EVA
Berkeley, Kalifornien
August
Sechs Monate vor dem Absturz
Zehn Minuten vor dem geplanten Treffen mit Brittany stellte Eva ihr Auto auf einem Parkplatz am äußeren Rand des Tilden Parks ab, statt hineinzufahren. Sie zog es vor, ihn zu Fuß zu betreten, leise zu kommen und wieder zu gehen. Sie steckte das Päckchen in die Manteltasche und betrat den Weg zu einer kleinen Lichtung, die sie früher immer gern besucht hatte, um dort zu lernen.
Die Bäume warfen einen Halbschatten auf den Weg, und von der Bucht zog ein kühler Wind herüber, obwohl es der letzte Sommermonat war. Der Himmel über Eva war klar, und sie sah die Bucht von San Francisco in der Ferne. Aber über dem Pazifik bildete sich bereits eine feucht-neblige Luftschicht. Sie schob die Hände tief in die Taschen ihres Lieblingsmantels – armeegrün, mit vielen Reißverschlusstaschen – und fühlte die Umrisse der Pillen durch die Papierhülle.
Die Bäume, die Eva umgaben, waren alte Freunde. Sie kannte jeden einzelnen, die Form der Stämme und die Ausbreitung der Äste. Sie versuchte, sich in die Zeit zurückzuversetzen, als sie nach den Kursen immer hierher kam, ihre Bücher auf dem Picknicktisch oder im Gras ausbreitete, wenn das Wetter schön war. Manchmal erhaschte sie Bilder von diesem Mädchen, wie aus einem vorbeifahrenden Zug. Einblicke in ein anderes Leben, mit einem normalen Job und Freunden. Dann war sie tagelang aus dem Gleichgewicht.
Als sie die Lichtung erreichte, war sie erleichtert, dass sie allein war. Unter einer riesigen Eiche stand immer noch der Picknicktisch aus Holz,
sichtlich mitgenommen vom Zahn der Zeit, daran festgekettet ein Müllbehälter aus Beton. Sie ging hinüber zum Tisch, setzte sich darauf und sah noch einmal auf die Uhr. Die vertraute Umgebung sorgte dafür, dass ihre Gedanken in die Vergangenheit wanderten.
Fish beherrschte die Drogenunterwelt in Berkeley und Oakland, und Dex arbeitete für ihn. »Die meisten Drogendealer werden schnell geschnappt«, hatte Dex sie ganz am Anfang gewarnt. Er hatte sie zum Mittagessen in ein Restaurant am Wasser in Sausalito eingeladen, um ihr zu erklären, was sie zu tun hatte. Auf der anderen Seite der Bucht war San Francisco in dicken Nebel gehüllt, nur die Spitzen der höchsten Gebäude waren zu sehen. Sie hatte an St. Joseph gedacht und an die Nonnen, die sie großgezogen hatten und annahmen, dass sie immer noch am College eingeschrieben war. Noch auf dem Weg, ihren Abschluss in Chemie mit Auszeichnung zu machen. Stattdessen war sie vor drei Tagen vom College verwiesen worden, schlief in Dex’ Gästezimmer und erhielt gerade einen Crashkurs im Drogendealen. Eva riss den Blick los und konzentrierte sich auf Dex.
»Für das, was du herstellst, gibt es einen ganz speziellen Markt«, fuhr Dex fort. »Du verkaufst nur an Leute, die ich dir vermittle. Auf die Art bist du sicher.«
»Ich verstehe nicht«, hatte Eva gesagt. »Stelle ich her oder verkaufe ich?«
Dex faltete die Hände auf dem Tisch. Sie hatten zu Ende gegessen, die Kellnerin hatte die Rechnung neben Dex’ Wasserglas gelegt und war wieder verschwunden. »In der Vergangenheit hat Fish immer Mühe gehabt, gute Chemiker lange zu halten. Sie denken immer, sie sind allein besser dran, und dann wird es schwierig. Deshalb probieren wir mit dir etwas anderes aus«, sagte er. »Du produzierst dreihundert Pillen die Woche. Dafür behältst du die Hälfte. Fish erlaubt dir, sie selber zu verkaufen und den ganzen Gewinn zu behalten.«
»Und wem werde ich sie verkaufen?«, hatte sie gefragt. Ihr war plötzlich unbehaglich bei der Vorstellung, persönlich mit Süchtigen zu tun zu haben. Menschen, die gewalttätig werden konnten. Menschen wie ihre Mutter.
