Die Verwurstung des Marxismus im Kalten Krieg
Das Schicksal der Marxschen Theorie im 20. Jahrhundert lässt sich nur durch die Dechiffrierung der äußerlichen Gegensätze im Kontext einer globalen innerkapitalistischen Verwerfung erklären, in der sich die weltgeschichtliche Bewegung des Kapitalismus erstmals nicht nur ihrer Logik nach, sondern auch empirisch als Weltkapital darzustellen begann, dem kapitalistischen Wesen entsprechend in der Form von zerfleischender Konkurrenz und Großkatastrophen ungeahnten Ausmaßes. Dabei überlagerten sich mehrere große Entwicklungswellen, deren gegenseitige Beeinflussung nur vorübergehend stabil erscheinende Systemwelten und Konkurrenzverhältnisse hervorbrachte. Das „Jahrhundert der(westlichen) Arbeiterbewegung“ (ca. 1848 – 1945) überschnitt sich mit dem „Jahrhundert der nationalen Entwicklungsrevolutionen“ (1918 – 1989) und dem Kampf um die kapitalistische Weltherrschaft innerhalb des Zentrums, der 1945 mit dem Beginn der „Pax Americana“ endgültig entschieden war.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte sich dieser Gesamtprozess in der Konstellation jener “drei Welten“ dar, von der die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmt war: nämlich der „Ersten Welt“ des alten kapitalistischen Zentrums nunmehr unter unangefochtener Führung der Vormacht USA, der „Zweiten Welt“ des östlichen Staatskommunismus alias Staatskapitalismus unter Führung der Sowjetunion und schließlich der „Dritten Welt“ jener postkolonialen nationalen Befreiungsbewegungen und Entwicklungsdiktaturen unterschiedlichster Couleur im globalen Süden. Ost und West, Erste und Zweite Welt standen sich im Kalten Krieg des sogenannten Systemkonflikts gegenüber, während die Dritte Welt sich teils in einem losen Verbund der Blockfreien (mit deutlich staatssozialistischer Schlagseite) organisierte, teils zum Schauplatz von Stellvertreterkriegen der beiden Systemblöcke wurde.
Die Marxsche Theorie, die in ihrer umgemodelten exoterischen Gestalt diese ganze Epoche von der Peripherie her überstrahlte, wurde von beiden Seiten jetzt endgültig bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Hatte am Anfang, als die junge Sowjetunion noch intellektuell und kulturell mit der westlichen Politik und Geistesgeschichte verbunden war (vermittelt über die während der zaristischen Zeit emigrierten Sozialisten), das nur scheinbar emanzipatorische Pathos des „neuen Menschen“ und der utopisch aufgeladenen „neuen Zeit“ gestanden, so enthüllte sich sehr bald der staatskapitalistische Modernisierungscharakter des sowjetischen Regimes und aller folgenden Entwicklungsdiktaturen, in denen nicht die soziale Emanzipation des Menschen, sondern seine Verwandlung in das Material einer staatlich gesteuerten Teilnahme am Weltmarkt auf der Tagesordnung stand. So kann es kaum verwundern, dass alsbald nicht nur die staatsbürokratischen Arbeits-, Geld- und Marktformen des frühkapitalistischen Take-off, sondern auch die gewöhnlichen Modernisierungsverbrechen zum Vorschein kamen, als sich die ideologische Staubwolke der Revolution gelegt hatte.
Der Westen, befangen im kalten Krieg mit dem eingeigelten Gegenlager der historischen Nachzügler, ernannte Marx und dessen Theorie nun zur negativen Repräsentationsfigur für das totalitäre Reich des Bösen, während ihn der staatskapitalistische Osten zur legitimatorischen Ikone einer längst verdunkelten Hoffnung für die Regimes der entwicklungsdiktatorischen Industrialisierung ausmalte. In seiner Verblendung wollte der Westen in diesem „marxistischen“ Osten (und teilweise Süden) nicht das Bild seiner eigenen Vergangenheit erkennen, obwohl dieser in den darauf folgenden siebzig Jahren bis zur Lächerlichkeit nicht nur die kapitalistischen Kategorien, sondern auch die kapitalistische Lebensund Konsumweise auf relativ niedrigem Niveau unter einer staatsbürokratischen Hülle nachzuahmen suchte.