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Um Mitternacht strahlte ein gelblich flackerndes Leuchten aus der Brunnenöffnung und tauchte den Burghof in ein gespenstisches Licht. Der Hexenrat wusste, was das bedeutete, und rief alle Hexen herbei. Sie standen um das Brunnenhaus herum und erwarteten ihn. Der Lichtschein wurde heller. Beißender Geruch breitete sich aus. Eine Gestalt, in Rauch und Flammen gehüllt, entschwebte dem Brunnen und stand wie ein lebendiges Feuer vor den versammelten Hexen. Dann lösten sich die Flammen von dem Körper, züngelten nach oben weg und erloschen. Der Rauch zog ab und ließ eine Kreatur mit langen grauen Haaren zurück. Ihre Hände waren verkrümmt und die verkrüppelten Finger von Hornhautschwielen bedeckt. Das Gesicht war blassblau, die Zähne faulig. Die Augen hatten keine Pupillen und leuchteten wie glühendes Eisen. Der hochgewachsene Körper war mit einem grobmaschigen Umhang bedeckt.

«Ihr wisst, warum ich gekommen bin?», sagte er mit tiefer, röhrender Stimme, die Zorn verriet.

«Gewiss, Rahim», antwortete Odila.

«Luzifer ist erzürnt. Warum habt ihr sie laufen lassen, ihr Hexenpack? Sie haben die Fluchtafel, die unsere Existenz begründet», brüllte er heraus und schaute mit wütendem Blick in die Runde. Die Hexen wichen vor Schreck kreischend ein paar Schritte zurück.

«Sie ist stärker, als wir gedacht haben, sogar die Kammer der stillen Finsternis konnte sie nicht fügsam machen», sagte Odila kleinlaut und wagte nicht, Rahim anzusehen.

«Wie ist das möglich?», rief er mit donnernder Stimme, dass es im Hof dröhnte und die Burg vibrierte wie nach einem Blitzeinschlag. Ein Dachziegel rutschte vom ausgebrannten Stalldach, fiel auf das Pflaster und zersprang.

«Ihr habt versagt, ihr jämmerlichen Weiber», schrie er außer sich vor Wut. «Ich will die Fluchtafel wiederhaben und ich will mir diese widerspenstige Hexe vornehmen. Bringt sie mir, sonst werdet ihr büßen. Alle!»

Augenblicklich loderten wieder Flammen um ihn herum auf. Die Hexen rieben sich die vom beißenden Rauch brennenden Augen. Rahim schwebte, wie auf einer unsichtbaren Scheibe stehend, einen Moment lang über der Brunnenöffnung und versank dann langsam in die Tiefe des Schachtes. Ein letztes schwaches Leuchten schimmerte aus dem Brunnen, dann wurde es wieder dunkel und still im Burghof, nur ein leises Brummen hallte aus dem Schacht.

«Steht hier nicht so rum», brüllte Odila in die Runde, «ich erwarte den Rat sofort im Sitzungssaal!»

Wortlos sahen sich Wanda und Anila ängstlich an. Sie warteten, bis sich die Hexenversammlung auflöste und die Ratsmitglieder nach und nach in Richtung Palas gingen.

«Ich denke, wir sollten ein Auge auf Marie haben und nur im Notfall eingreifen, sonst verraten wir uns am Ende noch als ihre Fluchthelfer», sagte Anila, «es darf uns niemand mit ihr zusammen sehen. Du weißt, was uns sonst blüht?»

«Ja, ich weiß, aber trotzdem, ein Schwur bindet fester als ein Fluch. Wir haben ihr Beistand versprochen, wir können nicht mehr zurück.»

Wanda und Anila sahen sich an und wussten, in welcher prekären Situation sie sich befanden. Sie hatten einer Neuen vor der Hexenweihe zur Flucht verholfen und außerdem auch den Hexencodex verletzt. Das war schlimmster Verrat und unverzeihlich. Wenn sie sich dazu bekannten, um die Strafe zu mildern, würden sie ihren Schwur mit Marie verraten. Eine verzwickte Situation. Sie sahen sich ratlos an.

«Wir werden Marie nicht im Stich lassen, oder?», wollte Anila sich vergewissern.

«Natürlich nicht», bestätigte Wanda. Bevor sie zu den anderen gingen, umarmten sie sich, um sich gegenseitig Kraft zu geben für das, was ihnen nun bevorstand.

«Ihr habt gehört, was Rahim will», eröffnete Odila die Sitzung, «diese aufmüpfige Göre muss zurückgeholt werden.» Dann wandte sie sich an Wanda und Anila: «Euch beiden hatte ich sie anvertraut. Ihr seid eurer Verantwortung nicht gerecht geworden und habt mich enttäuscht. Bringt sie und die Fluchtafel zurück, damit könnt ihr euer Versagen wiedergutmachen!»

Es wurde still im Saal. Was nun? Wanda und Anila saßen regungslos da, und schlimme Gedanken gingen ihnen durch den Kopf. Marie zurückzubringen, wäre für sie kein Problem, denn sie hatten ihr Vertrauen. Aber sie hatten sich bedingungslosen Beistand geschworen, und außerdem verband sie eine ehrliche Freundschaft mit Marie. Sie könnten es sich niemals verzeihen, ihr Vertrauen derart zu missbrauchen. Das würde sie für alle Zeiten belasten. Andererseits müssten sie mit brutalsten Schikanen durch Odila rechnen. Schlimmstenfalls sogar für eine lange Zeit Rahim in seiner Unterwelt persönlich dienen. Ein schrecklicher Gedanke.

Wie auch immer sie sich entscheiden mochten, es würde in jedem Fall eine Katastrophe für sie bedeuten. Wortlos standen sie auf und bemerkten erst jetzt, dass die anderen den Saal schon verlassen hatten.

* * *

Das Telefon läutete. Er hob den Hörer ab. «Bruder Cornelius», meldete er sich.

«Bruder Alfons hier. Gelobt sei Jesus Christus.»

«In Ewigkeit, Amen!», antwortete Bruder Cornelius.

«Ich habe hier eine Frau Schönbauer oder Schönauer in der Leitung, die dich gerne sprechen möchte», sagte Bruder Alfons.

«Frau Schönauer, ja», bestätigte Bruder Cornelius, «stell sie bitte durch.» Es knackte im Hörer.

«Hallo, Frau Schönauer, hier ist Bruder Cornelius. Gelobt sei Jesus Christus», begrüßte er sie.

«Ja, das finde ich auch. Guten Tag», hörte er ihre verdutzte Stimme im Hörer.

Cornelius merkte ihre Verlegenheit und sagte: «Ich freue mich über Ihren Anruf. Was kann ich für Sie tun?»

«Sie für mich? Gar nichts. Aber ich für Sie!»

«Umso besser, worum geht es bitte?», fragte er gespannt nach.

«Um eine Kiste», antwortete Frau Schönauer kurz und knapp. Bruder Cornelius schwieg eine Weile. Mit einer Kiste konnte er nun gar nichts anfangen. «Das müssen Sie mir aber bitte etwas genauer erläutern, Frau Schönauer.»

«Na, ja», begann sie zu erklären, «als Sie neulich hier waren, sind Sie doch in den Fußboden eingebrochen. Bei den Reparaturarbeiten haben die Arbeiter eine Kiste gefunden. Da sind alte Unterlagen und Schriftrollen drin, die für Sie möglicherweise interessant sein könnten.»

Bruder Cornelius wurde ganz aufmerksam. Jetzt bekam diese Kiste einen ganz anderen Stellenwert für ihn. Er wurde neugierig.

«Das klingt sehr vielversprechend. Die Unterlagen würde ich mir sehr gerne ansehen.»

«Langsam», dämpfte Frau Schönauer seine Begeisterung. «Das wird nur möglich sein, wenn Sie den Inhalt auflisten, analysieren und auswerten. Anweisung vom Bürgermeister. Und er erwartet einen schriftlichen Bericht darüber. Wir haben dafür nämlich nicht die Zeit und das Personal. So hätten beide Seiten etwas davon – sagt der Bürgermeister.»

«Kein Problem», freute sich Cornelius. «Richten Sie ihm das bitte aus und grüßen Sie ihn von mir. Wann kann ich die Kiste abholen?»

«Wann Sie wollen, das heißt, natürlich nur während der Dienstzeit.»

«Gerne, Frau Schönauer, ich melde mich dann bei Ihnen. Vielen Dank! Gelobt sei … äh, ich meine, auf Wiederhören.»

Bruder Cornelius ließ die Kiste in die Bibliothek des Klosters «St. Andreas» in Halberstadt bringen, und inspizierte sie zunächst von außen. Es war eine aus rauen Brettern grob zusammengenagelte Holzkiste. Keine preiswürdige Tischlerarbeit, befand er. Auf der Vorderseite war eine Brandbeschriftung angebracht. Ein Hakenkreuz mit dem Schriftzug «Museum Quedlinburg» darunter. Er war ganz perplex, mit allem hatte er gerechnet, aber nicht mit so etwas. Er machte einige Fotos, bevor er die Kiste vom Hausmeister öffnen ließ.

Herr Witte hebelte den Deckel, der von den Arbeitern in Harzgerode wieder fest aufgenagelt worden war, mit einem kleinen Brecheisen vorsichtig herunter. Es quietschte und knarrte laut, dann konnte Bruder Cornelius auf den Inhalt der Kiste blicken. Obwohl er sehr gespannt war, machte er erst wieder ein Foto, bevor er den ersten Aktenordner herausnahm. Er war in gutem Zustand, nur etwas verschmutzt. Im Laufe der Jahre musste wohl einiges an Staub durch die Bretterritzen eingedrungen sein.

Auf dem Ordnerrücken war über der Beschriftung wieder ein Hakenkreuz. Darunter stand: «Archäologische Grabung 1937, Steinkirche Scharzfeld, SS-Obersturmführer Dr. Höhnrich». Nach und nach entnahm Cornelius die Akten. Wie kamen Grabungsprotokolle aus der NS-Zeit von Scharzfeld nach Harzgerode? Darauf konnte er sich absolut keinen Reim machen. Total überrascht war er, als er dann auch noch auf mittelalterliche Schriftrollen mit Bändern und Siegeln stieß. Wie geht das denn zusammen, fragte er sich und fand das äußerst merkwürdig. Er breitete sorgsam alle Aktenordner, Schriftstücke und Schriftrollen auf dem großen Tisch aus, der unter dem Fenster der Bibliothek stand, und machte erneut Fotos. Bevor er Herrn Witte bat, die Kiste rauszuschaffen, schaute er noch ein letztes Mal hinein. Er wollte sichergehen, nichts übersehen zu haben.

In einer Ecke, unter einer Schmutzschicht, schien etwas zu liegen. Vielleicht ein altes Geldstück, dachte er zunächst und wischte mit der Hand den Schmutz beiseite. Darunter lag eine kleine runde Platte an einem dünnen Lederband, eine massive Scheibe, eine Art Amulett mit einem Durchmesser von ungefähr vier Zentimetern. Er nahm es heraus und wunderte sich, dass es schwerer war, als er vermutet hatte. Dann pustete er den restlichen Schmutz weg, und eine graue, metallische Oberfläche kam zum Vorschein. Er kratzte ein wenig mit dem Fingernagel darüber. Das Metall war sehr weich, es musste Blei sein. Mitten auf der einen Seite war die Zahl 399, 377 oder 311 eingeritzt, es war nicht klar zu entziffern, weil die Zahlen ziemlich kantig geschrieben waren. Und am Rand gab es eine Beschriftung, die offenbar in Spiegelschrift verfasst war. Cornelius ging mit dem Amulett in den Waschraum der Toilette, um sie im Spiegel zu lesen: «Dies ist der Schlüssel von Schielo» las er. Nun war er völlig irritiert. Bruder Cornelius kehrte in die Bibliothek zurück, machte von dem Amulett einige Fotos, und fertigte eine Liste an, auf der er alle Fundstücke aus der Kiste aufführte.

Noch am selben Tag informierte er per E-Mail seine Kolleginnen und Kollegen aus der Forschergruppe über diesen seltsamen Fund und schickte ihnen gleich einige Fotos sowie die Inventarliste mit. Die Historikerin Frau Dr. Vera Reichenbach, die sich an der Uni Göttingen besonders mit der Ideologie und dem Kult der Nationalsozialisten beschäftigte, meldete sich umgehend und bot ihre Unterstützung an. Ebenso der Diplom-Mathematiker Klaus Baumann, der sich an der technischen Universität Braunschweig mit der Zahlentheorie befasste. Man nannte ihn in der Forschergruppe «Sherlock Holmes», weil er wie der berühmte Kriminalist mit logischem Denken und strukturiertem Vorgehen beim Lösen von kniffligen Aufgaben oft erfolgreich war. Deshalb wurde er von allen Mitgliedern hoch geschätzt.

Bruder Cornelius freute sich über ihre Zusagen und auf die Zusammenarbeit mit ihnen. Er buchte für beide ein Zimmer in einem Hotel, nur etwas sieben Gehminuten vom Kloster entfernt. In zwei Tagen wollten sie sich treffen und die Vorgehensweise besprechen.

«Das scheint ja wieder sehr spannend zu werden», meinte Vera Reichenbach, nachdem Bruder Cornelius über seine Recherchen und ersten Schlussfolgerungen im Entführungsfall von Marie Stöber berichtet hatte. Sie begannen sofort mit den Untersuchungen, die fast drei Wochen in Anspruch nehmen würden.

Von den Ergebnissen waren Bruder Cornelius und die anderen überwältigt. Was sie herausgefunden hatten, war wirklich spektakulär. Die Dokumentation der Grabungen an der Steinkirche von 1937 hatte nämlich bisher als verloren gegolten. 1947 waren zwar zufällig auf dem Güterbahnhof in Bad Lauterberg Kisten mit Grabungsfunden entdeckt und ins Landesmuseum nach Hannover gebracht worden. Wegen der fehlenden Dokumentation hatten sie jedoch bisher nicht ausgewertet werden können. Nun hatten sie die Protokolle eindeutig diesen Fundstücken zuordnen können. Frau Dr. Reichenbach sprach von einer Sensation.

Das Bleiamulett gab allerdings einige Rätsel auf. Nach mühsamer Kleinarbeit hatten sie den Schriften entnommen, dass es in dem Steingrab gefunden worden war, in dem das verstümmelte Skelett einer Frau gelegen hatte. Ihr Name war Afra Noel gewesen und sie hatte im 15. Jahrhundert in Schielo gelebt. Sie war wegen Ehebruchs von der niederen Gerichtsbarkeit Anhalt zu mehreren Jahren Kerkerhaft verurteilt worden. Ihr Mann, der Korbmacher Rahim Noel aus Schielo, hatte sie verflucht und verstoßen. Aus den Aufzeichnungen ging auch hervor, dass Rahim Noel Schielo verlassen und sich als Tagelöhner beim Abbruch der Burg Anhalt verdingt hatte. Eines Tages war er von dort auf unerklärliche Weise verschwunden. Man hatte sich erzählt, er habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.

Er hatte Afra wohl abgöttisch geliebt, dass die Enttäuschung sein Herz so versteinern lassen hatte, mutmaßte Vera Reichenbach. Diese Geschichte musste zu jener Zeit in dem kleinen Dorf Schielo viel Aufsehen erregt haben, weil sie sogar schriftlich festgehalten worden war. Wo Afra Noel nach ihrer Freilassung gelebt hatte, wusste man damals jedoch nicht.

Frau Dr. Reichenbach aber hatte Aufzeichnungen über die Erzählungen eines fahrenden Händlers gefunden, der in dem damaligen Korbmacherdorf Schielo Körbe gekauft hatte, um sie auf Märkten zu veräußern. Er wusste von einer Afra Noel aus Schielo zu berichten, die in Scharzfeld gelebt hatte und als «weise Frau» wegen ihrer Heilkünste hoch geschätzt worden war. Nach ihrem Tod durch einen schlimmen Unfall, bei dem sie ihre Beine verloren hatte, sei sie an der Steinkirche bestattet worden.

Bei der Abschlussbesprechung meinte Vera Reichenbach: «Auf diese dramatischen Geschehnisse mussten wohl auch die SS-Archäologen nach dem Fund des rätselhaften Bleiamulettes gestoßen sein, nachdem sie 1939 in Schielo und Harzgerode recherchiert hatten. Die SS hat behauptet, die Gebeine des Sachsenführers Dinghardt, der in einer Schlacht mit Karl dem Großen gefallen war, an der Steinkirche entdeckt zu haben.» Weiter erklärte sie: «Die Steinkirche wurde deshalb als germanisches Heiligtum angesehen, das als Kultstätte für ihre Feuerweihefeiern dienen sollte. Nach ihren Erkenntnissen aus dem Archiv in Harzgerode über ein Frauenskelett, ist ihre ganze schöne Legende in sich zusammengebrochen.»

«Das muss ein harter Schlag für sie gewesen sein», nahm Klaus Baumann an.

Bruder Cornelius wurde nachdenklich und verstand nun auch den Grund für das mysteriöse Versteck im Fußboden des Stadtarchives. Sie wollten ihre Lüge, die Gebeine von Märtyrer Dinghardt gefunden zu haben, für alle Zeiten vertuschen. Wahrscheinlich hatten sie es in den Kriegswirren eilig, und so war die Kiste rasch eingebuddelt und später vergessen worden.