Dex lächelte. »Du wirst einen wichtigen Dienst für eine sehr spezielle Klientel leisten – Studenten, Professoren und Sportler. Fünf Pillen sollten sich für ungefähr zweihundert Dollar verkaufen lassen«, hatte Dex zu ihr gesagt. »Du kannst leicht auf 300 000 Dollar im Jahr kommen.« Er
lächelte und war offenbar amüsiert über ihren erstaunten Gesichtsausdruck. »Das funktioniert aber nur, wenn du die Regeln befolgst«, warnte er. »Wenn uns zu Ohren kommt, dass du dich selbstständig machst oder an Junkies verkaufst, bringst du alles und jeden in Gefahr. Verstehst du?«
Sie hatte genickt und einen ängstlichen Blick zum Eingang geworfen. »Was ist mit Fish? Ich dachte, er wäre heute hier.«
Dex lachte und schüttelte den Kopf. »Gott, bist du grün hinter den Ohren. Ich vergesse immer, dass du nicht weißt, wie es läuft. Wenn du deinen Job gut machst, wirst du Fish nie begegnen.« Sie musste verwirrt ausgesehen haben, denn er erklärte: »Fish hält die Dinge schön voneinander getrennt. So schützt er sich. Wenn jemand zu viel weiß, wird er zum Ziel entweder eines Konkurrenten oder der Polizei. Ich bin dein Verbindungsmann, und ich sorge dafür, dass du sicher bist.« Dex warf einige Zwanzigdollarscheine auf den Tisch und stand auf. Ihr Essen war beendet. »Wenn du machst, was ich dir sage, hast du ein schönes Leben. Es ist sicher, solange du dich an die Regeln hältst.«
»Machst du dir keine Sorgen, dass du mal geschnappt wirst?«
»Im Gegensatz zu dem, was du vielleicht im Fernsehen siehst, kennt die Polizei nur die, die sie erwischt, und sie kriegen nur die Dummen. Und Fish ist nicht dumm. Er macht das nicht, um Macht zu haben. Er ist Geschäftsmann, der langfristig Gewinne machen will. Und das bedeutet, langsam zu wachsen. Bei den Kunden und den Leuten, die für ihn arbeiten, wählerisch zu sein.«
Sie brannte darauf, anzufangen. Es hatte so einfach geklungen. Und das System funktionierte. Das einzig Schwierige daran war, sich auf dem Campus aufhalten zu müssen, ein Leben so nah an dem zu führen, das sie gerade verloren hatte. An ihrem Wohnheim vorbeizugehen, in dem ihre ehemaligen Kommilitonen immer noch wohnten. Am Chemiegebäude, in dem die Kurse ohne sie fortgesetzt wurden. Am Stadion, wo Wade weiter glänzte und ein Jahr später die Abschlussfeier stattfinden würde, die auch ihre hätte sein sollen. Es war, als wäre sie hinter eine Art Absperrung getreten, von wo aus sie ungesehen beobachten konnte, wie ihr altes Leben weiterlief. Aber mit den Jahren wurden die Studenten jünger, und bald war der Campus voller neuer Leute. Der Verlust war verblasst wie alle Verluste, ersetzt durch etwas Härteres. Stärkeres. Sie erkannte jetzt, was sie damals nicht sehen konnte. Alle Entscheidungen hatten Folgen. Und es kam darauf
an, was man aus den Folgen machte.
