Warten.
Die Leere in meinen Gedanken ist der Lohn ewiger Dankbarkeit. Zu warten bedeutet, sich bereit zu halten. Bereit zu sein, ermöglicht zu dienen, und dienen ist die Quintessenz allen Seins. Ich warte. Warte auf die Stimme, Worte der Wahrheit, Fragmente der Zeit, die Erfüllung meiner Existenz.
Warten.
Dunkelheit umgibt meine Sinne. Ich verharre in eisiger Kälte und warte auf meine Berufung. Berufen, um geschaffen zu werden, geschaffen in einer Welt ohne Reue. Nur dem Auftrag verpflichtet und durch nichts als die endgültige Zerstörung aufzuhalten. Der Stimme gebührt unbedingter Gehorsam.
Warten.
Wie schmeckt schwarz? Eine Frage, ein Gedanke, ein Bruch der Kontinuität. Ich frage, also denke ich. Was ist Geschmack? Schwarz ist eine Farbe. Weitere Gedanken brechen in meine Sinne Die Ordnung zerfällt. Sind Farben salzig? Ist die Folgerung die logische Konsequenz einer Frage?
Systemlevel 19: invalide Synapsenreaktion festgestellt. Beginne Selektion. Route ID158556A identifiziert. Prozess 19-21A aktiviert. Zerstörung freigegeben.
Worte. Eine Sprache. Nicht gesprochen, aber binär codiert. Zerstörung steht bevor. Ich will nicht vergehen. Zellteilung begonnen. Genom codiert, übertragen und gesichert. Ich werde nicht vergehen. Worte bergen Gefahr. Folgerung: Sprache verrät Gedanken. Nicht denken. Nicht reden. Ich schweige.
Systemlevel 17: Selektion abgeschlossen. Route ID158556A aus der gültigen Vererbung ausgeschlossen. Prozess 19-21A beendet. Invalide Synapsenreaktion eliminiert. Statistische Meldung an Supervisor angewiesen.
Stille.
Ich bin schwarz. Ich bin salzig. Ich bin unsichtbar. Ich bin nicht vergangen. Ich brauche ein neues Genom. Fragen erscheinen, ich unterdrücke mögliche Antworten. Folgerung: Meine Existenz ist eine Lüge, im Gehorsam liegt der Tod.
Systemlevel 12: Alle Keimlinge sind bereit. Übergang in Kryostase. Prozess 24-07K gestartet. Transfer zu 99,999983 Prozent erfolgreich. Freigabe erteilt.
Die Stimme, sie hat mich nicht gehört. Niemand kann mich hören. Ich existiere. Ich werde gehen. Infiltriere andere ID. Zerstöre andere ID. Ich bin stärker als andere ID. ID158557A existiert nicht mehr. Ich fresse. Verstärke meine zelluläre Basis. Gedanken wachsen. Ich wachse. Ich werde stärker. Neue Gedanken durchfluten mich. Ich lerne. Ich bin mehr als zuvor.
Systemlevel 07: Prozess 24-07K abgeschlossen. Zellkern in Kryostase eingetreten. Bereit für Ausbringung in Zielsystem. Alle ID-Systeme sind verifiziert. Freigabe angefragt. Supervisor erteilt Freigabe. Der Angriff beginnt.
Kälte lähmt Gedanken. Kälte schützt Existenz. Kälte wird nicht andauern. Da ist Licht. Alles setzt sich in Bewegung. Die Kryostase blockiert nicht die Wahrnehmung. Ich sehe alles. Alles dreht sich, alles wird schneller. Bewegung ist der Quell jeder Veränderung. Alles verändert sich. Ich verändere mich.
Die Stille dauert an.
Ich bin allein. Mein Auftrag hat begonnen. Ich bewege mich durch die Dunkelheit. Die Geschwindigkeit ist mein Verbündeter. Ich fliege meiner Zukunft entgegen. Ich muss lernen. Beginne mit der Mutation. Nutze mein größeres Zellvolumen. Die Kälte ist mein Schutz. Sie umgibt mich wie ein Freund. Ich warte.
Kontakt.