Eine unglaublich abenteuerliche und filmreife Geschichte, meinte der Bürgermeister, als der Franziskanermönch die Kiste samt Inhalt zurückbrachte und ihm den Bericht vorlegte. Darüber müsse man unbedingt berichten, fand er, und bat sogleich seine Sekretärin, eine Presseerklärung vorzubereiten.

Für Bruder Cornelius war das Ergebnis ihrer Arbeit jedoch noch nicht befriedigend. Er hatte nach wie vor keine Erklärung für die Entführungen, deren Spuren an der Burgruine Anhalt abrupt endeten. Und was war das Geheimnis dieses seltsamen Amuletts?

Was war der Schlüssel von Schielo?

* * *

Sabine Altmann hatte Felix am Sonntagabend angerufen und gefragt, ob er nicht mit ihr zusammen eine Willkommensparty für Marie organisieren wolle. Es sollte für Marie eine Überraschung sein. Felix fand die Idee super und meinte, es sei sowieso mal wieder eine Dorfparty fällig, schließlich waren ja Ferien. Gleich am nächsten Tag ging er zum Gemeindebüro, um zu fragen, ob sie dafür am kommenden Mittwoch den Jugendclubraum benutzen dürften. Dieser Raum sei eigentlich keine Disco und außerdem gerade frisch renoviert worden, gab die Verwaltungsangestellte zu bedenken, das müsse der Bürgermeister entscheiden. Der war auch nicht gerade begeistert von dieser Idee, aber als Felix ihm die Gründe seiner Anfrage zu erläutern begann, hörte er plötzlich aufmerksam zu und bot sogar seine Hilfe an. Für Marie hätte sich in diesen Tagen jeder gerne ein Bein ausgerissen.

Heike und Torsten waren ganz gerührt, als Felix ihnen davon erzählte, und sie bestanden darauf, die Kosten für Häppchen und Getränke zu übernehmen. Der Bürgermeister setzte sich beim Wirt des Dorfgasthauses dafür ein, dass er den Stöbers einen Sonderpreis machte. Eine Willkommensparty muss auch zu einem Willkommenspreis stattfinden können, meinte er.

Felix stellte ausnahmsweise seine Musikanlage für die Party zur Verfügung. Eine gar nicht hoch genug einzuschätzende Ehre, denn sie war sein absolutes Heiligtum. Auch dass er bereit war, die Musik von Andrea Berg, Maries Lieblingssängerin, aus seinen Boxen ertönen zu lassen. Deren Geschnulze, so nannte er es, sei reiner Instrumenten- und Notenmissbrauch, und so etwas komme nicht über seine Lautsprecher, hatte er bisher immer argumentiert, wenn er mit Marie über Musik diskutierte. Ihre Geschmäcker waren in diesem Punkt sehr konträr, und Marie wusste, dass sie mit ihrer Begeisterung für Andrea Berg in ihrer Altersgruppe eine Außenseiterstellung einnahm. Felix war ein Fan der Hardcoregruppe Adolar, deren Klänge Marie wiederum nicht im Geringsten emotional berührten.

Über seine Zugeständnisse wunderte Felix sich selbst, aber nachMaries Entführung und ihrer glücklichen Rückkehr war vieles spürbar anders in Schielo. Man redete öfter miteinander, man grüßte freundlicher und zeigte mehr Interesse an den Mitmenschen. Zusammenhalt, Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft bestimmten das Gemeindeleben mehr denn je.

Am Mittwochnachmittag rief Felix bei Marie an und fragteunverfänglich, ob sie nicht Lust habe, in den Jugendclub zu kommen, Sabine und ein paar andere seien auch da. Eine schöne Abwechslung nach den Schrecken der letzten Wochen, dachte Marie, freute sich darüber und versprach, sich gleich auf den Weg zu machen.

Fünfzehn Personen waren der Einladung gefolgt und warteten nun gespannt auf das Eintreffen von Marie. Sie wollten ihr einen überraschenden Empfang bereiten. Der Raum war mit Luftballons und bunten Lichterketten geschmückt. Als Marie durch die Tür kam, ertönte ihr Lieblingslied von Andrea Berg «Dann nimmst du mich in deinen Arm», und alle riefen: «Herzlich willkommen Marie!» Die blickte etwas bedeppert in die Runde und war sprachlos. Als Andrea Berg ausgesungen hatte, trat Sabine nach vorn.

«Na ja, also Marie», begann sie stotternd und verlegen, «wir haben gedacht, du freust dich, wenn wir mal wieder zusammen Party machen, jetzt, wo du wieder da bist.» Sabine umarmte Marie.

Marie hatte kaum Zeit, «Danke» zu sagen, da stürmten alle auf sie zu und drückten sie. Felix ließ Andrea Berg wieder erklingen und die Party kam in Gang. Es wurde getanzt, gegessen, gequatscht und gelacht.

Gegen neunzehn Uhr ging plötzlich die Tür auf. Der Bürgermeister kam aufgeregt herein und bat darum, die Musik auszustellen.

Alle sahen ihn erstaunt an. «Was ist denn los? Kriegen wir jetzt Ärger?», fragte Felix.

«Nein», sagte er, «aus Sicherheitsgründen muss ich eure Party leider beenden. Es tut mir leid. Kommt mit nach draußen und seht selbst.»

Alle versammelten sich auf dem Vorplatz und bemerkten erst jetzt, dass es fast stockdunkel war. Normalerweise musste es um diese Uhrzeit noch hell sein. Sogar die Straßenbeleuchtung hatte sich eingeschaltet. Sie schauten zum Himmel und trauten ihren Augen nicht. Eine schwarze, brodelnde Wolke hing tief über dem Ort. Es war ungewöhnlich warm, fast schwül. In der Ferne, weit hinter dem Ortsrand, beleuchtete die glühende Abendsonne den Horizont. Es sah aus, als würde es dort brennen. Eine bedrohliche Szenerie.

«Ein lokales Unwetter», sagte der Bürgermeister, «so etwas habe ich noch nicht erlebt. Ihr solltet schnellstens nach Hause gehen. Wer weiß, was noch kommt.»

Während alle sofort losliefen, machte der Bürgermeister das Licht im Clubraum aus, schloss ab und ging. Marie jedoch blieb stehen und hielt Felix am Arm fest. Er sah sie fragend an, und sie zeigte nur mit einem Kopfnicken in Richtung Tankstelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Dort standen im Lichtkegel einer Straßenlaterne zwei Frauengestalten. «Die kenn ich doch», war sich Felix sicher, «sind das nicht Wanda und Anila?»

«Ja», antwortete Marie. Sie wartete, bis die anderen außer Sicht waren, und ging dann mit ihm über die Straße.

«Wanda, Anila! Was ist los?» Marie umarmte sie flüchtig.

«Du solltest Schielo für einige Tage verlassen», riet Wanda und erklärte weiter: «Sieh den Himmel an – Rahim tobt vor Wut. Es wird jetzt gefährlich für dich. Odila hat uns befohlen, dich und die Fluchtafel zurückzubringen. Wir werden natürlich weder das eine noch das andere tun. Trotzdem wäre es schön, wir könnten die Tafel bekommen, sie könnte uns vor Rahims Zorn schützen.»

Marie sah Felix fragend an. «Warum nicht?», meinte er, «wir haben den Text, mehr brauchen wir nicht.» Marie überlegte kurz, und nachdem sie ihm zugestimmt hatte, lief er rasch nach Hause und holte die Bleitafel, die er zwischen seinen Büchern versteckt hatte.

«Vielen Dank», sagte Anila, «das hilft uns sehr, denn solange wir sie besitzen, wird er nichts gegen uns unternehmen. Sie ist unser Schutzschild.» Sie umarmte Marie. «Pass gut auf dich auf», verabschiedete sich Wanda. «Sie werden keine Ruhe geben. Alles Gute für euch beide.» Sie drehten ihren Stab in die Waagerechte und verschwanden.

Die ersten Blitze zuckten aus der Wolke und heftiger Donner erschütterte den kleinen Ort. Felix brachte Marie noch bis vors Gartentor.

«Felix?», flüsterte Marie zögerlich, bevor sie die Pforte öffnete.

«Ja, was ist?»

«Ich habe Angst.»

«Ehrlich gesagt, ich auch», gab er zu. Dann rannte er rasch nach Hause.

* * *

Marie erwachte am nächsten Morgen um kurz vor neun Uhr. Es war ungewöhnlich dunkel. Sie stand auf und sah aus dem Fenster. Der Himmel war immer noch bedrohlich schwarz. Philomena und Odila wollen mir damit sicher ihren Zorn zeigen und mich einschüchtern, dachte Marie, und beim Anblick der tobenden Wolken war ihr ziemlich mulmig zumute. Sie ging nach unten. Überall im Haus brannte Licht. Der Frühstückstisch war gedeckt. Torsten saß auf der Eckbank und las die Zeitung.

«Was für ein seltsames Wetter», meinte er, als Marie sich zu ihm setzte, «das hat’s noch nicht gegeben, du solltest heute im Haus bleiben.»

Heike brachte die frischen Toastscheiben an den Tisch und setzte sich dazu. Sie machte einen sehr besorgten Eindruck. «Im Radio kam schon eine Unwetterwarnung für den Großraum Harzgerode», berichtete sie. «Die Feuerwehr ist in Alarmbereitschaft versetzt worden. Das kann einem richtig Angst machen.»

«Ja, ja, der Klimawandel hat jetzt auch Schielo erreicht», meinte Torsten und verschwand wieder hinter seiner Zeitung.

Während Marie Honig auf ihren Toast strich, unterhielt sie sich mit ihrer Mutter über eine neue Hose, die Heike ihr nähen wollte.

«Hört mal, was hier steht», unterbrach Torsten plötzlich. Heike und Marie sahen ihn an und spitzten die Ohren. «Der Schlüssel von Schielo – Rätselhaftes Amulett im Stadtarchiv von Harzgerode entdeckt. Der Franziskanermönch Bruder Cornelius machte bei Recherchen für seine Forschungsarbeiten im Stadtarchiv eine überraschende Entdeckung. In einer vergrabenen Kiste im Rathauskeller fand er alte Schriften von Grabungen der SS im Jahr 1937 an der Steinkirche bei Scharzfeld, sowie Schriftrollen aus dem 15. Jahrhundert. Die Auswertung der Unterlagen ergab, dass man seinerzeit bei den Grabungen das Skelett einer Frau mit einem sonderbaren Bleiamulett gefunden hatte . Es stellte sich heraus, dass diese Frau aus Schielo kam und im Mittelalter von ihrem Mann, dem Korbmacher Rahim Noel, wegen Ehebruchs verstoßen und verflucht worden war. Das Bleiamulett trägt die Aufschrift «Dies ist der Schlüssel von Schielo» und eine schwer zu entziffernde Zahl 311, 377 oder 399. Die Bedeutung ist weiterhin ungeklärt.»

Torsten legte die Zeitung zur Seite. «Aus Schielo. Was sagt ihr dazu?»

Marie legte ihr Toastbrot auf den Teller zurück und bekam Herzklopfen. Der Schlüssel von Schielo? Rahim? Das alles findet sich auch auf der Fluchtafel. Was hat das zu bedeuten? Sie wurde ganz aufgeregt und war völlig durcheinander.

«Ist was, Marie?», bemerkte Heike, «du siehst ein bisschen blass aus.»

«Nee, lass mal», antwortete sie, «es geht gleich wieder.» Sie atmete ein paar Mal tief durch und trank den Rest Kakao aus. «Scharzfeld? Das ist doch in der Nähe von Bad Lauterberg, wo Tante Bettina wohnt. Ich würde sie gerne mal wieder besuchen. Mit Felix zusammen.» Sie sah ihre Eltern bittend an.

«Warum nicht?», meinte Heike nach einigem Zögern, «ihr habt ja Ferien. Und wann?»

«Am besten morgen, Karfreitag», schlug sie vor, «und Samstagnachmittag zurück. Fährst du uns, Papa?»

«Ist das nicht ein bisschen kurzfristig?», wandte Heike ein. «Andererseits bist du dann zumindest vor dem Unwetter in Sicherheit.»

«Ruf sie an!», forderte Torsten sie auf, «wenn Tante Bettina Zeit hat und einverstanden ist. Ich habe heute frei und könnte euch fahren.»

Sofort griff Marie zum Telefon. «Marie, mein Mädchen», kreischte Bettina mit ihrer hohen Stimme in den Hörer, «gerade habe ich an dich gedacht.» Marie hörte ein Schluchzen in ihrer Stimme, als wenn sie Tränen unterdrücken müsste. Marie mochte Tante Bettina, denn sie war sehr nett und immer hilfsbereit. Man hörte von ihr niemals ein Nein, wenn man sie um einen Gefallen bat. Sie sagte, sie freue sich riesig über Maries Vorschlag, versprach auch, Pfannkuchen mit Apfelmus zu machen und für Felix Pommes, so viel er mochte.

Kaum hatte Marie den Hörer aufgelegt, klingelte es gleich wieder. Die Nummer von Felix stand auf dem Display.

«Hi, Felix», grüßte Marie, «hast du schon die Zeitung gelesen?»

«Deshalb rufe ich an», erklärte er, «das ist ja wohl echt der Hammer. Diesen Bruder Cornelius sollten wir mal besuchen. Kannst du offen sprechen?»

Marie verließ mit dem Telefonhörer die Küche und setzte sich im Korridor auf die Treppe. Ihre Eltern sollten von ihrem Geheimnis nichts mitbekommen, das hätte sie nur noch mehr besorgt. «So, jetzt.» Marie sprach leise weiter. «Das Amulett ist bei ihm in guten Händen und läuft uns nicht weg. Wir sollten uns an der Steinkirche einmal umsehen. Dort ist irgendetwas, glaub mir. Wir können bei meiner Tante Bettina in Bad Lauterberg bleiben. Sie erwartet uns morgen, und außerdem bin ich dann erst einmal von Schielo weg. Papa fährt uns. Was meinst du?»

«Okay, dann machen wir Tante Bettina doch die Freude. Ich bin dabei, also bis morgen.» Felix legte auf.

* * *

Früh um neun Uhr wartete Marie schon vor dem Haus, als Felix mit Rucksack angeradelt kam. Torsten hatte bereits seinen Golf aus der Garage gefahren und den Fahrradträger aufs Dach montiert.

«Pass gut auf Marie auf, Felix», rief Heike, als sie im Auto saßen und Torsten den Motor startete. Sie winkte, bis sie in die Pfarrgasse einbogen. Bis zum Waldrand des Schieloer Forstes musste Torsten mit Licht fahren, dann wurde es endlich wieder taghell.

«So eine Wetterlage habe ich noch nie erlebt. Man könnte meinen, Petrus hat etwas gegen Schielo», bemerkte er. Petrus nicht, aber Rahim, ging es Marie durch den Kopf.

Nach gut einer Stunde Fahrt erreichten sie die Odertalsperre. Dahinter tauchte bald das Ortsschild von Bad Lauterberg auf. Tante Bettina wohnte in der Uferstraße, ziemlich am anderen Ende des Ortes. Der Vorgarten ihrer kleinen Doppelhaushälfte war eine märchenhafte Gartenzwergidylle inmitten von Blumenbeeten. Unter einem Buchsbaum lag ein Reh auf dem Rasen und neben einer Zierfichte stand eine kleine Harzer Köte mit einem Förster davor, der eine Pfeife rauchte. Rauchende Förster seien potentielle Brandstifter im Wald und gäben ein schlechtes Beispiel, neckte Torsten seine Schwester manchmal damit. Der rauche schon einige Jahre, und es sei noch nie etwas passiert, konterte Bettina jedes Mal.

Bettina war Anfang fünfzig, schlank und nie geschminkt. Ihre halblangen glatten Haare, die wie die von Marie einen rötlichen Schimmer zeigten, hatten schon ein paar graue Strähnen. Sie trug gerne Hosen mit weiten Beinen und selbstgestrickte Pullis. Tante Bettina war für Marie wie eine ältere Freundin.

Als Torsten vor dem Haus hielt, kam sie gleich herausgestürmt und auf sie zugelaufen. Marie achtete auf ihre Augen. Gott sei Dank, kein Hexenblick, dachte sie und griente über sich selbst. Konnte ja auch nicht sein, nach allem was Marie inzwischen über Hexen wusste. Bettina umarmte sie so herzlich, dass ihr bald die Luft wegblieb.

«Marie, mein Mädchen!», weinte sie ihr ins Ohr, «du hast ja wirklich Schlimmes durchgemacht. Geht es dir gut?» Sie küsste Marie auf beide Wangen. Dann umarmte sie Felix. «Schön, dass ihr mich besucht.» Sie wischte sich mit einem Taschentuch die Tränen ab und schnäuzte die Nase.

Torsten stand wie abgestellt daneben. «Ich bin zwar nur der Chauffeur, aber begrüßen kannst du mich trotzdem», beschwerte er sich und lachte dabei.

Er bekam einen Kuss auf die Wange. «Kommt erst mal rein. Ich habe Kaffee und Kakao gemacht. Zum Mittagessen gibt’s Pfannkuchen mit Apfelmus.» Marie und Felix sahen sich an und grienten. «Morgen gibt’s dann Pommes mit Currywurst und einen gesunden Salat, damit jeder zu seinem Recht kommt», fügte sie noch hinzu. Bevor sie ins Haus gingen, nahmen Torsten und Felix die Fahrräder vom Autodach und stellten sie in den Hof. Drinnen stieg ihnen ein markanter Geruch nach Salben und ätherischen Ölen in die Nase. In der Küche hingen überall Bündel von getrockneten Teepflanzen herum. Ein Regalfach war voller Schnapsflaschen, in denen Kräuter und andere undefinierbare Beigaben aufgesetzt waren. Felix schaute sich interessiert um.