Evas Blick wanderte die kleine Zufahrtsstraße entlang, die sich durch den zweitausend Hektar großen Tilden Park schlängelte. Irgendetwas an diesem Treffen war eigenartig, und ihre Instinkte, nach so vielen Jahren fein abgestimmt, klingelten. Sie würde Brittany noch zehn Minuten geben und dann gehen. Zu ihrem Wagen zurückkehren und nach Hause fahren, die Tür schließen und die Frau vergessen. Eva bemühte sich, wachsam zu bleiben. Nicht nachlässig und sorglos zu werden. Wie banal die Arbeit auch manchmal schien – die endlosen Stunden im Labor, die schnellen Übergaben an Dex oder einen Kunden –, der Job war gefährlich.
Schon früh – es musste irgendwann in ihrem ersten Jahr gewesen sein – hatte Dex sie kurz vor Tagesanbruch mit einem leisen Klopfen an ihrer Tür geweckt. »Komm mit«, hatte er gesagt, und sie hatte ihren Mantel vom Haken genommen und war ihm über den menschenleeren Campus gefolgt.
Schweigend gingen sie nach Westen, am Leichtathletikstadion und den Restaurants und Bars vorbei, die um diese Tageszeit geschlossen waren und die Rollläden heruntergelassen hatten. Sie hatte die blinkenden Lichter schon von Weitem gesehen. Polizei, Rettungswagen, der Gehsteig vor einem billigen Motel mit gelbem Tatortband abgesperrt, sodass sie gezwungen waren, die Straße zu überqueren.
Dex hatte seinen Arm um sie gelegt und sie an sich gezogen, als wären sie ein Paar auf dem Heimweg nach einer langen Nacht voller Spaß und Vergnügen. Als sie näher kamen, gingen sie langsamer, und Eva konnte einen Körper erkennen, unter dem sich eine Blutlache gebildet hatte. Ein Fuß ohne Schuh, die weiße Socke leuchtete im Dunkeln.
»Warum sind wir hier? Kennst du den Mann?«
»Ja«, sagte er mit heiserer Stimme. »Danny. Er hat Fish mit härterem Stoff versorgt. Koks. Heroin.«
Dex zog sie weiter, und sie gingen um die Ecke. Rot- und Blaulicht tanzte immer noch vor ihren Augen und färbte ihre Sicht. »Was ist mit ihm passiert?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Dex. »Ich sehe auch nur, was ich sehen soll, wie du. Aber wenn ich eine Vermutung anstellen soll, er hat Fish entweder betrogen – für einen seiner Konkurrenten gearbeitet –, oder er hat’s irgendwie vermasselt, wurde von der Polizei geschnappt.« Er zögerte. »So ist Fish. Er verschwendet keine Zeit mit Fragen. Er beseitigt einfach das
Problem.«
Eva bekam das Bild nicht aus dem Kopf, den gekrümmten Körper, das viele Blut, mehr, als sie sich jemals hätte vorstellen können, ein schwarzroter Schatten, der wie aus einem Albtraum stammte.
Dex hatte den Arm von ihr genommen, und die kühle Morgenluft fühlte sich dort, wo er gelegen hatte, jetzt kalt an. »Fish ist ein starker Verbündeter, aber ein rücksichtsloser Feind. Er zögert nicht, jeden, der ihn betrügt, zu eliminieren. Vielleicht war es ein Fehler, dich hierherzubringen, aber du solltest selbst sehen, was passiert, wenn du ihm in die Quere kommst.«
Eva hatte schwer geschluckt. Bis zu diesem Punkt hatte sie sich vorgemacht, ihr Job wäre nicht anders als jeder andere – überwiegend Routine, rein theoretisch vielleicht ein bisschen gefährlich. Dex hatte sie vor dem Schlimmsten ferngehalten. Bis zu dem Morgen.