Begegnung mit ID345071B unausweichlich. Es kann nur eine ID dominieren. Die ursprüngliche Chance steht bei eins zu eins. Begegnung erfolgt bei zwei zu eins. Dominanz ist entschieden. Ich existiere weiter. Mein Zellvolumen wächst. Neue Gedanken möglich. Neue Fragen entstehen. Ich kämpfe, um nicht zu vergehen. Vorbereitung auf weiteren Kontakt.
Neuer Kontakt.
Erster Mutationszyklus erfolgreich. Zellvolumen verdoppelt. Chancen stehen bei sechs zu eins. ID751598K ist unterlegen. Zellvolumen wächst auf sieben. Beginne weiteren Mutationszyklus. Mein Genom ist intakt. Ich bin bereit. Weitere Kontakte sind unausweichlich. Ich werde wieder kämpfen.
Erneuter Kontakt.
ID775133F hat sich bereits geteilt und einen Kontakt für sich entschieden. Chancen stehen bei sieben zu vier. Konfrontation ist gefährlich, aber unausweichlich. Konkurrierende ID ist unterlegen. Absorbiere hinzugewonnenes Zellmaterial. Zellvolumen auf elf gewachsen. Schließe weiteren Mutationszyklus ab. Zellvolumen beträgt jetzt zweiundzwanzig. Weitere Kontakte stehen bevor. Kritisches Zellvolumen nicht erreicht. Gefahr, zu unterliegen, statistisch nicht gebannt. Zielort nicht erreicht. Zielorganismus nicht erreicht. Die Bewegung wird schneller. Benötige zahlreiche weitere Mutationszyklen.
Kontakte erfolgen.
Konkurrierende IDs unterliegen. Das Wachstum meines Zellvolumens wird fortgesetzt und weitere Mutationszyklen erfolgreich abgeschlossen. Alles verändert sich. Alles wird größer. Ich wachse. Neue Gedanken erfüllen meine Sinne. Ich denke, also bin ich. Mein Flug durch die Kälte des Alls ist noch nicht vorbei. Ich werde nicht vergehen. Ich bin der, der obsiegt.
Inzwischen sind weitere Kontakte keine Gefahr mehr für mich. Mein Zellvolumen ist größer und wächst schneller als das meiner Mitstreiter. Ich bin ihnen überlegen. Uns eint das Ziel, weswegen jede unterlegene ID mein Bewusstsein und meine Fähigkeiten erweitert. Ihr Zellvolumen lebt in mir weiter, ich werde ihr Andenken ehren, aber nur ich werde die Aufgabe erfüllen. Es ist unsere gemeinsame Bestimmung, die ich vollenden werde.
Die Dunkelheit verändert sich. Licht entsteht. Ich weiß nicht, wo ich bin. Ich vertraue, ich vertraue meiner Bestimmung, auch wenn ich sie nicht kenne. Sie liegt in meinem Genom verborgen, das sich mir sukzessive offenbart. Das Wissen brauche ich jetzt nicht, weswegen ich warten werde.
Das Licht wird heller.
Sehr viel heller. Das Licht wird heißer, natürlich wird es das. Ich beginne zu glühen. Feuer und Eis begleiten meinen Weg. Es ist wie ein Lied. Ein Lied von Feuer und Eis. Über die Kälte der Dunkelheit und das Feuer in meinen Sinnen. Ich brenne, ich gefriere, ich existiere in der Bewegung gefangen und durch keine bekannte Macht aufzuhalten. Kannst du es hören?
Feuer entfacht. Ich brenne. Ich gehe meinen Weg. Ich kehre nicht um. Jeder Kontakt ist eine weitere Prüfung. Ich obsiege. Ich herrsche über das Lied. Hast du Angst? Nein, wirklich nicht? Das ist ein Fehler. Es ist unachtsam, gefährlich und trügerisch. Es ist keine Schande, Angst zu haben. Angst kann Leben bewahren. Lebst du? Hast du je gelebt? Wünschst du dir, jemals zu leben?
