EVA
Berkeley, Kalifornien
September
Fünf Monate vor dem Absturz
»Zieh deine Schuhe an«, sagte Liz an einem sonnigen Samstag Ende September. »Ich nehme dich mit zu einem Baseballspiel.«
Eva und ihre Nachbarin besuchen ein Baseballspiel. »Baseball?«, fragte Eva.
Liz antwortete: »Nicht nur Baseball. Die Giants. Heimspiel.«
»Wir wohnen in Berkeley. Sollten wir nicht zu einem Spiel der A’s gehen?«
Liz zuckte mit den Schultern. »Meine Fachbereichsleiterin hat Dauerkarten. Sie hat ein paar von uns eingeladen und gefragt, ob ich jemanden mitbringen könnte.«
Seit drei Wochen genoss Eva nun schon ihre Pause vom Drogengeschäft. Sie hatte zusätzliche Schichten im DuPree’s übernommen und viel Zeit mit Liz verbracht; sie stellte sich vor, dass eine Buchhalterin in einem längst überfälligen Urlaub sich ähnlich fühlen könnte.
Aber die Bedrohung, die Castro darstellte, ging ihr nie ganz aus dem Kopf. Sie erwischte sich dabei, dass sie für ein Publikum, das aus einer Person bestand, spielte. Dass sie langsamer ging, lauter lachte, länger verweilte. Sie machte ein Spiel daraus. Jedes Mal, wenn Liz sie zu irgendetwas einlud, musste sie Ja sagen. Ein Spaziergang durch den botanischen Garten. Kino und shoppen in der Solano Avenue, hinterher Pizza bei Zachary. Jede Einladung war eine Gelegenheit, jedem unsichtbaren Beobachter zu zeigen, dass sie nichts Besonderes war.
Sie sprachen über Philosophie, Politik, Geschichte. Sogar Chemie. Eva hatte das Nötigste von ihrer Vergangenheit preisgegeben. Sie hatte davon berichtet, wie es war, in St. Joe aufzuwachsen, und blieb überwiegend bei der Wahrheit, um besser den Überblick über ihre Lügen zu behalten. Sie hatte sich eine Geschichte ausgedacht, warum sie nie das College beendet hatte – ihr war das Geld ausgegangen, weil es Probleme mit ihrer finanziellen Unterstützung gegeben hatte. Dadurch war es Eva möglich, frei über ihr Leben als Studentin in Berkeley zu sprechen, und die beiden kamen sich beim Austausch über das Campusleben näher. Die verschiedenen Eigenarten der Gemeinschaft, die erbitterte Rivalität mit Stanford, Traditionen, die nur Insider verstanden.
»Hast du da, wo du herkommst, eine Familie?«, fragte Eva eines Abends.
»Meine Tochter Ellie«, sagte Liz und starrte ins flackernde Kerzenlicht. »Ich habe sie allein großgezogen – ihr Vater verließ uns, als sie sieben war.« Liz hatte geseufzt und in ihr Weinglas geblickt. »Es war hart für uns beide, aber wenn ich jetzt zurückblicke, glaube ich, dass es das Beste war.« Liz beschrieb die Pedanterie ihres Ex-Mannes, dass sein Steak auf den Punkt genau gebraten sein musste, und die unrealistischen Erwartungen, die er an seine kleine Tochter hatte. »Ich bin froh, dass sie nicht unter diesem gnadenlosen Druck aufwachsen musste.«
»Wo ist sie jetzt?«, hatte Eva gefragt. Sie war neugierig auf die Frau, die das Glück hatte, Liz’ Tochter zu sein.
»Sie arbeitet für eine gemeinnützige Organisation. Viele Überstunden, selten ein freier Tag. Sie hat ihr Apartment in der Stadt untervermietet, um mein Haus zu hüten, während ich in Kalifornien bin. Aber ich mache mir Sorgen, dass sie sich da draußen in New Jersey, fern von ihren Freunden, isoliert«, sagte sie und lächelte Eva verlegen an. »Eine Mutter macht sich immer Sorgen.«
Eva hatte sie angestarrt und sich gewünscht, dass das stimmte.