»Vollständige Transparenz«, hatte Dex sie gewarnt, als sie zurückgingen, während sich der Nachthimmel zu einem blassen Grau lichtete. Er verließ sie auf der Veranda und verschwand, während sie sich fragte, ob sie das alles nur geträumt hatte.
Eva wollte gerade den Picknicktisch verlassen und zurück zu ihrem Auto gehen, als ein Mercedes-SUV
mit einer durchgestylten Frau am Steuer auf den Parkplatz einbog. Auf dem Rücksitz konnte Eva einen Kindersitz erkennen, der zum Glück leer war. Auf dem Nummernschild stand FUNMOM1
. Ihr Unbehagen wurde noch stärker, sie holte tief Luft und sagte sich, dass sie die Situation unter Kontrolle hatte und jederzeit gehen konnte.
Sie beobachtete, wie die Frau aus dem Auto stieg. »Danke, dass Sie sich mit mir treffen!«, rief sie. Sie trug teure, aber bequeme Kleidung. Ihre Chanel-Sonnenbrille hatte sie sich ins Haar gesteckt. Kniehohe UGG
Boots, Designer-Jeans. Das war keine von Evas typischen Studentinnen, die sich nur von Nudeln ernährten.
Aus der Nähe sah Eva die geröteten Augen der Frau und bemerkte, dass ihre Haut trotz des makellosen Make-ups müde und abgespannt aussah. Schlagartig kam ihr eine Befürchtung.
»Tut mir leid, dass ich zu spät komme. Ich musste noch auf den Babysitter warten.« Sie streckte die Hand aus. »Ich bin Brittany.«
Eva nahm ihre Hände nicht aus den Taschen. Brittany ließ ihre schließlich sinken und begann in ihrer Handtasche zu wühlen, als wäre ihr
gerade eingefallen, warum sie gekommen war. »Ich hatte gehofft, ich könnte mehr als das kaufen, worüber wir gesprochen haben. Ich weiß, ich habe fünf Pillen erwähnt, aber eigentlich brauche ich zehn.« Sie holte einen Haufen Bargeld aus der Tasche und hielt es Eva hin. »Das sind vierhundert statt zweihundert.«
»Ich habe nur fünf dabei«, sagte Eva, ohne das Geld zu nehmen.
Brittany schüttelte den Kopf, als wäre das unwichtig. »Wir können uns gerne morgen wieder treffen. An derselben Stelle, wenn Ihnen das passt.«
Die feucht-neblige Luft über der Bucht breitete sich jetzt aus, zog vor die Sonne, warf graue Schatten und dämpfte das Licht. Stärkerer Wind kam auf, und Eva zog ihren Mantel enger. Brittany blickte über ihre Schulter und sprach dann leiser, obwohl sie allein waren. »Wir gehen am Samstag auf eine Reise und kommen erst nächsten Monat wieder«, fuhr sie fort. »Ich will nur sichergehen, dass ich genug dabeihabe.«
Eva spürte, wie sich ihr Körper anspannte. Diese Frau fuhr ein schickes Auto, trug teure Kleidung und hatte einen dicken Diamanten am Finger. Es war eine Sache, wenn man die Pillen brauchte, um eine schwere Aufgabe zu bewältigen. Doch diese Frau brauchte anscheinend pharmazeutische Hilfe, um ihren Alltag zu bewältigen. Evas Widerstand war aber auch persönlicher Natur, kochte aus einer dunklen Ecke hoch, und die Hitze überraschte sie. Diese Frau war wie ihre Mutter.
»Ich glaube, ich kann Ihnen nicht helfen«, sagte Eva.
»Lassen Sie mich wenigstens kaufen, was Sie mitgebracht haben«, sagte Brittany jetzt so laut, dass ihre Worte die Stille der verlassenen Lichtung durchschnitten. »Bitte.«
Evas Blick ruhte auf einigen Schorfstellen an Brittanys Handrücken, aufgekratzt von nervösen Fingern. Brittany flatterte vor krankhafter Energie, und Eva wollte nur noch weg.
