Die Arbeiterbewegung in der „nachholenden Modernisierung“ des 19. Jahrhunderts
In einer anderen Hinsicht stellte sich die Ungleichzeitigkeit der kapitalistischen Entwicklung auch als eine äußere dar. Ein großer Teil der Erde war noch so gut wie gar nicht der Logik dieser Produktionsweise unterworfen worden, noch nicht einmal in der oberflächlichen kolonialistischen Form. Ein erheblicher Teil der kolonialen Annexionen fand erst im 19. Jahrhundert statt, und selbst die einmal eroberten Länder und Weltregionen waren natürlich in den Strukturen ihrer gesellschaftlichen Reproduktion bei weitem nicht derart kapitalistisch durchdrungen wie die Mutterländer. Als Rohstoffreservoire und eher marginale Absatzgebiete konnten sie nur teilweise in den kapitalistischen Prozess einbezogen werden, während das Leben im großen Hinterland, das nur punktuell politisch-militärisch beherrscht war, noch weitgehend in vorkapitalistischen Formen verharrte.
Vor allem aber gab es auch innerhalb Europas selber ein gewaltiges Entwicklungsgefälle. Obwohl der Kapitalismus eine lange Vorgeschichte hinter sich hatte, konnte am Ende des 18. Jahrhunderts nur das bereits ansatzweise industrialisierte England ein modernes kapitalistisches Land genannt werden, dem gegenüber die Entwicklung auf dem Kontinent relativ zurückgeblieben war. Innerhalb des kontinentalen Europa wiederum war der westliche Teil (insbesondere Frankreich und Holland) im Verhältnis zu Mittel- und Südeuropa weiter fortgeschritten. In Deutschland war noch nicht einmal die Voraussetzung einer einheitlichen Nationalökonomie und eines dazugehörigen Nationalstaats herausgebildet. So stand das 19. Jahrhundert in Europa und im Kreis jener Länder, die man bereits vage als kapitalistische zu bezeichnen begann, ganz wesentlich im Zeichen einer Aufholjagd. Diese erste nachholende Modernisierung bildete (in der Konkurrenz mit England und Frankreich) geradezu ein Paradigma, das am nachhaltigsten die Entwicklung in Deutschland und in Italien prägte. In Asien kam dann noch Japan hinzu, auf der anderen Seite des Atlantiks mauserten sich die USA sprunghaft zu einem eigenständigen Fokus industriekapitalistischer Entwicklung.
Erst dieser Prozess nachholender Modernisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließ jenes widersprüchliche globale Zentrum von relativ wenigen Ländern entstehen, die seither in wechselnden Konstellationen und durch verheerende Weltkriege hindurch die kapitalistische Welt dominieren: Was sich nach dem Zweiten Weltkrieg als exklusiver Club der OECD konstituierte, in jüngster Zeit als „G7“ regelmäßige globale Gipfelkonferenzen veranstaltet und als Triade (mit den Zentren EU, Japan und USA) figuriert, besteht immer noch aus genau jenem Zentralkomplex von Staaten und Nationalökonomien, die das Ergebnis des angelsächsisch-westeuropäischen „Vorlaufs“ und der anschließenden nachholenden Modernisierung Deutschlands, Italiens und Japans im 19. Jahrhundert waren.
Es konnte nicht ausbleiben, dass neben der grundsätzlichen inneren auch diese äußere, nationalstaatlich-nationalökonomische Ungleichzeitigkeit den immanenten Antikapitalismus der alten Arbeiterbewegung bestimmte. Wo in dieser oder jener Hinsicht ein Entwicklungsrückstand zu anderen kapitalistischen Nationen bestand, machte sie sich dieses Problem positiv zu eigen, und wo dieses Gefälle besonders stark war, nahm diese Identifikation auch einen besonders ausgeprägten Charakter an. In Deutschland gehörten die marxistische Sozialdemokratie und die Gewerkschaften zu den vehementesten Verfechtern der nationalen Vereinigung. Wurde diese nationalstaatliche Einheit auch letzten Endes durch den preußischen Militärstaat unter Ägide des Kanzlers Bismarck „von oben“ und im Rahmen eines anachronistischen Kaiserreichs vollzogen, so ist der deutschen Sozialdemokratie doch bis heute ein besonders finsterer bürgerlicher Patriotismus erhalten geblieben. In den Konkurrenzverhältnissen, wie sie die Konstellation der nachholenden Modernisierung im 19. Jahrhundert kennzeichneten, nahmen schließlich alle Arbeiterparteien den nationalökonomischen und nationalstaatlichen Standpunkt „ihres“ Landes ein, eine Orientierung, die bekanntlich dazu führte, dass sich die „befreundeten“ nationalen Arbeiterbewe- gungen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs wieder be- gegnen sollten, um sich voller Hass und mit Enthusiasmus gegen- seitig umzubringen. Dieses Einschwenken auf die Position der nationalökonomischen Konkurrenz in der äußeren Ungleichzeitigkeit unter dem Eindruck der nachholenden Modernisierung stand in einem Verhältnis logischer Notwendigkeit zur avantgardistischen Rolle der Arbeiterbewegung hinsichtlich der inneren Ungleichzeitigkeit des kapitalistischen Systems: Die soziale Opposition nach innen und der nationale Konformismus nach außen waren in Wahrheit gar nicht so gegensätzlich, wie es zunächst vielleicht scheinen mochte.