EVA
John F. Kennedy Airport, New York
Der Tag des Absturzes
Die Frau klang eindeutig verzweifelt. Ich bin es. Claire
. Wie ihr die Stimme versagte, als sie sprach, als ob sie gegen Tränen ankämpfte. Eva stand wie angewurzelt da, während sie dem hysterischen Zusammenbruch einer Frau lauschte, die sich in großer Gefahr befand. Einer Frau auf der Flucht. Einer Frau wie sie selbst.
Eva betrachtete die Reisenden, die sie umgaben und die sich langsam durch die Sicherheitskontrolle schlängelten. Die Familie mit mehreren riesigen Koffern, die bestimmt aufgegeben werden mussten. Das Paar hinter ihr, das leise darüber stritt, nicht rechtzeitig zum Flughafen aufgebrochen zu sein. Eva prüfte, ob jemand aufmerksam geworden war. Ob sich irgendjemand an die verzweifelte Frau am Handy und die Fremde hinter ihr, die still zuhörte, erinnern würde.
Claire
. Ihr Name, eine einzige Silbe, schien in ihrem Kopf widerzuhallen. Eva rückte näher, und während sie so tat, als wäre sie in ihr Handy vertieft – das Prepaid-Handy, das sie vor weniger als vierundzwanzig Stunden auf einem anderen Flughafen gekauft hatte –, sah sie sich die Frau genauer an. Die teure Birkin-Tasche. Trendige Sneaker zur klassisch geschnittenen Hose und ein hellrosa Kaschmirpullover, der elegant ihren schmalen Körper umspielte. Dunkles Haar, das sorgfältig frisiert auf ihren Schultern lag.
»Ich glaube, in Puerto Rico habe ich bessere Chancen zu verschwinden«, sagte Claire. Eva beugte sich vor, damit ihr nichts entging. »Ich glaube, in Puerto Rico habe ich bessere Chancen zu verschwinden. Nach dem Hurrikan funktionieren viele Verbindungen immer noch nicht.«
Eva spürte, wie ihr Puls sich bei den Worten funktionieren viele Verbindungen immer noch nicht
beschleunigte, denn genau das brauchte sie. Puerto Rico war genau das Richtige, und mithilfe von Claire würde sie dahin kommen.
Als sie vorne in der Schlange waren, dirigierte ein Sicherheitsbeamter Eva zu einem Röntgengerät auf der linken Seite und Claire einige Reihen weiter nach rechts. Eva versuchte, ihr zu folgen, aber der Sicherheitsbeamte hinderte sie daran. Sie behielt Claire im Auge, verfolgte den hellrosa Pullover, während dessen Trägerin durch das Röntgengerät ging, dahinter ihre Sachen wieder einsammelte und in der Menge verschwand.
Eva bekämpfte das Bedürfnis, sich zu ihr durchzudrängeln. Sie hatte nicht den ganzen Morgen gewartet, um Claire jetzt zu verlieren. Aber sie steckte hinter einem alten Mann fest, der mehrmals durch den Scanner musste. Jedes Mal, wenn die rote Lampe aufleuchtete, spürte Eva, wie der Druck in ihr stärker wurde, die Ungeduld, auf die andere Seite zu kommen.
Schließlich holte der Mann eine Handvoll Wechselgeld aus der Hosentasche, zählte es ab, bevor er es auf das Tablett warf, und kam dann schließlich durch.
Eva legte ihren Mantel und ihre Schuhe auf das Tablett, warf ihre Tasche auf das Laufband und hielt den Atem an, als sie endlich an der Reihe war. Auf der anderen Seite packte sie eilig alles zusammen, nahm Handy und Reisetasche und suchte die Halle nach dem rosa Pullover ab. Aber Claire war verschwunden.
Eva empfand den Verlust wie einen plötzlichen Schlag. Alles, was sie sonst versuchen könnte – ein anderes Flugticket kaufen, ein Busticket, einen Mietwagen nehmen –, könnte nachverfolgt werden und würde die Leute, die hinter ihr her waren, direkt zu ihr führen.
Eva suchte die Menschenmengen ab, ging vor jedem Restaurant langsamer, blickte in jede Ecke von jedem Zeitungskiosk. Weiter vorn sah sie eine Reihe von Monitoren. Dort würde sie den Flug nach San Juan sehen und Claire dann am angegebenen Gate finden. Sie konnte nicht weit gegangen sein.
