Der Marxismus und die nachholende Modernisierung im 20. Jahrhundert

Diese Steinigung des esoterischen Marx setzte sich nach seinem Tod über mehr als ein Jahrhundert hinweg fort. Denn das „kurze“ zwanzigste Jahrhundert, bestimmt durch die historischen Daten von 1914 und 1989, erlebte nicht den Durchbruch der kategorischen Kritik in der Marxschen Theorie und damit eine neue Qualität gesellschaftskritischer Reflexion, sondern ganz im Gegenteil den abermaligen Aufstieg und schließlichen Absturz des exoterischen, positiv-immanenten Modernisierungs-Marx auf einer neuen Ebene der historischen Ungleichzeitigkeit im Kapitalismus. Denn das 20. Jahrhundert bildete – trotz der beiden Weltkriege und der Weltwirtschaftskrise (1929 – 1933) – noch nicht das Säkulum der Krisenreife und Transformation des Kapitalismus, sondern stattdessen wesentlich die Epoche einer zweiten großen Welle der „nachholenden Modernisierung“. Jetzt erst traten die großen Weltregionen der kapitalistischen Peripherie, die überwiegende Mehrzahl der Menschheit, wie von Marx schon Jahrzehnte zuvor prophezeit, in die kapitalistische Weltgeschichte ein.

Diese zweite nachholende Modernisierung differenzierte sich wiederum in zwei miteinander verschränkte Bewegungen: zum einen in die Heraufkunft des östlichen Staatssozialismus (vulgo Staatskapitalismus), der es zu Ansätzen eines eigenen Weltsystems brachte, zum anderen in die südliche nationale Befreiungsbewegung der kolonialen Länder, deren Entkolonisierung und bürgerlich-nationalstaatliche Unabhängigkeit erst seit dem Ende des Jahrhunderts abgeschlossen ist (endgültig mit der Rückgabe Hongkongs an China). Der Urknall dieser Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts war die große russische Oktoberrevolution am Ende des Ersten Weltkriegs, gefolgt von der chinesischen Revolution im Zuge des Zweiten Weltkriegs und den großen antikolonialen Befreiungskriegen (Algerien, Vietnam, südliches Afrika) in den Nachkriegsjahrzehnten.

Es konnte nicht ausbleiben, dass der exoterische Marx, dessen immanente Modernisierungstheorie in der westlichen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung schon ein wenig verblasst und mit Versatzstücken der positivistischen bürgerlichen Wissenschaften vermengt worden war, in der zweiten historischen Welle der nachholenden Modernisierung auch seinen zweiten Frühling erlebte. Denn indem die peripheren Regionen in den globalen Horizont des Kapitalismus eintraten, konnten sie nicht bloß auf die beschränkten eigenen Kulturtraditionen etc. zurückgreifen. Sie benötigten vielmehr eine universelle westliche Theorie als legitimatorischen Hintergrund, die gleichzeitig als universelle, auf die kapitalistische Weltgeschichte bezogene Legitimationstheorie einen historisch oppositionellen Charakter tragen musste, um für die Konkurrenz der nachholenden Peripherie mit den etablierten Zentren des Kapitals instrumentalisiert werden zu können.

Der exoterische Marx wurde also von Theoretikern wie Lenin, Stalin und Mao Zdong erneut aufgegriffen und diesmal zurechtfrisiert für die Bedürfnisse der neuen historischen Aufholjagd an der kapitalistischen Peripherie. Diese Bedürfnisse unterschieden sich insofern von denen der westlichen Arbeiterbewegung, als es nicht einfach um die Anerkennung der Lohnabhängigen in einem bereits etablierten Kapitalismus ging, sondern um die nachholende Etablierung der kapitalistischen Gesellschaftskategorien selbst, und zwar weit über die Erfordernisse jenes ähnlichen Prozesses der nachholenden Modernisierung Deutschlands, Italiens und Japans im 19. Jahrhundert hinaus. Denn erstens war der Rückstand im Grad moderner kapitalistischer Vergesellschaftung viel größer als innerhalb des früheren europäischen Gefälles, zweitens musste die „Aufholjagd“ in viel kürzerer Zeit und auf einem viel höheren Entwicklungsniveau des Weltkapitals durchgezogen werden, und drittens konnte dies nur in einer prekären Konkurrenz zu einem bereits global dominierenden Kreis von hochentwickelten und hochgerüsteten kapitalistischen Zentralmächten geschehen.

