Marx und die Arbeiterbewegung: keine Liebesheirat
Für Marx selber und seine Rezipienten in der Arbeiterbewegung waren diese beiden ineinander verschlungenen Momente jedoch nicht auseinanderzuhalten. Obwohl Marx schon früh die Politik als Form einer bloß äußerlichen und abstrakten, vom Verwertungsprozess des Kapitals abhängigen Gesellschaftlichkeit erkannt hatte, bildete er sich doch ein, die Arbeiterbewegung könne gerade auf dem Weg des politischen (staatsbezogenen) Kampfes und über bloß immanente Interessenvertretung hinausgetrieben werden zu jener noch unscharfen und das kapitalistisch konstituierte Bewusstsein übersteigenden kategorischen Kritik, deren Erfüllung er selber gelegentlich als „Traum“, als „ungeheuerlichen Zweck“ oder als Tat eines „enormen Bewusstseins“ bezeichnete.
Die Arbeiterbewegung und ihre großenteils biederen politischen Repräsentanten konnten ihrerseits mit der implizit oder explizit aufscheinenden kategorischen Kritik so gut wie gar nichts anfangen. Ein wenig heuchlerisch schob man das Problem gern auf eine bloße Schwerverständlichkeit der theoretischen Ausdrucksweise und machte sich absichtlich dem „großen Denker“ gegenüber klein, aber nur um klammheimlich den schlichten Alltagsverstand des geldverdienenden Arbeitsmenschen gegen die „graue Theorie“ und ihre unpraktischen, nutzlosen „Spintisierereien“ in Anschlag zu bringen. Vor diesem Hintergrund erschienen jene angeblich unverständlichen Ausführungen von Marx zur grundsätzlichen Kritik der kapitalistischen Formen vielen sonst durchaus wohlwollenden Rezipienten auch als eine Art „Hegelianischer Flausen“ oder geradezu als „philosophischer Quatsch“. In Wahrheit verbirgt das abstrakt ontologische und erkenntnistheoretische, scheinbar praxisferne Räsonnement der modernen Philosophie in seiner terminologischen Verkleidung eben die Reflexion über die kapitalistischen Denkformen, die zugleich gesellschaftliche Praxisformen sind.
Während Marx wider sein eigenes besseres Wissen in der über den bloß gewerkschaftlichen täglichen Interessenkampf hinausgehenden politischen Form der Arbeiterbewegung das Vehikel einer grundsätzlichen Formkritik (und damit paradoxerweise auch der politischen Form selber) erkennen wollte, wurde für die Arbeiterbewegung diese politische Form gerade umgekehrt zum Vehikel dafür, die gewissermaßen nur aus den Augenwinkeln betrachtete und geradezu angstbesetzte kategoriale Formkritik sachte zu umgehen, um statt dessen die (letztlich erfolgreiche) Anerkennung im Kapitalismus als Subjekt der Arbeit und auf den Arbeitsmärkten zu erstreiten. So täuschte man sich wechselseitig, und Marx wurde nicht nur in seiner exoterischen Eigenschaft zum wissenschaftlichen Repräsentanten der Arbeiterbewegung, sondern gleichzeitig in seiner esoterischen Eigenschaft zum ewig unzufriedenen theoretischen Grummler und Grantler, Nörgler und abkanzelnder Schulmeister im Hintergrund, ein getreues Spiegelbild seines eigenen inneren Widerspruchs im Verhältnis zur geschichtlichen Bewegung der Arbeiterklasse in den Kapitalismus hinein statt aus ihm heraus.
Die aus diesem äußerst zwiespältigen Verhältnis notwendig resultierende Spannung führte ziemlich bald dazu, dass die Widersprüchlichkeit der Theorie in ihre Kanonisierung und Dogmatisierung umschlug, wie es sich stets verhält, wenn die eigene legitimatorische Weltsicht einen blinden Fleck enthält, der nicht zur Sprache kommen darf. Marx hatte zwar ironisch bemerkt, dass er „kein Marxist“ sei, was ihm aber nichts nutzte. Denn die Umwandlung und damit Bannung des theoretischen Widerspruchs in die Ideologie eines „Ismus“ war die einzige Möglichkeit, seine Theorie auf eine Rezeption zurechtzustutzen, die den Bedürfnissen der Arbeiterbewegung entsprach. Und diese Ideologisierung machte mit Marx das, was jedem ungleichzeitigen Denker geschieht, der in seiner Zeit und ihr doch voraus ist: Er wurde nur deswegen als exoterischer Marx bis zum Dogma erhöht, um als esoterischer Marx erniedrigt und hintenherum getreten zu werden. Am angestrengtesten durch die „marxistischen“ Parteiideologen und akademischen Gelehrten von Karl Kautsky bis Oskar Negt. Vielleicht auf keinen Denker der Moderne trifft so sehr der Spruch des polnischen Aphoristikers Stanislaw Jerzy zu wie auf Marx: „Sie haben ihn durch ein Denkmal gesteinigt“.