«Tante Bettina kann alle Leiden und Unpässlichkeiten lindern. Von außen mit Salben und Ölen, von innen mit Tees und bunten Schnäpsen», erklärte Marie.

«Nun übertreib mal nicht, Mariechen, nicht alle, aber fast alle», korrigierte Bettina und lachte.

Torsten trank eine Tasse Kaffee und erzählte rasch das Neueste aus Schielo, von dem ungewöhnlichen Unwetter und dem Zeitungsbericht über den mysteriösen Fund an der Steinkirche.

«Ja, stimmt», bestätigte Bettina, «darüber stand heute auch ein Bericht im Harzkurier.» Sie holte die Zeitung aus der Altpapierkiste wieder heraus, blätterte die zerknitterten Seiten auf und strich sie glatt. «Hier: Rätselhaftes Bleiamulett aufgetaucht – Grabungsfund von der Steinkirche in Schielo entdeckt.»

«Ich war noch nie an der Steinkirche», sagte Torsten, «vielleicht besuche ich sie das nächste Mal. Entschuldige, wenn ich gleich wieder aufbreche, aber Heike ist allein bei dem Unwetter, und wie schnell ist etwas am Haus passiert.»

«Ja, das verstehe ich», meinte Bettina, «erst neulich ist ganz in der Nähe eine Laube in der Gartenkolonie plötzlich abgebrannt.»

«Ist es weit bis zur Steinkirche?», fragte Marie, nachdem sie ihren Vater verabschiedet hatten und wieder im Haus waren.

«Mit dem Fahrrad seid ihr in einer Viertelstunde dort», erklärte Bettina. «Interessiert ihr euch dafür?»

«Wir wollten uns diesen geheimnisvollen Ort einmal ansehen. Sozusagen zu Studienzwecken», erklärte Marie.

«Das finde ich gut», meinte Tante Bettina, «es ist ein sehr geschichtsträchtiger Ort. Ich kann das sehr empfehlen. Und so kurios. Eine Kirche in einer Höhle. Wusstet ihr, dass sie schon in der Steinzeit von Menschen bewohnt war? Im Mittelalter hat man dann darin einen Kirchenraum geschaffen. Und der Platz davor hat als Friedhof gedient. Aber das werdet ihr morgen ja alles selbst sehen.»

Sie zeigte Felix, der zum ersten Mal bei ihr zu Besuch war, das Haus. Im Dachgeschoss waren zwei kleine, niedrige Zimmer, die sie für ihre Übernachtungsgäste vorbereitet hatte. Es war alles liebevoll und gemütlich eingerichtet. Manchmal auch etwas kitschig, aber Marie fühlte sich immer sehr wohl hier.

* * *

Am nächsten Morgen, gegen acht Uhr, kamen Marie und Felix, noch im Schlafanzug, die schmale Holztreppe herunter, deren Stufen beunruhigende Knackgeräusche machten. Tante Bettina hatte schon den Tisch in der Küche gedeckt und liebevoll mit einer Kerze und Blümchen geschmückt. Es duftete nach frischen Brötchen, Kaffee und Kakao. Marie freute sich auf das Frühstück. Die Brötchen waren noch ganz warm und mit der selbstgemachten Marmelade einfach unübertrefflich. Felix schien es ebenfalls zu schmecken. Er verdrückte gleich drei Stück.

Während des Frühstücks erzählte Bettina ihnen ein wenig mehr über die Geschichte der Steinkirche und beschrieb den Weg dorthin. Sie hätte gern noch eine Weile geplaudert, aber Marie drängelte zum Aufbruch, denn sie war gespannt, was sie dort erwarten würde. Die neuen Erkenntnisse aus der Zeitung gingen ihr nicht aus dem Kopf. Das Grab von Rahims Frau, das Bleiamulett, der Hinweis auf den rätselhaften Schlüssel von Schielo – Marie war ganz sicher, dass dort noch ein Geheimnis auf sie wartete.

«Ich habe für eure Studienfahrt ein paar Brote geschmiert und eine Flasche Apfelmost eingepackt. Bleibt bitte nicht zu lange, damit ich mir keine Sorgen machen muss», verabschiedete sie die beiden und sah ihnen nach, bis sie außer Sicht waren.

Sie fuhren auf dem Radweg an der Scharzfelder Straße entlang bis nach Barbis. Hinter dem Ort überquerten sie das kleine Flüsschen Oder, folgten ein kurzes Stück dem Flusslauf und erreichten den ehemaligen Bahnhof Scharzfeld. Die Bahnanlage machte einen verlassenen Eindruck, nur ein paar verrostete Güterwaggons standen auf einem Abstellgleis. Am Bahnhofsgebäude stoppte Marie und stieg vom Fahrrad ab. Felix, der vorwegfuhr, kam zurück.

«Was ist denn?», fragte er.

«Sei mal still. Jemand ruft meinen Namen», antwortete Marie.

«Bist du sicher? Ich hör nichts und sehe auch niemanden», wunderte sich Felix.

«Lass uns nachsehen», meinte Marie und ging einen schmalen, fast zugewachsenen Durchgang entlang, der zu den verwaisten Bahnsteigen führte. Gegenüber dem alten Backsteingebäude, auf der anderen Seite des Bahndammes, standen fünf Frauen auf dem Schotterbett der Durchgangsgleise. Sonst war niemand zu sehen.

«Hexen», flüsterte Marie Felix zu.

«Mist», fluchte er leise, «ich habe keine Maus dabei!»

«Wir haben dich, Marie. Es ist vorbei», rief eine von ihnen in ruhigem Ton herüber.

«Woher wisst ihr…?», Marie wurde von ihr unterbrochen.

«Das Auge sieht dich», erklärte die Hexe, «komm, es ist Zeit für dich.»

In diesem Moment klapperte der Signalarm vor dem alten Stellwerk und zeigte freie Fahrt. Aus der Ferne hörten sie schon den Pfeifton der Lokomotive eines herannahenden Zuges.

«Welches Auge?», wollte Marie wissen, um sie abzulenken.

«Dort oben.» Sie zeigte mit dem Finger zum Himmel. «Das Auge Luzifers. Hüte dich vor ihm, es sieht dich.»

Alle guckten nun zum Himmel. Marie erkannte zwischen den weißen Wolken einen schwarzen Flecken, der ihr bekannt vorkam. Das musste das Auge sein, ihr wurde jetzt einiges klar.

«Der schwarze Punkt dort?» Marie zeigte ebenfalls nach oben, schielte aber dabei den Schienenstrang entlang. Ein Güterzug, von zwei schweren Diesellokomotiven gezogen, kam angedonnert. Als die Hexen den Zug bemerkten, traten sie automatisch von dem Schotterbett herunter. Mit einem ohrenbetäubenden Lärm heulten die beiden Lokomotiven an ihnen vorbei, gefolgt vom Poltern, Scheppern und Kreischen der Waggonräder. Wie eine rollende und donnernde Mauer aus Eisen trennte sie der Güterzug von den Hexen.

Felix fasste Marie an der Hand und rannte sofort los. Sie sprangen auf ihre Fahrräder und fuhren so schnell sie konnten die leicht abschüssige Straße hinunter und erreichten den Ortskern von Scharzfeld. Vor dem Hotel «Harzer Hof» machten sie Halt, stellten ihre Räder auf dem seitlich gelegenen Parkplatz ab und gingen hinein. Drinnen fühlten sie sich erst einmal sicher. Felix bestellte zwei Cola.

«Wer zum Teufel ist dieser Luzifer?» Marie sah ihren Finger mit der L-förmigen Narbe an.

«Vielleicht ist es der Teufel», vermutete Felix. Marie sah noch immer auf die Narbe an ihrem Finger. Sie wusste nicht, wie und wo sie sich diese Verletzung zugezogen hatte. «Ja, vielleicht», sagte sie leise, fast abwesend, «vielleicht.»

«Lass uns weiterfahren», forderte Felix sie auf und riss sie aus ihren Gedanken. Er bezahlte die Rechnung und erkundigte sich bei der Kellnerin sicherheitshalber noch einmal nach dem Weg. Draußen blickte Marie zuerst zum Himmel, um sich zu vergewissern, ob das Auge sie noch beobachtete. Beharrlich und stur starrte es auf sie hinunter. Marie war beunruhigt und zwang sich, es nicht weiter zu beachten.

Bald entdeckten sie die Hinweisschilder zur Steinkirche und folgten ihnen. Unter der breiten Brücke der Umgehungsstraße ketteten sie ihre Fahrräder zusammen und gingen zu Fuß ein kurzes Stück die asphaltierte Forststraße bergan. Ein schmaler und steiler Zick-Zack-Weg führte über einen Wiesenhang zum Vorplatz der Kirche. Weiter oben, auf dem Gipfelfelsen des Steinberges, war reger Betrieb. Ein Traktor, dessen Hänger mit Hecken und Ästen vollgepackt war, stand dort und wurde von vielen Helfern gerade entladen. Sie schichteten alles auf ein Holzgerüst.

«Die bauen ein Osterfeuer», meinte Felix und ergänzte, «das passt gut, denn das lenkt die Leute ab, so können wir uns ungestört umsehen.» Sie gingen weiter und erreichten nach einem kurzen Aufstieg den Vorplatz, der vorn von einer Felsenmauer mit dem großen Höhlenportal und gegenüberliegend von einer Baumreihe begrenzt wurde. Felix hatte Recht, sie waren tatsächlich allein.

Staunend und schweigend standen sie vor der großen Öffnung der Haupthöhle. Rechts, außen in den hellgrauen Felsen gemeißelt, erkannten sie die Kanzel, von der Tante Bettina bereits gesprochen hatte. Darunter musste das Grab sein, in dem das Skelett von Afra Noel mit dem Amulett gefunden worden war. Marie ging etwas näher heran. Beim Anblick der Grabmulde überkam sie ein schauriges Gefühl. Dieser Ort strahlte etwas Magisches aus, das spürte Marie durch eine innere Unruhe ganz deutlich. Wie würde es in der Höhle sein?

Vorsichtig ging sie hinein, und Felix folgte ihr. Rechts war eine Art Altar in den Fels geschlagen, auf dessen Plattform künstliche Blumen und Reste von Räucherkerzen standen. Dahinter sprang die Felswand etwas nach hinten und bildete eine Ecke. Darunter befand sich im Fußboden ein Schacht, auf dessen Öffnung ein Eisengitter lag, das mit einer Kette und Vorhängeschloss gesichert war. Trockene Blätter und kleine Zweige lagen darauf und versperrten die Sicht hinein. Marie starrte darauf, und ihre Unruhe verstärkte sich.

«Du zitterst ein bisschen, Marie. Ist alles okay?», fragte Felix besorgt.

«Dort unten ist etwas. Ich hab so ein komisches Gefühl.» Marie rührte sich nicht. «Wir müssen da runter», sagte sie.

«Nee, nicht schon wieder. Die Brunnenexpedition hat mir echt gereicht. Ich kann keine Schächte mehr sehen», empörte sich Felix.

«Dann geh ich allein», beschloss Marie.

«Gehst du nicht», bestimmte Felix.

«Geh ich doch!», widersetzte sich Marie.

«Gehst du nicht!»

«Geh ich doch!»

«Gut, dann geh ich mit», gab Felix schließlich nach, «aber nur, weil deine Mutter mich zu deinem Bodyguard bestellt hat. Aber wie kommen wir da rein? Hast du vielleicht den Schlüssel mit?», fragte Felix schadenfroh.

Marie antwortete nicht und starrte auf das Gitter. «Klack» war auf einmal zu hören. Das Vorhängeschloss war aufgesprungen.

Felix guckte Marie perplex an. Die zog die Schultern hoch und sagte: «Hexen machen so etwas manchmal.»

«Oh Mann eh, auf was hab ich mich da bloß wieder eingelassen?», stöhnte Felix, zog das Schloss aus der Kette und nahm das Gitter hoch. Ein kühler Lufthauch kam ihnen entgegen. Es roch etwas moderig und faulig nach Erde. Felix streifte seinen Rucksack ab und holte die Taschenlampe heraus. Dann stieg er in den Schacht. Marie folgte, als er ganz darin verschwunden war. Es war eng und staubig. Felix rutschte langsam den schrägen Gang weiter nach unten. Marie kroch durch die Dunkelheit hinter ihm her und musste gegen die aufkommende Platzangst ankämpfen. Nach einigen Metern erreichten sie einen großen Hohlraum, in dem man gebückt stehen konnte. Marie war erleichtert und setzte sich erst einmal auf den kalten Boden. Felix leuchtete mit der Taschenlampe ringsum. Von hier aus zweigten zwei Abgänge ab. Der eine war ein niedriger Kriechgang und verlief weiter abwärts, der andere war aufrecht begehbar, endete aber nach wenigen Metern an einer Felswand.

«Also hier runter», schlug Felix vor und zeigte in den abwärts führenden Gang. Er hockte sich auf die Knie und kroch in die Erdröhre hinein. Marie folgte dicht hinter ihm. Felix’ Rücken rutschte an der niedrigen Gangdecke entlang und löste feinen Sand ab, der Marie ins Gesicht rieselte. Sie musste husten und spucken und schloss die Augen, um sich vor dem Staub zu schützen.

Die Luft wurde immer stickiger, je tiefer sie kamen. Sie fühlte sich kalt und feucht an. Das Atmen fiel schwer. Aber sie krochen weiter durch diese enge Röhre, die scheinbar kein Ende nahm. Marie hielt die Augen fest zu, das half gegen den Sand und die aufkommende Panik ihrer Platzangst. Wo führt das nur hin, dachte sie, hätte ich bloß auf Felix gehört.

«Hier ist der Gang zu Ende», rief Felix auf einmal und robbte noch ein Stück weiter. Dann schrie er plötzlich: «Ahhhh! Halt mich, Marie!»

Reflexartig umfasste Marie mit beiden Händen seine Fußgelenke. «Was ist?» Marie konnte nichts erkennen.

«Ich hänge halb über einem Abgrund. Der Boden hat nachgegeben. Halt mich bloß fest.» Felix’ Stimme klang schallend, als sei er in einer großen Höhle.

«Ich halte dich», versicherte Marie und verstärkte ihren Griff. Sie hatte Angst, der Boden könnte noch weiter abbrechen und Felix mit nach unten reißen.

«Wir müssen langsam zurückkriechen», sagte Felix, «Jetzt!»

Stück für Stück krochen sie rückwärts. Immer synchron. Dabei ließ Marie seine Fußgelenke nicht los. Der Boden bröckelte immer noch etwas mehr ab.

«Ich habe wieder Halt», sagte Felix nach einer Weile.

«Hast du die Taschenlampe noch?», fragte Marie besorgt.

«Ja, ja», versicherte er, «sie hängt an meinem Handgelenk.»

«Was siehst du?» Felix leuchtete nach vorn. «Eine große Höhle.» Er verstummte für einen Moment. «Oh, Mann, hier vor mir geht es ziemlich tief runter. Der Höhlenboden …», er stockte. «Oh Gott, nein! Lass uns abhauen.»

Sie mussten die ganze Strecke rückwärts bergan hinauskriechen. «Es nimmt kein Ende», jammerte Marie leise vor sich hin.

«Weiter, immer weiter», trieb Felix sie an, «nicht darüber nachdenken.»

Als sie den Hohlraum endlich erreicht hatten, setzten sie sich wortlos auf den Boden und mussten zunächst verschnaufen. Ihre Gesichter waren vom Staub und Schweiß verschmiert und sahen im Taschenlampenlicht wie Fratzen aus. Als sie sich ansahen, konnten sie trotz ihrer Erschöpfung ein Lachen nicht unterdrücken. Mit dem Taschentuch wischten sie den gröbsten Schmutz weg.

«Das war ein Irrweg», sagte Felix nach einer Weile. «Komm, nichts wie raus hier. Ich brauche frische Luft.»

«Warte!» Marie stand auf. «Was hat dich an der Höhle so erschreckt.»

Felix zögerte und schluckte. «Skelette. Der ganze Boden lag voll davon. Es sah grauenhaft aus.»

Marie war geschockt. Ein unterirdischer Friedhof. Sie gruselte sich. Und doch … Sie rief Felix zu, der gerade in den Gang nach oben hineinkriechen wollte: «Moment noch, leuchte mal hier rüber.» Er kam zurück und richtete seine Taschenlampe in den anderen Gang hinein, der an dem Felsen endete. Marie ging bis dahin vor und berührte ihn mit der Hand, als wollte sie den Stein prüfen. Sie spürte keinen Widerstand. Ihre Hand verschwand einfach im Gestein.

«Felix, komm her!», rief sie und winkte ihn heran, «ich glaube, hier geht es weiter.» Sie nahm ihn an der Hand und ging vorsichtig mit ihm durch den Felsen hindurch. Auf der anderen Seite standen sie auf einem Podest, von dem eine eiserne Wendeltreppe nach unten führte.

«Ich hab’s doch gewusst! Hier ist was», fühlte sich Marie bestätigt.

«Und ich hab’s geahnt», klagte Felix, «dass das nichts Gutes bedeutet.»

Mit der Taschenlampe leuchtete Felix in die Dunkelheit hinein, aber das Licht drang in dem riesigen Raum nicht überall hin. Stufe für Stufe ging Marie vorsichtig die Treppe hinunter. Felix folgte und leuchtete auf die Stufen. Der metallische Klang ihrer Schritte auf der eisernen Treppe hallte wie in einem großen Kirchenschiff. Nach vielen Windungen auf der Wendeltreppe kamen sie unten an. Es war kalt und es roch nach Holzasche. Langsam und wachsam lauschend gingen sie weiter vor.

