Natürlich kannte auch ich das Gefühl, zu Recht hassen zu dürfen. In Auschwitz, während der Gefangenschaft, kurz danach. Aber welch ein Irrtum! Jahrzehnte später, wenn ich an Delegationen nach Auschwitz teilgenommen und mit jungen Menschen gesprochen habe, habe ich immer gegen den Hass gesprochen. Ich hasse nicht, weil ich verstanden habe, dass Rache und Hass niemals satt machen. Hass ist wie ein gefräßiges Ungeheuer, er hat immer Hunger, das macht ihn so gefährlich und omnipräsent in der Welt. Ich müsste also immer weiter hassen, das Gefühl würde niemals aufhören, der Hass würde nie eine Lösung wollen. Warum auch: Gäbe es eine Lösung, wäre der Grund für den Hass vorbei, der Hass obsolet. Und auch das habe ich gelernt: Hass beschädigt und verletzt vor allem diejenigen, die hassen und nicht seine Adressaten, diejenigen, gegen die er gerichtet ist. Menschen, die hassen, vergiften sich selbst und bezahlen dafür einen hohen Preis.
Was der Hass kann, was der Hass aus Menschen machen kann, das hat Auschwitz gezeigt. Er bringt Menschen dazu, sich unmenschlich zu verhalten, was wiederum wohl das adäquate Verhalten an einem Arbeitsplatz ist, der sich »Vernichtungslager« nennt. Die Frage bleibt, warum der Mensch sich buchstäblich gegen seine Natur wendet und sich unmenschlich verhält, eine schlüssige, alles erklärende Antwort wird es darauf wohl nie geben. Wenn die Nazis aber nicht allesamt psychisch gestört, wenn sie nicht verrückt oder geisteskrank waren, dann heißt das wohl: Es kann wieder passieren und es wird wieder passieren, immer dann, wenn wir nicht auf der Hut sind. Nicht nur in Deutschland, überall auf der Welt, auch hier in Israel.
Vor einiger Zeit habe ich meinen Enkel Ben gefragt, er ist ein junger Mann Anfang 30, ob er schon einmal Bomben abgeworfen hat und Menschen dabei ums Leben gekommen sind. Ben ist Dorons Sohn und seit zehn Jahren Pilot bei der israelischen Luftwaffe, er hat Einsätze in Gaza und im Libanon geflogen. Er erzählte mir, er und seine ranghöheren Kommandeure gingen immer auf Nummer sicher, damit keine unschuldigen Zivilsten betroffen sind. Wenn das nicht gewährleistet werden könne, würden Angriffsflüge abgesagt. Bei Luftangriffen würde man ganz bewusst zuerst eine Warnrakete in die Luft schießen, um der Zivilbevölkerung zu signalisieren, dass sich der Feind unter ihnen versteckt hält und sie als menschliches Schutzschild missbraucht werden. Erst fünf Minuten später würde dann die echte Rakete folgen. Solche »Knocking-on-Roof«-Einsätze würden also immer erst »anklopfen«, bevor es zu Bombardierungen komme. So könnten alle, die nicht an den Kämpfen beteiligt sind, rechtzeitig vom Ort des Geschehens fliehen. Würde er einen Fehler machen, würde er umgehend suspendiert und der Fall untersucht werden. Das sei aber noch nicht vorgekommen, sagte Ben.
Und doch zeigt es, wie schmal der Grat ist: Auch wir müssen aufpassen! Andererseits habe ich manchmal den Eindruck, dass gerade Länder, deren Militärs weit weniger moralisch handeln, vom jüdischen Staat Standards einfordern, die sie selbst nie akzeptiert haben und auch nie akzeptieren würden. Trotzdem ist die Kritik an Israel groß. Man misst mit zweierlei Maß und ist sich auch für ein gewisses Maß an moralischer Heuchelei nicht zu schade. Ganz unabhängig davon, was andere über uns sagen und von uns verlangen, ich glaube an unsere Pflicht, an uns selbst die allerhöchsten Maßstäbe anzulegen. Es schmerzt mich im gleichen Maße, wenn Araber unschuldige Juden töten, wie wenn Juden unschuldige Araber töten. Das macht für mich keinen Unterschied. Vor dem Hintergrund unserer Geschichte – von Auschwitz über die Staatsgründung bis zur Verteidigung unseres Landes – sollten wir schon deshalb moralischer handeln, weil wir es besser wissen, nach allem, was wir erlebt, erlitten und durchgestanden haben.
Nach all den Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die ich in den 93 Jahren meines Lebens selbst erlebt oder von denen ich erfahren habe, weiß ich: Das Böse setzt sich immer dann durch, wenn die Guten schweigen. Diejenigen also, die ein Gewissen haben und menschliche Werte. Das ist auch der Grund, warum ich immer laut aussprechen werde, was ich denke. Völlig egal, ob Unrecht und Gewalt in meinem direkten Umfeld passieren oder in Syrien, Afghanistan, Bosnien, im Jemen oder jetzt in der Ukraine. Ich bin fest davon überzeugt, dass die unzähligen grauenhaften Verbrechen in den dunklen Tagen des Zweiten Weltkrieges auch deshalb geschehen konnten, weil zu viele der Guten, in Deutschland und in den von Nazis besetzten Gebieten, lieber geschwiegen haben. Damit will ich den Widerstand nicht kleinreden, es gab ihn, die ungeheuren Verbrechen aber sprechen für sich. Und so gehören diese beiden Gebote für mich untrennbar zusammen:
Hasst nicht und schweigt nicht!