CLAIRE
Mittwoch, 23. Februar
Ich starre auf das eingefrorene Bild auf dem Computerbildschirm, bis meine Augen zu tränen beginnen und ich nichts mehr sehe als eine Ansammlung von Pixeln – Rosatöne, dunkle Schatten, platinblonde Haare –, wo ein Gesicht sein sollte.
Rorys Tante Mary hat mir den rosa Kaschmirpullover zu Weihnachten geschenkt. »Der hält dich im eiskalten Zentrum der Cook-Familie warm.« Sie lachte laut und schwenkte das Eis in ihrem fast leeren Glas, als wolle sie den letzten Rest Gin vom Boden lösen.
Ich hielt den weichen, luxuriösen Pullover im Schoß und wartete darauf, dass jemand etwas dazu sagte und Tante Marys Worte relativierte. Aber sie ignorierten sie einfach. Rory zwinkerte mir dezent zu, als wüsste ich jetzt über das Familiengeheimnis Bescheid.
Später an diesem Weihnachtsabend machte sich Tante Mary betrunken an mich heran und sagte: »Die ganze Welt liebt Rory Cook.« Mary war die älteste Schwester von Rorys Vater, unverheiratet, und wurde als Belastung für die Familie betrachtet. Sie senkte die Stimme, ihr Atem roch stark nach Gin. »Pass auf, dass du ihn nicht verärgerst, sonst geht’s dir so wie der armen Maggie Moretti.«
»Das war ein Unfall«, sagte ich, und mein Blick ruhte auf Rory, der auf der anderen Seite des Raumes mit einigen jüngeren Cousins herumscherzte. Ich versuchte, mir immer noch einzureden, dass ich das Leben führte, das ich immer gewollt hatte. Drei Generationen der Cook-Familie waren versammelt, um Weihnachten zu feiern. Ich wollte ihre Traditionen übernehmen: Sternsingen im Kinderkrankenhaus, Gottesdienst bei Kerzenlicht, gefolgt von einem mitternächtlichen Mahl. Es war das Familienleben, nach dem ich mich immer gesehnt hatte, ein Kontrast zu den ruhigen Weihnachtstagen meiner Kindheit.
Dennoch wollte ich hören, was sie zu sagen hatte. Denn mein Bild von Rory hatte begonnen, sich zu verändern, seine Aufmerksamkeit verlor langsam ihren Glanz. Ich erkannte, welchen Preis ich gezahlt hatte, und vermisste die einfachen Dinge, die ich für selbstverständlich hielt. Die Freiheit, mir meine Freunde selbst auszusuchen. Die Autoschlüssel zu schnappen und aus einer Laune heraus irgendwohin zu fahren, ohne es vorher mit mindestens zwei Mitarbeitern und einem Fahrer abzuklären.
Tante Mary lachte. »Oh, du gehörst also zum Lager armer Rory,
wie der Rest der Welt.« Sie nahm einen Schluck von ihrem Drink und erklärte: »Ich sag dir was. Es ist ein schlecht gehütetes Familiengeheimnis, dass mein Bruder alle Beteiligten bestochen hat. Warum sollte er das tun, wenn es nichts zu verbergen gab?« Sie lächelte mich listig an, wobei ihr rosa Lippenstift in die Falten um ihren Mund lief. »Die Cook-Männer sind echte Herzchen, solange du machst, was sie wollen. Aber sieh dich vor, wenn du aus der Reihe tanzt.«
Auf der anderen Seite des Raumes warf Rory den Kopf nach hinten und lachte über etwas, das einer seiner Cousins gesagt hatte. Tante Mary folgte meinem Blick und schüttelte den Kopf. »Du erinnerst mich ein bisschen an Maggie – ein nettes Mädchen aus einfachen Verhältnissen. Auch sie schien Anstand zu haben. Das ist etwas, woran es dieser Familie mangelt. Sie und Rory haben sich wie Hunde bekämpft wegen jeder unbedeutenden Kleinigkeit.« Sie sah mich an, ihr Grinsen war vom Alkohol verzerrt. »Sie konnte ihn nicht zügeln. Ich glaube, du kannst es auch nicht.«
»Warum erzählst du mir das?«, fragte ich.
Tanta Mary sah mich mit ihren wässrigen Augen an, um die sich im Lauf der Jahre tiefe Linien gegraben hatten. »Diese Familie ist wie eine Venusfliegenfalle – glänzend von außen, aber im Innern sehr gefährlich. Und sobald du ihre Geheimnisse kennst, lassen sie dich nicht mehr gehen.«
Sie war betrunken. Voller Groll. Eine verbitterte alte Frau, die Gift versprühte. Und doch ließen mich ihre Worte nicht los, während Rory immer stiller wurde. Dann aggressiv. Und schließlich gewalttätig. Ich wollte die Version glauben, die Rory der Welt präsentierte, aber er prügelte diesen Wunsch aus mir heraus.