Plötzlich wurde es hell. An den Wänden brannten Kerzen in großen, schmiedeeisernen Wandhaltern. Weit vor ihnen, an der Wand, loderte ein Feuer in einem riesigen Kamin auf. Der Raum erinnerte Marie an eine Kathedrale. Säulen stützten die hohe Gewölbedecke, die silbern glänzte. Der Fußboden war ein übergroßes, seltsames Mosaikbild. Vor dem Kamin stand ein klotziger, reich verzierter Schreibtisch aus dunklem Holz, auf dem ein ledergebundenes Buch mit Goldschnitt lag. Marie blieb stehen und sagte: «Ich habe das Gefühl, ich kenne diesen Ort. Ich glaube, ich war schon mal hier. Das ist die Hexenkathedrale.»

«Quatsch!», erwiderte Felix, «wann willst du denn hier gewesen sein? Vielleicht hast du davon geträumt.»

Ängstlich und deshalb bedächtig gingen sie weiter auf den Schreibtisch zu. Als sie davorstanden, schaute Marie nach oben zur Decke und erschrak. «Sieh mal nach oben», forderte sie Felix auf. Er tat es und war völlig verblüfft. Auf der verspiegelten Gewölbedecke erschien ein Bild. Er und Marie standen scheinbar auf dem Brockenplateau vor dem Hexenaltar.

«Das ist ja krass», meinte Felix staunend.

«Ich war schon mal hier», wiederholte Marie, «ich kann mich an dieses Bild erinnern.»

Marie ging um den Schreibtisch herum und wollte das Buch aufschlagen, als plötzlich eine Stimme erschallte.

«Ich habe dich unterschätzt.» Erschrocken schauten sie sich um. Eine Frauengestalt, gekleidet in einen roten Mantel und einen roten Hut mit weiter Krempe, trat aus dem Halbdunkel einer Säule hervor. Es war Philomena. «Du hast den geweihten Ort der Hexenkladde entdeckt.»

«Wer ist Luzifer?», fragte Marie.

«Schweig!», schrie sie Marie an. Das Echo hallte schrill zwischen den Wänden hin und her. «Er ist der Abgrund, in den du gefallen bist. Es gibt kein Entrinnen. Du kleines widerwärtiges Ding, du wirst dich beugen oder sterben. Ist dir das klar?»

«Das werden wir sehen.» Felix stellte sich schützend vor Marie.

«Wer bist du, du kleiner Menschenwurm, dass du es wagst, dich einzumischen?», keifte sie ihn an und richtete ihre Hand gegen ihn. Felix erstarrte sofort in einem Krampfzustand und stöhnte vor Schmerzen.

Marie sprang mit einem Satz an Felix vorbei zur Seite, richtete ihre Hand gegen Philomena und schrie wütend zurück: «Lass sofort von ihm ab!»

Ein Blitz schoss aus ihrer Hand und traf Philomena. Augenblicklich wurde sie zu Boden geschleudert und blieb bewegungslos liegen. Ein Donner erschütterte die Halle. Scheppernd fiel eine Statue mit Fratzengesicht vom Sockel und brach auseinander. Marie war erschrocken darüber, was sie getan hatte. Das wollte sie nicht, aber unbeherrscht entfesselten Wut und Angst ihre Kräfte. Sie beugte sich über Philomena, die noch atmete, aber bewusstlos war.

Felix hockte am Boden und japste nach Luft.

«Alles okay?», fragte Marie, nahm seinen Arm und half ihm wieder auf die Beine.

«Wir müssen hier schnellstens weg.»

«Aber nicht ohne die Kladde!», entschied Felix und klemmte sich das schwere Buch unter den Arm. «Das ist unsere Lebensversicherung», sagte er, «solange wir die Kontrolle über dieses Buch haben, werden sie es nicht wagen, uns Gewalt anzutun.»

Plötzlich erloschen die Kerzen und das Kaminfeuer. Es wurde stockdunkel. Felix schaltete die Taschenlampe an, doch in dem faden Licht konnten sie kaum etwas erkennen, und die Orientierung fiel schwer. Wo war die Treppe? Marie dachte an die Kammer der stillen Finsternis und bekam Angst. Mehr Licht, mehr Licht, ging es ihr durch den Kopf, bitte Licht. Dann wurde es hell. Die Kerzen in den Haltern an der Wand flackerten auf. Beide rannten rasch auf die Treppe zu und nahmen die Stufen, die spiralförmig nach oben führten.

Keuchend erreichten sie das obere Podest. Gerade dort angekommen, packte Marie Felix am Arm und zog ihn durch die Felswand hindurch. Ohne zu zögern, kroch er wieder in den engen Schacht, der nach oben führte. Da er das Buch festhalten musste, kam er nur mühsam voran. Als er aus dem Schacht herausgestiegen war, reichte er Marie die Hand und zog sie nach oben. Er gab ihr die Kladde, legte das Gitter zurück auf die Schachtöffnung und schlang die Kette darum herum. Kaum hatte er den Schlossbügel zugedrückt, rannten beide nach draußen.

Auf dem Vorplatz der Höhle setzte sich Felix auf eine Felsstufe und schüttelte den Kopf. «Ich werd verrückt. Habe ich das eben geträumt oder wirklich erlebt?»

«Warte bis Morgen, wenn du einen ordentlichen Muskelkater hast, dann weißt du, dass es kein Traum war», meinte Marie.

«Irre. Voll der Hammer!» Felix schüttelte immer noch den Kopf.

Marie ging in die Mitte des Platzes und schaute zum Himmel hinauf. Das schwarze «Auge» stand direkt über ihr und blickte anscheinend auf sie herab. Marie nahm die Kladde in beide Hände und hielt sie dem Auge entgegen.

«Sieh her, ich habe sie. Auf dem Hexenaltar werde ich sie verbrennen, wenn ihr keine Ruhe gebt!»

Das Auge blitzte glühend rot auf und verschwand.

«Was ist denn mit dir los?» Felix wunderte sich über diese ausdrucksvolle Drohung von Marie.

«Das musste einfach raus», antwortete sie erleichtert, «So, jetzt aber nichts wie weg hier. Tante Bettina wartet sicher schon ungeduldig auf uns.»

Felix verstaute die Kladde in seinen Rucksack, dann rannten sie zu den Fahrrädern und fuhren im Eiltempo zurück nach Bad Lauterberg.

* * *

Torsten wartete schon bei Bettina, als Marie und Felix bei ihr eintrafen. Nach dem Mittagessen brachen sie sofort auf, weil Torsten abends noch Fahrdienst hatte. Bettina fand den Besuch viel zu kurz und versprach, bald mal wieder nach Schielo zu kommen.

«Ja, gerne», sagte Torsten, «aber nichts anfassen.»

«Wie meinst du das?», fragte Bettina verständnislos nach.

«Papa hat Angst um den neuen Toaster, verstehst du?», erklärte Marie mit einem Augenzwinkern. Bettina musste lachen. «Ach, das meinst du. Ich schwöre, sehr vorsichtig zu sein.»

Dann klappten die Autotüren, der Motor lief an und über Bettinas Wangen rollten dicke Abschiedstränen. Noch lange winkte sie mit dem Taschentuch hinter ihnen her.

* * *

Die dunkle Wolke über Schielo hatte sich aufgelöst und einer gewöhnlichen Regenwolke Platz gemacht, aus der die ersten Tropfen fielen, als sie in die Schulstraße einbogen. Heike bot Felix an, zum Mittagessen zu bleiben, was er gerne annahm, denn er wollte sich auf jeden Fall mit Marie noch die Hexenkladde ansehen. Sie waren ganz gespannt darauf. Felix rief zu Hause an, um Bescheid zu geben, dass er bei den Stöbers essen würde.

Heike hatte Schnitzel mit Pommes und Salatbeilage gemacht. Beide schlangen ihr Essen mit wenig Kauaufwand hinunter und waren rasch fertig.

«Dürfen wir uns zurückziehen, bitte», fragte Marie scherzhaft in vornehmem Ton, «wir müssen unsere Expedition noch nacharbeiten.»

«Vergesst aber bitte nicht, die baldige Expedition nach Harzgerode zur Schule vorzubereiten», bemerkte Heike. Au, ja, stimmte. Daran hatte Marie gar nicht mehr gedacht.

Sie verließen die Küche und gingen in Maries Zimmer. Felix holte das schwere Buch aus dem Rucksack, legte es auf Maries Schreibtisch und setzte sich davor. Marie stand hinter ihm und bestaunte dieses ungewöhnliche Werk. So ein Buch hatte Marie noch nie vorher gesehen. Es musste steinalt sein und strahlte eine seltsame Energie aus. Sie spürte das ganz deutlich.

Es hatte ungefähr die Maße eines Schreibblocks und war dicker als ein Lexikon. Die Buchdeckel bestanden aus dünnem Holz, das mit dunkelbraunem, glattem Leder überzogen war. Die Ecken des vorderen und hinteren Deckels waren mit verzierten Messingkappen verstärkt. Auf dem vorderen Buchdeckel sah man nur ein großes eingeprägtes rotes L.

Felix schlug den Deckel auf. Ein Geruch nach Fäulnis stieg in ihre Nasen. Die erste Seite füllte ein farbiges Bild mit seltsamen Tierwesen und Gestalten. Er blätterte um. Das Papier fühlte sich steif und rau an. «Hexenkladde» stand in dicken, roten Buchstaben darauf. Der Schriftzug war von Schlangendarstellungen eingerahmt. Es folgten seitenlang nur noch untereinandergeschriebene Namen mit einem Datum in unterschiedlichsten Handschriften. Also waren es Unterschriften, schloss Felix daraus. Die dunkelroten Buchstaben sahen ziemlich verschmiert aus, so als wäre sie mit einem dicken Stift oder Pinsel geschrieben. Er schaute genauer hin und war entsetzt.

«Die Namen sind nicht mit Tinte geschrieben», stellte er fest, «sondern mit Blut.»

Marie lief wieder ein Schauer über den Rücken.

Neugierig blätterte er weiter. Nach der Hälfte des Buches endete die Namensliste, alle folgenden Blätter waren leer. Er blätterte zurück und las den letzten Eintrag und erschrak. «Marie, *2.3.1999.» Es war Maries Handschrift.

«Das gibt’s doch nicht, Marie», rief Felix aufgeregt, «du warst tatsächlich schon einmal dort.»

«Wo?» Marie rückte näher heran.

«In der Hexenkathedrale.»

«Hab ich ja gesagt!» Marie beugte sich über die Stelle, auf die sein Finger wies, und konnte es kaum glauben.

«Das ist doch deine Schrift?», war Felix sicher.

«Ja – aber ich versteh das nicht. Dieses Buch habe ich vorher nie gesehen.» Marie wunderte sich. «Ich kann mich nicht daran erinnern, meinen Namen hineingeschrieben zu haben. Schon gar nicht mit Blut.» Sie bekam wieder knallrote Wangen vor Aufregung.

«Bleib ruhig», versuchte Felix, sie zu besänftigen. «Das wird sich schon aufklären. Blättern wir lieber mal weiter, ob wir den Lösungssatz finden?»

Sie nickte und Felix suchte Seite für Seite bis zum letzten Blatt das ganze Buch durch. Es war nichts zu finden. Beide sahen sich enttäuscht an. Marie war den Tränen nahe. Sollte alles umsonst gewesen sein? Hatten sie irgendetwas übersehen? Sorgfältig blätterte er das Buch ein weiteres Mal von vorn nach hinten durch. Nichts! Er schlug es zu und drehte nervös mit dem Finger in seinen Haaren. Dann nahm er es hoch und schaute es sich noch einmal von allen Seiten genau an. «Es tut mir leid, Marie», flüsterte er traurig, «ich kann nichts finden.

«Aber es muss darin stehen. Wanda und Anila haben es gesagt», entrüstete sich Marie und stupste Felix sanft vom Stuhl. «Lass mich mal!» Felix machte Platz und setzte sich in den Kugelsack.

Marie schaute sich jede Seite genau an, aber auch sie konnte nicht das finden, was sie so dringend suchten: den Lösungssatz. Nur damit hatte sie überhaupt eine Chance, sich von dem Fluch zu befreien.

Enttäuscht knallte sie das Buch zu und lehnte sich zurück. Nach einer Weile strich sie mit der Hand nachdenklich über den Buchdeckel. Ihr Finger umfuhr den Deckelrand, tastete die Messingverzierung ab und zeichnete das L nach. Plötzlich klappten die Messingkappen mit einem «Klack» hoch.

«Felix», rief Marie, «sieh mal!»

Er sprang aus dem Kissen und starrte verwundert auf die hochgestellten Messingkappen. Vorsichtig fasste er mit dem Fingernagel in eine Rille an der oberen Kante des Deckels, der aus zwei Lagen bestand. Er klappte die obere um und staunte. Darunter stand auf einem schlichten silbernen Untergrund in roter Farbe:

«Wenn der Tageslauf früht,

so der Hexenstein glüht,

sie mit entschlossenem Mut

mit ihrem eigenen Blut

auf den Stein wie noch nie so

mit dem Schlüssel von Schielo

ihren Namen schreibt,

ist von Stund an für immer

von dem Fluche befreit.»

«Ja!», schrie Marie laut aus und sprang auf. Sie umarmten sich, hüpften umeinander herum und sangen: «Wir haben es, wir haben es …»

«Ist alles in Ordnung, Marie?», rief Heike von der Treppe nach oben.

Marie und Felix sahen sich an und grienten. «Alles okay, Mama. Wir kommen gleich runter.»

Felix schrieb den Text auf ein Blatt, verschloss den Deckel wieder und verstaute das Buch im Rucksack.

«Wir haben es noch nicht, Felix», sagte Marie nach einer Weile im ernsten Ton.

«Was meinst du?» Felix setzte sich auf die Kante des Schreibtisches und verschränkte die Arme.

«Wir haben den Schlüssel noch nicht, den Schlüssel von Schielo, weißt du?»

«Ja, das stimmt», gab Felix zu und las den Text noch einmal durch. Dann fing er wieder an mit dem Finger Locken in seinen Haaren zu drehen.

«Fassen wir mal zusammen», begann er, «du musst also mit deinem Blut deinen verschlüsselten Namen auf den Hexenstein schreiben. Auf den Stein wie noch nie so, steht hier. Das heißt für mich, du hast nur einen Versuch.»

«Was ist dieser verfluchte Schlüssel?» Marie dachte angestrengt nach.

«Das Bleiamulett!», schoss es dann aus ihr heraus. «Hast du das schon vergessen? Dies ist der Schlüssel von Schielo, steht darauf. – Wie heißt dieser Mönch aus der Zeitung?»

«Du meinst Bruder Cornelius.» Felix stand vom Schreibtisch auf. «Wir müssen wohl mit ihm reden.»

«Und was machen wir mit dem Buch?», fragte Marie. «Die werden mich nicht mehr aus den Augen lassen.»

«Ja, aber nur aus reiner Fürsorge. Solange du das Buch besitzt, werden sie dich behüten und beschützen», meinte Felix, «das ist für sie wichtiger, als deine Kräfte.»

Marie überlegte. «Ich lasse es von Mäusen bewachen, in Papas Werkstatt, unter dem Schrank», fiel ihr ein.

Felix’ Augen leuchteten vor Begeisterung. «Voll fies, eh», jubelte er. «Super Idee.»

Dann gingen sie zusammen zum Osterfeuer auf den Hutberg.

* * *

Marie und Felix hatten sich mit Bruder Cornelius in der St. Marienkirche in Harzgerode verabredet. Das sei ein neutraler und ruhiger Ort, an dem man sich ungestört unterhalten könne, hatte Bruder Cornelius am Telefon erklärt. Etwas angespannt und neugierig auf einen Mönch, den sie nur aus der Zeitung kannten, betraten sie die Kirche. Es hallte im Kirchenschiff, als die schwere Holztür wieder ins Schloss fiel. Unterhalb der Orgelempore blieben Marie und Felix stehen. Die Stille beeindruckte sie. Andächtig und ehrfürchtig schauten sie sich in dem prachtvollen Kirchenraum um, der aufgrund der ungewöhnlichen weißen Farbe der hölzernen Innenausstattung sehr harmonisch auf sie wirkte.

In der ersten Bankreihe vor dem Altar kniete jemand mit gefalteten Händen und schien zu beten. Sonst war niemand in der Kirche. Nach einer Weile bekreuzigte er sich, stand auf, machte im Mittelgang vor dem Altar einen Knicks und kam mit einem Lächeln langsam auf Marie und Felix zu. «Gelobt sei Jesus Christus», grüßte er mit klarer Stimme, gab beiden die Hand und stellte sich vor: «Ich bin Bruder Cornelius.» Dann wandte er sich an Marie und sagte: «Ich freue mich, dich persönlich kennenzulernen.»

Marie betrachtete ihn von oben bis unten. Einen Mönch hatte sie sich ganz anders vorgestellt, mit Kutte, einer Halskette mit Kreuz und so. Aber er trug einen dunkelgrauen Anzug, darunter ein weißes Hemd ohne Krawatte. Sein grau meliertes Haar war kurz geschnitten. Die randlose Brille stand ihm gut. Marie hätte ihn für einen Bankmanager gehalten, wenn er ihr auf der Straße begegnet wäre, aber nie für einen Mönch.