Ein anderes Mal fragte Eva Liz nach den Kursen, die sie gab. Sie hörte ihr gern zu. Liz war eine begnadete Lehrerin, konnte komplexe Zusammenhänge einfach erscheinen zu lassen, und es war, als wäre sie wieder im College. Vielleicht sogar noch besser. Dex, der eine feste Größe in ihrem Leben gewesen war, hatte plötzlich aufgehört zu existieren und war durch diese gesprächige, zierliche, kluge Frau aus Princeton ersetzt worden.
Als Liz also an diesem strahlenden Samstag im September mit zwei Baseballkarten vor ihr stand, war Eva wieder bereit, Ja zu sagen.
»Klar«, sagte sie. »Ich brauche nur eine Minute.«
Sie ließ Liz im Wohnzimmer zurück und rannte nach oben, um sich etwas anderes anzuziehen. Während sie in ihre Tennisschuhe schlüpfte, warf sie einen Blick auf ihr Handy und sah eine Nachricht von Dex.
Wir haben alles in Ordnung gebracht. F will, dass du sofort wieder anfängst zu arbeiten. Wir treffen uns Montag mit ausreichender Versorgung im Tilden.
Sie starrte eine volle Minute lang auf die Nachricht, bis die Whispr-App dafür sorgte, dass sie verschwand.
Eva ließ sich auf ihr Bett fallen, überrascht davon, dass ihre erste Reaktion nicht Erleichterung war, sondern Traurigkeit. Denn eigentlich hatte sie ja genau darauf gewartet. Die Zeit, die sie mit Liz verbrachte, hatte nur diesen einen Zweck – Castro zu verjagen und wieder an die Arbeit gehen zu können. Aber es fühlte sich an wie ein leerer Sieg, einer, den sie nicht mehr wollte, jetzt da sie ihn errungen hatte. Ihr Blick schnellte zur Tür, hinter der Liz unten auf sie wartete. Ahnungslos, dass sie nicht länger gebraucht wurde.
Aber Eva würde zum Baseball mitkommen und ihre Rolle noch ein bisschen länger spielen. Sie warf das Handy auf die Kommode, härter als nötig, überrascht von dem schrillen Geräusch, als es über das polierte Holz rutschte und gegen die Wand stieß.
Sie fuhren mit der Bahn zur anderen Seite der Bucht, gingen mit Massen von Menschen Richtung Stadion. Liz zog Eva zu einem Fotostand, wo man neben Pappausschnitten von Spielern posieren konnte, die Eva nicht erkannte. »Kommen Sie schon«, sagte sie. »Das ist lustig. Geht auf meine Rechnung.«
Eva zögerte. Sie war nicht der Typ, der sich gerne fotografieren ließ. Sie konnte sich auch nicht daran erinnern, dass jemand einmal eine Kamera auf sie gerichtet und Lächeln gesagt hatte. Trotzdem war sie einverstanden. Ein Teil von ihr war sogar froh, ein Souvenir zu haben.
Im Stadion fanden sie ihre Sitzplätze, und Liz’ Kollegen vom Fachbereich Politische Wissenschaften begrüßten sie freundlich. Liz’ engste Freundin Emily war mit ihrer Partnerin Bess da, außerdem ihre Fachbereichsleiterin Vera. Eva setzte sich auf den äußersten Sitz und ließ sich von ihren Gesprächen berieseln – sie tratschten darüber, wer Forschungsgelder erhielt und wer nicht, wer etwas veröffentlichte und wer nicht. Und beklagten sich über die Kollegen, die immer das Popcorn in der Büro-Mikrowelle anbrennen ließen.