Als Eva an einer Bar vorbeilief, sah sie den rosa Pullover, der sich deutlich vor dem Fenster dahinter abzeichnete. Claire saß allein mit einem Getränk da, suchte mit den Augen die überfüllte Halle ab, wachsam wie ein Tier, das den Horizont nach Feinden scannt.
Eva ließ den Blick vorbeigleiten und ging weiter. Claire würde sich nicht
einer Fremden direkt offenbaren, wenn sie es vermeiden konnte. Eva würde es hintenrum versuchen. Sie schlenderte in einen Buchladen und griff nach einer Zeitschrift, blätterte darin, gab Claire etwas Zeit, um sich zu beruhigen.
Sie sah, wie Claire auf der anderen Seite des Gangs das Getränk zum Mund führte.
Eva legte die Zeitschrift zurück, verließ den Laden und ging zu den großen Fensterscheiben mit Blick auf das Rollfeld, bevor sie nach links auf Claire zusteuerte. Als sie nah genug war, hielt sie sich ihr stummes Handy ans Ohr, legte einen Hauch von Panik und Angst in ihre Stimme und sorgte dafür, dass ihre Tasche gegen Claires Stuhl stieß.
»Warum wollen sie mich sprechen?«, fragte Eva und ließ sich neben Claire nieder, die irritiert zur Seite rückte.
»Aber ich habe nur getan, worum er mich gebeten hat«, fuhr Eva fort. »Sobald wir wussten, dass es unheilbar war, haben wir darüber gesprochen.« Eva legte die Hand vor die Augen und vergegenwärtigte sich die letzten sechs Monate. Wie viel sie riskiert hatte. Wie viel sie verloren hatte. Sie brauchte jetzt starke Gefühle, um die Geschichte, die sie sich überlegt hatte, glaubwürdig zu präsentieren. »Er war mein Mann, und ich habe ihn geliebt«, sagte sie, griff nach einer Serviette und drückte sie an die Augen, bevor Claire merken konnte, dass da keine Tränen waren. »Er hat gelitten, und ich habe getan, was jeder tun würde.« Eva machte eine Pause, als würde jemand am anderen Ende sprechen, bevor sie schließlich sagte: »Teilen Sie ihnen mit, dass ich nichts zu sagen habe.« Sie riss sich das Handy vom Ohr und drückte energisch auf das Display, um das vermeintliche Gespräch zu beenden. Dann holte sie bebend Luft.
Eva winkte dem Barkeeper zu und sagte: »Wodka Tonic.« Dann sagte sie mehr zu sich selbst als zu Claire: »Ich wusste, das würde mich einholen. Ich wusste nur nicht, wie schnell.« Sie nahm einen Schluck von dem Drink, den der Barkeeper vor sie hingestellt hatte, während Claire auf ihrem Stuhl von Eva wegrückte, die Schultern so starr, dass es die meisten Menschen zum Schweigen gebracht hätte. Doch Eva kniff die Augen zu und trieb ihre Aufregung noch eine Stufe weiter, atmete stoßweise und unregelmäßig. Sie versuchte, noch eine Serviette von einem Stapel zu nehmen, der außer Reichweite war, stieß dabei wieder mit der Schulter gegen Claire und zwang diese, ihr eine zu reichen.