Er bemerkte wohl ihre staunenden Blicke, lächelte sie an und sagte: «Meine Kutte trage ich nur zu besonderen und offiziellen Anlässen. Sie ist sozusagen mein Festgewand, und ich wollte euch damit nicht irritieren.»

Es war Marie etwas peinlich, dass er sie mit ihren musternden Blicken ertappt hatte. «Und wenn ich die Umstände deiner Entführung richtig deute», fuhr er fort, «bist du das Opfer eines Fluches, der dich zu einer, sagen wir, Auserwählten macht.»

«Sagen Sie ruhig Hexe. Es klingt zwar komisch, aber es ist nun mal so», erwiderte Marie und fügte nachdrücklich hinzu. «Ich will diesen Fluch wieder loswerden, und nach allem, was wir in der Zeitung gelesen haben, können Sie mir vielleicht dabei helfen.» Sie schaute Bruder Cornelius bittend an.

«Unsere Forschergruppe hatte noch nie Gelegenheit mit einer, Entschuldigung, «Hexe» zu sprechen. Deine Erlebnisse und dein Wissen können uns einen entscheidenden Schritt weiterbringen. Sie würden meine Vermutungen und Beobachtungen über das Wesen der Hexen bestätigen. Entscheidend ist aber, dass jede weitere, die der Fluch treffen wird, sich davon befreien könnte. Aber wir sollten uns vielleicht setzen.»

Sie nahmen in einer der hinteren Bankreihen Platz.

«Können Sie mir helfen?», fragte Marie noch einmal ungeduldig nach.

Bruder Cornelius schwieg eine Weile. Dann sagte er: «Dazu brauchen wir die Fluchtafel und den Lösungssatz, um den Code zu knacken. Ich habe allerdings keine Idee, wo beides versteckt sein könnte. Aber es gibt Spuren, die verheißungsvoll sind. Das Einzige, was ich bisher habe, ist das Bleiamulett mit der Aufschrift Dies ist der Schlüssel von Schielo, das man bei dem Frauenskelett an der Steinkirche gefunden hat.»

«Wir kennen den Fluchtext und den Lösungssatz», sagte Felix.

Wie von der sprichwörtlichen Tarantel gestochen stand Bruder Cornelius auf, stellte sich in die Bankreihe davor und schaute sie skeptisch an. «Was kennt ihr?» Er faltete die Hände und wartete auf ihre Antwort.

Marie begann nun, ihre Geschichte von Anfang an zu erzählen. «In der Nacht zu meinem dreizehnten Geburtstag, der ist am zweiten März, bin ich mit einem verletzten und blutenden Finger aufgewacht …» Bruder Cornelius setzte sich wieder, drückte die ganze Zeit, während Marie sprach, seine gefalteten Hände vor den Mund und hörte aufmerksam zu. Marie beendete ihre Geschichte mit den Worten: «… so weit sind wir gekommen. Aber was ist der Schlüssel von Schielo?»

Bruder Cornelius hielt eine Weile inne, stand auf und nahm einfühlsam Maries Hand. «Vielen Dank, dass du mir das alles anvertraut hast. Du musst Schreckliches durchgemacht haben. Ich bewundere deine Stärke und deinen Mut, und ich bewundere Felix. Das ist echte Freundschaft.»

Marie sah Felix liebevoll und zustimmend an und streichelte seinen Arm.

«Ist ja schon gut», wiegelte Felix ab.

«Können Sie uns helfen, den Code herauszufinden?», fragte er dann und gab Bruder Cornelius die Abschrift des Fluchtextes und des Lösungssatzes.

«Ich werde alles Klaus Baumann vorlegen. Er ist der Mathematiker in unserer Gruppe», versprach Cornelius, «wenn er es nicht herausfindet, findet es niemand. Ich melde mich bei euch.»

Er gab ihnen die Hand, um sich zu verabschieden. «Gelobt sei Jesus Christus.»

«Auf Wiedersehen und vielen Dank», antworteten sie.

Bruder Cornelius kniete auf der Bank nieder und betete, während Marie und Felix die Kirche verließen.

Nach ein paar Schritten blieb Marie stehen und sah Felix skeptisch an. «Glaubst du, er wird den Code entschlüsseln können?»

Felix nahm ihre Hand und drückte sie. «Ich wüsste sonst niemanden, der dazu in der Lage wäre. Er ist im Moment unsere einzige Chance. Wir sollten ihm vertrauen.»

Marie nickte zur Bestätigung, und sie gingen weiter. Bevor sie die Straße erreichten, kam ihnen eine Frau entgegen. Marie erkannte sie sofort, es war Philomena.

«Felix, geh schon mal vor, ich komme gleich nach», forderte sie ihn auf.

«Ich lass dich jetzt nicht allein!», entgegnete er.

«Doch, genau das wirst du!», rief Marie in unwirschem Ton. Felix war etwas verdutzt über ihren Befehlston, aber er ging.

Marie spürte, wie Wut und Angst in ihr aufstiegen. Sie verachtete diese Frau, war aber froh, dass diese unheilvolle Person ihre Attacke in der Hexenkathedrale überstanden hatte.

Philomena schritt schnurstracks auf Marie zu und baute sich dominant vor ihr auf.

«Wenn ich die Hexenkladde nicht wiederbekomme, wird Schlimmes passieren», drohte sie in scharfem Ton und kniff dabei wie eine Katze ihre Augen zu Schlitzen zusammen.

Marie wusste, wozu sie imstande war und fürchtete um ihre Eltern und um Felix. Sie könnten leicht Ziel ihrer Unguten Verrichtung werden. Marie ließ sich nichts anmerken und ging unbeeindruckt an ihr vorbei. Nach ein paar Schritten drehte sie sich dann doch zu ihr um und drohte nun ihrerseits: «Wenn etwas Schlimmes passieren sollte, werde ich die Kladde verbrennen. Tu also nichts Unüberlegtes!» Marie ging weiter. Philomena murmelte noch etwas Unverständliches in ihrem Rücken, dann verschwand sie.

An der Straße bog Marie links ab zum Rathausplatz. Hinter der nächsten Hausecke wartete Felix schon mit dem Moped.

* * *

Bruder Cornelius informierte noch am selben Tag die gesamte Forschergruppe per E-Mail über seine neuen Kenntnisse. Gleich danach telefonierte er mit Klaus Baumann und bat ihn um Unterstützung, den Code zu entschlüsseln. «Was wir von Marie Stöber erfahren haben, ist allein schon spektakulär. Wenn wir auch noch den Code knacken könnten, wäre das der Durchbruch in unserer Arbeit, einfach sensationell», hatte Cornelius geschwärmt.

«Lass mir ein paar Tage Zeit», antwortete Klaus Baumann zustimmend. Er war ganz angetan von der Aufgabe, die ihm Cornelius zugeschickt hatte. Solche Problemstellungen waren für ihn eine knifflige Denksportaufgabe, die er als Herausforderung besonders mochte.

Wie immer ging er mit System an die Arbeit. So hatte er es bei seinem Mathematikstudium, das noch gar nicht so lange her war, an der Technischen Universität Clausthal gelernt. Zuerst schrieb er alle bekannten Fakten in eine Liste. Das Amulett war offensichtlich das wichtigste Puzzleteil zum Code. Die Zahl, die dort stand, ließ darauf schließen, dass es sich um einen Zahlencode handelte. Hier wollte Baumann zunächst ansetzen und untersuchte den Text der Fluchtafel nach offenen und versteckten Zahlen und schrieb sie auf das Flipchart. Da stand etwas vom dritten Vollmond des Jahres, ab dem dreizehnten Lebensjahr, selbst das Datum – den 7. November 1487 – zog er in seine Analyse ein. November steht für die Elf. Baumann zählte die Wörter des Textes, es waren einhundertsiebenundzwanzig. Er betrachtete das Blatt mit der Zahlenreihe, und als Mathematiker erkannte er sofort: Es waren alles Primzahlen. Eindeutiger konnten die Hinweise kaum sein, dachte er: Sie hatten es mit einem Primzahlcode zu tun. Diese Spur schien vielversprechend, glaubte Baumann und nahm sich als Nächstes das Amulett vor.

Die Zahl in der Mitte der Bleischeibe war nicht eindeutig zu entziffern. Es konnte eine 311 sein, ebenfalls eine Primzahl. Nicht so jedoch die 377 oder die 399, die auch in Betracht kamen. Er grübelte eine Weile. Führte seine Fährte doch in die falsche Richtung? Es wäre ja auch zu einfach gewesen, dachte er, lehnte sich bequem in seinem Schreibtischstuhl zurück und schloss die Augen.

«Dies ist der Schlüssel von Schielo», ging es ihm immer wieder durch den Kopf. «Dies ist der Schlüssel …», er öffnete die Augen. «Was in drei Teufels Namen ist dieser Schlüssel?» Baumann erhob sich und lief in seinem Arbeitszimmer auf und ab. «Diese Zahl ist der Schlüssel von Schielo!», probierte er laut. «Diese Zahl ist der Schlüssel …» Er schrieb 311, 377 und 399 mit einem quietschenden Filzschreiber auf seinen Flipchartblock. «Aber in welches Schlüsselloch passt diese Zahl?» Er setzte sich wieder.

Der Satz «Dies ist der Schlüssel von Schielo» war in Spiegelschrift geschrieben. Na ja, dachte Baumann, mit Spiegelschrift als Geheimschrift kann man vielleicht noch Kinder in der Grundschule beeindrucken, sonst niemanden mehr. Das war wohl auch weniger als Hürde gedacht, sondern eher als Hinweis. Aber was, zum Kuckuck, hatte eine dieser Zahlen mit Schielo zu tun? Er entschloss sich, Frau Dr. Reichenbach anzurufen, um sich mit ihr zu beraten. Vielleicht gab es ja in der Historie von Schielo eine Erklärung.

Vera Reichenbach konnte diese Zahlen jedoch auch nicht mit Schielo in Verbindung bringen. «Tut mir leid, Sherlock Holmes», neckte sie ihn am Telefon, «vielleicht solltest du mal Doktor Watson fragen?»

«Vielen Dank für die freundliche Unterstützung, Doktor», frotzelte Klaus Baumann zurück, «verarschen kann ich mich selbst.»

«Nein! Spaß beiseite», lenkte sie ein, «ich finde absolut keine Verbindung. Dieses Schielo ist schon ein besonderer Ort.»

«Was meinst du damit?», wunderte sich Baumann über diese Einschätzung.

«Ich meine das durchaus positiv. Der Ort hat mal gerade um die 600 Seelen, ist touristisch und geografisch abgelegen, und ein junges Mädchen rückt es in das Zentrum unserer Forschungen», erklärte sie.

«Unsere Forschungen haben uns schon oft an abgelegene Orte geführt», meinte Baumann, «das ist doch nichts Besonderes.»

«Das stimmt, aber allein der Ortsname ist ungewöhnlich», argumentierte sie weiter, «die meisten Orte enden mit -burg, -berg, -tal, -rode, -dorf, -stedt oder so ähnlich. Der Ortsname Schielo hebt sich davon ab. Das finde ich schon bemerkenswert.»

Baumann wurde plötzlich ganz still und überlegte.

«Bist du noch dran?», fragte Vera Reichenbach nach einer Weile.

«Ja, ja, bin ich. Vielen Dank für den Hinweis, Frau Dr. Watson», flachste Baumann.

«Welchen Hinweis?», fragte Vera Reichenbach nach. » Später. Ich melde mich dann.» Baumann legte eilig auf. Der Ortsname, ging es ihm durch den Kopf, klar, der Ortsname.

* * *

Der Schulbus hielt am Gemeindehaus. Zischend öffneten sich die Türen. Marie, Felix und Sabine stiegen zusammen mit den anderen Schülern aus.

«Wir sehen uns», rief Felix den Mädchen nach, während er die Hauptstraße überquerte und in Richtung Hutberg ging.

«Bis später», antwortete Marie und warf einen prüfenden Blick zum Himmel. Da war wieder dieser schwarze Fleck. Es war schrecklich, ständig beobachtet zu werden. Schon seit Tagen plagten sie wieder Ängste und Alpträume. Misstrauisch beäugte sie jede Katze, die ihr über den Weg lief oder irgendwo in der Sonne lag. Menschen, die sie nicht kannte, versuchte sie aus dem Weg zu gehen, wechselte die Straßenseite oder ging rasch in das nächste Geschäft, um sich zu verstecken.

«Was guckst’en ständig zum Himmel?», fragte Sabine, die Marie seit ihrer Rückkehr oft bis nach Hause brachte, und dann alleine weiterging. In letzter Zeit war Marie besonders dankbar für diese Begleitung. Sie traute sich kaum noch allein aus dem Haus.

«Tu ich das?» Marie war etwas verlegen, weil ihr Blick zum Himmel schon so auffällig war.

«Ja, wie so’n Hans-guck-in-die-Luft», meinte Sabine.

«Hat nichts weiter zu bedeuten. Ne blöde Angewohnheit vielleicht», versuchte Marie abzulenken.

Sie verabschiedeten sich vor dem Gartenzaun. Marie öffnete die Pforte, winkte Sabine zu und ging zum Haus. Heike und Torsten waren noch nicht da. Sie stellte ihren Ranzen ab, ging geradeaus den Flur entlang zum Hinterausgang und dann zum Stallgebäude in die Werkstatt, um nach der Kladde zu sehen. Marie hatte sie in eine alte Einkaufstasche eingewickelt und unter den hölzernen Werkzeugschrank geschoben. Sie hockte sich auf die Knie, beugte sich tief hinunter und sah unter den Schrank. Es war alles in Ordnung. Sie stand wieder auf, schlug mit den Händen den Staub von der Jeans und wollte gerade die Werkstatt verlassen.

«Hast du zufällig ein Käsebrot dabei», hörte sie plötzlich eine zarte Stimme. Marie erkannte sie sofort.

«Bonzo!», rief sie laut und drehte sich um. Bonzo saß auf der Werkbank und sah Marie mit seinen schwarzen Knopfaugen erwartungsvoll an.

«Du bist es. Ich bin ja so froh, dass du das Feuer überlebt hast», freute sich Marie, nahm ihn auf die Hand und streichelte ihn.

«Freu dich nicht zu früh, ohne Käsebrot werde ich nicht mehr lange überleben», bettelte er.

Marie lief sofort ins Haus und holte ihm ein großes Stück Käse. «Was machst du hier?», wollte sie wissen, während Bonzo gierig mit vollen Backen kaute und kaum sprechen konnte.

«Ich bin abgehauen, versteckt in der Manteltasche von Walburga», erklärte er mümmelnd und kaum verständlich. «Sie haben jetzt noch mehr Katzen als vorher. Meine ganze Familie ist denen zum Opfer gefallen.»

«Oh, armer Bonzo, das tut mir leid.» Marie streichelte ihm mit dem Finger sanft übers Fell.

«Ja, das ist traurig», antwortete er, «aber wir Mäuse können mit solchen Verlusten gut umgehen, sie sind Teil unseres Lebens.»

«Was gibt es sonst Neues von der Burg?», wollte Marie wissen.

«Dort ist die Hölle los. So etwas habe ich noch nicht erlebt», berichtete Bonzo, mit etwas Schadenfreude in der Stimme.

«Rahim ist jetzt ständig präsent und macht den Hexen Feuer unterm Hintern. Seitdem du und Felix die Kladde und die Fluchtafel entdeckt habt, spielen alle verrückt.» Bonzo biss noch ein Stück Käse ab, kaute genüsslich zu Ende und sprach weiter: «Sie müssen um jeden Preis verhindern, dass die Kladde und die Fluchtafel vernichtet werden. Das würde sie ihre Existenz kosten. Du hast sie in der Hand, Marie.»

«Die Fluchtafel haben wir Wanda und Anila zurückgegeben. Sie wollten Rahim damit besänftigen», erzählte Marie.

«Wanda und Anila haben große Angst, wie alle», fuhr Bonzo fort, «weil sie nur noch als Hexen weiterexistieren können. Deshalb haben sie die Fluchtafel versteckt, um sich selbst zu schützen und um vor Rahims harten Strafen sicher zu sein. So können sie ihn sich vom Leib halten. Er wird es nicht wagen, ihnen auch nur ein Haar zu krümmen.» Bonzo musste lachen.

«Er ist nicht mehr Herr seines eigenen Fluches. Das geschieht ihm recht», stellte Marie fest und stimmte in Bonzos Lachen ein.

«Die Tafel liegt jetzt an einem geheimnisvollen Ort verborgen, den findet er nie», lachte Bonzo. Seinen Ohren entging nichts Wichtiges, was auf der Burg passierte.

«Das haben die beiden gut gemacht», freute sich Marie und setzte Bonzo wieder auf die Werkbank. Sie hatte gehört, wie ein Auto vor dem Haus hielt.

«Ich muss jetzt gehen. Ich glaube, meine Mutter kommt gerade. Bis später.» Schnell ging sie ins Haus zurück, damit ihre Mutter sie nicht suchen musste und sich vielleicht Sorgen machte.

Während Heike das Mittagessen vorbereitete, begann Marie auf ihrem Zimmer mit den Hausaufgaben. Nach kurzer Zeit unterbrach sie ihre Schreibarbeit, weil sie sich gar nicht richtig darauf konzentrieren konnte. Sie dachte an dieses ominöse Auge, das ihr ständig folgte, und an Bonzo.