Für Eva war es, als würde sie einen Blick in ein Leben werfen, das sie sich einmal für sich selbst erträumt hatte. Es hatte eine Zeit gegeben, zu der sie sich vorgestellt hatte, selbst Professorin in Berkeley zu sein. Vorlesungen in Gillman Hall zu halten. Studenten und Doktoranden zu betreuen. Über den Campus zu gehen und zu lächeln, wenn Studenten sie grüßten: »Hey, Dr. James.«
Es versetzte Eva einen Stich, und das überraschte sie. Denn sie hatte geglaubt, ihren Frieden mit allem gemacht zu haben, was geschehen war. Das war das Seltsame am Bedauern. Es lebte im Innern fort, schrumpfte, bis man beinahe glaubte, es sei verschwunden. Aber es konnte jederzeit plötzlich wieder auftauchen, mit voller Wucht, ausgelöst durch Menschen, die nichts Böses wollten.
Schließlich richteten alle ihre Aufmerksamkeit auf das Spiel. Vera zählte die Punkte, sprach über Spielerstatistiken und bevorstehende Wechsel, während der Rest von ihnen diskutierte, ob es genauso eklig war, Sonnenblumenkernschalen auszuspucken, wie Kautabak. Eva jubelte bei jedem Punkt, den die Giants machten, trank ein Bier und aß einen Hot Dog. Es war ein Stück Leben, von dem Eva gedacht hatte, es käme nur in Filmen vor. Diese Vorstellung, dass alles so perfekt sein konnte – das Gras, die Sonne, die Spieler in ihren makellosen weißen Trikots, wie sie Home Runs über den Zaun und in die Bucht von San Francisco schlugen, wo eine Traube von Menschen mit Baseballhandschuhen in Kajaks darauf wartete, einen davon zu fangen.
Unmittelbar vor dem sechsten Inning beugte Emily sich vor und sagte: »Ich freue mich, dass Sie heute kommen konnten. Liz spricht schon seit Wochen nur noch von Ihnen.«
Eine Welle der Freude durchlief Eva, aber sie lächelte nur zaghaft. Es war das Lächeln, das sie Kassierern oder Polizisten schenkte. »Danke, dass Sie mich eingeladen haben«, sagte sie.
Liz mischte sich schnell ein: »Mir sind schon viele kluge Menschen in meinem Leben begegnet, aber Eva ist einer der scharfsinnigsten«, sagte sie. »Neulich abends hat sie mich fast davon überzeugt, dass Keynesianismus besser sein könnte als freie Marktwirtschaft.«
Emily sah beeindruckt aus. »Das ist eine Leistung. Wo sind Sie aufs College gegangen?«
Eva zögerte, stellte sich vor, welche Fragen sie stellen würden, wenn sie von Berkeley sprach. Was war ihr Hauptfach? Wer war Ihr Professor? In welchem Jahr haben Sie Ihren Abschluss gemacht? Kennen Sie Dr. Fitzgerald? Sie fragte sich, wie schnell jemand die Wahrheit herausfinden würde – eine harmlose Bemerkung im Faculty Club, und jemand würde leise ihre Geschichte erzählen. Der Fachbereich Chemie war klein, und die Leute verließen Berkeley nicht, um woanders einen besseren Arbeitsplatz zu finden. Es waren sicher noch einige da, die sich an sie erinnerten.
Liz schien ihr Unbehagen zu spüren. »Sie hat Chemie in Stanford studiert«, sagte sie und lächelte Eva kaum merklich zu. »Aber wehe, ihr nehmt es ihr übel.«
»Sie mussten nicht für mich lügen«, sagte Eva später, nachdem sie sich von den anderen verabschiedet hatten und auf dem Weg zurück zur Bahnstation die Embarcadero entlangschlenderten. Die Abendluft fühlte sich sanft auf der Haut an, die Wärme der Nachmittagssonne war noch nicht ganz verschwunden.