Tante Mary starb ein paar Jahre später, als Letzte ihrer Cook-Generation. Aber ihre Worte verfolgten mich jedes Mal, wenn ich diesen Pullover trug. Ein Flüstern – oder eine Warnung –, dass ich eines Tages Maggie Morettis Schicksal teilen könnte.
Irgendwo draußen bellt ein Hund und holt meine Aufmerksamkeit zurück ins Zimmer und zu meinem Computer. Ich spiele das Video noch einmal von Anfang an ab und starre so angestrengt auf die Gestalt in Rosa, dass meine Augen zu brennen beginnen. Wie sehr ich mich auch anstrenge, ich kann nichts mehr erkennen. Nur blonde Haare – lang oder kurz, ich weiß es nicht. Nur ein rosa Fleck –, und ich erinnere mich daran, dass viele Menschen rosa Pullover tragen, bei jedem Wetter, und dass Eva bereits für den Flug gescannt war. Das kann man nicht fälschen.
»Einen Filterkaffee mit Platz für Milch«, sage ich der Barista am frühen Donnerstagmorgen. Ich sehe ihr nicht in die Augen und trage immer noch die NYU
-Kappe, traue mich nicht, ihr mein ganzes Gesicht zu zeigen. Wird es so bleiben, werde ich jetzt für immer Angst haben, jemandem in die Augen zu schauen und zu lächeln?
Ich habe mich die ganze Nacht im Bett hin und her geworfen und in meinem Kopf immer wieder den rosa Fleck bei der Pressekonferenz gesehen. Aber welche Erklärung auch immer ich mir dafür zurechtlegte, ich stieß unweigerlich auf die Tatsache, dass mein Ticket für den Flug eingescannt war. Es ist unwahrscheinlich, dass Eva genug Zeit hatte, noch jemand anders zu überreden, mit ihr zu tauschen. Außerdem wäre es dem Bordpersonal beim Abzählen aufgefallen, wenn sie das Flugzeug vor dem Start verlassen hätte. Als ich heute Morgen aufwachte, war ich überzeugt, dass es nur ein Zufall war, dass mein Schuldgefühl sich wünschte, es wäre anders für Eva ausgegangen.
Ich bezahle meinen Kaffee und setze mich auf einen der weichen Ledersessel mit Blick auf die Tür und die Straße.
Als ich gestern Abend noch einmal versuchen wollte, Petra anzurufen, habe ich gegoogelt, wie man bei einem Prepaid-Handy das Passwort zurücksetzt. Dann konnte ich Evas Telefon entsperren. Wie erwartet, war nicht viel darauf. Keine Fotos, keine E-Mails. Sie benutzte eine App namens Whispr, und die Textnachrichten, die am ersten Abend eingegangen waren, hatten sich aufgelöst. Waren im Äther verschwunden. Falls seitdem noch andere eingegangen waren, waren auch diese nicht mehr da.
Sobald ich es entsperrt hatte, wählte ich wieder Petras Nummer und stellte mir dabei vor, wie erleichtert ich sein würde, ihre Stimme zu hören. Sie auf Evas Veranda stehen zu sehen, mit einem Mietwagen am Bordstein, um mich aus diesem Albtraum zu holen und an einen sicheren Ort zu
bringen. Ein schickes Hotel in San Francisco, wo wir beim Zimmerservice etwas bestellen würden, während wir darauf warten, dass Nicos Mann mir neue Papiere macht.
Aber der Anruf endete wieder mit den drei Tönen. Nicht mehr vergeben. Ich probierte ein paar Variationen, vertauschte Nummern, fügte andere ein. Ich erreichte ein Feinkostgeschäft, eine Spanisch sprechende Frau und eine Vorschule, bevor ich es aufgab. Nicos Worte fielen mir wieder ein: Du kannst nicht zurück. Kein einziges Mal. Unter keinen Umständen.
Ich sehe nach draußen und beobachte, wie das Leben in Berkeley erwacht. Ein paar Leute kommen herein, bestellen und gehen wieder. Um halb sieben ist es wieder leer, meinen Kaffee habe ich fast ausgetrunken.
Die Barista kommt hinter ihrem Tresen hervor und beginnt, den Tisch neben mir abzuwischen. »Sie kommen von außerhalb?«, fragt sie.
