CLAIRE
Sonntag, 27. Februar
Ich bin wie erstarrt und warte darauf, dass die Frau, der diese Stimme gehört, zu mir kommt, mich am Arm packt und mir ins Gesicht sieht. Mich zur Rede stellt und mir das letzte bisschen Freiheit raubt.
Kelly steht auf der anderen Seite des Raumes, betrachtet mich und formt mit den Lippen die Worte: Bist du okay?
Ich nicke und zwinge mich weiterzugehen. Ich schiebe mich an den Gästen vorbei aus der Mitte des Raumes und halte dabei das Tablett auf Kinnhöhe, um mein Gesicht zumindest teilweise dahinter zu verstecken. Oder um es nach vorn auf jemand anderen kippen zu lassen, wenn es sein muss.
Unsere Gastgeberin kommt herein, Arm in Arm mit einer Frau, die ich nicht kenne. Die beiden stecken die Köpfe zusammen und sind gerade ins Gespräch vertieft, als jemand sie ruft: »Claire, komm rüber! Paula möchte dir von unserer Reise nach Belize berichten.«
In dem Moment wird mir klar, dass unsere Gastgeberin Claire heißt. Meine Hände beginnen zu zittern, und meine Arme und Beine sind plötzlich wie aus Gummi. Ich gehe zu Kelly hinüber und reiche ihr mein Tablett. »Ich muss mal zur Toilette«, flüstere ich.
»Du siehst scheiße aus«, sagt sie. »Was ist passiert?«
Ich schüttle den Kopf und wische ihre Sorge mit einer Handbewegung weg. »Ich bin okay. Ich habe vor der Arbeit nur nicht genug gegessen. Mir ist ein bisschen schummrig. Ich brauche nur eine Minute.«
»Beeil dich«, sagt sie, aber ich weiß, dass sie mir nicht glaubt.
In einem kleinen Badezimmer im Erdgeschoss spritze ich mir kaltes Wasser ins Gesicht und betrachte mich im Spiegel. Ich kann zwar mein Aussehen verändern, den Namen einer anderen Person annehmen und in eine andere Stadt ziehen, aber die Wahrheit wird mich immer verfolgen. Egal, wie vorsichtig und zurückhaltend ich bin, ich werde stets nur einen
Fehler davon entfernt sein, entdeckt zu werden.
Ich trockne mir die Hände ab, schleiche mich wieder zur Party und hole mir unterwegs ein neues Tablett. Ich nicke Kelly kurz zu und setze ein Lächeln auf. Um mich herum werden lebhafte Gespräche geführt, und ich bin wieder unsichtbar. Aber ich schnappe im Laufe des Abends mehrmals den Namen Claire auf, und obwohl ich weiß, dass ich nicht gemeint bin, zucke ich jedes Mal zusammen. Am Ende des Abends bin ich vollkommen erledigt und nervös und möchte einfach nur in Evas Auto springen und davonfahren.
Auf der Heimfahrt gebe ich mich der Erschöpfung hin, obwohl immer noch Adrenalin durch meinen Adern strömt. Das Bündel Scheine, das Tom mir gegeben hat, steckt in meiner Tasche. Zweihundert Dollar, die meine Ersparnisse auf fast achthundert Dollar ansteigen lassen. Mithilfe von Evas Auto und ihrer Debitkarte komme ich weit genug weg von hier.
»Bist du reisefertig?«, bricht Kelly das Schweigen. Wir sind nur noch wenige Häuserblocks von Evas Wohnung entfernt. Nur noch eine Ampel und ein paar Stoppschilder zwischen dem Jetzt und dem Abschied.
»Ja«, antworte ich.
Sie reicht mir einen Zettel. »Meine Nummer. Ruf mich an, wenn du was brauchst. Wenn dir danach ist, dann lass mich wissen, wo du gelandet bist.«
»Das werde ich«, sage ich, als sie vor dem Haus anhält.
Sie lächelt mich traurig an. »Wirst du nicht. Aber das ist schon okay.«
Zögernd beuge ich mich zu ihr hinüber und umarme sie ganz fest. »Danke für deine Freundschaft. Und für deine Hilfe.«
Sie sieht mich mit ihren braunen Augen an und hält meinem Blick stand. »Gern geschehen.«
Drinnen gehe ich gleich nach oben. Ich brauche eine Dusche, um für die lange Fahrt, die vor mir liegt, wieder munter zu werden. Ich lasse mich von dem Wasserdampf einhüllen und denke daran, wie ich mich das letzte Mal auf eine ganz andere Abreise vorbereitet habe. Nach dem Duschen ziehe ich mich rasch an, räume das Schlafzimmer so gut es geht auf und sorge dafür, dass niemand eine Spur von mir entdeckt, ganz gleich, vor wem Eva davongelaufen ist. Vor der Frisierkommode bleibe ich kurz stehen. Der Zettel, den ich entdeckt habe, steckt immer noch hinter dem Spiegel. Alles, was du dir schon immer gewünscht hast, findest du jenseits der Angst.
