EVA
Berkeley, Kalifornien
September
Fünf Monate vor dem Absturz
Lass uns mal was Neues ausprobieren und im Chávez Park treffen.
Eva hoffte, dass ihre SMS an Dex den Eindruck erweckte, als wäre sie nervös. Verängstigt.
Der César Chávez Park war eine riesige Grünanlage direkt an der Bucht von San Francisco. Ein Weg führte um das gesamte Gelände herum. An den Wochenenden wimmelte es dort von Familien, die Drachen steigen ließen, Joggern und jeder Menge Hunde. Aber um 14 Uhr an einem Dienstag Ende September war der Park verlassen. Eva entdeckte Dex auf einer Bank. Er saß mit dem Rücken zur Bucht und hatte die Hände in den Taschen vergraben. Als er sie sah, erhob er sich.
»Lass uns ein Stück gehen«, schlug sie vor, als sie ihn erreichte.
Während Eva ihre Handtasche fest gegen ihre Seite presste, erinnerte sie sich selbst daran, dass Dex nur ein ganz gewöhnlicher Mensch war. Weder konnte er Gedanken lesen noch durch ihre Handtasche hindurch das Aufzeichnungsgerät sehen, das sie eingesteckt hatte, bevor sie aus dem Auto gestiegen war, und dessen Aufnahmetaste jetzt rot leuchtete. Er würde lediglich eine verstörte Frau vor sich sehen. Und das war ihr Vorteil. Immer schon gewesen.
Eva bereitete sich vor. Castro würde zurückkommen, und Eva würde die Informationen, die sie bereits kannte, sowie die, die sie noch sammeln würde, gegen eine neue Identität eintauschen. Ein neues Leben in einer neuen Stadt. Castro konnte ihr eine neue Biografie verschaffen ohne drogenabhängige Mutter, Pflegefamilien und den Rauswurf. Sie könnte ganz von vorne anfangen. Aber zunächst musste sie hoffen, dass sie keinen Fehler machte.
Gemeinsam drehten sie auf dem zementierten Weg eine Runde um den Park. Ein hoher Grashügel in der Mitte des Geländes versperrte ihnen die Sicht auf die Anhöhen und den Yachthafen von Berkeley. »Also, was hast du für mich?«, fragte Dex.
Eva verschränkte die Arme gegen den Wind, der von der Bucht herüberwehte, und erwiderte: »Sag mir die Wahrheit. Ist es wirklich erledigt?«
»Ich habe dir doch gesagt, dass Fish sich darum gekümmert hat.«
Eva sah ihn ungläubig an. »Und du glaubst wirklich, dass mir das genügt? Sie hatten mich im Visier. Haben mich bis nach Hause verfolgt.« Ihre Stimme zitterte vor Erregung. »Verdammt, erzähl mir nicht, Fish hat sich darum gekümmert, und erwarte dann von mir, dass ich einfach so weitermache.«
Vor langer Zeit, als Eva noch im Heim lebte, hatte sie erkannt, dass große Gefühle den meisten Menschen unangenehm waren. Und sie hatte gelernt, Wut oder Trauer als Druckmittel zu benutzen, damit andere nur noch einen Wunsch hatten: sie zu beruhigen. Dex bildete in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Und Eva musste sich nicht allzu sehr anstrengen, um den Eindruck zu erwecken, dass sie mehr Details brauchte, um sich wieder zu beruhigen.
Von Weitem kamen ihnen zwei Frauen entgegen. Sie waren ins Gespräch vertieft, und Eva fuhr fort: »Überall, wo ich hingehe, frage ich mich, ob ich vielleicht verfolgt werde. Von dem Mann hinter mir an der Kasse, von der Frau mit dem Handy am Ohr …« Eva deutete auf die beiden Frauen, die jetzt näher kamen. »Oder sogar von denen da. Woher soll ich wissen, ob sie nicht für Castro arbeiten?«
Dex nahm ihren Arm, zog sie zu sich heran und zischte: »Beruhige dich, Eva. Scheiße!«
Sie machten einen Schritt zur Seite und ließen die Frauen vorbei. Als diese wieder außer Hörweite waren, sagte Eva: »Dann sag mir, was ›Fish hat sich darum gekümmert‹ bedeutet. Denn es ist etwas anderes, wenn ein diensthabender Beamter irgendwelche Papiere verschlampt, als wenn ein Sergeant oder Lieutenant laufende Ermittlungen einstellt.«
Informationen darüber, wie Fishs Leute innerhalb der Abteilung agierten, waren nicht Evas eigentliches Ziel. Sie wären zwar nützlich, aber Eva benutzte sie lediglich, um Dex einen Anstoß zu geben und ihn zum Reden zu bringen. Mit der Zeit und mit zunehmendem Druck würde ihr das auch gelingen.