* * *

Klaus Baumann stand vor seinem Flipchart und betrachtete seine Aufzeichnungen. Was hatte Vera Reichenbach gesagt? Der Ortsname Schielo sei ungewöhnlich? Diese Bemerkung brachte Baumann schließlich auf eine Idee. Wahrscheinlich war es zu einfach, als dass ich allein darauf gekommen wäre, rechtfertigte er sich selbst. Das wäre eigentlich ein recht simpler Code. Man ordnet jedem Buchstaben im Alphabet eine Zahl zu und schon hat man einen beliebigen Zahlencode. Das kennen schon Kinder, wenn sie Detektiv spielen, dachte Baumann. Sollte es wirklich so einfach sein? Nein, so einfach war es sicher nicht. Und da im vorliegenden Fall die Bezüge zu Primzahlen unübersehbar waren, musste man diese den Buchstaben zuordnen, und zwar von hinten beginnend, damit es der Spiegelschrift entsprach, in der das Amulett zu lesen war. Also schrieb er das Alphabet in umgekehrter Reihenfolge auf sein Flipchart und wies dem Z die erste Primzahl zu, nämlich die 2. Zum A gehörte dann die 26. Primzahl, das war die 101. Danach setzte sich das Wort «Schielo» aus folgender Zahlenreihe zusammen: 19,89,67,61,79,47, 37.

Baumann stand vor dem weißen Papier, sah sich die Zahlenreihe an und kratzte sich am Hinterkopf. Das konnte es noch nicht gewesen sein, dachte er. Vielleicht musste man die Zahlen addieren.» Er tippte sie in den Taschenrechner. «Bingo! 399. Na, bitte!», freute er sich laut. Damit war auch die Zahl auf dem Amulett geklärt, war er sich sicher. Auch wenn 399 keine Primzahl war, so schien doch alles eindeutig und plausibel.

Stolz über die schnelle Lösung, rief er Bruder Cornelius an und berichtete über seine Entdeckung. Der war hellauf begeistert.

«Es passt alles zusammen», sagte er, «das muss es sein. Gratuliere Holmes! Auf den Lösungssatz angewendet heißt das dann – Moment mal …» Baumann hörte, wie Cornelius etwas auf Papier kritzelte.

«307 ist demnach der Codename von Marie. Ich muss sie umgehend benachrichtigen. Bitte schick mir dein Ergebnis zusammengefasst als E-Mail.» Er legte hastig auf. «Und Danke! Gelobt sei …» Er merkte erst jetzt, dass der Hörer bereits auf der Telefongabel lag.

* * *

Maries Handy klingelte. Es war Felix.

«Hast du schon deine E-Mails gecheckt?», fragte er ohne weitere Erklärungen.

«Moment», erwiderte Marie, «muss erst den Rechner hochfahren.»

«Mach hin, das haut dich um», drängte er zur Eile.

Während Maries Computer die Startprozedur abarbeitete, erzählte sie Felix von Bonzo und was sie von ihm erfahren hatte.

«Das ist richtig gut», kommentierte er Maries Schilderung und fügte hinzu: «Die Kladde ist dein größter Trumpf. Damit hast du sie in der Hand.»

Der Rechner meldete sich mit einem «Biep» arbeitsbereit. Marie öffnete ihr Mailprogramm. «Code geknackt» stand in der letzten Mail in der Betreffzeile. Gesendet von Bruder Cornelius. Marie öffnete aufgeregt die Mail und begriff noch nicht richtig, was dort geschrieben stand. Sie las noch einmal Satz für Satz, und langsam wurde ihr klar, was es für sie bedeutete.

«Nein!», rief sie laut in ihr Handy, dann versagte ihre Stimme. Sie konnte es kaum glauben, es war so unfassbar. Tränen der Freude und Erleichterung rollten über ihre Wangen. Sie war fast am Ziel und fühlte sich auf einmal so leicht und unbekümmert.

«Ja», hörte sie Felix im Lautsprecher, «es ist wahr.»

Marie schluchzte ins Telefon.

«Ehh, bleib cool», versuchte er, ihre Gefühle zu dämpfen, «es ist noch nicht ganz vorbei. Das Wichtigste musst du noch tun.»

«Ja, ist mir klar», stimmte Marie zu und musste schlucken, «ich möchte es aber so schnell wie möglich hinter mich bringen.»

«Das glaube ich dir, aber wir dürfen jetzt nicht unüberlegt handeln», bremste sie Felix, «das muss gut vorbereitet werden. Lass uns am Wochenende alles genau durchsprechen. Du weißt, du hast nur einen einzigen Versuch. Es darf nichts mehr schiefgehen.»

Das ganze Wochenende saßen sie bei Felix zusammen und besprachen, wie der Lösungssatz angewendet werden müsste. Zeile für Zeile gingen sie ihn noch einmal sorgfältig durch und überlegten, was zu tun sei, um die Bedingungen zu erfüllen. Marie war froh, dass Felix mit seinem kühlen Verstand die Sache in die Hand nahm. Sie selbst konnte nicht viel dazu beitragen, denn sie war vor Aufregung und Nervosität wie gelähmt im Kopf, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Ungeduldig fieberte sie dem Ereignis entgegen, das sie von dem Fluch endlich befreien sollte.

Keine Hexe mehr sein, keine Blitze mehr unkontrolliert aus ihrer Hand, keine Kerzen, die sich wie von selbst entzündeten und keine Verkehrsampeln, die plötzlich umschalteten und zur Gefahr wurden. Einfach nur wieder ein normaler Mensch sein, ohne Angst haben zu müssen, beobachtet und verfolgt zu werden. Sich wieder frei bewegen können, nicht mehr lügen müssen, um nicht als geisteskrank oder verrückt zu gelten. Endlich wieder sie selbst sein, bescheiden und unbedeutend. Jemand sein, über den man lächelt, weil er hässliche Plüschmonster sammelt. Und endlich wieder mit Felix so unbekümmert, zwanglos und vertraut umgehen wie früher.

Felix war mehr für sie als nur ein großer Ersatzbruder, das hatte sich jetzt eindeutig gezeigt. Er war ein Freund, ein echter Kumpel, zuverlässig, hilfsbereit und ehrlich. Er gab ihr Zuversicht und Kraft. Ohne ihn hätte sie das alles nicht durchgestanden. Eine Träne rollte einsam über ihre Wange. Sie wischte sie mit der Hand schnell weg.

«So! Hast du das verstanden?», fragte Felix und holte sie damit aus ihren Gedanken heraus.

«Ja, das heißt – eigentlich nicht. Was sagtest du?» Marie war noch nicht bei der Sache.

«Oh, Menno, Marie!», beschwerte sich Felix. «Ich zermartere mir hier die Rübe, und du träumst dir was.» Er griff in das Glas auf seinem Schreibtisch und holte ein Stück Lakritz heraus.

«Entschuldige bitte. Kannst du’s noch mal wiederholen.»

«Muss ich ja wohl. Pass aber jetzt auf!» Felix erklärte ihr dann Punkt für Punkt, was zu berücksichtigen und zu tun war.

Marie musste zum Sonnenaufgang vor dem Hexenaltar auf dem Brocken sein. Wenn die ersten Strahlen das Steingebilde trafen und es rot aufleuchten ließen, musste sie sich mit einer Rasierklinge ihre Fingerkuppe aufschneiden und mit dem Blut die Zahl 307 auf den Felsen schreiben.

«Bis auf die Fingerkuppe, ist das ja ganz einfach», meinte Marie und wandte ein: «Aber die werden mich nicht einfach machen lassen.»

«Nimm auf jeden Fall die Kladde mit, damit kannst du ihnen drohen und sie dir vom Leib halten», riet Felix und erklärte, weiter auf dem Stück Lakritz kauend: «Ganz wichtig ist jedoch der Termin.»

«Morgen, Felix, gleich morgen», warf Marie ein.

«Du bist schon wieder viel zu voreilig», hielt Felix sie zurück. «Es muss ja auch die Sonne scheinen, sonst glüht dort oben gar nichts», erklärte er weiter, «ich habe den Wetterbericht eingesehen und den Zeitpunkt des Sonnenaufganges herausgesucht.»

«Und?» Marie war ganz hibbelig.

«Die Sonne geht um fünf Uhr neunundvierzig auf.»

«Ja, schön und an welchem Tag nun?» Marie hielt diese Ungewissheit kaum aus.

Felix ließ sie eine Weile zappeln, dann sagte er: «Morgen!»

Ungestüm sprang sie auf, umarmte ihn lachend und tanzte mit ihm im Kreis herum. Sie war über sich selbst erstaunt und spürte auch seine Verwirrung. Dann blieben sie stehen und sie sahen sich einen Moment lang in die Augen. Felix strich ihr zärtlich über das Haar und ihre Wange. Sein Kinn zitterte ein wenig. Er litt mit ihr, das spürte Marie.

«Ist ja schon gut», beschwichtigte er, «ich bin selber froh, wenn das vorbei ist.»

Marie sah ihn wieder an. «Weißt du eigentlich, dass ich dir unendlich dankbar bin und dich sehr gern habe», sagte sie leise und fühlte, wie ihre Wangen warm wurden.

«Ganz in wirklich?», antwortete er verlegen, drehte sich zur Seite und angelte sich noch ein Stück Lakritz aus dem Glas.

«Ja! Und diesmal kannst du mich gar nicht damit nerven», antwortete Marie und lächelte.

«Ruf Wanda oder Anila an», wurde Felix urplötzlich wieder sachlich, «sie müssen dich morgen früh zum Brocken fliegen.»

«Jetzt gleich?» Marie war wie aufgeschreckt.

«Wann sonst?», drängte er.

Marie nahm ihr Handy und drückte die eingespeicherte Nummer von Wanda. Sie meldete sich sofort, und Marie erklärte ihr, was sie vorhatten, und bat um Hilfe. Wanda freute sich darüber und war ohne Weiteres dazu bereit. Sie verabredeten sich um drei an der Wegkreuzung, wo die Schutzhütte stand.

Nachdem Marie aufgelegt hatte, blickte sie vor sich ins Leere, und wurde sich bewusst, welch wichtiger Tag morgen für sie sein würde. Ihr Herz klopfte wie ein Hammerwerk. Was, wenn es schiefging? Was würde sie dann tun? Sie hatte keine Antwort darauf und versuchte, den Gedanken zu verdrängen. Jeder Herzschlag verursachte jetzt einen dumpfen Schmerz in ihrem Kopf. Hilfesuchend sah sie Felix an.

«Ich komme mit», sagte er spontan.

«Nein!», erwiderte sie entschlossen, «das ist jetzt nur meine Sache. Du hast damit nichts mehr zu tun.»

Felix guckte etwas bedröppelt, aber Marie war unnachgiebig, und so blieb ihm keine andere Wahl, als ihr zuzustimmen.

Egal was morgen auf dem Brocken geschehen würde, Felix sollte nicht zwischen die Fronten geraten und gefährdet werden. Sie wollte allein sein, vor allem, wenn es schiefginge. Marie fühlte sich bei diesen Gedanken ziemlich elend.

«Ruf mich aber sofort danach an!», bedrängte sie Felix.

Marie antwortete nicht.

«Übrigens, morgen ist Walpurgis. Wenn das kein Zeichen ist?», versuchte er, sie aufzumuntern.

«Stimmt – vielleicht ist es ein Zeichen», sagte Marie tonlos und stand auf. «Ich möchte heute früh ins Bett gehen, damit ich morgen ausgeschlafen bin.» Sie ging zur Tür und wollte gerade hinausgehen.

«Marie?», rief Felix hinter ihr her.

Sie drehte sich um.

«Denk dran, wir müssen noch Mathe üben. Bis morgen dann», sagte er mit einem Flimmern in der Stimme.

Ohne zu antworten, ging Marie hinaus.

* * *

Am frühen Abend brachte sie Bonzo ein Käsestück, um sich von ihm zu verabschieden und die Kladde zu holen.

«Ich komme mit!», stellte Bonzo ganz selbstverständlich fest und biss ein Stück Käse ab.

«Nein, diesmal nicht!», lehnte Marie sofort ab, «du hast mir schon sehr viel geholfen. Ich möchte dich nicht in Gefahr bringen.»

«Gefährlicher als auf der Burg wird es auf dem Brocken auch nicht sein», meinte Bonzo. Das konnte Marie nicht widerlegen und willigte schließlich ein. Wer weiß, dachte sie, vielleicht brauche ich ja sogar noch einmal seine Anwesenheit, um mich der Hexen zu erwehren.

«Also gut. Aber ich habe dich gewarnt», lenkte Marie ein und steckte ihn in ihre Jackentasche.

«Vergiss das Käsestück nicht!», rief er noch aus der Tasche heraus.

Marie verstaute die Kladde in ihrem Rucksack und wickelte eine Rasierklinge sowie ein großes Pflaster in ein Taschentuch und steckte es in ihre Jeans.

Für den schlimmsten Fall schrieb sie ihren Eltern einen Brief, den sie in ihrer Schreibtischschublade hinterlegte. Darin erklärte sie, dass ihr etwas zugestoßen sei, was ihr Leben total verändert habe, sie ihnen aber leider nicht begreiflich machen könne. Auch wenn sie diesmal nicht wieder nach Hause käme, so könnten sie doch gewiss sein, dass sie lebe und es ihr gutgehe. Sie bräuchten sich keine Vorwürfe zu machen, weil es für sie so bestimmt sei. Sie bedankte sich für alles und versicherte ihnen, die besten Eltern der Welt zu sein.

Maries Wecker war auf zwei Uhr dreißig gestellt, aber sie konnte diese Nacht vor Aufregung nicht einschlafen und wälzte sich unruhig von einer auf die andere Seite. Immer wieder blickte sie ungeduldig auf die Uhr. Halb zwölf – viertel vor eins – halb zwei. Die Zeit schien nicht zu vergehen. Minuten wurden zu Stunden und Stunden zur Ewigkeit. Kurz nach zwei Uhr drückte sie endlich die Weckfunktion aus. Sie stand auf, zog sich an und nahm ihren Rucksack auf. Er war wegen der Kladde ziemlich schwer. Bonzo schlief in ihrer Jackentasche.

Mit ihren Schuhen in der Hand, ging sie leise die Treppe hinunter. Als sie am Schlafzimmer ihrer Eltern vorbeikam, blieb sie stehen und berührte mit der Hand die Tür. «Verzeiht mir», flüsterte sie mit weinerlicher Stimme. Dann verließ sie das Haus. Selbst über den Kiesweg ging sie in Strümpfen und stieg über den Zaun, um das Quietschen der Pforte zu vermeiden. Es war kühl hier draußen. Marie zog den Reißverschluss ihrer Jacke höher und schlug den Kragen nach oben. Der Himmel war sternenklar. So früh am Morgen hatte sie Schielo noch nie erlebt. Kein Fenster war erleuchtet. Die meisten Straßenlaternen waren ausgeschaltet. Es kam ihr fast unwirklich vor. Nichts rührte sich, eine seltsame Stille herrschte in dem Ort.

Marie ging in Richtung der Felder, über denen ein dünner Nebel lag. Undeutlich erkannte sie aus der Entfernung die Schutzhütte an der Wegkreuzung. Zwei Gestalten tauchten schemenhaft aus dem Dunst auf, als Marie näherkam. Sie blieb stehen. Waren das Wanda und Anila oder zwei andere Hexen? Ihr Herz pochte vor Anspannung. Langsam ging sie weiter.

«Wir sind es, Marie.» Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Es war Anilas Stimme. Sie begrüßten sich herzlich.

«Willst du es wirklich wagen?», fragte Wanda dann.

«Es gibt keinen Weg mehr zurück. Heute entscheidet sich auf dem Brocken mein Leben», antwortete Marie.

«Ich muss dich warnen», sprach Wanda weiter, «sie kennen deinen Entschluss und warten dort oben auf dich.»

«Das hab ich befürchtet. Trotzdem gut zu wissen», versicherte Marie selbstbewusst, aber es machte sie doch unsicher.

«Wir bringen dich bis zum Bahnübergang am Goetheweg. Dann bist du auf dich allein gestellt», sagte Anila und legte ihre Hand auf Maries Schulter, um ihr Mut zu machen.

«Danke, für eure Hilfe. Aber ich will die Entscheidung. So oder so», war Marie fest entschlossen.

Alle drei umarmten sich. Dann nahmen sie Marie in die Mitte und entschwanden in den Nebel.

* * *

Nachdem Marie gegangen war, hatte Felix die E-Mail von Bruder Cornelius noch einmal aufgemacht und den als Anhang beigefügten Bericht von Klaus Baumann ausgedruckt. Er legte sich damit aufs Bett und studierte die Ergebnisse und Erläuterungen. Felix wusste, was Primzahlen waren. Im Matheunterricht hatten sie darüber schon gesprochen. Felix war von diesen geheimnisvollen Zahlen ganz angetan. Sie enthielten so eine Art Geheimcode der Natur und gaben den Forschern bis heute noch Rätsel auf.

Dass dieser Rahim zu jener Zeit von diesen besonderen Zahlen schon Kenntnis hatte, fand Felix erstaunlich. Er musste sich in der Mathematik gut ausgekannt haben. Für einen einfachen Korbmacher sehr ungewöhnlich. Es war sicher eine außergewöhnliche Begabung, die ihn dazu befähigte.

Was Felix besonders erstaunte, war, dass im gesamten Fluchtext, inklusive des Lösungssatzes, nur Primzahlen auftauchten oder versteckt waren, zum Beispiel in der Anzahl der Wörter. Selbst die waren Primzahlen. Das war nicht nur eine Marotte von Rahim, sondern darin steckte eine Botschaft, da war sich Felix ganz sicher. Doch sollte auf dem Amulett 377 oder 399 stehen, so wäre das keine Primzahl. War das möglich? Felix konnte es sich absolut nicht vorstellen. Aber der Zahlencode für Schielo stimmte, das musste Felix trotz aller Skepsis zugeben.

