Der Fetischismus als stumme Dimension und der große Sprung der Geschichte
In abstrakter Form, als methodisches Problem, hat die Kultursoziologie die Fragestellung einer möglichen Kritik des blind Vorausgesetzten durchaus bereits entwickelt. Die Verwandlung einer „stummen Dimension“ (M. Polanyi) des Impliziten in ein zur Sprache gebrachtes Explizites, die Thematisierung des bislang Unsagbaren als Kommunikationsproblem in Krisen- und Übergangszeiten ist zum Topos in kulturgeschichtlichen Untersuchungen geworden. Aber großenteils wird dieses Problem nicht mit kritischer, sondern mit affirmativer Intention thematisiert, so etwa in der systemtheoretischen Reflexion (N. Luhmann) als Konstitution eines „Hintergrunds von Selbstverständlichkeit“ zwecks „Komplexitätsreduktion“. Die apriorische Stummheit der kapitalistischen Kategorien erscheint dabei als eine Art Lebenserleichterung, deren fundamentale Krise gar nicht als Möglichkeit in Betracht gezogen wird.
Soweit das Problem aber als Thematisierungsschub in krisenhaften Übergängen angesprochen wird, geschieht das entweder mit Blick auf weit entfernte Epochen (etwa bei dem Philosophen Karl Jaspers für die sogenannte „Achsenzeit“ des 5. Jahrhunderts v. Chr., als ein erster großer Schub der Trennung von irdischer und göttlicher Welt mit der Umwälzung der Gesellschaftsordnungen einherging) oder mit Blick auf implizite Selbstverständlichkeiten des Alltags, die durch Entwicklungen der gesellschaftlichen Metastruktur zur Sprache gebracht und in Frage gestellt werden. Diese letzte Explikation von implizitem Hintergrund ist aber erst recht affirmativ gegenüber dem Kapitalismus, insofern sie sich weitgehend mit dem deckt, was der Sozialphilosoph Jürgen Habermas als „Kolonialisierung der Lebenswelt“ bezeichnet hat. Denn als erste und einzige blind-dynamische Gesellschaftsform ist es ja der Kapitalismus selbst, der permanent implizite Selbstverständlichkeiten des Alltags, der beruflichen Tätigkeit, des sozialen Zusammenlebens, der Kultur usw. aus dieser Selbstverständlichkeit herausnimmt und in Frage stellt – aber eben ganz und gar nicht im Sinne einer sozialen Emanzipation, sondern im Gegenteil als Totalauslieferung der Menschen an blinde Marktprozesse. Wenn das Problem der Thematisierung dessen, was bislang nicht Gegenstand der Kommunikation war, in emanzipatorischer Weise fruchtbar gemacht werden soll, dann ist das nur möglich, indem der kritische Thematisierungsblick auf die „impliziten Axiome“ des Kapitalismus selber fällt – also mit dem esoterischen Marx auf die kategorialen gesellschaftlichen Formen, die für die Moderne immer nur den stummen Hintergrund gebildet haben.
Der zentrale Begriff des esoterischen Marx, der für diese kritische Thematisierung und damit für den emanzipatorischen Abschied von der Moderne steht, ist der „Fetischismus“. Marx zeigt damit, dass die scheinbare Rationalität der kapitalistischen Moderne gewissermaßen nur die Binnenrationalität eines objektivierten Wahnsystems darstellt: eine Art von säkularisiertem Dämonenglauben, der sich in den handgreiflich gewordenen Abstraktionen des warenproduzierenden Systems, seiner Krisen, Absurditäten und destruktiven Resultate für Mensch und Natur manifestiert. In der Verselbstständigung der sogenannten Ökonomie, der Fetischisierung von Arbeit, Wert und Geld, tritt den Menschen ihre eigene Gesellschaftlichkeit als fremde und äußere Macht gegenüber.