»Danke«, sagte Eva. »Tut mir leid, dass ich so eine Chaotin bin und in
Ihre ruhige Ecke platze. Es ist nur …« Sie verstummte, als würde sie allen Mut zusammennehmen, um es auszusprechen. »Mein Mann ist kürzlich gestorben. Krebs.«
Claire zögerte und sah Eva immer noch nicht an, bis sie schließlich sagte: »Das tut mir leid.«
»Wir waren achtzehn Jahre zusammen. Seit der Highschool.« Eva putzte sich die Nase und starrte in ihren Drink. »Er hieß David.« Sie nahm noch einen Schluck, ließ ein Stück Eis in ihren Mund gleiten und drückte es gegen ihre Wange, versuchte, mit Willenskraft ihren Herzschlag zu drosseln, denn die Geschichte, die sie erfand, musste möglichst ruhig erzählt werden. Wenn sie sie zu schnell vortrug, würde sie hohl und falsch klingen. Eine Lüge musste mit Bedacht ausgesprochen werden. Man musste sie pflanzen und anwachsen lassen, bevor die nächste zum Besten gegeben werden konnte. »Er siechte dahin, bis er fast nicht mehr da war, und er hatte schreckliche Schmerzen. Ich konnte es nicht länger mit ansehen.« Sie pflanzte das Bild eines sterbenden Mannes in Claires Vorstellung, bevor sie fortfuhr: »Und so habe ich der Schwester gesagt, sie könne nach Hause gehen, ich würde die Nachtschicht übernehmen. Das war nicht besonders schlau von mir. Aber es ist schwierig, klar zu denken, wenn der Mann, den man sein ganzes Leben geliebt hat, leidet.« Eva blickte ausdruckslos in die Halle. »Jetzt haben sie offenbar Fragen. Es könnte Folgen haben.«
Eva brauchte einen zwingenden Grund, warum auch sie verschwinden musste und niemals wieder nach Hause zurückkehren konnte. Einen anderen als die Wahrheit.
Sie spürte die Veränderung in Claires Körpersprache, eine leichte Hinwendung zu ihr, nicht mehr als ein Zentimeter, aber es reichte. »Wer sind ›sie‹?«, fragte Claire.
Eva zuckte mit der Schulter. »Der Coroner. Die Polizei.« Sie deutete auf ihr Handy. »Das war der Onkologe meines Mannes. Er hat mir gesagt, dass alle in einer Woche zu ihnen kommen sollen, um Fragen zu beantworten.« Sie blickte aus dem Fenster aufs Rollfeld. »Es wird nichts Gutes dabei herauskommen.«
»Kommen Sie aus New York?«
Eva sah sie an und schüttelte den Kopf. »Kalifornien.« Pause. Atmen.
»Er ist erst einundzwanzig Tage tot, und jeden Tag wache ich auf und durchlebe es noch einmal. Ich dachte, eine Reise nach New York würde helfen. Ein Tapetenwechsel, das Gegenteil von zu Hause.«
»Hat es das?«
»Ja. Nein.« Sie sah Claire mit einem bitteren Lächeln an. »Kann beides zutreffen?«
»Ich glaube schon.«
»Ich habe bereits alles verloren, was mir etwas bedeutet. Mein Mann ist gestorben. Ich habe meinen Job aufgegeben, um ihn zu pflegen. Es gab nur uns beide, keiner von uns hatte Familie.« Eva holte tief Luft und sagte zum ersten Mal die Wahrheit. »Ich bin ganz allein auf der Welt und will nicht zurück. Mein Flug geht in einer Stunde, und ich will nicht in diesem Flugzeug sitzen.«
Eva wühlte in ihrer Tasche, zog ihre Bordkarte für den Flug nach Oakland heraus und legte sie auf den Tresen. Eine Stütze. Eine Versuchung. Ein stiller Vorschlag. »Vielleicht fliege ich woandershin. Ich habe Ersparnisse. Ich kaufe mir einfach ein neues Ticket irgendwohin, wo ich noch nie war, und fange von vorne an.« Eva setzte sich aufrechter hin, als ob die Entscheidung, die sie gerade getroffen hatte, eine Last von ihr genommen hätte. »Wohin, denken Sie, sollte ich fliegen?«
Claire sagte leise: »Man wird nicht lange brauchen, um Sie zu finden. Egal, wohin Sie gehen, man kann es nachverfolgen.«
Eva dachte einige Augenblicke darüber nach, bevor sie sagte: »Glauben Sie, dass es möglich ist, spurlos zu verschwinden?«
Claire antwortete nicht. Die beiden saßen schweigend nebeneinander, beobachteten, wie Menschen zu ihrem Gate oder zur Gepäckaufgabe gingen. Reisende, die in Eile waren, einen großen Bogen umeinander machten und dabei Augenkontakt vermieden, in Gedanken zu sehr mit ihren Reisezielen beschäftigt, um zwei Frauen zu bemerken, die nebeneinander an der Bar saßen.
