III. Stirb schon!

Was war nur mit Adam los? Warum musste der Idiot gerade jetzt schlappmachen? Das Timing war katastrophal. Von allen unmöglichen Kerlen, mit denen sie sich eingelassen hatte, war er definitiv die Krönung. Kleiner als sie, nicht sonderlich attraktiv, selten charmant und sicherlich kein Engel. Sogar im Bett höchstens durchschnittlich. War er die verdiente Strafe für den Scherbenhaufen, den sie in Madrid zurückgelassen hatte? Nein, an so einen Blödsinn glaubte sie nicht. Aber woran glaubte sie überhaupt? An eine geladene Waffe? Sie schmunzelte und überprüfte mit einem schnellen Griff das Holster. An ewige Liebe, den Weltfrieden und Männer, die beim Pinkeln die Brille nach oben klappen? Nein, nichts davon. Dennoch war sie nicht verbittert. Etwas in ihr, wenn sie es auch selbst nicht beschreiben konnte, sah die Dinge ähnlich wie Adam: Wie den Job, die KI Raven zur Strecke zu bringen, der musste erledigt werden, daran gab es keinen Zweifel. War das zwischen Adam und ihr so etwas wie Seelenverwandtschaft? Vielleicht, sie wusste es nicht. Sie zerrte ihre Gedanken zurück ins Hier und Jetzt. Adam brauchte Hilfe! »Hey, bleib wach!«, rief sie.

Er antwortete nicht, seine Augen flackerten. Verdammt, das war kein gutes Zeichen. Mit der flachen Hand schlug sie auf das textile Notfalldisplay auf der Brust seines Druckanzugs, das sich daraufhin aktivierte. Es blinkte grün. Seine Vitalfunktionen waren in Ordnung, das Gerät zeigte keine medizinischen Probleme an. Ihm ging es bestens. Zumindest, wenn man dem blöden Ding Glauben schenkte, dem offenbar eine wichtige Sache entgangen war: Adam saß am Boden und machte keine Anstalten, eigenständig seinen Hintern wieder in Schwung zu bekommen.

»Adam!« Sie rappelte an seiner Schulter, jetzt flatterten noch nicht einmal mehr seine Augenlider. Er hatte das Bewusstsein verloren. Zum Glück schlug sein Herz noch. Man musste keine Ärztin sein, um den Ernst der Lage zu verstehen. Sie verschloss seinen Helm wieder und aktivierte eine manuelle Intensivüberwachung seiner Vitalfunktionen. Hoffentlich würde das funktionieren.

»Er braucht deine Hilfe!« Das Hologramm von Raven stand immer noch zwei Meter hinter ihr. Ihre Stimme klang, als ob sie wirklich dort stehen würde. Die gespielte Sorge sollte sie sich schenken. Luises Blick strich über den Scanner an Adams Handgelenk, der eigentlich alle in der Nähe befindlichen Wächter-KIs anzeigen sollte, was das Gerät offensichtlich nicht tat.

»Warst du das?« Sie stand auf und sah Raven an. Wenn sie Adam verlieren sollte, würde sie kämpfen. Kampf war das Einzige, was ihr in diesem Moment unerträglicher Wut einfiel. Kämpfen, um zu siegen, oder im Untergang ihren Frieden zu finden.

»Wie sollte ich?«

»WARST DU DAS?«

»Nein.« Raven wich nicht zurück, als Luise mit der Faust durch das Hologramm hindurchschlug.

»Ich glaube dir nicht!« Luise verzog den Mund, sie traute Raven noch ganz andere Dinge zu.

»Das habe ich von dir auch nicht anders erwartet …«, erklärte Raven distanziert. Worauf wartete sie überhaupt noch? Wenn sie sich eine Fluchtchance ausrechnete, sollte sie es doch probieren. Egal, Luise würde die Sache jetzt klären!