Liz machte eine abwehrende Geste. »Sie sind ein Haufen Tanten. Sie würden dich mit Ratschlägen überhäufen, wie du zurück aufs College gehen und deinen Abschluss machen kannst. Es hätte für sie keine Rolle gespielt, dass du klug genug bist und keine Ratschläge brauchst.«
Eva dachte daran, was auf der anderen Seite der Bucht auf sie wartete. Sicher nicht die Möglichkeit, zurück aufs College zu gehen. Diese Option würde es für sie nie mehr geben. Bevor Liz aufgetaucht war, war Eva meistens zufrieden gewesen. Aber jetzt spürte sie tief in ihrem Innern einen Hunger, mehr Zeit mit Liz und ihren Freundinnen zu verbringen. Aber nicht als Gast. Sie wollte dazugehören, in ihrer Mitte leben. Eva wollte sich darüber beklagen, dass Frauen nicht dieselben Chancen hatten, Forschungsgelder zu bekommen, wie Männer. Sie wollte die freudige Erregung spüren, wenn sie einen weiteren Artikel in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift unterbrachte. Sie wollte diejenige sein, die Popcorn in der Büro-Mikrowelle anbrennen ließ.
Die Vorstellung, die Arbeit wiederaufzunehmen – die Heimlichtuerei, die Lügen, die Wachsamkeit, die sie stets begleitete, wenn sie das Haus verließ – legte sich wie ein Schatten auf sie, und eine Trauer, wie sie sie seit dem Ausschluss von Berkeley nicht mehr empfunden hatte, bemächtigte sich ihrer. Sie plante, was nun zu tun war. Zutaten kaufen. Utensilien reinigen. Ihren Rückzug von Liz vorbereiten. Sie würde ihr sagen, dass sie mehr im Restaurant arbeiten müsste oder vielleicht einen Freund erfinden, der bald ihre gesamte freie Zeit in Anspruch nahm.
Aber dort in der Dämmerung, als das Wasser der Bucht gegen die Pfähle des Piers schwappte und die Lichter der Bay Bridge in einem anmutigen Bogen über ihnen glitzerten, hatte Eva das Bedürfnis, etwas mehr von sich preiszugeben. Liz ein Stück von der Wahrheit zu erzählen. »Meine letzte Pflegefamilie wohnte auf der anderen Seite des Hügels dort«, sagte sie und zeigte nach Westen Richtung Nob Hill.
Liz sah sie an. »Was ist passiert?«
Bei Carmen und Mark war Eva dem Ziel, eine Familie zu haben, am nächsten gewesen. Als sie acht Jahre alt war, hatte das Paar St. Joe besucht, weil es gerne ein kleines Mädchen adoptieren wollte. Sie wurden von ihrem Sozialarbeiter, Mr. Henderson, begleitet, einem blassen Mann mit strähnigen Haaren und einer Tasche voller Akten. Die Frau, Carmen, strahlte und war voller Energie. Als Eva sie kennenlernte, schien sie vor Lebenskraft zu sprühen. Carmens Mann Mark war zurückhaltender und stand im Schatten seiner Frau, behielt den Blick gesenkt. Eva fragte sich, ob er ebenfalls dachte, dass es das Beste war, immer ein Stück von sich vor den Augen der anderen zu verbergen.
»Carmen und Mark«, sagte Eva jetzt zu Liz. »Zuerst war es toll. Sie taten alles, damit ich in der Schule die Förderung für besonders begabte Kinder bekam. Kauften mir Tonnen von Büchern und Kleidung, gingen mit mir ins Museum und ins Science Center.«
»Das klingt wunderbar. Was ist dann passiert?«
»Ich hab angefangen, sie zu beklauen. Erst Geld. Dann ein Armband.«
Liz sah sie scharf an. »Warum hast du das gemacht?«
Jetzt kam der schwierige Teil. Eva wollte es Liz erklären, damit sie verstand, wer sie war. Dass sie von klein auf darauf angewiesen war, sich hinter einem Vorhang aus Lügen zu verstecken, nie jemandem so weit zu vertrauen, dass sie ihm zeigte, was hinter ihrer Fassade steckte.