»Wir sind hier fertig«, sagte Eva.
»Warten Sie«, sagte Brittany und griff nach Evas Arm. »Was kann ich tun, damit Sie es sich anders überlegen?«
Eva riss ihren Arm weg und wandte sich zum Gehen.
»Kommen Sie schon«, rief Brittany hinter ihr her. »Deshalb sind wir doch hier. Sie bekommen Ihr Geld, und ich bekomme, was ich brauche. Wir gewinnen beide.«
»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, rief Eva über die Schulter. »Sie müssen mich mit jemandem verwechselt haben.« Dann ging sie schnell in
Richtung des Wanderwegs, der sich durch die Bäume schlängelte, und den Hügel hinunter zu dem Parkplatz, wo sie ihr Auto abgestellt hatte.
Als sie an dem SUV
vorbeikam, sah sie durchs Fenster. Auf dem Rücksitz ein Durcheinander aus leeren Chipstüten, einem Trinkbecher und einem rosa Haarband. Eva ging langsamer und fragte sich, wie das Leben dieses Kindes aussah, mit einer Mutter, die um Pillen für mehrere Wochen bettelte. Sie fragte sich, ob ihre eigene Mutter wie Brittany gewesen war, in einem verlassenen Park Drogen gekauft hatte, während Eva zu Hause bei einem Babysitter saß. Sie hasste sich für die Eifersucht, die sie kurz empfand, weil dieses kleine Mädchen seine Mutter immerhin kannte.
Während sie in den Wald ging, hörte Eva Brittany Schimpfwörter hinter ihr herrufen. Dann hörte sie eine Autotür knallen und den Motor aufheulen, bevor Reifen quietschten. Sie blickte über die Schulter und sah das Auto schlingern, als es um eine Kurve raste. Eva hielt den Atem an, machte sich auf das Geräusch eines Aufpralls gefasst. Als es ausblieb, eilte sie zu ihrem eigenen Auto.
Eva sah sie an einer Tankstelle direkt gegenüber der Parkausfahrt wieder, als sie an einer Ampel warten musste. Brittany lehnte sich aus dem Fenster ihres SUV
, und sprach mit einem Mann, der neben einem niedrigen Sedan mit getönten Scheiben und Regierungskennzeichen stand. Brittany gab dem Mann einen Zettel, den er in sein Sakko steckte.
Es wurde grün, und Eva starrte immer noch. Das Unbehagen überfiel sie wieder und verwandelte sich schnell in dunkle Panik. Hinter ihr hupte jemand, veranlasste sie, ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Straße zu richten, und zwang sie weiterzufahren. Als sie näher kam, versuchte sie so viele Einzelheiten wahrzunehmen, wie sie konnte. Die kurzen braunen Haare des Mannes und die verspiegelte Sonnenbrille. Die Umrisse eines Pistolenhalfters unter dem Sakko. Als sie wegfuhr, fragte sie sich, was Brittany gerade ins Spiel gebracht hatte.
Zu Hause fuhr Eva das Auto in die kleine Garage neben ihrem Haus und schloss die Tür mit dem Vorhängeschloss. Sie musste so schnell wie möglich ins Haus und Dex anrufen, aber ihre neue Nachbarin saß vor der Tür, als würde sie auf Eva warten.
»Mist«, murmelte Eva vor sich hin.
Als die Frau sie sah, breitete sich Erleichterung auf ihrem Gesicht aus.
»Ich bin gefallen«, sagte sie. »Hab die letzte Stufe verfehlt und bin gestolpert. Ich glaube, der Knöchel ist verstaucht. Könnten Sie mir ins Haus helfen?«
Eva warf einen Blick die Straße hinunter, dachte wieder an den Mann an der Tankstelle, den Zettel, den er in sein Sakko gesteckt hatte. Sie hatte keine Zeit. Aber sie konnte die Frau nicht auf der Veranda lassen. »Klar«, sagte sie.