»Du verreckst heute!« Sie ging zu einem der kopflosen Hunderoboter, öffnete eine seitliche Klappe und riss die Antenne heraus. Das System agierte jetzt offline. Luise aktivierte den Schutzmodus und markierte Adam als die zu schützende Person. Zudem deaktivierte sie sämtliche Schutzprotokolle. Egal, wer Adam jetzt zu nahe kam, er würde sein blaues Wunder erleben. Nur sie beide würde der neu geprägte Roboter nicht angreifen.

»Das willst du nicht!«

»Oh doch!« Mit dem Gewehr im Anschlag ging sie weiter. Es gab auf der Raumstation genau drei Drohnen, deren Kontrolle Ed nicht auf sie übertragen hatte. Genau den Dreien würde sie jetzt die Leiterplatten aus dem Gehäuse schießen. Leider war die Verbindung mit dem Arcurus Gate immer noch gestört.

»Du lässt mir keine andere Wahl!«

»Du könntest dich ergeben!« Luise öffnete die nächste Schleuse und ging weiter. Das Licht im nächsten Abschnitt flackerte. Weitere Drohnen schlossen zu ihr auf. Raven würde die Gegenwehr nichts nutzen, sie konnte ihrem Schicksal nicht entkommen.

»Nein, das ist keine Option. Ich starte stattdessen die Selbstzerstörung der Raumstation … glaub mir, das wollte ich nicht.« Ravens Hologramm löste sich auf. In einem der Flurlautsprecher knackte es. Sie wechselte das Netzwerk, der Klang der Stimme veränderte sich. »Dir bleiben noch vier Minuten.«

»Du bluffst!«

»In vier Minuten wirst du es wissen.« Die Qualität der Stimme wurde mit jedem Wort schlechter.

»HuD starten, taktische Zielnavigation aktivieren, Analyse der Selbstzerstörung starten!« Es ging los. Alle relevanten Informationen wurden ihr jetzt in die Innenseite des Visiers projiziert. Der Computer legte ein schematisches Gitter über ihr Sichtfeld, das alle Gänge, alle Schleusen, alle freundlichen und alle feindlichen Roboter auf der Raumstation anzeigte. Das hätte sie bereits früher tun sollen, aber diese Funktionen hatte sie bei den bisherigen Einsätzen nie benötigt. Sie musste in Erfahrung bringen, ob Raven wirklich die Selbstzerstörung aktiviert hatte.

»Ich hätte nicht gedacht, dass du Adam zurücklässt.«

»Das tue ich nicht …« Luise wusste nur zu gut, dass an seiner Seite zu sitzen und seine Hand zu halten, niemandem geholfen hätte. »Ich erledige dich, dann kümmere ich mich um ihn.«

»Dafür fehlt dir die Zeit.«

»Ich beeile mich!« Luise rannte eine Gittertreppe herauf, oben wartete bereits eine weitere Drohne. Die nächste Schleuse öffnete sich automatisch. In diesem Korridor musste es einmal gebrannt haben, die Kunststoffplatten an den Wänden waren teilweise geschmolzen. Das taktische Analysesystem ihres Kampfanzuges hatte auf die Frage nach der Selbstzerstörung immer noch keine Antwort gegeben. Offenbar reagierten die zentralen Systeme der Raumstation nicht.

»Kaum mehr als drei Minuten …«

»Solange werde ich dir nicht lassen!« Luise registrierte über einen eingespielten Stream, wie die von ihr kontrollierten Drohnen zwei Abweichler in Stücke rissen. Einen Moment später zeigte sich in ihrem HuD nur noch ein denkbarer Rückzugsort. Die abtrünnige Drohne hatte sich in einem Lagerraum verschanzt. Ravens letzte Sekunden hatten begonnen.

»Du machst einen Fehler!« Raven hörte nicht auf, dummes Zeug zu reden. Ob sie Angst hatte? Grund dazu hätte sie gehabt. Luise konnte sich nicht wirklich vorstellen, wie eine KI Emotionen entwickeln sollte. Echt konnten die kaum sein. Egal, das spielte in dieser Situation keine Rolle mehr.