»Unerwünscht zu sein ist eine schwere Bürde«, sagte sie leise. »Man kann sich niemals völlig auf die Welt einlassen. Zulassen, dass andere dich sehen.«
Eine große Gruppe von Menschen kam lachend und plaudernd auf sie zu, und Eva wartete, bis sie vorbeigegangen waren. Wie konnte sie erklären, wie sie sich gefühlt hatte, als sie hörte, wie Carmen und Mark mit ihrer Klugheit angaben? Wie glücklich sie waren, sie zu haben? Es hatte sich angefühlt, als würden sie sie in Plastikfolie packen. Menschen konnten sie noch sehen, aber ihr eigentliches Wesen war unter ihren Erwartungen eingeschlossen, und sie machte sich Sorgen, was passieren würde, wenn die Wahrheit herauskam. »Es war einfacher, sie wegzustoßen«, sagte Eva schließlich. »Wenn sie mich ansahen, sahen sie das Kind einer Süchtigen. Alles, was ich tat – gut oder schlecht –, wurde durch diese Linse wahrgenommen, und solange ich bei ihnen war, würde das immer meine Geschichte sein, die hinter vorgehaltener Hand geflüstert würde. Es ist erstaunlich, wie viel Eva in so kurzer Zeit bewältigt hat . Oder: Man kann ihr kaum einen Vorwurf machen, wenn man bedenkt, was sie durchgemacht hat . Ich musste ihnen zeigen, dass sie mich nicht heilen konnten. Dass ich nicht geheilt werden wollte.«
»Du wolltest diejenige sein, die bestimmt, wer du bist«, sagte Liz. Sie hakte sich bei Eva unter, die sich gegen sie lehnte und das verlässliche Gefühl genoss, Liz’ Schulter an ihrer eigenen zu spüren. Sie wollte, dass dieser Moment ewig dauerte, wollte nicht zur Bahnstation hinabsteigen, nicht in ihr altes Leben auf der anderen Seite der Bucht zurückkehren, das fade und verdorben war. »Also bist du bis zum Schulabschluss im Kloster geblieben?«, fragte Liz.
Eva nickte. »Bis ich achtzehn wurde und anfing zu studieren.«
Der Wind von der Bucht frischte auf und wurde stärker, als er zwischen den hohen Gebäuden hindurchpfiff. Eva legte den anderen Arm fest um Liz und dachte an die Familie, die sie beinahe gehabt hätte, wenn sie jemand anders gewesen wäre. Ein besserer Mensch. Aber die Möglichkeit war bereits zerbrochen, lange bevor Carmen und Mark aufgetaucht waren. Der Bruch hatte raue, scharfe Kanten hinterlassen. Sie hatte die scharfkantigsten Teile auf Abstand gehalten, doch Liz hatte sie behutsam ergriffen, vorsichtig ausgewickelt und ihr gezeigt, dass sie sich vor ihrer Vergangenheit nicht fürchten musste. Dass sie die Stücke in die Hand nehmen konnte, ohne sich zu verletzen. Dass sie etwas mit ihnen anfangen konnte, wenn sie wollte.
Sie schwiegen, als sie die Stufen hinunterstiegen, das Drehkreuz passierten und auf den Bahnsteig gingen. Das schwache Geräusch eines entfernten Zuges kam aus dem Tunnel, und Eva stellte sich die Menschen über ihnen vor, die in Autos fuhren, die Straße entlanggingen, in den hohen Gebäuden des Finanzdistrikts arbeiteten. Es war ein Wunder, dass das ganze Gebilde nicht auf sie herabstürzte.