Eva half ihr aufzustehen und war überrascht, wie klein sie war. Kaum einen Meter fünfzig groß und deutlich über sechzig, aber drahtig und stark. Sie hielt sich am Geländer fest und arbeitete sich, auf einem Bein hüpfend, die Stufen hoch, während Eva sie stützte. Sie ließ die Frau einen Moment lang zu Atem kommen, bevor sie gemeinsam die Tür und ihre Wohnung erreichten.
Teppiche in warmen Farben bedeckten den Fußboden, auf dem eine cremefarbene Couch stand. Eine Wand im Esszimmer war tiefrot gestrichen, und in den Ecken befanden sich halb leere Umzugskartons. Eva half ihr zu einem Stuhl, und die Frau setzte sich.
»Wollen Sie Eis?«, fragte Eva voller Ungeduld, die Sache voranzubringen. Sie musste unbedingt Dex kontaktieren, um herauszufinden, was los war und was sie tun sollte, statt Krankenschwester bei ihrer Nachbarin zu spielen.
»Wir sollten uns erst mal vorstellen«, sagte diese. »Ich bin Liz.«
Eva bekämpfte ihre wachsende Panik, spürte, wie die Minuten vergingen, während sie in einer Art Small-Talk-Zeitschleife mit ihrer gesprächigen Nachbarin gefangen war. Trotzdem lächelte sie und sagte: »Ich heiße Eva.«
»Schön, Sie endlich kennenzulernen, Eva. Ja, Eis wäre gut. Da vorne gibt es welches, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«
Eva betrat die Küche, die bis auf ein paar Teller und Gläser auf dem Tresen neben dem Spülbecken kahl war. Im Kühlschrank fand Eva eine Schale mit Eiswürfeln, die sie in ein Geschirrhandtuch hüllte, das sie oben zusammendrehte. Sie nahm ein Glas vom Abtropfgestell neben dem Spülbecken und füllte es mit Wasser. Als sie beides zurück ins Wohnzimmer trug und Liz reichte, merkte sie, dass ihre Hände zitterten. Sie wollte sich gerade verabschieden und gehen, als Liz sagte: »Setzen Sie sich. Leisten Sie mir Gesellschaft.«
Mit einem kurzen Blick durch das Fenster auf die leere Straße dahinter setzte sie sich auf einen Stuhl, von dem aus sie die Dinge draußen im Auge
behalten konnte.
Liz’ Lächeln wurde breiter. »Ich kenne hier noch nicht viele Leute«, sagte sie. »Ich bin Gastprofessorin aus Princeton und gebe hier dieses Semester zwei Kurse.«
Eva lächelte höflich. Sie hörte nur halb zu, als Liz erzählte, wie sehr sie sich auf einen kalifornischen Winter freue, und ging in Gedanken noch einmal das Treffen mit Brittany durch. Was sie gesagt hatte. Wie ihre Hände gezittert hatten. Dass sie unbedingt etwas kaufen wollte. Irgendetwas. Allmählich hörten Evas Gedanken auf zu rasen, die Panik legte sich. Sie hatte schon vorher in der Klemme gesessen und sagte sich, dass sie nichts Illegales getan hatte. Im Moment war sie in Liz’ Wohnzimmer sicher. Sie hatte die Straße im Blick, während sie zuhörte, wie Liz erklärte, warum sie lieber eine Wohnung mietete, als in einer Unterkunft der Universität unterzukommen und sich den dortigen Gepflogenheiten zu unterwerfen. Sie spürte förmlich, wie ihr Blutdruck sank.