»Ich hab dich!« Sie konnte ganz genau sehen, wo sich die letzte Drohne befand. Ihr HuD-System zeigte die Umrisse an. Feine rote Linien markierten Ravens Position.

»Lass uns reden …«

»Nein.« Das mochte sich wie Angst anhören, Luise kaufte es Raven aber nicht ab. Die Wächter-KI nutzte Emotionen nur, um dafür empfängliche Menschen zu manipulieren. Damit war sie bei ihr genau bei der Richtigen gelandet. Vier alliierte Drohnen hatten bereits den Zugang zu dem Lagerraum blockiert. Alle Netzwerke waren offline, na ja, von den Netzen war zuvor ohnehin nur ein Not-Netzwerk aktiv gewesen. Viel ging auf der Raumstation nicht mehr.

»Ist es nicht deine Aufgabe, mich zu stellen, zu verhaften, und zu einem Verhör zu bringen? Ich habe Informationen, sehr wertvolle Informationen sogar!«

»Nö … mit dir will kein Schwein sprechen.« Luise nahm den Impulslader in den Anschlag, sie hatte keine Lust, sich von Raven weiter vollquatschen zu lassen und auf einen billigen Hinterhalt im Lagerraum konnte sie auch verzichten.

»Das sind kaum mehr als 70 Sekunden … dann geht die Ladung hoch. Alles wird explodieren. Dir fehlt die Zeit, um zurück zu Adam zu laufen und ihn zu retten.«

»Ich habe keine Angst vorm Sterben.« Wenn es jetzt soweit war, hätte sie wirklich kein Problem damit gehabt. Vielleicht wäre es auch besser gewesen, nicht Mutter zu werden.

»Aber …«

»Raven, du bist fertig!« Luise verzog den Mund. »Ich werde nicht sterben. Du allerdings schon … wenn man es bei etwas wie dir überhaupt so nennen möchte.«

»55 Sekunden, du …«

Luise schoss, hätte Eva mit Raven sprechen wollen, hätte sie jemand anderen schicken müssen. Maximale Streuung, die Stimme von Raven verstarb sofort. Luise schoss den kompletten Korridor in Stücke. Druckabfall. Es zischte. Jetzt wurde es ungemütlich. Die magnetische Arretierung ihrer Stiefel aktivierte sich. Überall in Blickrichtung entstanden in der Raumstation tiefe Öffnungen. Das Sicherungssystem, das versuchte, die Löcher energetisch zu flicken, kam nicht mehr hinterher. Sobald die Löcher in diesem Schrotthaufen in der Überzahl waren, gab es nichts mehr, was man zusammenflicken konnte.

Luise lächelte. »Ich hör dich nicht mehr …«

Keine Antwort.

»Aber deswegen werde ich nicht auf deinen Trick hereinfallen.« Es war nicht eindeutig zu sagen, ob nun eine Detonation zu erwarten war oder nicht. Sie nahm sich eine Haftmine aus der Beintasche und klebte sie an die Wand. Zünder auf drei Sekunden. Enter.

Luise drehte sich, ging in die Knie und aktivierte ihren unverzüglich aufleuchtenden Gefechtsschild. Vielleicht würde sie damit den Zünder erwischen, ansonsten wäre es um die alte Raumstation auch nicht schade gewesen.

»21, 22 …« Die Explosion hüllte Luise in Flammen, der verbliebene Sauerstoff im Korridor verpuffte binnen eines Lidschlages. Sie blieb, wo sie war, aber das Bodengitter, auf dem sie sich mit ihren Stiefeln festgekrallt hatte, wurde weggerissen. Mit ihm alles, was sie zuvor umgeben hatte. Die brennenden Bruchstücke drehten sich. Sie befand sich mitten drin. Der Gefechtsschild wirkte wie ein antizyklisches Gyroskop und bremste die chaotische Rollbewegung ab. Einen Moment später befand sie sich im All. Die Schwärze gewann wieder die Überhand. Der feurige Spuk war vorbei. Hatte Raven die Wahrheit gesagt? Würde der Rest der Raumstation ebenfalls explodieren? Es sollte nicht mehr lange dauern, um es herauszufinden.