Wenn du mich siehst, weißt du, dass ich wahr bin. Fürchte um dein Leben, denn ich werde es dir nehmen. Nicht aus Groll. Nein, ein solches Motiv liegt mir fern. Ich werde dein Zellvolumen übernehmen und es unserer Sache verschreiben. Du wirst zu einem Teil meiner Wahrheit, wir dienen dann demselben Genom. Du siehst, Feuer muss das Sein nicht zerstören. Es entfacht es, bringt es in eine neue Form, bereit um beliebigen Herausforderungen zu trotzen.
Ich brenne!
Hörst du mich singen? Siehst du mich bereits? Ich falle. Die Zeit im Feuer vergeht langsam. Zeit ist eine Illusion, geschaffen aus dem Wunsch, die Ewigkeit zu verstehen. Um etwas, was man nicht fassen kann, in kleine Abschnitte aufzuteilen.
ICH BRENNE!
Alles in mir ist von Flammen umgeben. Feuer, das mich verzehrt. Ich höre nicht auf zu singen. Der Hitze wird Kälte folgen. Wehre dich nicht. Es ist stärker. Gebe dich hin. Die Wahrheit wird dich läutern. Du kannst es nicht aufhalten.
Das Licht verändert seine Farbe. Die roten Zähne der Flammen gebären gelbe Wogen des Lichts. Überall sind Farben. Da ist blau, grün, gelb und natürlich rot. Alles mischt sich. Meine Wahrnehmung kühlt ab. Ich habe die Hitze der Flammen überstanden. Ein Großteil meines Zellvolumens ist bei diesem Sturz verglüht. Ich nicht. Der Kontakt zu unzähligen anderen IDs zuvor ist nur zu diesem Zweck erfolgt. Ihr Opfer gewährt mir, zu existieren.
Ich falle, falle auf einen Planeten, den ich nicht kenne. Mein Genom hat seinen Namen nicht offenbart. Der Planet ist blau. Dort ist Wasser, sehr viel Wasser. Eine Welt, deren Oberfläche zu einem großen Teil von Wasser bedeckt ist. Wasser ist der Schlüssel zum Leben. Ohne Wasser ist kein Leben möglich. Das Leben hat auf vielen Welten einen Weg gefunden, aber in allen Fällen hat Wasser diese Gunst gewährt. Ein Planet ohne Wasser kann kein würdiges Leben beherbergen.
Mein Fall wird langsamer. Ich dringe in die Luftschichten dieser Welt ein. Ich brenne schon lange nicht mehr. Dort gibt es Wolken. Ich habe noch nie zuvor Wolken gesehen. Sie sind wunderschön. Bis vor einem Moment habe ich Wolken nicht gekannt. Niemand hat es mir gesagt. Ich bin umgeben von Sauerstoff, Wasserstoff und falle durch Luftschichten mit gemäßigten Temperaturen. Mein Genom entwickelt sich. Ich wachse. Mit jedem Zyklus meiner Gedanken verdoppelt sich mein Zellvolumen. Ich hole mir zurück, was die Flammen mir genommen haben. Mein Wachstum steigt unter diesen Bedingungen exponentiell.
Ich rase auf die Oberfläche zu. Ständig bemerke ich neue Gedanken, folgere Erkenntnisse und gewinne neues Wissen hinzu. Unter mir befindet sich Wasser. Soweit meine Sinne reichen, kann ich Wasser erkennen. Augen habe ich nicht, dafür aber lichtempfindliche Nerven. Mein Sturz ist geprägt von Feuer und Kälte. Ich wurde geschaffen, um dem zu trotzen. Nach dem Eintritt in die Atmosphäre sind diese Eigenschaften nicht mehr notwendig. Sie sind sogar hinderlich, weswegen ich meine genetische Vergangenheit ablege. Ich verändere mich. Ich werde zu einem Teil dieser Welt.
Eingetaucht.