Ich
habe keine Ahnung, was das für Eva bedeutete oder warum sie den Zettel wegwerfen wollte. Aber ich habe das dringende Bedürfnis, etwas von ihr mitzunehmen. Und ich meine nicht die Schriftstücke, die ihren Platz in der Welt definierten, nicht die Kleider, die sie getragen hat, sondern etwas sehr Persönliches. Ich hole den Zettel hinter dem Spiegel hervor und stecke ihn in die Tasche.
Dann gehe ich in ihr Büro, nehme den Stapel Papiere, die ich zusammengesucht habe, und lasse sie in meiner Handtasche verschwinden. Ich checke das Doc. Der Zeitstempel zeigt keinerlei Aktivität seit dem Austausch von heute Morgen an. Ich denke daran, was für eine Zeitverschwendung das Ganze gewesen ist. Eine sinnlose Ablenkung. Rory und Bruce sind fast immer zusammen. Alles, was sie sich zu sagen haben, können sie sich auch in einem ruhigen Raum zuflüstern. Was auch immer Charlie Flanagan über das Wochenende weiß, an dem Maggie gestorben ist – es hat nichts mit mir zu tun.
Am liebsten würde ich die Verbindung abbrechen. Aber eine innere Stimme sagt mir, dass es noch nicht vorbei ist. Da das Video noch in Umlauf ist und die Bergung der Toten weitergeht, muss ich jede verfügbare Quelle nutzen, bis ich sicher sein kann, dass die Gefahr vorbei ist.
»Und wann wird das sein?«, sage ich in das leere Zimmer hinein und warte, als ob ich eine Antwort erwarten könnte. Mit einem Seufzer schließe ich den Laptop und lasse ihn in meine Reisetasche gleiten. Dann knipse ich das Licht aus und versuche, nicht daran zu denken, wie unausgegoren mein Plan doch ist. Hauchdünn wie Papier und an den Kanten schon eingerissen.
Unten stelle ich meine Tasche neben die Couch und gehe in die Küche, um noch das letzte Geschirr wegzuräumen, das ich heute Nachmittag abgewaschen habe. Im Kühlschrank steht im obersten Fach eine Dose Cola-Light. Ich öffne sie, um möglichst viel Koffein in mich reinzuschütten.
Im Fenster über der Spüle spiegelt sich der Raum, und ich ziehe die Vorhänge zu. Ich trinke einen großen Schluck Cola, und die Kohlensäure schenkt mir neue Energie. Hinter mir summt Evas Handy.
Ich nehme es in die Hand, und auf dem Display leuchtet Privat
auf. Wieder diese Frau. Offenbar ist sie immer noch beunruhigt und hofft, dass Eva sie zurückruft. Ich frage mich, wie oft sie wohl noch anrufen wird, bevor sie kapiert, dass Eva nicht mit ihr sprechen will und dass es wohl doch nicht die Art von Freundschaft war, die sie sich vorgestellt hat. Sie tut mir leid, wer auch immer sie ist. Ihre Sorge läuft ins Leere, und sie wird nie erfahren,
dass sie damit bei der Falschen gelandet ist.
Nach ein paar Sekunden leuchtet das Display mit einer neuen Nachricht auf. Ich bin versucht, sie zu ignorieren und zu löschen, ohne sie abzuhören, aber die Neugier ist stärker. Ich möchte noch einmal ihre Stimme hören und mir einbilden, dass ihre Sorge mir gilt. Dass da draußen jemand ist, der hofft, dass ich in Sicherheit bin. Dass ich glücklich bin. Ich drücke auf Play
.
Aber es ist gar nicht die Frau, die nach Eva sucht. Ich erkenne die Stimme wieder. Ich habe sie schon Hunderte Male gehört, direkt an meinem Ohr.
Mrs. Cook, hier ist Danielle. Ich weiß, dass Sie nicht in diesem Flugzeug saßen. Sie müssen mich unbedingt zurückrufen.
Es rauscht in meinem Kopf, und mein Herz schlägt gegen meine Brust, in einem Rhythmus, der zu sagen scheint: Sie wissen es. Sie wissen es. Sie wissen es.
Die Cola-Dose gleitet mir aus den Fingern und fällt zu Boden.
Ich starre auf das Handy, kann nicht atmen. Wie viele Nachrichten habe ich schon abgehört, die genau wie diese begannen? Ich fühle mich in die Vergangenheit zurückversetzt und bin wieder verkrampft und angespannt.
Hier ist Danielle.
Mit Fragen zu meinen Versäumnissen oder zu Aufgaben, die ich vergessen habe.
Hier ist Danielle.
Die ständig Druck macht und mich beobachtet.
Hier ist Danielle.
Und sie hat mich gefunden. Das bedeutet, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis Rory sich auf den Weg macht. Die Dose zu meinen Füßen liegt auf der Seite, und dunkelbraune Flüssigkeit läuft aus. Auf dem Boden bildet sich eine Lache, die wie Blut aussieht.