Dex blickte zu den Hügeln von Berkeley hinüber, seine Stimme klang leise, und Eva trat näher an ihn heran. »Die Frau, mit der du dich in dem Park getroffen hast, war eine Informantin«, erklärte er. »Dein Instinkt hat dich nicht getäuscht. Sie war eine Suchtkranke, die sich anbiedern wollte, um eine mildere Strafe zu bekommen. Fishs Leute beim Drogendezernat haben sie als Quelle erfolgreich ausgeschaltet. Weil du ihr nichts verkauft hast und kein Geld den Besitzer gewechselt hat, haben sie keinerlei Anhaltspunkte. Sie sind weg.«
Sie gingen langsam weiter, Schulter an Schulter, jetzt mit dem Wind im Rücken. In der Ferne erhoben sich die grünen Hügel von Berkeley. Eva ließ ihren Blick über den Glockenturm, das Stadion und das weiße Gebäude des Claremont Hotels gleiten und ließ Dex in dem Glauben, dass sie über das nachdachte, was er sagte. »Was ist mit ihr passiert?«
»Keine Ahnung«, erwiderte Dex. »Vermutlich Gefängnis oder Entziehungsklinik.«
Eva wandte sich ihm zu und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Sieh mal, du kennst mich. Ich neige nicht zu Hysterie. Aber ich kann unmöglich weiterhin in aller Öffentlichkeit Drogen verkaufen. Jedenfalls so lange nicht, bis Gras über die Sache gewachsen ist.«
Dex kniff die Augen zusammen. »Du hast eine Verpflichtung. Du kannst keine Bedingungen stellen.«
»Und ob ich das kann«, sagte Eva. »Ich bin diejenige, die über die erforderlichen Kenntnisse verfügt.«
Dex starrte sie von oben herab an und reagierte wütend. »Das ist kein Spiel. Die Sache mit Brittany mag zwar erledigt sein, aber es ist noch nicht vorbei. Jetzt beginnt die Aufräumarbeit, die Dekonstruktion dessen, was passiert ist. Wer war noch beteiligt, was wussten sie und zu welchem Zeitpunkt. Wenn du ausgerechnet jetzt Probleme machst, bringst du damit auch mich in Gefahr.«
Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Der Wind erfasste ihren Mantel und blähte ihn auf. Dann stellte Eva die nächste Frage. »Was ist mit dem Chemiker passiert, den Fish vor mir hatte?« Dex sah sie überrascht an. »Du hast mir erzählt, er habe seinen Job aufgegeben. Aber das war nicht die ganze Wahrheit, oder?«
»Er weigerte sich, das zu tun, was er sollte«, erklärte Dex schließlich. »Ich will nicht, dass dir dasselbe passiert.«
Erneut ließ Eva die Panik, die sie spürte, an die Oberfläche kommen, wo Dex sie sehen konnte. Sie presste die Lippen zusammen, als müsste sie ihre ganze Kraft aufbieten, um ruhig zu bleiben. »Die Leiche, die du mir vor dem Motel gezeigt hast. War er das?«
Dex schüttelte den Kopf. »Nein, das war jemand anders. Der Chemiker war schon tot, bevor du mit ins Boot kamst.« Er senkte die Stimme, und Eva kam näher, um zu verstehen, was er sagte. »Du musst dich zusammenreißen. Für mich und für dich. So passieren Fehler.«
Eva nickte, als würde sie sich mit den Gegebenheiten abfinden. Für den Moment hatte sie genug. Mittlerweile hatten sie den äußeren Rand des Parks erreicht, und zwischen ihnen und Evas Wagen befand sich nur noch mit Müll übersäter schwarzer Asphalt. Sie griff in ihre Manteltasche und zog einen Umschlag hervor. »Footballkarten für diesen Samstag«, erklärte sie. »Vorerst regeln wir alles intern.«
Die Bezeichnung intern verwendeten sie und Dex, wenn sie meinten, dass es zu riskant war, wenn Eva ihm seine wöchentliche Drogenration in einem Park oder Restaurant überreichte. Vor vielen Jahren hatte Eva damit begonnen, Dauerkarten für Football- und Basketballspiele zu kaufen, obwohl sie diese nur selten benutzte. Aber durch den Erwerb hatte man gleichzeitig Zugang zu besonderen Veranstaltungsorten der Vereine, welche den Mitgliedern das Gefühl von Zugehörigkeit und Sicherheit vermittelten. Zugang zu Orten, wohin ihnen ein verdeckter Ermittler nicht so leicht folgen konnte.
Zu diesem Zeitpunkt konnte sie nicht damit aufhören, Drogen für Fish herzustellen. Aber falls Castro sie immer noch beschattete, wollte sie nichts tun, um sich selbst zu belasten, bis sie ihm etwas anzubieten hatte.
Dex ließ die Tickets in seine Tasche gleiten, legte den Arm um ihre Schulter und zog sie an sich. »Geht klar, solange du nur deinen Job machst.«