Das entfernte Heulen eines Kindes wurde lauter, als die frustrierte Mutter an ihnen vorbeiging und dabei ihre schluchzende Tochter hinter sich herzog. »Ich erlaube dir nicht, zum hundertsten Mal Ein Zwilling kommt selten allein
zu sehen, bevor du den Stoff für Mrs. Hutchins gelesen hast.«
Eva beobachtete, wie Claire ihnen mit den Augen durch die Halle folgte, bis sie verschwunden waren. Dann sagte sie: »Schön zu wissen, dass auch die nächste Generation das Werk von Lindsay Lohan zu schätzen weiß.« Sie nahm einen Schluck von ihrem Drink. »Wie hieß noch der andere Film, den sie gemacht hat? In dem Mutter und Tochter die Körper tauschen und einen Tag als die jeweils andere leben? Kennen Sie ihn?«
»Freaky Friday.
Meine Schwester hat den Film geliebt«, sagte Claire und starrte in ihr Getränk.
Eva zählte im Kopf bis zehn. Das Gespräch war jetzt genau da, wo sie es haben wollte. Dann sagte sie: »Mit wem würden Sie tauschen? Wer wären Sie gerne?«
Claire drehte sich langsam zu Eva, und ihre Blicke trafen sich, doch Claire sagte nichts.
»Freaky Friday
würde mir jetzt jedenfalls helfen«, fuhr Eva fort. »In die Haut eines anderen schlüpfen, ein total anderes Leben leben. Ich wäre noch ich, aber niemand würde es wissen.«
Claire hob ihr Glas, um zu trinken, und Eva bemerkte, dass ihre Hand leicht zitterte. »Ich soll nach Puerto Rico fliegen.«
Eva spürte, wie der Alkohol schließlich ihre Blutbahn erreichte und den Knoten löste, der sich in den vergangenen achtundvierzig Stunden allmählich in ihrem Bauch gebildet hatte. »Schön um diese Jahreszeit.«
Claire schüttelte den Kopf: »Ich würde alles dafür geben, nicht in diesem Flugzeug zu sitzen.«
Eva ließ die Worte im Raum stehen und wartete, ob Claire noch mehr sagen würde. Denn was Eva vorhatte, war riskant, und sie musste sicher sein, dass Claire verzweifelt genug war. Sie schwenkte das Eis in ihrem Glas, Wodka und Tonic vermischten sich zu einer klaren Flüssigkeit, die Limette klebte zerquetscht und schlaff am Rand. »Klingt, als bräuchten wir beide einen Freaky Friday
.«
Eva wusste zwei Dinge. Erstens musste Claire denken, dass es ihre Idee war. Und zweitens wollte Eva nie mehr jemand sein, der log und betrog. Dies war das letzte Mal.
Claire nahm Evas Bordkarte vom Tresen und betrachtete sie. »Wie ist Oakland so?«, fragte sie.
Eva zuckte mit der Schulter. »Nichts Besonderes«, sagte sie. »Aber ich wohne in Berkeley. Da sind die Leute ein bisschen verrückt. Wenn man auf einem Einrad die Telegraph Avenue entlangfahren und dabei Trompete spielen würde, wäre das den Leuten egal. So ein Ort ist das. Man fällt nicht leicht auf, denn alle sind noch ein bisschen schräger als man selbst.«
In dem Moment näherte sich der Barkeeper und fragte: »Kann ich den Damen noch etwas bringen?«
Zum ersten Mal lächelte Claire. »Ich glaube, wir haben alles, danke«, sagte sie. Und zu Eva: »Folgen Sie mir.«
Sie verließen die Bar, gingen Schulter an Schulter, sodass andere gezwungen waren, einen Bogen um sie zu machen, und stellten sich in der Schlange aus müden Reisenden an, die sich in der Damentoilette gebildet hatte. Einige Kabinen öffneten sich, aber Claire ließ anderen den Vortritt, die hinter ihnen standen, bis die Behindertenkabine frei wurde. Sie zog Eva mit hinein und schloss die Tür hinter ihnen ab.