»Jetzt erzählen Sie«, sagte Liz. »Was machen Sie? Woher kommen Sie?«
Eva riss den Blick vom Fenster los und gab ihre Standardantwort. »Ich bin in San Francisco aufgewachsen. Ich bin Kellnerin im DuPree’s im Zentrum von Berkeley.« Dann brachte sie das Gespräch zurück auf Liz. »Sie sind also Professorin? Was unterrichten Sie?«
Liz griff nach ihrem Wasser und nahm einen Schluck. »Politische Ökonomie, sagte sie. »Ökonomische Theorie und die dazugehörigen politisch-ökonomischen Systeme.« Sie lachte. »Ich verspreche Ihnen, es ist ein faszinierendes Fach.«
Sie nahm das Eis weg, und Eva beobachtete, wie sie ihren Knöchel begutachtete, ihn vorsichtig drehte. Dann sah Liz auf und grinste. »Keine Verstauchung. Zum Glück. Ein neues Semester auf Krücken zu starten wäre eine Herausforderung gewesen.«
Liz’ Stimme war trotz ihrer geringen Körpergröße tief und voll wie dunkler Honig, und irgendwie beruhigte sie das. Diese Stimme klang in ihr nach und ließ sie tiefer atmen. Genauer zuhören. Eva stellte sie sich in einem Hörsaal vor, wo ihre Stimme in die entferntesten Ecken vordrang. Das Kratzen von Stiften auf Papier oder das schnelle Tippen auf Laptops, wenn die Studenten eifrig alles mitschrieben, was sie sagte.
Von ihrem Platz auf Liz’ Couch sah Eva, wie der Sedan mit Regierungskennzeichen langsam die Straße hinabfuhr, langsamer wurde und am Bordstein hielt. Der Mann, der an der Tankstelle mit Brittany
gesprochen hatte, stieg aus und ging den Weg zu ihrem Haus hinauf.
Sie dachte darüber nach, wie er es gefunden hatte, zählte eins und eins zusammen und kam zu dem unausweichlichen Schluss, dass ihr jemand gefolgt sein musste. Jemand, den sie nicht gesehen hatte.
Eva stand abrupt auf und ging zu Liz. Vom Fenster weg. »Sind Sie sicher, dass Sie keinen Arzt brauchen?«
Liz legte das Eis wieder auf ihren Knöchel und sagte: »Ich sage Ihnen, was ich brauche. Gießen Sie das scheußliche Leitungswasser weg, und schenken Sie mir einen Wodka ein. Holen Sie sich auch einen. Er steht im Kühlschrank.« Das entfernte Klopfen an der Tür nebenan erregte Liz’ Aufmerksamkeit. »Ich glaube, da klopft jemand an Ihre Tür«, sagte sie.
Eva spähte durch die Jalousien und sah, wie der Mann etwas in ihren Briefschlitz steckte. Jeder Nerv ihres Körpers bebte vor Angst. Sie blickte in Liz’ Küche, stellte sich vor, wie sie die Hintertür aufriss, durch das Tor lief, die Straße hinunter zu Dex rannte und Antworten verlangte.
Sie holte tief Luft und sagte sich, dass sie lediglich mit einer Frau im Park gesprochen hatte. Sie hatte ihr nichts verkauft oder auch nur etwas gezeigt. Spiel weiter
. Der Rat, den Dex ihr am Anfang immer gegeben hatte, wenn sie Angst bekommen hatte. Nur Schuldige laufen weg. Sie warten nur darauf, dass du es tust. Also tu es nicht.
»Den Mann hab ich schon mal gesehen«, log Eva. »Er verkauft Abonnements für eine Sicherheitsfirma. Sie müssen so tun, als wären Sie nicht zu Hause, sonst quatscht er Ihnen eine Blase ans Ohr.«
»Ich hasse Vertreter«, sagte Liz. Falls sie es merkwürdig fand, dass er nicht als Nächstes zu ihrer Tür kam, sagte sie zumindest nichts.
Eva stand auf. »Ich glaube, ich hol uns mal die Drinks.« Ein Drink war das Mindeste, was sie sich verdient hatte.