Die Zwillinge: Der exoterische und der esoterische Marx
In diesem Spannungsfeld innerer und äußerer Ungleichzeitigkeit des Kapitalismus im 19. Jahrhundert ist die Entstehungsgeschichte der Marxschen Theorie angesiedelt. Marx, selber ein Dissident des bürgerlichen Liberalismus, konnte gar nicht anders, als dieser Spannung Rechnung zu tragen. Oberflächlich betrachtet spiegelt Marx‘ Wirken den inneren und äußeren Widerspruch des Kapitalismus seiner Zeit in doppelter Weise. Zum einen war Marx (neben Friedrich Engels) die herausragende Figur des sozialen Seitenwechsels avantgardistischer Intellektueller, die in der Kritik der besonders in Kontinentaleuropa strukturell rückständigen Regierungsformen von der gemäßigt oppositionellen liberalen Bourgeoisie zur proletarischen Opposition der beginnenden Arbeiterbewegung übergingen. Wenn man freilich den Charakter dieser Bewegung als immanenten Entwicklungsmotor des Kapitalismus selbst versteht, dann war dieser Seitenwechsel keineswegs so sensationell und historisch einschneidend, wie es die marxistische Hagiographie immer hingestellt hat. Der bloße Wechsel des Klassenstandpunkts blieb im Gegensatz zum Selbstbewusstsein der Akteure ganz im Rahmen der kapitalistischen Logik und war vor allem von der Enttäuschung über die mangelnde immanente Fortschrittlichkeit der empirischen, dem damaligen Status quo allzu sehr verhafteten, allzu konservativen Kapitalisten-Klasse bestimmt.
Die Grundfigur des daraus resultierenden dissidenten Denkens bestand in der Idee, die von der „besitzenden Klasse“ des aufsteigenden Kapitalismus nur halbherzig und schleppend durchgeführten, großenteils sogar liegengelassenen „bürgerlichen Aufgaben“ der weiteren kapitalistischen Entwicklung (Ausdifferenzierung der bürgerlichen Rechtsverhältnisse, Homogenisierung des sozialen Raums, Modernisierung der familialen und kulturellen Strukturen etc.) gewissermaßen der jungen Arbeiterbewegung zu übertragen, ein gerade bei Marx immer wieder anklingendes Motiv. Insofern machte die Theorie aber nur bewusst, was ohnehin als wesentlicher Impuls der Arbeiterbewegung durch den Kampf um Anerkennung im Kapitalismus bereits angelegt war. Und soweit die Marxsche Theorie diesem Impuls wissenschaftlichen Ausdruck verlieh, konnte sie eben zum gesellschaftstheoretischen Sprachrohr oder zur wissenschaftlichen Repräsentanz der Arbeiterbewegung als jenem inneren Entwicklungsmotor des Kapitalismus werden.
Verstärkt wurde diese Rolle der Marxschen Theorie auch noch dadurch, dass Marx als Deutscher gleichzeitig aus der Perspektive der spezifisch deutschen kapitalistischen „Unterentwicklung“ schrieb. „Uns quält“, heißt es schon im Vorwort zur ersten Auflage des „Kapital“, „gleich dem ganzen übrigen kontinentalen Westeuropa, nicht nur die Entwicklung der kapitalistischen Produktion, sondern auch der Mangel ihrer Entwicklung. Neben den modernen Notständen drückt uns eine Reihe vererbter Notstände, entspringend aus der Fortvegetation altertümlicher, überlebter Produktionsweisen, mit dem Gefolge von zeitwidrigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Wir leiden nicht nur von den Lebenden, sondern auch von den Toten. Le mort saisit le vif“… In solchen Aussagen wird deutlich, wie sehr der Dissident Marx dem liberalen Fortschrittsbegriff und dem historischen Entwicklungsschema der Hegelschen Philosophie verhaftet war, das er lediglich aus einer rein geistesgeschichtlichen Fassung auf die Geschichte der ökonomischen Produktionsweisen übertragen oder, wie er selbst es ausdrückte, „vom Kopf auf die Füße gestellt“ hatte. Der Kapitalismus war aus dieser Sicht historisch einfach „dran“, und um ihn regelrecht abschaffen zu können, musste man ihn als historisch notwendige Produktionsweise erst einmal einführen, aufpäppeln, weiterentwickeln und gewissermaßen seinem Begriff annähern. Zu umgehen sei er jedenfalls nicht, so Marx in jenem Vorwort, denn es handle sich um mit „eherner Notwendigkeit sich durchsetzende“ Tendenzen: „Das industriell entwickeltere Land zeigt dem minder entwickelten nur das Bild der eigenen Zukunft“.