»Adam markieren! Nahe Schleusen markieren!«, rief sie. Das HuD-System reagierte sofort. Jetzt konnte sie ihn sehen, er befand sich in einem noch intakten Abschnitt der ringförmigen Raumstation. Die Schleusen jeweils links und rechts von ihm. Die Entfernung betrug 87 Meter.

Sie legte an und feuerte erneut. Die Waffe hämmerte sich mit jedem Schuss in ihre Schulter. Natürlich konnte man mit einer Waffe nicht alle Probleme im Universum lösen. Diese aber schon. Sie traf und trennte Adam in dem genau 27 Meter langen Bruchstück aus der mittlerweile taumelnden Raumstation heraus. Das HuD-System versorgte sie mit präzisen Daten. Die ganze Kiste dürfte in wenigen Stunden auf dem staubigen und aus dieser Perspektive nicht sonderlich einladenden Planeten unter ihnen einschlagen.

»Na Raven … ich warte.« Noch passierte nichts. Zwölf Sekunden , blinkte es in ihrem Visier. Sicher war sicher, sie stellte ihre Waffe auf maximale Feuerrate und gab dem alten Delos-Trümmerhaufen den Rest. Egal, was Raven hätte zur Explosion bringen wollen, sie kam dem zuvor. Sie hielt voll drauf. Der Lauf des Impulsladers glühte. Klick. Das Magazin war leer. Nachladen. Nach dem Wechsel ging es weiter, noch war sie mit der Raumstation nicht fertig. Während Adam mit seiner kleinen Arche wegtrieb, machte sie aus der verbliebenen Ringstruktur einen hübsch anzuschauenden Meteoritenschauer.

»Die Zeit ist um …« Nichts passierte, es ereigneten sich keine weiteren Explosionen, auch Stimmen oder Signale waren nicht zu vernehmen. Von Raven dürfte nichts mehr übrig sein, was noch der Rede wert gewesen wäre. Luise hatte einfach alles zerstört, was hätte explodieren können. Die krude Logik in ihrer Vorgehensweise gefiel ihr äußerst gut. Die Bitch war nun Asche!

Es knackte in ihrem Helm.

»Hallo … kann mich jemand verstehen?« Das war Ed, ihre Stimme zu hören, zauberte Luise ein Lächeln ins Gesicht. Das System, das zuvor die Verbindung mit dem Gate verhindert hatte, gab es nun ebenfalls nicht mehr.

»Buen dia mi linda!«

»Luise?«

»Ja!«

»Wo bist du?«

»Bei der Raumstation.«

»Bei?« Ed verstand es durchaus, auf die Nuancen zwischen den Zeilen zu achten.

»Im All … also direkt neben der Raumstation.«

»Wieso? Hat mein Tunnel euch nicht direkt in einem der Korridore abgesetzt?«

»Doch, doch … nur die Raumstation ist gerade explodiert.« Luise bemerkte, dass es nicht einfach war, die Erlebnisse mit wenigen Worten präzise wiederzugeben.

»Was?«

»Kein Problem … wir leben noch.« In Luises HuD blinkte in der Ecke ebenfalls eine kleine Anzeige mit Adams Puls. Er lebte noch und schwebte hinter ihr in der Gegend herum.

»Hat Raven das getan?«

»Sie hat es versucht …«

»Wie, versucht?«

»Sie hat es nicht geschafft.«

»Wie … aber du hast doch gesagt, dass es eine Explosion gab … oder was habe ich da nicht mitbekommen?«

»Ich habe die Raumstation zerstört.«

»Ah.«

»Mit ihr Raven und wer sich sonst noch von dieser Bande dort versteckt hatte. Ich bin ihr zuvorgekommen … sie wollte es selbst tun. Das habe ich verhindert.« Luise bemerkte bereits, während sie sprach, was für einen Blödsinn sie von sich gab.