»Hast du jemals daran gedacht, deine leibliche Familie zu suchen?«
Eva schüttelte den Kopf. »Nachdem es mit Carmen und Mark nicht mehr funktionierte, haben die Nonnen einen weiteren Versuch unternommen, mich mit ihnen zusammenzuführen.« Sie blickte in den Tunnel, auf der Suche nach ihrem Zug, aber es war still. »Sie sagten Nein.«
»Es war vielleicht das Beste, was sie für dich tun konnten.«
Eva wusste, dass das wahrscheinlich stimmte, dass sie keine Chance auf ein normales Leben gehabt hätte, wenn sie bei einer Drogenabhängigen aufgewachsen wäre. Aber dieses Wissen machte die Zurückweisung nicht besser – und hob sie nicht auf. »Ich weiß nicht, ob ich ihnen jemals vergeben kann«, sagte sie.
Liz schüttelte den Kopf. »Du weißt nicht, was sie zu dieser Zeit bewältigen mussten. Die Probleme deiner Mutter haben sie wahrscheinlich vollkommen aufgefressen. Ich kann mir kaum vorstellen, was für eine Hölle das gewesen sein muss.« Sie blickte nach unten auf den Bahnsteig und dann wieder zu Eva. »Du kannst ihnen nicht vorwerfen, dass sie ihre Grenzen kannten. Selbst wenn diese Grenzen dich ausschlossen.«
Auf der Anzeige über ihnen leuchtete ihre Zugnummer auf, und Eva spürte unter ihren Füßen erste Anzeichen, dass die Bahn kam. Liz legte eine Hand auf ihren Arm und sagte: »Hör zu. Du weißt offenbar, was das Beste für dich ist. Aber ich spüre eine Traurigkeit, ein Loch, das dafür sorgt, dass du dich vom Rest der Welt fernhältst. Und ich sehe dich nicht gerne leiden. Sie zu suchen bedeutet nicht automatisch, ein Happy End zu erwarten. Ich glaube nicht, dass du es deshalb tun solltest. Aber Wissen ist Macht. Und wenn du dieses Wissen erst einmal hast, kannst du entscheiden, was du damit machst. Das ist alles, was ich mir für dich wünsche.«
Sie warteten schweigend, während Eva über Liz’ Worte nachdachte. Sie fragte sich, wie es wäre, Menschen zu kennen, die mit ihr verwandt waren. Die aussahen wie sie. Die Familienerinnerungen hatten und wussten, woher sie ihre spitze Nase oder blonden Haare hatten. Sie hatte nie diese Art von Verbindung zu jemandem gehabt.
Liz fuhr leise fort: »Du bist nicht das einzige adoptierte Kind, das Antworten von seiner leiblichen Familie will.«
»Ich bin nie adoptiert worden.«
Liz schloss kurz die Augen, öffnete sie dann wieder und wandte Eva ihr Gesicht zu. »Es tut mir leid. Du hast recht, und es geht mich nichts an.«
»Hör zu. Ich schätze deine Meinung, wirklich. Aber diese Art von Zurückweisung macht etwas mit einem Menschen. Man zerbricht innerlich daran. Und sie macht es einem unmöglich, verletzlich zu sein. Sich jemandem zu öffnen.«
Liz blickte Eva unverwandt und vielsagend an, und Eva musste wegsehen. In dem Moment fuhr der Zug in den Bahnhof ein, und die Menschenmenge drängte sie von hinten durch die sich öffnenden Türen.
Auf dem Weg zurück nach Berkeley betrachtete sie Liz neben sich, die kurzen weißen Haare und wohlgeformten Schultern, und dachte darüber nach, was sie ihr gesagt hatte. Eva stellte sich ihre leibliche Familie irgendwo da draußen vor, die vergessen wollte, dass sie sie im Stich gelassen hatte. Stellte sich den Schmerz vor, eine drogensüchtige Tochter zu haben; wie sie ihre Enkelin geopfert hatten, um sie zu retten. Und was würden sie bekommen, wenn sie plötzlich auftauchte? Mehr Leid. Mehr Schmerz. Eine Bestätigung, dass sie richtig gehandelt hatten, sie damals wegzugeben.