In seinem positiven theoretischen und in gewisser Hinsicht geschichtsphilosophischen Bezug sowohl auf die innere wie auf die äußere Ungleichzeitigkeit des Kapitalismus im 19. Jahrhundert kann Marx als reflektierter Modernisierungstheoretiker und gerade dadurch als „Cheftheoretiker“ der modernen Arbeiterbewegung gelesen werden. In dieser Lesart haben wir es mit dem vertrauten Marx des „Klassenkampfs“, des „ökonomischen Interesses“, des „Arbeiterstandpunkts“, des „historischen Materialismus“ usw. zu tun. Ginge die Marxsche Theorie darin auf, dann würde sie sich nur der sozialen Akzentsetzung nach, nur durch ihre spezifische Terminologie und durch ihren geschichtstheoretischen Unterbau von anderen Modernisierungstheorien unterscheiden. In diesem Sinne wäre das Programm einer bloß immanenten, auf die verschiedenen Ebenen der Ungleichzeitigkeit bezogenen Kapitalismuskritik heute abgearbeitet und damit auch Marx erledigt.
Aber in die Marxsche Theorie ist auch ein ganz anderer Argumentationsstrang eingezogen, der über den Horizont seiner Zeit weit hinausreicht. Dabei handelt es sich um eine viel tiefer gehende Kapitalismuskritik, die auch im logischen und historischen Sinne diesen Namen verdient, weil sie die kapitalistische Produktionsweise grundsätzlich in ihren elementaren politisch-ökonomischen Formen kritisiert, die alle sozialen Gruppen, Klassen und Schichten übergreifen und das gemeinsame Bezugssystem der innerkapitalistischen sozialen Konflikte bilden. Diese zweite und eigentliche Ebene der Marxschen Kapitalismuskritik gilt nicht mehr bloß einem bestimmten Modus oder einer bestimmten Entwicklungsstufe oder bestimmten Auswirkungen dieses gesellschaftlichen Formzusammenhangs, sie ist nicht bloß akzidentiell oder phänomenologisch, sondern sie betrifft das Wesen oder den Kern der Sache; sie bezieht sich nicht auf negative Eigenschaften oder (möglicherweise einer immanenten Korrektur zugängliche) Fehler und Mängel, sondern sie ist kategorisch oder kategorial, d.h., sie verwirft die grundlegenden Wesensbestimmungen des Kapitalismus.
Dabei handelt es sich ja nicht um bloße Bestimmungen des (theoretischen, wissenschaftlichen) Denkens, sondern um Realkategorien der gesellschaftlichen Reproduktion und Lebensweise, die dann als Begriffe in der Theorie (z.B. in der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre) wieder erscheinen. Deswegen lässt sich der Untertitel des Marxschen „Kapital“, nämlich die „Kritik der politischen Ökonomie“, auch doppelt verstehen: einmal als Kritik der vor oder unabhängig von jeder Theorie existierenden realen, objektiven Verhältnisse in ihren elementaren sozialökonomischen Beziehungsformen, zum anderen als Kritik der damit verbundenen und daraus hervorgehenden Denk- und Bewusstseinsformen sowohl des „Alltagsverstands“ als auch der Ideologie und der Wissenschaft.
Es ist ziemlich leicht, die elementaren kapitalistischen Kategorien zu benennen, aber es ist ziemlich schwer, sie einer grundsätzlichen Kritik zu unterziehen. Die Abstraktion „Arbeit“, der ökonomische „Wert“, die gesellschaftliche Darstellung der Produkte als „Waren“, die allgemeine Geldform, die Vermittlung durch „Märkte“, die Zusammenfassung dieser Märkte in „Nationalökonomien“ mit bestimmten Geldeinheiten (Währungen), die „Arbeitsmärkte“ als Voraussetzung einer derart flächendeckenden Waren-, Geld- und Marktwirtschaft, der Staat als „abstraktes Gemeinwesen“, die Form des abstrakt-allgemeinen „Rechts“ (der juristischen Kodifizierung) aller persönlichen und sozialen Beziehungen und als Form der gesellschaftlichen Subjektivität, die ausentwickelte, reine Staatsform der „Demokratie“, die irrationale, kulturell-symbolische Verkleidung der nationalökonomisch-staatlichen Kohärenz als „Nation“ – alle diese Grundkategorien moderner kapitalistischer Vergesellschaftung, einerseits durch blinde historische Prozesse hindurch herausgebildet, wurden den Menschen andererseits in einem mehrhundertjährigen Prozess der Pädagogisierung, Gewöhnung und Verinnerlichung von den jeweiligen (selber in Bezug auf das Ganze bewusstlosen) Protagonisten und Machthabern aufoktroyiert mit dem Ergebnis, dass diese Kategorien schon bald geradezu als unüberwindbare anthropologische Konstanten erschienen, die jeder Kritik spotten.