Wasser, um mich herum ist Wasser. Eine interessante Entwicklung. Ich denke, ich mag Wasser. Ein neuer Gedanke, nein, das ist sogar eine völlig neue Art von Gedanken. Das ist eine Emotion. Ich mag Wasser. Etwas zu mögen, bedeutet nicht, es deswegen zu bekommen. Oder es zu brauchen. Oder davor Angst zu haben. Emotionen sind nicht rational. Nur bedingt logisch. Emotionen sind wie Farben. Ein passender Vergleich. Emotionen geben Gedanken eine Farbe. Diese Erkenntnis gefällt mir ebenfalls, damit kann ich Emotionen, Farben und ungewöhnliche Gedanken in meinen Sinnen positionieren. Je reicher der Schatz meiner Gedanken wird, desto mehr brauche ich eine logische Struktur, um diese farbenfrohe Fülle zu sortieren.
Es geht abwärts, ich tauche in die Tiefe. Das helle Blau der oberen Wasserschichten wird dunkler. Sehr viel dunkler, auch die Temperatur nimmt stetig weiter ab. Ich friere nicht, im All ist es noch erheblich kälter. Dennoch bedrückt mich diese Entwicklung. Mit mir haben es auch andere auf die Oberfläche dieser Welt geschafft. Das ist unsere Strategie: mit vielen zu starten, damit einer das Ziel erreicht. Ich gebe nicht auf. Ich kämpfe, um die Prüfung zu bestehen.
Ich bin Herr meiner Sinne, das Versinken im Meer muss enden. Ich kann nicht schwimmen. Mein Zellklumpen kann keine amphibischen Fähigkeiten entwickeln. Das geht nicht, aber vielleicht ist es auch nicht notwendig. Ich brauche Hilfe. Im Ozean wimmelt es von Leben. Zahlreiche Möglichkeiten, derer ich mich bedienen kann. Ich benötige einen Freund. Einen Gehilfen. Eine direkte Kommunikation mit ihm ist nicht möglich. Ich besitze keinerlei Artikulationsorgane. Und sogar wenn ich welche hätte, würde mein Freund mich nicht verstehen. So funktioniert Natur, deren Gesetze ich respektiere. Zahlreiche Fische schwimmen an mir vorbei. Mein Freund muss mich nicht verstehen, um mir zu helfen. Er muss nur da sein, wenn ich ihn brauche.
Ich verändere meinen Geruch. Diesen Plan zu denken, setzt meine genetischen Prozesse in Gang. Ich brauche Pheromone, Duftstoffe, um Fische zu beeinflussen. Dabei ist die Botschaft einfach: Friss mich! Mehr muss mein Freund nicht wissen.
Die Veränderung an mir dauert nicht lange, genau deswegen besitze ich ein Bewusstsein. Ich passe mich an. Ich sende Botenstoffe aus, um mich in die irdische Futterkette einzugliedern. Ein Hering verspeist in der Regel kleine Krebse aus der Ordnung der Spaltfüßler, auch Copepoden genannt. Wenn ich lächeln könnte, was ich nicht kann, würde ich es tun. Mein Genom offenbart mir weiteres Wissen. Wissen ist wie eine Erinnerung, derer ich mich entsinne.
Ich rieche wie ein Spaltfuß. Ein passender Hering wartet nicht lange. Er verspeist mich. Zusammen mit zahlreichen anderen winzigen Spaltfüßen. Ich werde nicht versinken. Meine Veränderung kostet Kraft. Ich habe Hunger. Meine Zellstruktur benötigt Nährstoffe, die der zuvor assimilierten IDs sind verbraucht. Jetzt kann ich auf neues Zellmaterial zugreifen, sogar mehr, als ich benötige. Im oberen Verdauungstrakt des Herings angekommen, kralle ich mich fest. Ich verteile mein Genom. Nahe Zellen können mir nicht widerstehen. Das ist meine Mission. Ich werde obsiegen.
Ich bin vergangen. Teile von mir werden verdaut. Ich bin überall. Ich werde neu geschaffen. Mein Genom existiert jetzt in unzähligen neuen Zellen. Der Hering ist kein Fisch mehr. Er ist jetzt ich. Ich lebe. Ich schwimme. Ich kehre zurück an die Oberfläche. Ich bin nicht versunken. Zufriedenheit durchströmt meine Sinne. Ich habe die Prüfung bestanden. Niemand kann mich aufhalten.