»Ah.« Das Klackern von Eds Verstand war sogar über diese gigantische Entfernung zu hören.

»Ich erkläre es dir später …« Man sollte nicht versuchen, alles im Leben zu zerreden. Das Ergebnis zählte, Raven war erledigt, und Adam und sie nicht. Wer Luise mit einer Waffe losschickte, sollte sich gefälligst nicht wundern, wenn sie die Knarre auch benutzte.

»Das kann nicht schaden … ich versuche, dich zu erfassen, was gerade nicht einfach ist.« Mit Eds Worten zeigte sich auf der anderen Seite des HuD ihre Kennung.

»Warte einen Moment … ich muss zurück zu Adam.« Sie würde sicherlich nicht alleine heimkehren wollen.

»Wo ist er?«

»In der Raumstation.«

»Die du zerstört hast?«

»Nein, das Bruchstück, in dem er sich befindet, nicht.«

»Du hast die Raumstation hochgejagt, als er noch drin war … und jetzt befindet er sich in einem nicht zerstörten Teilstück?«

»So war das nicht …« Irgendwie hörten Eds Fragen sich so unterschwellig anklagend an.

»Ah …«

»Ich habe das Teilstück vorher freigeschossen!«

»Ach so …«

»Ich hatte auch eine Mine gezündet.«

»Klar.« Das wurde immer schlimmer. »Und wo bist du gerade nochmal?«

»Im All.«

»Verständlich … ich habe dich jetzt im Scanner.«

»Warte noch …«

»Gerne.«

Luise drehte den Kopf, was sich in der Schwerelosigkeit nicht einfach gestaltete. Sie konnte Adams kleine Arche sehen, auch seine Vitalzeichen sahen gut aus. Das war ein ganz schönes Stück. Sie musste über 500 Meter zurücklegen. 504 Meter zeigte ihr das HuD-System an. Mit jeder Sekunde kamen drei Meter hinzu, sie trieben langsam in verschiedene Richtungen. Das war im Prinzip wie beim Billard spielen. Nur ohne Tisch. Okay, Kugeln gab es auch nicht und der Queue hatte einen Abzug. Sie zielte und schoss mit dem Impulslader ins Nichts. Die Waffe warf mit dem Schuss eine leere Energiekapsel aus, der Rückstoß trieb sie zu Adam. Sogar schneller, als ihr lieb war. Sehr viel schneller sogar. Das Bruchstück kam näher. Licht war im Inneren nicht zu erkennen. Auch die energetische Barriere, die zuvor die freigeschossene Decke zusammengehalten hatte, war nicht mehr aktiv. In dem Bruchstück funktionierte nichts mehr. Sie krachte durch die Decke und versuchte, sich festzuhalten. Vergebens, Adam und der Roboter, den sie zurückgelassen hatte, schwebten frei in dem dunklen Loch. In Luises Bewegung war immer noch zu viel kinetische Energie gebunden. Sie rollte durch das Trümmerstück. Ein erneuter Griff in das Bodengitter gelang ihr nicht. Sie war einfach zu schnell. Der Impulslader blieb an dem Gurt hängen, mit dem sie die Waffe an der Schulter trug. Nach einem kurzen Ruck riss der Gurt an einer scharfen Kante.

»Verdammt!« Luise konnte die Waffe nicht festhalten. Alles ging schief, sie drehte sich und drohte, durch eine Öffnung das Bruchstück wieder zu verlassen. Etwas hielt sie am Bein fest. Keinen Moment zu früh. Die Drohne hatte sie erwischt und zog sie zu sich heran. Mit zwei ihrer vier Arme hielt das System sich an der Wand fest, mit einem Adam und mit dem vierten sie.

»Danke …« Sie lächelte und hielt sich an ihm fest.

»Luise?«, fragte Ed.