Was Eva tat, war schlimmer als alles, was ihre Mutter je getan hatte. Ihre Mutter war krank. Eva war eine Drogendealerin, die bei der Vorstellung, dass ein Neunzehnjähriger wegen ein paar Hundert Dollar zu einem blutigen Haufen zusammengeschlagen wurde, kaum mit der Wimper zuckte. Eva dachte an ihr Handy zu Hause, das nur darauf wartete, sie wieder herunterzuziehen. Sie von Liz wegzureißen, die keine Ahnung hatte, was für ein Mensch Eva wirklich war.
Der Zug rumpelte und schwankte, ihre Ohren knackten, als sie unter der Bucht entlangfuhren, die Lichter flackerten und produzierten dunkle Schatten um sie herum. Sie dachte an den nächsten Tag, wenn sie das Regal in der Küche zur Seite schieben und wieder an die Arbeit gehen müsste, und spürte die Anspannung, die sich in ihr ausbreitete. Sie wünschte, sie könnte noch einmal zu dem Morgen zurückgehen, als Liz in der Tür stand, so aufgeregt, dass es fast ansteckend war. Oder noch weiter. Zu dem Nachmittag im Tilden Park, als sie auf Brittany gewartet hatte. Wünschte, dass sie auf ihren Instinkt gehört hätte und nach Hause gegangen wäre. Sich für ihre Schicht im DuPree’s fertig gemacht hätte, weit entfernt von Agent Castro und Brittany. Sie wünschte sich, noch weiter zurückzugehen und Dex auf dem Gehweg vor dem Wohnheim nein, danke zu sagen. Das war das Problem mit Wünschen. Sie führten immer zu anderen Wünschen. Noch größeren. Wenn man in der Zeit zurückging, musste ein Knoten nach dem anderen gelöst werden, denn man hatte nicht bemerkt, wie man von ihnen eingeschnürt wurde, bis sie einen schließlich runterzogen.
Aber als sie ihr Spiegelbild im dunklen Zugfenster anstarrte, kam ihr plötzlich ein Gedanke, so klar und aus tiefstem Herzen, dass ein Schauer sie durchlief. Ich werde das nicht mehr machen.
Ein unmöglicher Wunsch. Fish und Dex würden sie niemals gehen lassen. Nicht nur aufgrund dessen, was sie tun könnte – sondern wegen allem, was sie wusste. Denn obwohl die Aufgaben streng verteilt waren, wusste sie einfach zu viel.
Könnte ich noch mehr herausfinden?
Castros Gegenwart hatte sich wie eine Bedrohung angefühlt. Aber jetzt erkannte sie, dass sie auch eine Chance sein könnte. Die Chance, der Mensch zu werden, den Liz sah, wenn sie Eva betrachtete. Sie blickte auf das Foto von ihnen beiden am Eingang des Stadions, das bereits wie ein Relikt aus einer anderen Zeit erschien. Als der Zug am östlichen Ende der Bucht wieder nach oben kam und das Licht von draußen in ihren Wagen fiel, fühlte Eva sich, als würde es in sie dringen. Fühlte, wie es Platz schuf, wo Dunkelheit geherrscht hatte, und Hoffnung, wo vorher Verzweiflung gewesen war.
Eva würde tun, was von ihr erwartet wurde. Sie würde die Arbeit wieder aufnehmen, die Drogen liefern, aber dabei würde sie tun, was sie am besten konnte: Sie würde beobachten. Und warten. Und die Selbstzufriedenheit der anderen ausnutzen. Denn sie war sicher, dass Castro wiederkommen würde. Und diesmal würde Eva für ihn bereit sein.