CLAIRE
Dienstag, 22. Februar
Evas Haus ist komplett still. Ich habe das Gefühl, dass es mich beobachtet, darauf wartet, ob ich preisgebe, wer ich bin und warum ich herkam. Als ich den Kühlschrank öffne, ist das obere Fach voll mit Cola-Light-Dosen. Sonst befindet sich darin nur noch ein unförmiger Take-out-Behälter. »Will jemand Cola-Light?«, murmele ich, bevor ich die Tür wieder schließe. Ich betrachte die Regale, die an der Wand stehen und mit Kochbüchern und Rührschüsseln gefüllt sind. Dann wandert mein Blick zu den Schränken links vom Spülbecken. Ich öffne sie – zum Vorschein kommen Gläser, Teller und Schüsseln – und finde schließlich heraus, wo Eva Trockenvorräte aufbewahrt. Ritz Cracker und Cola-Light müssen heute Abend genügen.
Nachdem ich genug gegessen habe, um meinen knurrenden Magen zu beruhigen, gehe ich zurück ins Wohnzimmer. Die Uhr an der Wand zeigt sechs. Ich nehme die Fernbedienung und versuche, nicht an Eva und ihren Mann zu denken, die unter eine Decke gekuschelt hier ferngesehen oder in vertrauter Stille nebeneinander gesessen und auf ihren Handys herumgescrollt haben. Ich sehe mich im Zimmer um, auf der Suche nach Hinweisen auf eine glückliche Ehe. Fotos. Andenken an Urlaubsreisen. Nichts zu sehen.
Ich schalte den Fernseher ein, zappe durch die Sender und lande schließlich bei CNN .
Eine Nahaufnahme des Flughafens in New York ist zu sehen, auf einem kleineren Bild das Such- und Bergungsteam, ein Schiff der Küstenwache, umgeben von dunklem Wasser, auf dem Flutlichter tanzen. Ich drehe die Lautstärke auf. Kate Lane, politische Kommentatorin und Gastgeberin von Politics Today, spricht leise und ernsthaft, während ein Bild von mir und Rory auf einer Galaveranstaltung im letzten Jahr den Bildschirm einnimmt. Meine Haare sind sorgfältig zu einer Banane hochgesteckt, mein Gesicht ist dick mit Make-up bedeckt, und ich lache in die Kameras. Kate Lane sagt: »Die Behörden haben bestätigt, dass die Ehefrau des Philanthropen Rory Cook, Sohn der Senatorin Marjorie Cook und geschäftsführender Direktor der Cook Familienstiftung, eine humanitäre Reise nach Puerto Rico unternahm und sich an Bord des Fluges 477 befand.«
Dann wird mein Bild durch eine Live-Außenaufnahme des Flughafens ersetzt. Die Kamera schwenkt auf einen scheinbar abgesperrten Bereich hinter großen Glasfenstern. »Vertreter von Vista Airlines treffen sich heute Abend mit Angehörigen, während Such- und Bergungsteams vor der Küste Floridas bis in die Nacht im Einsatz sind. Vertreter der Verkehrsbehörde für die Aufklärung von Unglücksfällen im Transportwesen, NTSB , haben einen terroristischen Hintergrund als Unfallursache ausgeschlossen. Sie verweisen auf unbeständiges Wetter und die Tatsache, dass dieses Flugzeug erst vor vier Monaten Startverbot hatte.«
Die Kamera zoomt heran und zeigt Menschen, die sich umarmen und weinen, einander trösten. Ich gehe näher an den Bildschirm und versuche zu erkennen, ob Rory unter ihnen ist. Aber ich muss mir keine Mühe machen. Wie aufs Stichwort erfolgt ein Schnitt zu einer Reihe von Mikrofonen, Rory erscheint und stellt sich dahinter. »Ich habe gehört, wir bekommen eine kurze Erklärung von Mr. Cook im Namen der Angehörigen.«
Ich schalte auf Standbild und sehe ihn mir genau an. Er trägt eine teure Jeans, dazu eins seiner blauen Oberhemden, die gut vor der Kamera aussehen. Sein Gesicht ist von Trauer gezeichnet, die Augen hohl und rot. Ich hocke mich hin und frage mich, ob er tatsächlich am Boden zerstört ist, oder ob er das alles nur spielt und tief unter der Oberfläche zornig ist, da er inzwischen die Wahrheit entdeckt hat.
Ich nehme meinen Computer aus der Tasche und gehe hinauf in Evas Büro. Der Router in der Ecke des Schreibtisches blinkt grün. Ich drehe ihn um, finde das Passwort auf der Rückseite und bete, dass sie es nicht geändert hat. Ich brauche drei Versuche, damit Passwort und Netzwerkname zusammenpassen, aber dann bin ich drin.
Ich öffne dasselbe Fenster wie gestern Abend und werfe schnell einen Blick in Rorys Posteingang, während er live im Fernsehen ist. Es gibt mehrere Nachrichten von Danielle, Kopien von E-Mails, die sie heute Morgen verschickt hat. An das Hotel in Detroit, um dort Bescheid zu geben, dass Rory meine Reservierung in Anspruch nimmt, und an die Schule, damit man dort weiß, dass Rory den Termin übernimmt.