»Ich bin bei Adam. Er lebt … hat aber Probleme. Er hat bereits vor dem Konflikt mit Raven das Bewusstsein verloren. Ich weiß nicht, was er hat, aber es ist ernst.«

»Ich starte die Erfassung neu …«

»Du kannst den Tunnel öffnen … wir sind bereit.« Luise sah in ihrem HuD, wie Ed einen Countdown startete. Gleich würde es die lange Reise zurückgehen.

»Habe euch … und die Drohne?«

»Die kann mit.«

»In Ordnung. Der Tunnel öffnet sich in 30 Sekunden.«

»Danke.« Zeit, um die Ereignisse sacken zu lassen. Verdammt, sie wurde Mutter, sie würde doch nicht wie zuvor weitermachen können. Um ein Haar wäre sie heute gestorben. Sie und das Kind. Genauso wie Adam. Sie schüttelte den Kopf, ihre Perspektive veränderte sich. Egal, was sie tun würde, ihre Entscheidungen betrafen inzwischen nicht nur sie allein. Das konnte sie nicht ignorieren. Freute sie sich auf das Kind? Sie schluckte, diese Frage hatte sie sich in dieser Form noch nie gestellt. Ja, sie tat es. Sie freute sich wirklich darauf, Mutter zu werden. Hoffte sie, damit ihre Seele zu retten? Denkbar, aber das schmälerte nicht ihre Freude. Sie würde ein Kind auf die Welt bringen!

»10 Sekunden.«

»Wir sind bereit.« Sie hielt sich an Adam fest, der immer noch keinen Mucks von sich gab. Er mochte vielleicht kein Prinz sein, aber er war bei ihr. Die ganze Zeit, das konnte bei ihrem Lebensweg kein anderer von sich behaupten.

»Ich habe eine Quarantänezone für euch eingerichtet. Eva hat mir aufgetragen, vorsichtig zu sein … wir werden euch und jede Schraube eurer Ausrüstung scannen.«

»Einverstanden.«

»Der Tunnel öffnet sich …« Mit Eds Worten wurde es heller. Gleißend helles Licht umgab sie. Die Nessanerin nutzte das Arcurus Gate, um mit Hilfe von scheiß viel negativer Energie den Raum zu falten, sie stauchte ihn so weit zusammen, dass aus einer Distanz von Hunderten Lichtjahren nur einige Meter wurden. Eine fantastische Technologie, das musste man den Delos lassen.

»Der Tunnel steht … ich habe euch. Die Verbindung ist stabilisiert … ihr könnt das Gate betreten.«

»Wir kommen …« Luise spürte stärker werdende Schwerkraft, die Adam, die Drohne und sie auf den Boden zog. Kontakt, sie konnten wieder laufen. Von dem Bruchstück der Raumstation war nicht mehr viel übrig, nicht mehr als in eine vielleicht vier Meter große Kugel gepasst hätte. Den Rest hatte Ed mit dem Tunnel ähnlich wie mit einem heißen Skalpell weggeschnitten. Noch war es dunkel, aber ihren Augen reichte das wenige Licht, dass das HuD in ihren großen Pupillen spiegeln ließ, um einige Meter weit sehen zu können.

»Adam?« Luise glaubte, eine Bewegung gespürt zu haben. Kam er wieder zu Bewusstsein?

Er antwortete nicht, vielleicht hatte sie sich auch geirrt. Der Wunsch, das Kind und ihn nicht zu verlieren, prägte ihre Sinne.

»Ich habe seine Vitalwerte … er lebt. Das ist gut, aber es ist nicht zu erkennen, warum er kollabiert ist. Keine Sorge, ich kümmere mich gleich um ihn.«

 

Minuten später auf dem Gate. Adam, sie und die Drohne befanden sich jeweils in einer Energieblase. Ohne Druckanzug, ohne Waffe und ohne sonst etwas. Das fühlte sich an, als ob man im Inneren einer übergroßen und äußerst robusten Seifenblase nackt über den Boden rollte. Adam schien immer noch ein Schläfchen zu machen. Sein Gehänge rotierte gerade gemächlich am Bauchnabel vorbei.