Der Skandal besteht darin, dass diese unheimliche, geisterhafte und zerstörerische Verselbstständigung der toten, ökonomisierten Dinge zur axiomatischen Selbstverständlichkeit geronnen ist. Mit seinem Fetischbegriff, den er auch auf Staat, Politik und Demokratie ausdehnt, leistet der esoterische Marx, was jeder große Entdecker in den menschlichen Dingen leistet: Er macht das scheinbar Einfache, Alltägliche, die „schweigende Dimension“ des Selbstverständlichen zum Fremden, Erklärungsbedürftigen und Falschen.
Indem der esoterische Marx so im Gegensatz zu seinem exoterischen, modernisierungs-immanenten Doppelgänger die Moderne aus ihrer königlichen Position in der Geschichte herausnimmt, rechtfertigt und idealisiert er nicht wie die bloß reaktionären, irrationalen Kritiker der Moderne die Verhältnisse der vormodernen Agrargesellschaften, sondern stellt umgekehrt die Moderne in den Kontext einer unaufgehobenen gesellschaftlichen Leidensgeschichte der Menschheit, in den Horizont eines nach wie vor gültigen „Noch nicht“.
Wenn der klassische Marx im Sinne des materialistisch gewendeten Hegelschen Entwicklungs- und Fortschrittbegriffs die Geschichte als Ganzes in den Blick nimmt, tut er dies mit dem Begriff einer „Geschichte von Klassenkämpfen“: Er projiziert also nur den innerkapitalistischen Entwicklungs-und Durchsetzungsprozess auf alle bisherige Geschichte. Erst der Fetischbegriff des esoteri- schen Marx macht es möglich, auf einer höheren theoretischen Abstraktionsebene eine tatsächliche, nicht bloß durch Rückprojektion der Moderne gewonnene Gemeinsamkeit aller bisherigen Gesellschaftsformen zu benennen: So unterschiedlich ihre Verhältnisse auch immer gewesen sein mögen, niemals hat es sich um selbst-bewusste Gesellschaften gehandelt, die frei über den Einsatz ihrer Möglichkeiten bestimmen konnten, sondern immer nur um Gesellschaften, die von fetischistischen Medien verschiedenster Art (Rituale, Personifikationen, religiös bestimmte Traditionen usw.) gesteuert wurden. Insofern müsste man von einer „Geschichte von Fetischverhältnissen“ sprechen. Das moderne warenproduzierende System mit seiner irrational verselbstständigten Ökonomie stellt demnach nur die letzte, durch ihre eigene Dynamik vorangepeitschte Form des gesellschaftlichen Fetischismus dar.
Die Aufgabe, die sich damit stellt, macht erst die wahre Dimension der Weltkrise im 21. Jahrhundert deutlich. Es handelt sich, von Marx ausdrücklich mit dieser Kühnheit formuliert, nicht bloß um den Abschluss der kapitalistischen Geschichte, sondern um das Problem einer Überwindung der bisherigen Geschichte überhaupt, vergleichbar höchstens mit der sogenannten neolithischen Revolution oder jener Umwälzung der „Achsenzeit“. Nicht bloß die Epoche des Kalten Krieges ist zu Ende gegangen, sondern die Weltgeschichte der Modernisierung überhaupt und nicht nur diese spezifisch moderne Geschichte, sondern die Weltgeschichte von Fetischverhältnissen überhaupt.
Die vermeintliche Komplexitätsreduktion durch die kapitalistische Gesellschaftsmaschine, schon immer mehr Ideologie als Wirklichkeit, schlägt endgültig in Destruktion um. Auch deswegen ist der Sprung so groß und mit Angst verbunden. Aber unerbittlich verlangen die zur Kenntlichkeit fortentwickelten Krisenverhältnisse: Wo gesellschaftliche Bewusstlosigkeit war (von der „invisible hand“ des Ahnenkults bis zur „invisible hand“ des kapitalistischen Weltmarkts) muss gesellschaftliche Bewusstheit werden. An die Stelle eines blinden Mediums muss ein bewusster, von selbstbestimmten (nicht a priori vorgegebenen) Institutionen organisierter gesellschaftlicher Entscheidungsprozess jenseits von Markt und Staat treten.