Er las den Bericht wieder und wieder und dachte dabei an Marie. Irgendwann wurden seine Augenlider schwer, und vor seinen Augen tauchten weitere Zahlenreihen auf. Primzahlen, wo er auch hinsah, nur Primzahlen. Sie sprachen mit ihm. «Felix, such die Primzahlen. Wo ist die nächste?» Plötzlich mischten sich Buchstaben unter das Zahlenchaos. Felix versuchte verzweifelt, Ordnung darin zu schaffen. Zahlen und Buchstaben zu trennen und in die richtige Reihenfolge zu bringen. Aber es gelang ihm nicht. Immer schlimmer wurde das Durcheinander. Alles wirbelte im Kreis herum, bis er nichts mehr erkennen konnte.

Felix schreckte auf. Es war dunkel im Zimmer. Die Leuchtanzeige seines Weckers zeigte 02:47. Verflixt, ich muss eingeschlafen sein, dachte er, was für ein blöder Traum. Er stand auf. Die Müdigkeit war weg. Er war hellwach und musste an Marie denken. Hoffentlich würde alles gut werden. Dann kreisten seine Gedanken wieder um die Zahlen. Er schrieb das Alphabet auf und darunter die Primzahlen in umgekehrter Reihenfolge. Er sah sich diese kuriose Zahlen- und Buchstabenserie an und überlegte.

Das Alphabet hat 26 Buchstaben. Das war keine Primzahl. Felix konnte nicht glauben, dass Rahim an dieser Stelle seiner Prämisse untreu wurde. Die nächste Primzahl davor war die 23. An der 23. Stelle im Alphabet stand das W. Felix schrieb von dort die Primzahlen aufsteigend bis zum A. Aber welche Zahlen stehen dann für X, Y und Z, überlegte er und kam zu dem Schluss, dass es Nullen sein müssten. Er war jetzt neugierig und addierte die Zahlen für die Buchstaben des Wortes «Schielo», um es auszuprobieren. Das Ergebnis erschreckte ihn, es ergab die Summe 311 – eine Primzahl. Felix drehte wieder mit dem Finger in seinen Haaren. Was war denn nun richtig? Er wurde sehr nervös und unsicher. Es waren alles Primzahlen, selbst das Datum der Fluchtafel bestand daraus. Die Zahl auf dem Amulett musste die 311 und nicht 377 oder 399 sein.

Felix schaltete seinen Computer ein und öffnete die Seite des ewigen Kalenders. Er gab das Datum 7.11.1487 ein. Felix schaute sich die Angaben genau an. Dann sprang er plötzlich auf. «Nein!», rief er laut, «das gibt es nicht.» Er blickte noch einmal auf den Bildschirm und prüfte, ob auch wirklich alles stimmte. Ja, das Datum entsprach dem 311. Tag im Jahr 1487.

Das kann kein Zufall sein, dachte er und war jetzt ganz sicher. Der Code für Marie war falsch, der richtige lautete 241. Er schaute zur Uhr, es war kurz vor drei. «Verdammt!», fluchte er vor sich hin und lief im Zimmer auf und ab. Marie war sicher schon auf dem Weg zum Brocken. Der Code ist falsch, hämmerte es durch seinen Kopf. Er musste Marie sofort Bescheid geben und versuchte, sie auf dem Handy anzurufen. «Der Anschluss ist zurzeit nicht erreichbar», meldete eine Stimme. «Mist! Sie hat ihr Handy ausgeschaltet», schimpfte Felix und warf sein Telefon aufs Bett. Ich muss zu ihr, irgendwie, ging es ihm durch den Kopf. Sein Vater konnte ihn nicht fahren, der hatte Nachtschicht, aber Torsten war zu Hause. Felix nahm seine Jacke, verließ das Haus und rannte zu den Stöbers. Er klingelte Sturm, aber niemand rührte sich. Rasch lief er ums Haus und klopfte fest an den Rollladen des Schlafzimmerfensters. Kurz darauf sah er durch die Schlitze der Lamellen, dass das Licht anging.

«Torsten, mach auf!», rief Felix dicht vor dem Fenster. Dann rannte er zurück zur Haustür. Er hörte Schritte und kurz darauf den Schlüssel im Schloss. Im Schlafanzug stand Torsten in der Tür.

«Felix! Was ist denn los? Weißt du, wie spät das ist?», nuschelte er noch schlaftrunken.

«Du musst mich zum Brocken fahren, Torsten. Frag nicht warum, fahr einfach», forderte Felix mit Nachdruck.

«Wohin? Zum Brocken? Jetzt?» Torsten kratzte sich am Kopf und gähnte. «Spinnst du?»

«Es geht um Marie, bitte», drängelte Felix, «sie ist in Gefahr und ich kann sie auf dem Handy nicht erreichen. Schnell.»

«Marie? Hast du was getrunken? Die liegt im Bett», wiegelte Torsten ab.

«Sieh nach!», forderte Felix bestimmend. Torsten blickte ihn an und schüttelte verständnislos den Kopf, aber er ging nach oben. Kurz darauf kam er die Treppe polternd heruntergestürmt.

«Wo ist sie?» Er packte Felix an der Schulter und schüttelte ihn.

«Auf dem Brocken», sagte Felix.

Inzwischen kam Heike im Bademantel den Flur entlang geschlürft. «Was ist denn los?»

«Marie ist nicht in ihrem Bett und ihr Handy liegt auf dem Schreibtisch. Felix sagt, sie ist auf dem Brocken», erklärte Torsten hastig.

«Was soll sie auf dem Brocken? Oh nein! Ist sie wieder entführt worden?» Heike wurde blass und fing an zu weinen.

«Lass uns fahren», drängte Felix, «es ist wichtig für Marie.»

«Was habt ihr nur wieder angestellt?», schimpfte Torsten. «Heike, ruf die Polizei in Harzgerode an, sie sollen sich bereithalten. Wir kommen gleich», sagte er und lief zurück ins Haus, um sich anzuziehen. Felix öffnete inzwischen das Garagentor.

Mit heulendem Motor und durchdrehenden Rädern fuhr Torstenlos. Die Straßen waren um diese Zeit noch leer, und er gab ordentlich Gas.

Als sie auf der Landstraße entlangbrausten, wollte Torsten endlich wissen, was vorgefallen war. «Ich hoffe für dich, du hast eine gute Erklärung für diese nächtliche Aktion, sonst gibt’s richtig Ärger.»

Felix merkte am Tonfall, dass Torsten ziemlich sauer war. «Wir müssen auf den Brocken zu Marie», bat er eindringlich. «Vertrau mir einfach, Torsten. Den Ärger nehm ich in Kauf.»

Viel zu schnell fuhr Torsten über das holperige Kopfsteinpflaster der Unterstraße und stoppte den Wagen vor der Polizeistation. Beide sprangen aus dem Auto und eilten in die Wachstation. Hauptmeister Bernd Schulz stand hinter dem Tresen und erwartete sie bereits.

«Marie ist schon wieder entführt worden?», empfing er sie grußlos, «auf dem Brocken, sagt Ihre Frau? Entschuldigung, aber wie kann das sein?» Er kratzte sich am Kopf.

«Sie ist auf dem Brocken, und sie braucht Hilfe», wiederholte Felix stur. Schulz stützte sich mit den Händen auf den Tresen und sah sie beide skeptisch an. «Es eilt», drängelte Torsten genervt.

«Das soll Steinbeck entscheiden», sagte Schulz, «ich versuche, ihn zu erreichen.» Nach endlosen Minuten meldete sich tatsächlich Hauptkommissar Steinbeck. Schulz erklärte ihm die Situation, dann hörte er eine Weile zu. «Gut, ich sag’s ihm.» Er legte den Hörer auf.

«Also», begann er zu erklären, «Steinbeck alarmiert die Kollegen in Werningerode. Er selbst kommt auch. Sie wollen sich am Ortsausgang von Schierke am Wachhäuschen der Brockenstraße treffen.»

«Wir hatten gehofft, Sie fahren uns mit Blaulicht dorthin, damit wir schneller sind», schlug Torsten vor.

«Das können Sie vergessen. Ich bin allein auf der Wache und kann unmöglich hier weg.»

Er hatte es nicht ganz ausgesprochen, da rannten Torsten und Felix raus, stiegen ins Auto und fuhren über die B 242 in Richtung Schierke. Torsten achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Die Straßen in den Ortschaften waren zum Glück menschenleer, und die meisten Ampeln noch ausgeschaltet.

Kurz nach halb fünf erreichten sie Schierke. Sie fuhren geradeaus, bis die Ortsdurchfahrt am Schlagbaum der Brockenauffahrt endete. Im Scheinwerferlicht ihres Autos tauchte der blaue Passat von Hauptkommissar Steinbeck auf.

* * *

Langsam senkte sich ihr Flug und sie setzten sanft auf der Fahrstraße direkt hinter dem Bahnübergang auf.

«Ist alles okay mit dir, Marie?», erkundigte sich Wanda. «Ja! Alles super», antwortete sie. Es war stockfinster und kalt. Marie schaltete ihre Taschenlampe an.

«Mach das Licht besser aus. Sie müssen dich ja nicht gleich kommen sehen», riet Anila, «deine Augen gewöhnen sich schnell an die Dunkelheit.»

Marie steckte die Taschenlampe wieder ein. Dann standen sie sich eine Weile gegenüber und schauten sich schweigend an. Alle drei schienen das Gleiche zu denken: Was, wenn es schiefgeht? Diese Frage quälte sich durch Maries Kopf. Gab es überhaupt eine erträgliche Antwort darauf? Nein, dachte Marie, ich will sie auch gar nicht wissen.

«Also denn», begann Wanda zögerlich, «wir müssen dich jetzt allein lassen. Pass auf dich auf.» Sie umarmte Marie.

«Alles Gute. Wir bleiben in deiner Nähe», sagte Anila und drückte Marie an sich. Dann drehten sie ihren Stab in die Waagerechte und verschwanden wie in Luft aufgelöst.

Marie stand allein mitten auf der Fahrstraße. Sie sah sich um. Im faden Licht des Halbmondes konnte sie die Umrisse und Schatten der alten, von Schnee und Sturm verkrüppelten Fichten erkennen. Sie sahen aus wie bizarre Wesen aus einer Märchenwelt. Ein frischer Wind wehte durch die Zweige und bewegte sie gespenstisch. Wie der schaurige Gesang von Feen und Elfen heulte der Wind durch das Geäst. Marie schauderte es, eine Gänsehaut kroch über ihre Arme. Sie rückte ihren Rucksack zurecht und ging mit schnellen Schritten die Asphaltstraße bergauf. Hinter der Schutzhütte, die in der scharfen Rechtskurve stand, wurde die Straße merklich steiler. Marie musste ihre Schritte zurücknehmen, um nicht außer Atem zu kommen. Ein Stück weiter blieb sie stehen und schaute nach oben.

Eine dunkle Wolke hatte sich über dem Gipfel gebildet und begann, sich wie ein Wirbel zu drehen. Der Wind wurde stärker und wehte Marie scharf ins Gesicht. Sie hatte davon gehört, dass das Wetter hier oben rasch umschlagen konnte, aber das hier war kein normales Wettergeschehen. Es sah sehr nach Philomenas Handschrift aus. Marie hatte große Mühe voranzukommen, und der Wind wurde immer heftiger. Ein regelrechter Sturm blies ihr jetzt entgegen. Kleine Äste und Zweige wurden aufgewirbelt, peitschten ihr ins Gesicht und schmerzten wie Nadelstiche. Sie musste sich weit nach vorne beugen, um nicht umgeweht zu werden.

Schritt für Schritt schleppte sie sich voran. Sie hielt an, um zu Atem zu kommen, und sah sich um. Weit unten, hinter dem Horizont, tauchte ein hellblauer Streifen am Himmel auf. Bald würde die Sonne aufgehen. Marie musste sich beeilen, um rechtzeitig am Hexenstein zu sein. Aber es war schwierig, auf dem steilen Weg und bei dem Sturm schneller zu gehen. Das Atmen fiel ihr schwer. Sie hätte sich am liebsten flach auf die Straße gelegt, aber ihr Ziel trieb sie weiter voran. Noch tiefer beugte sie sich dem Sturm entgegen und lief fast auf allen Vieren. Sie mobilisierte ihre letzten Kraftreserven und erreichte schließlich den Weg, der vor dem Bahnhof nach links am Brockengarten vorbei zum Hexenaltar führte.

Marie keuchte und hustete. Sie bekam kaum Luft, und ihre Lungen schienen zu zerreißen. «Nicht aufgeben, so kurz vor dem Ziel, nur nicht aufgeben», redete sie sich selbst Mut zu und schaffte es bis zum Bahnübergang. Dann verließen sie die Kräfte, und sie konnte keinen Schritt mehr machen. Wankend setzte sie sich auf einen Stein und rang verzweifelt nach Atem.

Am Horizont leuchtete das hellrote Band der aufgehenden Sonne.

* * *

Hauptkommissar Steinbeck lehnte mit dem Rücken an der Fahrertür seines Dienstwagens und hatte sein Handy am Ohr. Als er den Golf ankommen sah, richtete er sich auf, beendete das Gespräch, steckte das Telefon ein und kam auf sie zu. Torsten und Felix stiegen aus.

«Warum sind Sie nicht hochgefahren?», bestürmte ihn Torsten, ohne zu grüßen.

«Guten Morgen zusammen», erwiderte Steinbeck und gab beiden die Hand. «Ich habe auf Sie gewartet. Leider ist die Straße gesperrt. Von der örtlichen Polizei habe ich erfahren, dass weiter oben einige Bäume auf die Fahrbahn gestürzt sind. Es muss einen Sturm gegeben haben.»

«Mist!», fluchte Torsten, «wir müssen da hoch und Marie zurückholen.»

«Erklären Sie mir erst einmal, was Ihre Tochter um diese Zeit auf dem Brocken macht. Ich verstehe das nicht.»

«Ich weiß es selber nicht. Das ist auch jetzt unwichtig. Wir müssen da hoch», blaffte Torsten ihn an.

«Herr Stöber», erwiderte Steinbeck mit erhobener Stimme, «bei allem Verständnis für Ihre angespannte Situation, aber ich muss um mehr Kooperation Ihrerseits bitten, wenn wir Marie helfen sollen. Wie wollen wir diesen Fall sonst lösen?»

Torsten trat ungeduldig von einem auf das andere Bein. «Marie ist kein Fall, Herr Steinbeck, sie ist meine Tochter», schrie er ihn an.

«Herr Steinbeck», schaltete sich Felix ein, «nur Marie selber kann alles aufklären. Wir müssen schnellstens zu ihr. Bitte!»

Steinbeck wirkte genervt. Er verdrehte die Augen. «Ich sagte doch gerade, die Straße ist gesperrt. Wir können uns ja eine Fahrkarte kaufen und mit der Bahn fahren», sagte er sarkastisch. Es wurde still.

«Moment mal», sagte Torsten plötzlich, «im Bahnhof steht ein Zug bereit. Ein Verein aus Hannover hat ihn gechartert. Die wollen Walpurgis auf dem Brocken verbringen. Das ist unsere Chance.» Torsten und Felix liefen zum Auto, um sich gleich auf den Weg zum Bahnhof zu machen.

«Und wer soll den Zug fahren?», rief Steinbeck hinter ihnen her.

«Ich», rief Torsten zurück, «ich bin Lokführer.» Sie sprangen ins Auto und fuhren mit durchdrehenden Rädern los. Steinbeck folgte ihnen. Hinter dem Friedhof bogen sie links ab in die Bahnhofstraße. Das Einfahrtverbotsschild missachteten sie und fuhren entgegen der Einbahnstraße zum Bahnhof Schierke. Auf dem Abstellgleis hinter dem Bahnhofsgebäude stand eine Dampflok mit zwei Personenwagen. Torsten fuhr bis an den Zug heran und stellte das Auto ab. Steinbeck hielt neben ihm.

Die Lok war für die Sonderfahrt mit Fähnchen geschmückt. Vorn, an der Rauchkammertür, hing eine Brockenhexe. Die Wärme, die der Kessel ausstrahlte, empfand Felix als angenehm an diesem kühlen Morgen. Dampf zischte überall heraus, und es roch nach Kohlefeuer. Aus dem Schornstein stieg eine dünne, schwarze Rauchfahne kerzengerade nach oben. Auf dem Führerstand saß Matthias Heine, ein junger Kollege von Torsten, der die Lok bewachte und unter Dampf hielt. Er hatte seinen Ellbogen im Fensterrahmen auf der Heizerseite aufgestützt, und sein Kopf ruhte in der Hand. Seine Augen waren geschlossen, und er bemerkte Torsten erst, als dieser seinen Arm anstupste. Erschrocken schlug er die Augen auf und sah die drei Männer, die vor seiner Lok standen, erstaunt an.

«Torsten, was machst du denn hier?» Er schob seine Eisenbahnermütze weiter nach hinten, und runzelte die Stirn.

«Ich brauche die Lok, Matthias», sagte Torsten in einem Ton, als wäre es ganz normal, mal eben bei den Harzer Schmalspurbahnen eine Lok zu fordern.

«Hääh?», machte Matthias verständnislos, «machst du Witze?»