Und ein Nachrichtenaustausch zwischen Bruce und Rory, kurz nachdem die Meldungen vom Absturz kamen.
Ich glaube, wir müssen die Bekanntgabe verschieben.
Rorys Antwort war kurz.
Auf keinen Fall.
Aber Bruce ließ sich nicht davon abbringen.
Denk daran, wie das wirkt. Deine Frau ist gerade gestorben. Du kannst es auf keinen Fall diese Woche bekannt geben. Das ist Wahnsinn. Lass NTSB die Leiche bergen. Organisiere eine Beerdigung. Gib es anschließend bekannt. Sag, dass Claire es gewollt hätte.
Obwohl es mich nicht überrascht, verletzt mich die Tatsache, dass sie sich jetzt Gedanken um die Bekanntgabe der Senatskandidatur machen. Trotz unserer Probleme, trotz seiner Wut weiß ich, dass Rory mich auf seine eigene, kaputte Art geliebt hat. Aber ich spüre auch etwas Genugtuung darüber, dass es richtig war, mich jetzt abzusetzen. Denn wenn es darauf angekommen wäre, hätte Rory sich immer gegen mich und für seine Ambitionen entschieden.
Ich öffne ein neues Fenster und google Petra Federotov. Eine lange Liste von Grafiken in leuchtenden Farben und Namen, die ich nicht aussprechen kann, erscheint. Seitenweise. Ich ändere die Suche in Petra Federotov Telefonnummer, und die Liste wird noch ein bisschen länger – eine Pizzeria in Boston, Links zu Seiten, auf denen Software für eine Gebühr von dreißig Dollar angeboten wird. Ich bin sicher, Nico hat dafür gesorgt, dass Informationen über sie von solchen Datenbanken gelöscht wurden und wahrscheinlich auch aus dem Internet.
Ich lasse den Computer geöffnet und gehe wieder nach unten, wo Rory noch auf dem Bildschirm eingefroren ist. Seine Hand wischt gerade eine Haarsträhne, die ihm ins Gesicht gefallen ist, zur Seite. In einem anderen Leben hätte ich sie zurückgestrichen, sanft und liebevoll. Ich starre sein Gesicht an und erinnere mich daran, wie es war, als ich ihn geliebt habe. Die Anfangszeit, als er mich oft vom Auktionshaus abgeholt und mit einem Abendessen bei Le Bernardin oder einem Picknick im Park überrascht hat. Sein spitzbübisches Lächeln, wenn er uns durch die Hintertür in einen Club geschmuggelt hatte, wie er zärtlich mit dem Daumen über meine Lippen strich, bevor er mich küsste.
Die Erinnerungen sind nicht weg. Nur begraben. Vielleicht kann ich sie eines Tages wieder hervorholen. Sie betrachten und objektiv prüfen, die guten behalten und den Rest fallen lassen.
Ich drücke auf Play. Rory räuspert sich und sagt: »Heute Morgen habe ich, wie viele Familien hier, meine Ehefrau, Claire, ein letztes Mal zum Abschied geküsst.« Er hält inne, holt tief und bebend Luft, bevor er mit zitternder Stimme fortfährt: »Was als humanitäre Reise geplant war, hat mich und die Familien von fünfundneunzig Passagieren des Flugs 477 in einen Albtraum gestürzt. Seien Sie versichert, dass wir nicht ruhen werden, bevor wir wissen, was passiert ist.« Er schluckt schwer und presst die Kiefer zusammen. Als er wieder in die Kamera blickt, glänzen seine Augen, füllen sich mit Tränen, die ihm dann über die Wangen laufen. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll, außer dass ich verzweifelt bin. Im Namen der Familien danken wir Ihnen für Ihre Anteilnahme und Gebete.«
Reporter rufen Rory Fragen zu, aber er dreht sich von den Kameras weg und ignoriert sie. Ich denke daran, wie mühelos er lügen kann. Er hat mich nicht zum Abschied geküsst. Er hat sich überhaupt nicht verabschiedet. Und mir wird klar, dass Rory jetzt, da ich tot bin, über mich und unsere Ehe alles erzählen kann, was er will. Es gibt niemanden, der seine Geschichten widerlegen kann.
Jetzt erscheint wieder Kate Lane mit den vertrauten kurzen grauen Haaren und der dunklen Brille im Bild. Ich habe sie vor einigen Jahren kennengelernt, als sie Rory für einen Beitrag über Marjorie Cooks Vermächtnis interviewte. Ich erinnere mich, dass ich beeindruckt war, wie kühl sie sich Rory gegenüber verhielt. Sie hatte freundlich gelächelt und an den richtigen Stellen gelacht, aber ich spürte, dass ein Teil von ihr ihn distanziert beobachtete, seine glänzende Oberfläche und überschwänglichen Gesten prüfte und zu dem Schluss kam, dass sie nicht echt waren.