Claire sprach leise. »Was Sie da eben gesagt haben, ob ich glaube, dass es möglich sei zu verschwinden … Ich glaube, es gibt eine Möglichkeit.«
Toilettenspülungen wurden betätigt, Wasser lief, Flüge wurden über die Lautsprecher angekündigt, während Claire in ihre Handtasche griff, ihr Handy herausholte, ihr E-Ticket aufrief und es Eva gab. »Wenn wir Tickets tauschen, werden Flugaufzeichnungen belegen, dass jede von uns an Bord ihres entsprechenden Flugzeugs gewesen ist«, sagte Claire. »Aber in Puerto Rico wird es keine Spur von mir geben. Und in Oakland keine Spur von Ihnen.«
Eva versuchte, skeptisch zu schauen. Es würde nicht funktionieren, wenn sie zu schnell einwilligte. »Sind Sie verrückt? Warum sollten Sie so etwas für mich tun?«
»Sie
würden es für mich
tun«, sagte Claire. »Ich kann nicht wieder nach Hause. Und es ist idiotisch von mir, zu denken, ich könnte in Puerto Rico verschwinden.«
Eva blickte in Claires Gesicht und fragte: »Was meinen Sie?«
»Darum müssen Sie sich keine Gedanken machen«, erwiderte Claire.
Eva schüttelte den Kopf. »Wenn ich das mache, müssen Sie mir zumindest sagen, auf was ich mich einlasse.«
Claire blickte zur Kabinentür und sagte: »Ich hatte einen Plan, um meinen Mann zu verlassen. Doch dieser Plan hat sich zerschlagen, denn er hat alles herausgefunden. Ich muss verschwinden, bevor …«
»Bevor was? Ist er gefährlich?«
»Nur für mich.«
Eva betrachtete das E-Ticket auf Claires Handy, als würde sie nachdenken. »Wie können wir Tickets tauschen? Wir sehen einander nicht mal ähnlich.«
»Das ist egal. Wir sind schon durch die Sicherheitskontrolle. Sie werden mein Handy mit meiner Bordkarte haben. Niemand wird Ihnen Fragen stellen.« Sie starrte Eva mit glänzenden, verzweifelten Augen an. »Bitte«, sagte sie. »Das ist meine einzige Chance.«
Eva wusste, wie es war, wenn sich etwas bereits in Reichweite befand, und dann doch wieder weggerissen wurde. Aus lauter Verzweiflung wurde man blind für die Möglichkeit, dass etwas schiefgehen könnte.
Der Plan erwies sich als einfach. Sie tauschten schnell die Inhalte ihrer Taschen, Claire zog eine NYU
-Kappe aus ihrer und steckte ihre Haare darunter. Dann zog sie ihren Pullover aus und gab ihn Eva. »Mein Mann wird jeden Hinweis verfolgen. Er wird jede Minute dieses Tages rekonstruieren und studieren. Einschließlich des Materials aus den Überwachungskameras im Flughafen. Wir müssen mehr als nur die Tickets tauschen.«
Eva zog ihren Mantel aus und gab ihn Claire zögerlich. Es war ihr Lieblingsstück, armeegrün mit Kapuze, vielen Reißverschlüssen und Innentaschen, die ihr viele Jahre gute Dienste geleistet hatten.
Während Claire den Mantel anzog, sprach sie weiter. »Wenn Sie landen, benutzen Sie meine Kreditkarte, um Geld zu ziehen oder ein Ticket woandershin zu kaufen. Was immer Sie wollen. Aber legen Sie eine Spur, die mein Mann verfolgen kann.« Claire schob den Computer in Evas Reisetasche, die jetzt zu ihren Füßen stand. Dann öffnete sie ihren Kulturbeutel, holte eine eingepackte Reisezahnbürste heraus und steckte sie in eine der Taschen von Evas altem Mantel. Eva schien es seltsam, ausgerechnet jetzt an Mundhygiene zu denken. Claire nahm einen Packen Bargeld aus ihrem Portemonnaie und schob es in eine andere Manteltasche, warf dann das Portemonnaie wieder in ihre Handtasche und hielt diese Eva hin. »Aber machen Sie es schnell, bevor er alle Konten sperrt«, sagte sie. »Meine PIN
lautet 3710.«
Eva nahm sie, obwohl sie Claires Geld nicht brauchte. Dann gab sie Claire ihre eigene Handtasche, ohne noch einmal hineinzusehen. Sie war froh, alles loszuwerden. Das Bargeld, das sie jetzt brauchte, befand sich in einem Brustbeutel an ihrem Körper, der Rest wartete weit weg auf sie.