Ich erstarre, unsicher, was ich antworten soll, und befürchte, dass ich irgendwie erkannt worden bin. Aber sie redet unentwegt weiter und gibt mir Zeit, mich zu beruhigen. »Ich kenne fast jeden, der herkommt – zumindest die Gesichter. Aber Sie sind neu.«
»Ich bin auf der Durchreise«, sage ich, nehme meine Sachen und will gehen.
Sie wischt ein letztes Mal über den Tisch und sieht mich an. »Sie müssen nicht gehen«, sagt sie. »Lassen Sie sich Zeit.« Dann geht sie hinter den Tresen und bereitet eine neue Ladung Kaffee zu. Ich lehne mich im Sessel zurück und beobachte, wie die Ampel an der Kreuzung von Rot auf Grün und wieder zurück springt.
Gegen halb acht wird es voll im Laden, und ich stehe auf. Die Frau hinter dem Tresen winkt und lächelt, als ich hinausgehe. Ich erwidere ihr Lächeln und spüre, wie mich eine Spur von Vergnügen einhüllt.
Ich beschließe, mich noch ein bisschen hinaus in die Welt zu begeben, und mache einen Spaziergang, schließlich kann ich mich nicht ewig verstecken. Statt zurück zu Evas Wohnung zu gehen, wende ich mich auf der Hearst Street nach Westen und folge der nördlichen Grenze des Campus, bewundere die riesigen Redwoods, die zwischen den Gebäuden und Grasflächen stehen. Als ich ans westliche Ende des Campus komme, wende ich mich nach Süden und gehe dann – den Campus umkreisend – an der Südseite nach Osten wieder zurück. Das ist das Berkeley, das man im Fernsehen sieht und über das man in Büchern liest. Vor dem Student
Center hat sich ein Trommelkreis niedergelassen, und Leute schwärmen auf dem Weg zu Kursen oder Büros mit gesenkten Köpfen in der frischen Morgenluft an den Musikern vorbei. Als ich den Hügel hinauf in Richtung des alten Stadions gehe, drehe ich mich um und blicke nach Westen. Scharfer Wind durchdringt meine dünnen Ärmel. Ich zittere, starre auf die weiße Fläche von San Francisco, das graue Wasser, die kräftigen Grün- und Goldtöne der Hügel im Norden, die mattorange Silhouette der Golden Gate Bridge. Irgendwo da draußen liegt das Kloster, in dem Eva aufgewachsen ist. Eine ganze Kindheit wurde zwischen den Gebäuden verbracht und verloren, die dort in der Ferne schimmern.
Als ich quer über den Campus gehe, stelle ich mir vor, wie es wäre, hier zu studieren. Eine der vielen zu sein, die zu ihren Kursen gehen. Dann stelle ich mir Eva als eine von ihnen vor. Als ich zu einer Brücke über einen kleinen Bach komme, gehe ich langsamer, lehne mich an das Geländer und blicke hinunter ins wirbelnde Wasser, das Richtung Meer fließt. Über mir rauscht der Wind in den hohen Bäumen, und mich überkommt eine Ruhe, die meine Gedanken langsamer fließen lässt. Am liebsten würde ich einen Ort wie diesen nie mehr verlassen.
Ich stoße mich vom Geländer ab und gehe zurück zu Evas Haus, vorbei am Coffeeshop, wo die Barista in ihrer Morgenschicht arbeitet, und vorbei an einigen geschlossenen Geschäften – ein Antiquariat, ein Friseur –, bis ich wieder in Evas Gegend bin. Mein Atem geht schneller, als ich an Apartmenthäusern, kleinen Einzelhäusern und Doppelhäusern wie Evas vorbei die kurvenreiche Straße den Hügel hinaufgehe. Ich spähe in einige davon hinein, während ich vorbeispaziere – eine Frau sitzt am Esstisch und füttert ein Kleinkind in einem Hochstuhl. Ein Student mit zerzausten Haaren und verquollenen Augen starrt noch halb im Schlaf aus dem Küchenfenster.
Als ich um die Ecke in Evas Straße biege, stoße ich mit einem Mann zusammen. Er greift nach meinem Arm, um zu verhindern, dass ich falle. »Tut mir leid«, sagt er. »Alles in Ordnung?«
Er hat dunkle grau melierte Haare, sieht aber nicht viel älter aus als ich. Eine Sonnenbrille verdeckt seine Augen, und er trägt einen langen Mantel, unter dem ein wenig Farbe aufblitzt. Dunkle Hose, dunkle Schuhe.