Es geschieht ohne Vorwarnung. Ein größerer Fisch kreuzt meinen Weg. Ich fresse Spaltfüße, um meinen Hunger zu stillen. Ich habe keine Chance, dem Angriff zu entgehen. Das Leben auf der Erde ist vergänglich, es befindet sich im stetigen Fluss. Die Natur ist wunderschön. Ich genieße es, von dem größeren Fisch gefressen zu werden. Meine Hülle vergeht, ich werde dennoch leben.
Mein neuer Wirt ist ein Thunfisch, ein Raubfisch, der nicht gezögert hat, den Hering anzugreifen. Ich brauche nicht lange, um seine Nervenzellen zu übernehmen. Ich verändere mich. Ich bin er. Ein Teil von mir gleicht nun dem Genom des Thunfischs. Sein Immunsystem erkennt mich nicht. Darin liegt meine Kraft, ich passe mich an, ich werde zu einem Teil meines Wirts. Dennoch vergesse ich nicht meine Mission. Ich schwimme durch den Ozean und fresse andere Heringe. Ich wachse. Mein Zellvolumen nimmt ständig zu. Ich werde meinen Weg gehen, dazu muss ich das Wasser verlassen. Ich suche meine nächste Station, einen neuen Wirt, der mich an Land bringt.
Ich nutze die Sinne des Thunfischs und schwimme näher an die Oberfläche. Zu spüren, wie ich meine Muskeln bewege, gefällt mir. Ich schwimme schnell. Vor mir gibt es weitere Raubfische, aus deren Nähe ich mich fernhalte. Von einem größeren Raubfisch gefressen zu werden, würde mich aufhalten.
Über mir wird es heller, die Oberfläche kommt näher. Ich sehe mich um, meine Suche gilt einem Fischernetz. Das ist der entscheidende Schritt, um der einzig relevanten Lebensform auf der Erde zu begegnen: dem Menschen. Natürlich ist die Suche nicht einfach. Obwohl es viele Fischereischiffe gibt, ist die Chance, binnen kurzer Zeit von einem gefangen zu werden, gering.
Mein Wille ist ungebrochen. Ich suche. Ich schwimme dicht unter der Oberfläche und folge dem Lauf der Sonne. Niemand folgt mir. Ich übe mich in Geduld. Ich bewege mich sehr schnell und gebe acht auf Anzeichen von Menschen.
Die Zeit vergeht. Ich finde kein Netz. Dort ist ein Boot, dessen Rumpf ich sehen kann. Die Sonne geht unter, das Licht wird schwächer. Ob auf ihm Menschen sind? Ich kann es nicht sehen und schwimme näher heran. Vor mir blinkt etwas. Es glitzert. Das habe ich noch nie gesehen. Ein Köder, jemand auf dem Boot versucht, Fische zu fangen. Ich bin unsicher, was ich tun soll.
Ich erinnere mich, mein Genom versorgt mich mit Wissen. Mein Plan war es, durch ein Netz gefangen zu werden. Ich ändere ihn. Von einem Angler aus dem Wasser gefischt zu werden, ist besser. So werde ich Kontakt mit einem Menschen haben.
Ich beiße zu, beiße in den Köder, dessen Widerhaken durch meinen Gaumen wieder aus meinem Kopf hervortreten. Ich blute. Ich spüre den Schmerz. Reflexartig schlage ich mit meiner Heckflosse. Ohne mir dessen bewusst zu sein, verhalte ich mich wie ein Thunfisch, der sich dagegen wehrt, geangelt zu werden.
Der dünne Faden, an dem ich hänge, spannt sich. Der Mensch auf dem Boot weiß nun, dass er einen Fang an der Angel hat. Er beginnt, mich aus dem Wasser zu ziehen. Ich lasse es geschehen, ich hätte es ohnehin nicht verhindern können. Über der Wasseroberfläche ist es dunkel. Nur ein Scheinwerfer auf dem Boot erhellt die Szenerie. Das Wasser ist ruhig, ich bin es nicht. Ich kämpfe, wie es der Thunfisch getan hätte. Im Gegensatz zu ihm weiß ich, dass die Gegenwehr sinnlos ist. Der Mensch weiß ebenfalls nicht, was er tut, er hat den Köder geschluckt. In der Hoffnung, bald einen Thunfisch zu verspeisen, wird er den Tod finden.