Eva schob die Arme in den rosa Kaschmirpullover, spürte, dass ihre Flucht näherrückte, und hoffte, dass Claire nicht die Nerven verlor. In neunzig Minuten würde sie in der Luft sein, auf dem Weg nach Puerto Rico. Sobald sie gelandet war, wusste Eva hundert Möglichkeiten, wie sie verschwinden konnte. Ihr Aussehen verändern, dann die Insel so schnell wie möglich verlassen. Ein Boot mieten. Ein Flugzeug mieten. Sie hatte genug Geld, um zu tun, was notwendig war. Es war ihr egal, was Claire am
Ende tun würde.
Ihr fiel ein Gespräch wieder ein, das sie vor einer Woche bei einem Basketballspiel mit Dex geführt hatte. Die einzige Möglichkeit, an einen gefälschten Ausweis zu kommen, ist jemanden zu finden, der dir seinen gibt.
Eva musste beinahe laut lachen, dass Dex’ Worte in der Behindertentoilette von Terminal 4 am Flughafen JFK
Wirklichkeit wurden.
Claire fingerte an einem der Reißverschlüsse des Mantels, den sie jetzt trug, herum. Eva dachte daran, wer sie in Oakland erwarten würde. Sie würden vielleicht einen Moment stutzen, wenn sie Claire in Evas Mantel aus dem Flughafen kommen sahen. Aber da hörten die Ähnlichkeiten auch schon auf.
»Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel«, sagte Eva und presste ihr Prepaid-Handy an die Brust, »aber da sind alle meine Fotos drauf. Ein paar Sprachnachrichten von meinem Mann …« Sie konnte nicht riskieren, dass Claire entdeckte, dass auf dem Handy weder Kontakte noch Fotos waren und die Anrufliste nur eine einzige Nummer enthielt. Sie hielt Claires Telefon hoch. »Aber Sie müssen Ihr Passwort deaktivieren, damit ich das E-Ticket scannen lassen kann. Es sei denn, Sie wollen es ausdrucken und Ihr Handy behalten?«
»Damit er mich verfolgen kann? Nein, danke«, sagte Claire, scrollte durch ihre Einstellungen und deaktivierte ihr Passwort. »Aber ich muss mir vorher unbedingt noch eine Nummer aufschreiben.«
Eva beobachtete, wie Claire einen Stift aus ihrer Tasche nahm und etwas auf die Rückseite einer alten Quittung schrieb.
In dem Moment wurde der Flug nach Oakland aufgerufen. Das Boarding hatte begonnen. Sie sahen einander an, Angst und Aufregung spiegelte sich in ihren Gesichtern.
»Ich glaube, es ist so weit«, sagte Claire.
Eva stellte sich vor, wie Claire den Flug nach Kalifornien antrat und in Oakland ausstieg. Wie sie in den hellen Sonnenschein spazierte, ohne die geringste Ahnung, was sie dort erwarten könnte. Sie versuchte, sich dabei nicht schuldig zu fühlen. Claire wirkte kämpferisch. Klug. Sie würde einen Weg finden. »Danke, dass Sie mir helfen, noch einmal von vorn anzufangen«, sagte Eva.
Claire umarmte sie und flüsterte: »Sie haben mich gerettet. Ich werde Ihnen das nie vergessen.«
Dann war sie weg. Raus aus der Kabine, verschwunden im
Flughafengetümmel. Die Überwachungskameras zeichneten eine Frau im grünen Mantel auf, eine NYU
-Kappe tief über die Augen gezogen, die einem neuen Leben entgegenging.
Eva verschloss wieder die Tür, lehnte sich gegen die kühle Wand und spürte, wie sich ihr Adrenalinspiegel langsam senkte. Einen Moment lang fühlte sie sich schwach in den Gliedern und benommen im Kopf. Sie war noch nicht frei, aber sie war der Freiheit näher als je zuvor.
Eva wartete in der verschlossenen Kabine so lange sie konnte und stellte sich vor, wie Claire Richtung Westen in die Freiheit flog.