Es war allerdings eine reife Leistung der bürgerlichen Aufklärungsphilosophie und der dazugehörigen Wirtschaftstheorie des späten 18. Und des frühen 19. Jahrhunderts, dass es gelang, den vorher nie dagewesenen gesellschaftlichen Formzusammenhang des Kapitalismus als im Prinzip schon immer existierende Naturgesetzlichkeit des menschlichen Zusammenlebens zu verkaufen. Diese eigentlich ewigen Kategorien seien, so hieß es, in der Vergangenheit lediglich fehlerhaft und unvollständig angewendet worden, weil das nötige Verständnis (die durch Aufklärung erweckte Vernunft) gefehlt habe. Nachdem aber nunmehr diese Vernunft glücklicherweise endlich gefunden sei, habe die Geschichte der Irrtümer ein Ende, und die Menschheit könne in Befolgung der eigentlich schon immer vorhandenen und gültigen Prinzipien der Gesellschaft schlechthin (sprich: des Kapitalismus) einer glorreichen Zukunft entgegengehen.
Hegel modifizierte dieses Konstrukt auf raffinierte Weise, indem er die bei den Aufklärern noch als Fehler und Irrtümer figurierenden vormodernen Gesellschaftszustände in ebenso viele „notwendige Entwicklungsstufen“ umdefinierte, die natürlich allesamt nur den Sinn gehabt hätten, auf die wunderbare Moderne als Gipfel- und Endpunkt der menschlichen Entwicklung zuzulaufen. Dass Hegel dieses Stadium ausgerechnet in der konstitutionellen preußischen Monarchie erreicht sah, zeigt natürlich, wie sehr auch er die Moderne oder den Kapitalismus (der bei ihm freilich nicht so heißt, sondern wesentlich hochtrabendere Namen trägt, z.B. den des „Weltgeistes“) als Ziel der Geschichte mit dem unausgereiften Ist-Zustand seiner Zeit verwechselte.
So kam es also, dass die moderne Philosophie im Allgemeinen und die Volkswirtschaftslehre (später auch die ausdifferenzierten akademischen Disziplinen von Soziologie, Politikwissenschaft etc.) im Besonderen den völlig neuartigen kategorialen Zusammenhang der kapitalistischen Gesellschaft als angeblich natürliche Prinzipien des Zusammenlebens und des Wirtschaftens auf die gesamte Menschheitsgeschichte projizierten. Auch heute noch gilt es trotz aller Kritik an einer ahistorischen, unspezifischen Betrachtungsweise zumindest in den Wirtschaftswissenschaften als ausgemacht, dass schon der erste Faustkeil, den ein Vormensch aus dem Stein geschlagen hat, Kapital gewesen sei und einen Preis auf einem Markt von Subjekten eines Warentauschs erzielt haben müsse. Marx blieb zwar in geschichtsphilosophischer Hinsicht Hegel verhaftet; aber er machte sich doch nicht nur weidlich lustig über diese haarsträubenden Anachronismen der Volkswirtschaftslehre und er „historisierte“ nicht nur explizit oder implizit die modernen kapitalistischen Kategorien, sondern er bestimmte sie auch grundsätzlich als Formen einer zutiefst irrationalen, destruktiven und letztlich selbstzerstörerischen Form der Gesellschaft.
Aber diese radikale Kritik ist eben vermengt und verschränkt mit jener Analyse der inneren und äußeren Ungleichzeitigkeit des Kapitalismus und jener Repräsentanz der bloß auf Anerkennung „im“ Kapitalismus orientierten Arbeiterklasse, so dass Marx teils in seiner Ausdrucksweise, teils auch im Inhalt seiner Argumentation auf Schritt und Tritt zwischen einer grundsätzlichen kategorialen Kritik einerseits und einer „positivistischen“ (oder als solche lesbaren) Darstellung andererseits schwankt, ja im Hinblick auf viele zentrale Begriffe und Argumentationen offensichtlich in sich widersprüchlich wird. Insofern muss man vom „doppelten Marx“ sprechen, und zwar genau im Bezug auf dieses Verhältnis von positivistischer Immanenz und kategorialer Transparenz in seiner Theoriebildung. Dabei haben wir es einmal mit einem „exoterischen“ (nach außen gewandten, gut rezipierbaren) und einmal mit einem „esoterischen“ (kategorisch denkenden, schwer zugänglichen, die Dinge hinterfragenden) Marx zu tun. Der exoterische Marx ist der positiv auf die immanente Entwicklung des Kapitalismus bezogene, der esoterische Marx dagegen der auf die kategorische Kritik des Kapitalismus bezogene Theoretiker.