In diesem Kontext erlebte die Marxsche Theorie eine nochmalige Verbiegung und Reduktion. Die esoterischen Momente der kategorischen Kritik erschienen nicht einmal mehr als abgehobene philosophische Reflexion jenseits der praktischen Erfordernisse, sondern verschwanden auf dem Weg von Lenin zu den Theoretikern der nationalen Befreiung nahezu vollständig aus der Diskussion. Der soziale Bezug zu einer Arbeiterbewegung blieb zwar formal erhalten, reduzierte sich aber praktisch auf relativ kleine Gruppen und gewerkschaftliche Organisationen im Kontext einer noch dünnen Industrialisierung. Die marxistischen Arbeiterparteien der Peripherie wurden selber zu bürokratischen Maschinen der „nachholenden Inwertsetzung“ von Gesellschaften, die noch nicht von der kapitalistischen ökonomischen Form durchdrungen waren. Sie waren nicht bloß Repräsentanten der inneren Unruhe oder der weiteren rechts- und sozialstaatlichen Ausdifferenzierung des Kapitalismus wie ihre westlichen Bruder- und Schwesterparteien, sondern mussten überdies (bei Lenin noch einigermaßen bewusst) selber in einem abstrakt-gesamtgesellschaftlichen Sinne „Bourgeoisie spielen“, weil die soziale Bourgeoisie der peripheren Länder einfach zu mickrig für diese Aufgabe war. Die Identifikation dieses peripheren Marxismus mit der jeweiligen (in den Exkolonien meistens erst frisch erfundenen und völlig synthetischen) Nation nahm daher einen noch intensiveren Charakter an als im Westen.

Die Paradoxie dieses legitimationsideologischen Marxismus der zweiten nachholenden Modernisierung überstieg noch bei weitem diejenige der westlichen Arbeiterparteien, denn es handelte sich ja um das nur aus der besonderen historischen Konstellation erklärbare Amalgam eines „antikapitalistischen Entwicklungskapitalismus“ oder direkten Staatskapitalismus, der im Spannungsfeld einer besonders krassen äußeren Ungleichzeitigkeit den Widerspruch der Marxschen Theorie auch besonders krass ausdrücken musste. Vordergründig erschien und gab sich diese zweite Rezeption des exoterischen Marx wesentlich radikaler als die erste, aber eben nicht deswegen, weil sie die verborgene kategorische Kritik des Kapitalismus mobilisiert hätte und damit zur Wurzel des historischen Verhältnisses vorgedrungen wäre, sondern ganz im Gegenteil, weil sie einer härteren Belastung der innerkapitalistischen Ungleichzeitigkeit ausgesetzt war. Als Staatsbürokratien mussten die marxistischen Arbeiterparteien nicht nur die bürgerlichen Aufgaben in einem viel emphatischeren Sinne übernehmen als einst im Westen, ja sogar paradoxerweise die Arbeiterklasse als Menschenmaterial des Verwertungsprozesses selber erst in großem gesellschaftlichen Maßstab hervorbringen! Wenn sich diese Hardcore-Version des exoterischen Marxismus als radikal darstellte, dann handelte es sich in Wahrheit weniger um eine Radikalität der theoretischen und praktischen Kritik als vielmehr um eine notgedrungene Militanz der Konkurrenz in der innerkapitalistischen Selbstbehauptung gegenüber den westlichen Zentren, die sich daher auch einer entsprechend martialisch ausgerichteten kulturell-symbolischen Darstellung befleißigte und im Zeichen der Revolutionskriege und nationalen Befreiungskriege des 20. Jahrhunderts den Insignien der Arbeit, Hammer und Sichel, die stilisierte Kalaschnikow hinzufügte.

Ohne dass der dabei aufscheinende Problemzusammenhang mit den Mitteln der Marxschen Modernisierungstheorie auf den Begriff gebracht werden konnte, führte diese bloß relative Differenz innerhalb der Marx-Rezeption zum großen Schisma der marxistischen Weltbewegung. Diese Spaltung, vordergründig durch den scheinbaren Gegensatz von östlich-südlicher Radikalität und gemäßigtem westlichen Reformismus bedingt, reflektierte in Wirklichkeit nur den Unterschied im Grad der Ungleichzeitigkeit und Unabgeschlossenheit der kapitalistischen Durchdringung: In der älteren Schicht des westlichen Entwicklungswegs ging es um die bloße Anerkennung innerhalb des bereits ausgeformten modernen Staates, in der jüngeren östlich-südlichen Schicht um die Eroberung der Staatsmacht zwecks Installation einer modernen Staatsmaschine als Träger staatskapitalistischer Industrialisierung. Es ist verständlich, dass die an diese Konstellation gebundene Form einer scheinbaren (auf die staatliche Machtfrage zentrierten) Radikalisierung der Marxschen Theorie in den westlichen Zentren nur eine ideologische Minorität mobilisieren konnte; der Kommunismus (als Etikettierung des neuen staatskapitalistischen Modernisierungsschubs) blieb im Westen ein bloßer Ableger, eine Art Hilfstruppe der Sowjetunion und kam daher über den Status einer historischen Fußnote nicht hinaus, während er seine eigentliche Ausstrahlungskraft auf die großen peripheren Weltregionen behielt. Die westliche Sozialdemokratie dagegen, saturiert durch vielfältige Teilnahme an der kapitalistischen Menschenverwaltung und entsetzt über die rohen Formen der peripheren marxistischen Entwicklungsdiktatur, entsorgte ihren Marxismus allmählich ganz und mutierte nach dem Zweiten Weltkrieg in ihrer Legitimation und Programmatik zu einer matten keynesianischen Sozialstaatstheorie ohne Klassenkampf- und Revolutions-Rhetorik: Der exoterische Marx war gewissermaßen in den alleinigen Besitz der historischen Nachzügler übergegangen.