Jetzt ist ihr Ausdruck ernst und ruhig. »Mr. Cook war häufig Gast in dieser Sendung, und ich und meine Kollegen von Politics Today sprechen der Familie Cook und allen anderen Familien, die von der heutigen Tragödie betroffen sind, unser tiefstes Mitgefühl aus. Ich hatte das Glück, Mrs. Cook bei verschiedenen Gelegenheiten zu begegnen, und habe sie als eine kluge und großzügige Frau kennengelernt, die sich unermüdlich für die Cook Familienstiftung engagiert hat. Wir werden sie sehr vermissen.« In dem kleinen Bild über ihrer Schulter erscheint ein Mann hinter den Mikrofonen, an denen Rory gerade stand, und Kate sagt: »Es sieht so aus, als ob der Vorstandsvorsitzende von NTSB einige Fragen beantworten wird. Wir hören es uns an.«
Die Menge der Reporter beginnt, dem Mann Fragen zuzurufen, aber ich bringe sie zum Schweigen, indem ich den Fernseher ausschalte. Ich starre auf die undeutlichen Umrisse meines Spiegelbilds im dunklen Bildschirm und frage mich, was als Nächstes passiert.
Ich trage meine Tasche nach oben ins Schlafzimmer, schiebe den Haufen Kleidung auf dem Bett zur Seite – eine Jogginghose und ein T-Shirt – und setze mich hin. Eine Kommode aus dunklem Holz mit geschlossenen Schubladen steht hier, außerdem ein Schrank, der nicht ganz geschlossen ist und einen Wust von Kleidung enthält. In dem Moment wird mir vollends klar: Eva wird nie wieder lachen oder weinen oder überrascht sein. Sie wird nicht alt werden, mit Hüftverschleiß und Rückenschmerzen. Nie wieder ihre Schlüssel verlieren oder morgens die Vögel singen hören.
Gestern war sie noch hier, lebendig und unglücklich, mit Geheimnissen und Wünschen, die sie für sich behielt. Und heute sind alle Erinnerungen, die sie im Lauf ihres Lebens gesammelt hat, verloren. Sie existieren einfach nicht mehr.
Und was ist mit mir? Claire Cook ist ebenfalls gestorben, aufgehoben in den Erinnerungen derjenigen, die mich kannten, nicht mehr unter den Lebenden weilend. Und trotzdem trage ich noch alles mit mir herum, was mir gehört. Was mir Freude und was mir Kummer bereitet hat, Erinnerungen an Menschen, die ich geliebt habe. Und ich habe das Gefühl, privilegiert zu sein, ohne es zu verdienen. Dass ich alles behalten darf und Eva nicht.
Ich drücke meine Fäuste gegen die Augen und versuche, meine Gedanken zu beruhigen, die von Moment zu Moment springen wie Pingpong-Bälle. Das Hausmädchen, das meine Sachen umpackt. Der Anruf im Hotel in Detroit. Petras Stimme am Telefon auf dem Flughafen. Und Eva in der Toilettenkabine, die mir ihre Tasche gibt – überzeugt davon, dass ich die Lösung für ihr Problem bin, so wie ich dachte, sie sei die Lösung für meins.
Ich muss schlafen, aber ich glaube nicht, dass ich mich überwinden kann, die Decke zurückzuschlagen und mich ins Bett zu legen. Zumindest nicht heute Abend. Stattdessen nehme ich die Decke und ein Kissen und trage beides nach unten zur Couch. Ich schleudere die Schuhe von den Füßen, mache es mir bequem und stelle zur Gesellschaft den Fernseher wieder an. Ich zappe den Nachrichtensender weg und suche, bis ich einen Kanal gefunden habe, auf dem Wiederholungen von I love Lucy laufen. Ich lasse mich von den Lachkonserven in den Schlaf begleiten.
Der Klang von Rorys Stimme, die mir etwas ins Ohr flüstert, weckt mich schlagartig wieder auf. Ich springe vom Sofa, das blaue Licht des Fernsehers flackert im dunklen Zimmer, verwirrt und desorientiert vergesse ich einen Moment lang, wo ich bin und was passiert ist.
Dann sehe ich ihn auf dem Bildschirm, kleiner als im wirklichen Leben, aber nicht weniger Furcht einflößend. Eine Wiederholung der Pressekonferenz. Ich sinke wieder aufs Sofa, suche nach der Fernbedienung und schalte das Gerät aus. Die gleichmäßigen Geräusche, die Evas Haus macht – das leise Brummen des Kühlschranks, das Tropfen des Wasserhahns in der Küche –, sorgen dafür, dass mein Herzschlag sich wieder normalisiert. Ich rufe mir in Erinnerung, dass Rory nicht wissen kann, wo ich bin.
Ich starre an die Decke, und mir wird klar, wie schwer es sein wird, zu verschwinden. Ganz egal, wo ich mich verstecke oder welchen Namen ich benutze. Jedes Mal, wenn ich den Fernseher einschalte, eine Zeitung aufschlage oder eine Zeitschrift durchblättere, wird Rory dort lauern, um mich anzuspringen. Er wird niemals weg sein.