»Mir geht’s gut«, sage ich. Dann blicke ich an ihm vorbei Evas Straße hinauf und frage mich, woher er kam und ob er ein Nachbar von Eva ist.
»Wunderschöner Morgen für einen Kaffee und einen Spaziergang«, sagt
er.
Ich lächle angespannt und gehe um ihn herum, spüre seinen Blick in meinem Rücken, bis die Straße eine Kurve macht und ich ihm entkomme.
Erst als ich die Tür hinter mir zugemacht und abgeschlossen habe, geht mir etwas auf. Woher weiß er, dass ich gerade einen Kaffee getrunken und einen Spaziergang gemacht habe? Beklommenheit beschleicht mich, und ich zittere innerlich, bin jetzt noch unruhiger und nervöser.
Wieder an meinem Computer, checke ich Rorys E-Mails und sehe, dass er eine neue Nachricht vom NTSB
bekommen und an Danielle weitergeleitet hat. Eine Bitte um eine DNA
-Probe und meinen Zahnabdruck. Seine Anweisungen sind kurz und präzise: Kümmere dich darum
.
Ich blicke zum Fenster, durch das jetzt das helle Morgenlicht fällt. Wenn sie Leichen bergen, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie herausfinden, dass ich nicht darunter bin. Und dass jemand unter ihnen ist, der nicht an Bord des Flugzeugs gehörte.
Ich wechsle zum Doc, gerade noch rechtzeitig, um das Ende einer Unterhaltung zwischen Rory und Bruce mitzubekommen. Ich scrolle nach oben zum Anfang. Aber es geht nicht um die Bergung der Leichen, wie ich erwartet habe. Es geht um eine E-Mail, die gestern Abend von jemandem namens Charlie gekommen ist.
Ich kann Rorys scharfen Ton förmlich hören, seine abgehackte Sprechweise.
Rory Cook:
Das wurde schon vor Jahren bereinigt, mit Bargeld. Du musst Charlie daran erinnern, was es kosten wird, sich zu melden.
Charlie
? Der einzige Charlie, der mir einfällt, ist Charlie Flanagan. Ein leitender Bilanzbuchhalter der Stiftung, der vor zwei Jahren in Rente gegangen ist. Während ich den Rest ihrer Unterhaltung lese, bemerke ich, dass Rory sich immer mehr aufregt, während Bruce versucht, ihn zu beruhigen und besänftigen. Rorys letzte Bemerkung verwirrt mich am meisten, denn hinter seinem üblichen herrischen Ton blitzt Verwundbarkeit auf.
Rory Cook:
Ich kann es mir nicht leisten, dass das jetzt rauskommt. Es ist mir egal, wie du das regelst. Oder wie viel es mich kostet. Bring es einfach in Ordnung.
Ich durchsuche Rorys Posteingang nach E-Mails von Charlie. Es gibt viele, aber nicht die, über die Rory und Bruce sprechen, und keine in letzter Zeit. Und soweit ich sehen kann, haben alle E-Mails von Charlie mindestens zwei weitere Empfänger unter den Mitarbeitern der Stiftung.
Ich stecke den USB
-Stick in den Computer und suche dort weiter, finde aber zunächst nur die Geheimhaltungserklärung, die alle Mitarbeiter unterschreiben. Also ordne ich alles, was ich von seinem Computer kopiert habe – Tausende von Dokumenten – alphabetisch und konzentriere mich auf die Buchstaben C und F. Nichts würde Rory dermaßen aus der Ruhe bringen – es sei denn, Charlie weiß von einem finanziellen Fehltritt oder einer Lüge, die Rorys Kandidatur scheitern lassen könnte.
Informationen, die zeigen, dass das Goldkind von Marjorie Cook doch nicht so unbescholten ist. Deshalb habe ich die Festplatte kopiert. Es ist wie mit dem Bären im Wald, man muss keinen sehen, um zu wissen, dass einer da ist.
Aber das meiste, was ich lese, ist unauffällig. Notizen über neue Steuergesetze. Vierteljahresberichte. Hin und wieder taucht mein Name in strategischen Notizen auf. Hier geht Claire vielleicht besser hin
, heißt es im Hinblick auf die Eröffnung einer Kunstgalerie in der Innenstadt. Ich gehe die Dokumente durch, eins nach dem anderen, aber es ist alles Müll, nutzloses Zeug. Es ist, als würde ich den Abfall von jemandem durchsehen.
Nach einer Stunde gebe ich auf. Was immer Charlie über Rory weiß und ihn so erschreckt hat, ich werde die Antworten nicht so leicht finden. Ich muss mich vorerst mit Beobachten begnügen. Darauf warten, dass sie mehr preisgeben.