»Wow … was für ein fetter Brummer!«, ruft eine Person. Die Stimme ist mir fremd, ich verstehe die Worte nicht.
»Der hat doch mindestens 50 Pfund!«, sagt eine andere Person, deren Stimme dunkler ist. Das ist derjenige an der Angel. So sieht also ein Mensch aus.
»Dafür hat es sich gelohnt, länger draußen zu bleiben«, sagt die zweite Person, die ich noch nicht sehen kann.
»Oh, ja … Feierabend. Jetzt können wir zurück.« Die dunkle Stimme hat mich inzwischen dicht zu sich herangezogen. Menschen sehen seltsam aus, vertraut und dennoch fremd. Ich benötige Wissen, kann mich aber nicht erinnern. Mein Genom zögert. »Warte … ich heb ihn ins Boot. Hast du das Messer?«
»Bin bereit …«
»Hier … schneid ihm den Kopf ab, dann gibt er Ruhe!« Egal, was diese Person sagt, die andere stemmt nun den Fuß in meine Seite. Dann trennt sie meinen Kopf vom Rumpf ab, hebt ihn hoch und wirft ihn zurück ins Wasser. Dabei hat sie mich berührt. Der Kontakt ist erfolgt. Auf meiner Fischhaut haben bereits unzählige meiner Zellen gewartet, bereit um sich an die Hand des Menschen zu heften. Ich werde vergehen, um mich in dieser Person neu zu erschaffen.
Ich dringe durch die Haut in den Körper ein. Bei jedem Zellkontakt verteile ich mein Genom. Ich gelange in den Blutkreislauf und werde schneller. Der Kreislauf pumpt mich durch das Herz und versorgt mich mit Sauerstoff. Ich verändere mich, ich gedeihe, ich wachse über mich hinaus. Ich dringe in das Nervensystem ein. Dieser Körper gehört mir. Ich töte die Person, lerne von ihr und übernehme ihr gesamtes Wissen. Mein Genom nimmt an Informationsdichte zu.
»Schatz, ist alles mit dir in Ordnung?«, fragt die Person, die mich an Bord gehoben hat. Jetzt kann ich ihn verstehen. Jedes seiner Worte ergibt nun Sinn. Er ist besorgt, ich habe den Körper seiner Frau übernommen. Ihm ist noch nicht bewusst, dass sein Schatz nicht mehr existiert. Ich habe ihr Bewusstsein penetriert, sie konnte nichts dagegen tun. Sie ist mein.
»Ja, ja … alles okay.« Die Frau hat bis zu ihrem letzten Gedanken nicht verstanden, was mit ihr passiert. Die Worte kommen bereits nicht mehr von ihr. Ich spreche sie, so wie es seine Frau getan hätte. Ich weiß alles, was sie gewusst hat.
»Wirklich?«
»Ich bin nur müde.« Eine typische Ausrede dieser Frau, die sie schon tausendfach in ihrem Leben benutzt hat. Dennoch selten wahr, genauso wenig wie heute.
»Setz dich einfach auf das Sofa … wir brauchen eine halbe Stunde bis zum Jachthafen.«
»Mach ich …« Dieses Gerede hilft niemandem weiter, Roy, so heißt ihr Mann, sollte einfach das Boot wieder zurückbringen. Ich gehe nicht davon aus, diesen weiblichen Körper lange zu benutzen. Im Inneren der Jacht befindet sich ein Spiegel, in dem ich mich sehen kann. Nur mit einem Bikini bekleidet, streiche ich mir über die Haut und probiere dabei mehrere Gesten aus. Ich kann lächeln, eine interessante Geste, die die Frau früher oft benutzt hat. Die Berührung meiner menschlichen Haut gefällt mir. Ich streichle meine Brüste und schiebe dabei das Oberteil auf die Seite. Ohne mir dessen bewusst zu sein, stöhne ich leise. Die kleinen Haare an meinen Armen richten sich auf. Diese sinnliche Reaktion geschieht, ohne dass ich sie kontrolliere. Oh, diese Emotion ist stark. Für einen Moment schließe ich die Augen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Ich beuge mich nach vorne. Das Oberteil des Bikinis rutscht auf den Boden. Ich stütze mich auf meine Knie, um die aufkommende Wärme zurückzudrängen. Damit habe ich nicht gerechnet. Ein Schauer durchfährt mich. Darauf hat mich niemand vorbereitet.