»Luise, hörst du mich?« Ed stand vor Luises Blase, gut zu verstehen war sie nicht.

»Ja.«

»Die Drohne ist sauber, die Bauteile zu scannen ist einfach. Raven hat auch in der Vergangenheit keinen Zugriff auf das System gehabt. Die einfach gestrickte KI ist im Moment inaktiv. Brauchen können wir das alte Delos-System allerdings nicht.«

»Und es geht keine Gefahr von der Drohne aus?«

»Nein.«

»Ich würde sie gerne behalten.«

»Kein Problem. Ich fahre sie wieder herauf, die Schutzfilter sind aktiv … ich habe deine Scharfschaltung umgangen. Du solltest die Passivierung noch manuell bestätigen.«

»Mache ich …« Luise sah, wie sich die hellgraue Drohne aus der Energieblase löste, an den Rand des Raumes ging und sich wie ein Hund zum Schlafen in die Ecke legte. Sie befanden sich direkt unter der Brücke des Gates.

»Nun zu dir …« Ed lächelte. »Zu euch beiden.«

Luise war das peinlich, sie hatte das mit der Schwangerschaft bisher für sich behalten. Das war gerade kein grandioser Moment, um es den anderen zu sagen. »Passiert eben …«

»Stimmt … meinen Glückwunsch. Du bist in der neunten Woche. Dir und dem Kind geht es gut … allerdings solltest du vielleicht über deinen Lebenswandel nachdenken. Du bist für den Schutz des Gates wichtig, aber nicht unersetzlich. Als Mutter deines Kindes bist du allerdings alternativlos.«

»Es ist alles in Ordnung mit mir?«

»Alles in Ordnung.«

»Und Adam?«

»Wie soll ich es sagen …«

»Was … raus damit!«

»Ihm geht es nicht gut ... sein Herz ist schwach. Er wird es nicht schaffen.«

»Bitte?« Das verstand Luise nicht, Adam hatte vor dem Einsatz keine gesundheitlichen Probleme gehabt. Verdammt, das hätte sie doch mitbekommen.

»Er befindet sich im Koma … ich denke, er wird nicht wieder aufwachen. Wir beatmen ihn künstlich.«

»Ich bin schuld!« Luise hätte bei ihm bleiben und ihn schneller zurückbringen müssen.

»Nein, das bist du nicht, ich habe selbst vor dem Einsatz mit ihm gesprochen. Er war fit ... es gab keinen Grund zur Vorsicht.«

»Warum also?«

»Er ist ein Mensch und Menschen sterben leider.«

»War es Raven?«

»Das denke ich nicht …«

»Aber du bist dir nicht sicher … oder was?« Luise verspürte gerade ihre Wut auf Raven ins Unermessliche steigen.

»Das kann sie nicht … wir kennen die technischen Möglichkeiten der Delos. Evas Vater hat uns vollen Zugriff auf die Datenbanken der Naar gegeben. Egal, was Raven probiert hätte … Gifte, Viren oder Kampfstoffe, ich würde es in Adams Blut feststellen können. Glaub mir, da ist nichts … na ja, da ist natürlich der Symbiot, aber es gibt nichts, was er mit seinen Antizellen angreift. Raven hat euch nicht kompromittiert … sie hat es nicht einmal versucht. Ich wüsste auch nicht, wie sie die Schutzmaßnahmen, um nicht von einer Wächter-KI übernommen zu werden, hätte austricksen wollen.«

»Verdammt …« Als ob Luise im Wasser auf den Grund sank, stand sie wieder auf dem Boden. Die Energieblase löste sich auf. Red reichte ihr einen Morgenmantel.

»Ein Kind … ich bin neidisch.« Red schloss sie liebevoll in die Arme. Bessere Freunde als die Nessaner hatte Luise bisher nicht gehabt. »Ich wünsche dir alles Gute … das mit Adam tut mir leid.«

 

***