»Boarding für Flug 477 mit Anschluss nach Puerto Rico hat begonnen«, verkündete eine Lautsprecherstimme. Sie verließ die Kabine und ging schnell an der langen Schlange wartender Frauen vorbei. Aus dem Augenwinkel sah sie sich selbst im Spiegel und wunderte sich, wie ruhig sie aussah, während ihr innerlich nach tanzen zumute war. Sie schob die Ärmel von Claires rosa Kaschmirpullover hoch, wusch sich schnell die Hände und warf sich ihre neue Handtasche über die Schulter, bevor sie in die Flughafenhalle hinausging.
Am Gate wartete sie am Rande des Geschehens, suchte mit den Augen die Menge ab und fragte sich, ob sie es sich jemals abgewöhnen würde, überall automatisch Risiken und Gefahren abzuschätzen. Aber jeder hier schien mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein und konnte es nicht erwarten, dem kalten New York zu entkommen und in ein wärmeres Klima zu reisen.
Eine Frau vom Bodenpersonal griff zum Mikrofon und sagte: »Unser Flug heute Morgen ist nicht ausgebucht. Reisende, die noch Stand-by fliegen wollen, werden gebeten, am Schalter einzuchecken.«
Menschen in Ferienkleidung drängelten sich vor, um die Ersten in ihrer Boarding-Gruppe sein. Aber da lediglich eine Person am Gate Dienst hatte, war alles chaotisch und kam nur langsam in Gang. Eva stellte sich nah an eine laute sechsköpfige Familie heran. In ihrer Handtasche vibrierte Claires Handy. Neugierig holte sie es heraus.
Was zur Hölle hast du getan?
Es waren nicht die Worte, die sie einen Moment stocken ließen, sondern die Schärfe dahinter, böswillig und vertraut. Dann klingelte das Telefon und erschreckte sie so sehr, dass sie es beinahe fallen ließ. Sie leitete den Anruf auf die Mailbox weiter. Es klingelte wieder. Und danach wieder. Sie spähte
zur Gangway, zählte die Leute, die noch vor ihr waren, flehte die Schlange innerlich an, sich schneller zu bewegen. Sie sehnte sich danach, an Bord und in die Luft zu kommen.
»Warum geht’s nicht weiter?«, fragte eine Frau hinter ihr.
»Ich habe gehört, die Luke öffnet sich nicht richtig.«
»Na toll«, sagte die Frau. Als Eva an der Reihe war, gab sie das Handy der Flugbegleiterin, die das E-Ticket scannte, ohne auch nur einen Blick auf den Namen zu werfen. Sie gab es Eva zurück, die es sofort ausschaltete und wieder in Claires Handtasche steckte. Die Schlange kroch vorwärts, Eva war jetzt an der Schwelle zur Brücke, eingeklemmt zwischen ungeduldigen Reisenden. Jemand stieß mit seiner Tasche von hinten gegen sie und riss ihre Handtasche zu Boden, sodass Claires Sachen in alle Richtungen flogen.
Als sie sich bückte, um alles einzusammeln, warf sie einen Blick zurück in die Halle. Sie war von den Menschen in der Schlange umgeben, sodass die Frau am Gate sie nicht sehen konnte, und ihr wurde bewusst, wie einfach es wäre, sich davonzumachen. Die Maschine war nicht voll. Sie würden vielleicht nicht bemerken, dass ihr Sitz leer war. Sie war für den Flug gescannt, und Claire war bereits auf dem Weg nach Oakland.
Eva hatte nur den Bruchteil einer Sekunde, um eine Entscheidung zu treffen. Sie wusste, wie sie es machen würde. Zur Seite treten, sich an die Wand lehnen und ein weiteres Handygespräch vortäuschen. Sie wäre einfach wie andere Reisende mit ihrem eigenen Leben beschäftigt, auf dem Weg an irgendeinen neuen Ort. Sie könnte den Flughafen verlassen, nach Brooklyn fahren, einen Friseursalon finden und sich die Haare braun färben lassen. Dann mit Claires Ausweis einen späteren Flug buchen und bar bezahlen. Es konnte ohne Weiteres zwei Claire Cooks geben, die an zwei völlig verschiedene Orte reisten. Und sobald sie gelandet und verschwunden war, würden die Daten irrelevant.
Genauso wie sie.