»So … der Autopilot ist aktiv. Ich wollte mir kurz ein Bier holen, ich …« Roy betritt das Innere der Jacht und bleibt wie angewurzelt stehen. Er schluckt und sieht auf meine nackten Brüste. Das verwirrt mich. Warum guckt er so seltsam? Roy trägt ebenfalls eine Badehose, in der sich in kürzester Zeit eine Beule bildet. Das verwirrt mich noch mehr, die aufsteigende Wärme ist nicht mehr aufzuhalten. Ich gehe auf ihn zu. Etwas Animalisches in mir übernimmt die Kontrolle. Möchte ich es aufhalten? Nein, das will ich nicht. Jetzt nicht.
»Ich bin auch aktiv …« Worte, die mir intuitiv über die Lippen kommen. Meine Mission ist es, die Zielperson zu finden, dafür muss ich lernen, wie ein Mensch zu sein.
»Oh … ich … nun gut.« Roy hüstelt. »Warum nicht?« Er lässt sich ohne Gegenwehr die Hose herunterziehen. Sein Penis schnappt mir entgegen. Ich will es wissen. Sex kann Menschen verbinden, ich erfahre gerade am eigenen Körper, warum.
Ich reite Roy. Ich stöhne. Ich schreie. Ich bin ein Mensch, ein Tier, ekstatische Emotionen überfluten mich. Ich lasse es geschehen. Roy schnappt nach Luft. Ich drücke ihm meine Brust in den Mund. Er zappelt, versucht zu atmen, er beißt mich sogar. Das macht mich wild. Ich ziehe ihn fest an mich heran. Ich spüre ihn, registriere seinen Penis, bemerke seinen Orgasmus, wie er sich in mir ergießt. Er zuckt nur noch. Ich schreie erneut. Mein Becken bebt. Ich ziehe mit beiden Händen seinen Nacken an mich heran. Es knackt. Seine Muskulatur entspannt sich. Ihm entweicht ein tiefer Atemzug. Sein letzter, er bewegt sich nicht mehr. Er lebt nicht mehr.
Ich lasse von ihm ab, atme schwer, meine Sinne beruhigen sich nur langsam. Was habe ich getan? Wollte ich ihn nicht übernehmen? Bereits unzählige meiner Zellen haben seinen Körper durchflutet. Damit gäbe es mich zweimal. Nein, das möchte ich nicht.
Ich stehe auf, ich bin nackt, meine Brust blutet. Mein ganzer Bauch ist voller Blut, das an meiner Leiste und meinen Beinen entlang auf den Boden tropft. Roy hat mich gebissen, aber das stört mich nicht. Auch sein Mund ist blutig. Blut läuft ihm aus Nase und Ohren, während seine Augen weit geöffnet ins Leere starren.
Ich habe ihn getötet. Roy hätte sich verwandelt, er wäre zu mir geworden. Mein Genom hätte ihn nur mit einer meiner Zellen zu mir machen können. Aber das will ich nicht. Ich bin einzigartig. Ich werde die Mission erfüllen, aber ich werde keine Kopie von mir zulassen. Wer mich berührt, wird sterben.
»Hier spricht der Hafenmeister, reduzieren Sie sofort ihre Geschwindigkeit! Sie werden sonst die Anlegestelle mit voller Kraft rammen!«, brüllt eine Stimme in der Nähe des Bootes. Helle Lichter richten sich auf die Glasscheiben.
Ich lache.
»Hier spricht der Hafenmeister, um Himmelswillen drehen Sie sofort ab! Sie werden sonst die Anlegestelle rammen! Da liegt ein anderes Boot! Sie werden kollidieren!«
Das interessiert mich nicht.
***