winter unterhielten oder das Cornhole Spiel in der Nähe beobachteten.
»Aha.« Estelle stieß ein Ächzen aus und stieg von ihrem Stuhl, ohne die beiden aus den Augen zu lassen. Sie wartete einen Moment und drehte sich um, um hineinzugehen. Ein verschmitztes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus und ließ die Falten um ihren Mund noch tiefer werden. »Wird auch Zeit«, murmelte sie außer Hörweite, während sie die Zigarette im Mund drehte. »Eine Party wäre schön.«