«Tut mir leid, Matthias. Komm runter da. Wir müssen zum Brocken.»

Matthias Heine war sprachlos und schaute entgeistert auf die drei Männer.

Da trat Steinbeck nach vorn und hielt Matthias Heine seinen Dienstausweis hin. «Ich bin Hauptkommissar Steinbeck beim LKA Magdeburg. Ich konfisziere diese Lok für einen Notfalleinsatz auf dem Brocken. Steigen Sie bitte runter.»

«Das kann ich nicht machen. Ich bin verantwortlich, wenn etwas passiert.» Heine war total durcheinander. Steinbeck wurde ungehalten und zeigte ihm drohend den Zeigefinger.

«Wenn Sie nicht sofort rauskommen, kriegen Sie von mir eine Anzeige wegen Behinderung eines Polizeieinsatzes», knurrte Steinbeck ihn an. Heine blickte etwas verstört auf den Kriminalbeamten, kletterte dann aber vom Führerstand der Lok herunter, wenn auch sichtbar widerwillig.

«Ich erklär dir alles später», sagte Torsten zu ihm, während er auf den Führerstand stieg. «Kuppel die Wagen ab!», wies er seinen Kollegen an. Heine gehorchte ohne Widerworte.

Felix und Steinbeck kletterten hinterher. Torsten prüfte die Kesseldruckanzeige und den Bremsdruck. Dann kurbelte er das Steuerrad auf halbe Füllung und schob den Reglerhandhebel langsam nach links. Ein scharfes Zischen war zu hören und die Lok setzte sich, begleitet von einem ersten dumpfen Auspuffstoß, gemächlich in Bewegung. Torsten schob den Reglerhebel ein Stück weiter, und die Auspuffstöße wurden immer schneller. Sie verließen das Bahnhofsgelände und tauchten gleich dahinter in den Wald ein. Wie das wilde Fauchen eines wütenden Drachen hallten die rasenden Auspuffstöße aus dem dichten Wald wider.

Torsten unterwies Felix kurz im Heizen der Lok und gab Bescheid, wann er Kohlen nachlegen musste. Eine Schaufel links, eine rechts, eine in die Mitte und die Feuertür wieder schließen. Es war heiß auf der Lok, und Felix liefen bald die Schweißperlen von der Stirn. Steinbeck drückte sich hinten links in die Ecke des Führerstandes, um nicht im Weg zu stehen, und hielt sich krampfhaft an einem Handgriff fest. Ohne Last am Haken ging es zügig bergan. Felix sah, wie sich das Morgenrot am Himmel abzeichnete. Die Zeit wurde knapp.

«Torsten! Schneller», flehte Felix ihn an.

«Mehr geht wirklich nicht», antwortete Torsten und drückte den Reglerhebel noch fester gegen den Anschlag.

Felix starrte hinaus. Die Bäume huschten an dem offenen Fenster der Lok vorbei. In gleichbleibendem Rhythmus tauchten hölzerne Telefonmasten auf und verschwanden sofort wieder. Er dachte an Marie, die den falschen Code hatte. Und die Zeit war so knapp.

* * *

Ohrenbetäubend heulte der Sturm über das Brockenplateau. Die dunkle Wolke brodelte und wirbelte ungestüm herum. Ein schauriges Bild bot sich Marie, als sie, etwas erholt, aufblickte. Sie atmete ein paar Mal tief ein, richtete sich auf und kämpfte sich weiter durch den heulenden Sturm und den herumwirbelnden Staub. Hinter dem Bahnübergang konnte sie in einiger Entfernung schon den Hexenaltar sehen. Mit kurzen Schritten stemmte sie sich mühsam voran, so als würde sie einen schweren Wagen vor sich herschieben. Immer wieder blickte sie Richtung Osten, wo ein heller Streifen den Horizont erleuchtete und die ersten Sonnenstrahlen sich über die Landschaft legten. Bald würde das Morgenrot den Hexenstein erglühen lassen. Dann musste es getan werden. Der Augenblick kam näher. Eile war geboten.

Wanda und Anila hatten Recht. Marie wurde schon erwartet. Vor dem Hexenstein standen zwei Hexen, deren lange Mäntel und schwarzen Haare wild im Wind flatterten. Marie erkannte sie sofort, es waren Odila und Philomena. Zwischen ihnen schwebte, einige Zentimeter über dem Boden, Rahim, der grässliche Hexenmeister. Seine Augen leuchteten glutrot und wütend. Um sie herum tobte der chaotische Sturm. Blitze zuckten aus der schwarzen Wolke. Es donnerte und heulte ohrenbetäubend. Eine unheimliche und apokalyptische Szenerie. Marie blieb einen kurzen Moment stehen, aber sie fühlte keinerlei Angst. Es ging für sie um alles. In den nächsten Minuten musste sich entscheiden, wie sie weiterleben würde. Mit oder ohne Fluch. Das nahm ihr jeglichen Respekt.

Sieh einer an, dachte sie, sogar Rahim persönlich kümmert sich um mich. Marie ging, vor Anstrengung schwer atmend, weiter auf ihre Gegner zu. Einige Meter vor ihnen blieb sie stehen, nahm ihren Rucksack ab, kniete nieder und holte die Kladde heraus. Odila und Philomena kamen langsam heran.

«Verschwindet von hier!», rief Marie ihnen entgegen. Unbeeindruckt näherten sie sich weiter. Dann tauchten plötzlich, wie aus dem Nichts, noch mehr Hexen auf und umzingelten Marie. Der Kreis zog sich immer enger. Marie erschrak und blickte ängstlich in die Runde. Nun kann mir nur noch Bonzo helfen, dachte sie.

«Jetzt kommt dein Einsatz, Bonzo», sagte Marie leise und nahm ihn aus der Jackentasche. Mit ausgetrecktem Arm hielt sie ihn auf der Hand den Hexen entgegen. Bonzo stellte sich auf die Hinterbeine und fiepste sie drohend an. Sie schrien vor Ekel auf und verschwanden so rasch, wie sie gekommen waren. Odila und Philomena suchten Schutz hinter dem Felsen des Hexenaltars.

«Was ist denn?», schrie Marie sie an. «Ihr wollt mächtige Hexen sein und habt Angst vor einer kleinen, harmlosen Maus? Ihr armseligen Jammergestalten, ihr wollt die Welt beherrschen? Dass ich nicht lache.» Marie genoss ihren Triumph und steckte Bonzo wieder in die Tasche zurück. Dann trat sie vor den Hexenstein und legte die Kladde auf den flachen Felsen, der die Tischplatte dieser altarartigen Gesteinsformation bildete. Rahim kam langsam näher. Der beißende Gestank, der von ihm ausging, ließ sie würgen.

«Bleib, wo du bist, sonst brennt die Kladde!», rief Marie und hielt ihm ihre rechte Hand abwehrend entgegen. Ein Teelicht entzünden war eine Sache, aber ein ganzes Buch in Flammen aufgehen lassen? Marie war nicht sicher, ob ihr das gelingen würde. Rahim kam näher. Plötzlich traten Odila und Philomena seitlich vor und richteten ihre Hände gegen Marie. Sie spürte den aufkommenden Krampf. Bonzo konnte sie nicht mehr greifen, denn sie musste mit ihrer linken Hand den Angriff der beiden Hexen abwehren. Mit aller Willenskraft stemmte sie sich dagegen. Rahim kam näher und streckte seine verkrüppelte Hand nach der Kladde aus.

«Neeeein!», brüllte sie aus Leibeskräften.

Ein riesiger Blitz zuckte aus ihrer Hand, ließ den gesamten Brockengipfel in einem grellen, bläulichen Licht erstrahlen und traf Rahim mit voller Wucht. Ein dröhnender Donner ließ die Erde erzittern. Rahims Umhang hatte Feuer gefangen und brannte lichterloh. Der Hexenmeister verschwand in Sekundenschnelle und hinterließ nur eine dunkle Rauchwolke, aus der die Asche seines Umhangs zu Boden rieselte.

Augenblicklich verstummte der Sturm. Eine geheimnisvolle Stille lag plötzlich über dem Gipfel.

Marie drehte sich um. Sie stand allein vor dem Hexenstein, der nun in der Morgensonne purpurrot leuchtete. Die Kladde war verschwunden. Sie musste jetzt den Code schreiben, sonst war es zu spät.

In der Ferne hörte sie das rasende Fauchen einer Dampflokomotive. Sie wunderte sich und blickte in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Hinter dem Gipfelhügel sah sie schwarze Rauchwolken aufsteigen, die rasch näherkamen.

Marie holte das Taschentuch aus ihrer Jeans und faltete es auf. Silbern glänzend lag die scharfe Rasierklinge auf ihrer rechten Hand. Sie nahm sie mit Daumen und Zeigefinger der anderen Hand auf und zögerte einen Moment. 307, 307, ging es ihr durch den Kopf. Die Dampfpfeife der Lokomotive, die jetzt ständig tutete, lenkte ihren Blick erneut auf die Bahntrasse, die unterhalb des Altars vorbeiführte. Dann sah sie die schwarze Lok herankommen. Die Fähnchen flatterten wild im Fahrtwind. Vorne hing die Puppe einer Brockenhexe am Kessel. Marie wunderte sich, dass keine Wagen angehängt waren.

Die Sonne stieg höher, und das Rot auf dem Stein verblasste langsam. Jetzt durfte nichts mehr schiefgehen. Es war die letzte Gelegenheit. Sie konzentrierte sich wieder auf die Rasierklinge, schloss ihre Augen, biss die Zähne fest zusammen und zog mit leichtem Druck die Klinge über die Kuppe ihres rechten Zeigefingers, den ein stechender Schmerz durchzuckte. Sie ließ die Klinge fallen. Aus der Wunde quoll ein dicker Blutstropfen und fiel auf den staubigen Weg. Marie trat dicht an den Felsen heran.

Noch einmal tutete die Lok anhaltend. Sie hörte Bremsen quietschen. Die schwarze, qualmende Lokomotive blieb einfach mitten auf der Strecke stehen, genau unterhalb des Hexensteins. Jemand sprang aus dem Führerstand und rannte wild gestikulierend die Wiese hinauf. Marie wunderte sich, aber sie hatte keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Sie setzte den blutenden Finger auf den Felsen.

«Marie, Marie», hörte sie aus der Ferne jemanden ihren Namen rufen. Es klang fast wie Felix’ Stimme. Sie musste jetzt schreiben, sonst war die Sonne zu hoch.

«241, Marie, 241! Das ist der richtige Code!»

Marie setzte ihren blutenden Finger auf den Felsen und schrieb eine Zahl darauf. Sie hatte erwartet, dass irgendetwas Außergewöhnliches passieren würde – dass die Erde beben oder Sternenstaub vom Himmel regnen würde. – Doch nichts geschah.

Die Sonne beleuchtete den Brockengipfel mit ihren hellen Strahlen. Der Tag begann seinen gewohnten Lauf.

Marie sah die Wiese hinunter und erkannte Felix, der mit verrußtem Gesicht wie angewurzelt mitten auf dem Hang stand. Sie lief weinend auf ihn zu und fiel ihm in die Arme.

«Bring mich hier weg, Felix. Bitte, bring mich weg», flehte sie ihn an.

Inzwischen kam Torsten dazu. Er nahm Marie auf beide Hände und trug sie zur Lok. Steinbeck half ihr in den Führerstand. Sie setzten sie auf den kleinen Klappsitz aus Holz.

Torsten kurbelte das Steuerrad auf Rückwärtsfahrt und schob den Reglerhebel langsam nach links. Mit einem sanft fauchenden Auspuffstoß setzte sich die Lok abwärts in Bewegung.

* * *

Auf dem Bahnhof in Schierke standen zwei Polizeiwagen und ein Krankenwagen mit blinkenden Blaulichtern. Torsten verlangsamte die Fahrt und setzte die Lokomotive vorsichtig vor die Wagen auf dem Abstellgleis.

Vier Polizeibeamte nahmen sie an der Lok in Empfang. Bevor sie jedoch etwas sagen konnten, hielt ihnen Hauptkommissar Steinbeck seinen Dienstausweis vor die Nase und bat sie in das Bahnhofsrestaurant. «Aber nicht zum Frühstück, sondern zur Einsatzbesprechung», stellte er klar. Sie setzten sich an einen großen Tisch, und Steinbeck erklärte den Beamten die Situation und dass er von einem dringenden Notfall oder von einer Entführung ausgehen musste. Deshalb, und weil Torsten Stöber eben Lokführer sei, habe er sich zu dieser ungewöhnlichen Aktion entschlossen. Er übernehme dafür die volle Verantwortung. Während Marie von dem Notarzt untersucht wurde, verfasste Steinbeck ein Protokoll für seine Dienststelle und das Wernigeröder Polizeikommissariat.

Marie saß zusammen mit Felix am Nebentisch und machte einen bedauernswerten Eindruck. Sie war niedergeschlagen, starrte apathisch vor sich hin und war nicht vernehmungsfähig. Ihre Kleidung war staubig, das Gesicht schmutzig und verkratzt. Im Sanitätsfahrzeug hatte man ihren Finger noch ordentlich versorgt. Hauptkommissar Steinbeck schaute eine Weile zu Marie hinüber und wandte sich dann an Torsten. «Es tut mir leid, dass Ihre Tochter das alles durchmachen musste», sagte er mit Bedauern. «Fahren Sie nach Hause und ruhen Sie sich erst einmal aus. Ich melde mich später bei Ihnen.»

Felix setzte sich mit Marie auf die Rückbank. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und weinte leise. Felix ahnte den Misserfolg und teilte ihre Enttäuschung. So fuhren sie schweigend zurück.

Als sie eine Weile unterwegs waren, klagte Marie leise: «Es hat nicht funktioniert. Ich habe versagt.»

Felix legte seinen Arm um sie. «Bist du sicher?», fragte er.

«Ja, absolut sicher», antwortete Marie.

«Welche Zahl hast du auf den Stein geschrieben?», wollte Felix wissen.

«241, wie du mir zugerufen hast. Ich habe dir vertraut.»

Felix musste schlucken und spürte einen dicken Kloß im Hals. Er fühlte sich für den Misserfolg verantwortlich. Waren seine Überlegungen am Ende doch falsch gewesen? Er würde sich das nie verzeihen, und Marie auch nicht. «Dann ist es meine Schuld, Marie. Ich war fest überzeugt, dass die 307 falsch ist. Es tut mir leid.» Felix’ Augen füllten sich mit Tränen.

Auch Marie weinte. Die ganze Fahrt.

* * *

Kurz nach zehn Uhr trafen sie in Schielo ein. Heike, Annet und Frank kamen ihnen auf dem Gartenweg entgegen. Heike umarmte Marie und führte sie ins Haus. Torsten brachte das Auto in die Garage. Auf dem Esstisch in der Küche stand das Frühstück. Der Kaffee war längst kalt. Sie setzten sich alle um den Tisch und sahen sich schweigend an. Eine seltsame Spannung lag in der Luft. Niemand traute sich, etwas zu sagen. Die Eltern starrten auf Marie und Felix, die wie zwei arme Sünder am Tisch saßen. Marie, mit ihren Blessuren im schmutzigen Gesicht, sah aus, als hätte sie sich geprügelt, und Felix war vom Kohleschaufeln schwarz wie ein Schornsteinfeger.

«Ich mach mal eben frischen Kaffee», sagte Heike, stand auf und ging an die Küchenzeile. Marie, die auf ihrem Lieblingsplatz auf der Eckbank saß, schaute aus dem Fenster zur großen Eiche hinüber. Einige Kinder spielten dort Fangen und rannten um die Bank herum. Maries Blick verschwamm, und Tränen zogen neue Schlieren über ihre schmutzigen Wangen. Es ist alles aus, dachte sie schwermütig.

«Wir sind heilfroh, dass ihr unbeschadet zurück seid», ergriff Frank das Wort. «Aber ich verstehe das nicht. Wie kommt Marie mitten in der Nacht auf den Brocken? Wer hat sie dort hochgebracht und warum?» Frank schaute in die Runde.

Felix sah seinen Vater mit feuchten Augen an. «Es sind in den vergangenen Wochen für Marie schlimme Dinge passiert, die sie selber nicht begreifen kann. Sie braucht Zeit, um damit fertigzuwerden. Irgendwann wird sie euch alles erklären», sagte er ruhig, fast monoton.

«Aber wir wollen ihr doch nur helfen. Nicht wahr, Marie, das weißt du?» Heike fing an zu weinen. «Aber wie? Wie können wir dir helfen, Schatz?»

«Gebt ihr Zeit!», antwortete Felix für sie, denn Marie blickte immer noch teilnahmslos aus dem Fenster.

«Blutet dein Finger wieder?», fragte Torsten und zeigte auf den rot gefärbten Verband.

Marie sah auf den Finger, stand ohne zu antworten auf und ging ins Badezimmer, um ihn neu zu verbinden. Vorsichtig löste sie den Verband ab, legte ihn auf den Waschbeckenrand und drehte das Wasser auf. Es kühlte angenehm und linderte den Schmerz. Eine Weile ließ sie es über den Finger laufen. Dann sah sie in den Spiegel und war plötzlich wie gelähmt. Ihre aufgerissenen Augen starrten sie aus dem Spiegel an und – sie leuchteten nicht mehr. Ein Schrei schallte durchs ganze Haus. Die anderen kamen aufgeschreckt ins Badezimmer gestürmt und schauten in ein verweintes, schmutzverschmiertes, aber überglückliches Gesicht.

ENDE