13.
„
J
a, bitte?“, tönte es leicht blechern durch die Sprechanlage. Benno und Gruber standen vor dem Grundstück der Dinnebiers und einem mehr als mannshohen Tor aus stabilem Schmiedeeisen.
„Frau Dinnebier?“ Gruber hob seinen Dienstausweis vor die Linse der Überwachungskamera. Das Gerät, an dessen Seite ein kleines, rotes Lämpchen blinkte, saß außerhalb ihrer normalen Reichweite, relativ weit oben an einer Ziegelmauer, deren Höhe Benno gut und gerne auf drei Meter schätzte. Er blickte sich um und registrierte, dass die umliegenden Häuser bei weitem nicht mit derartigem Schnickschnack ausgestattet waren, zumindest sah er keine weiteren Kameras oder Ähnliches. Und die Grundstückseinfriedungen bestanden in den üblichen Hecken oder Zäunen.
Warum, zur Hölle, fragte er sich, verschanzte sich also das Ehepaar Dinnebier hinter einem solchen Wall? Hatten sie so große Sorge um ihren Besitz? Ihre Privatsphäre? Oder gab es was zu verbergen? Immerhin war das hier ja keine Großstadt mit schwindelerregender Kriminalitätsrate, sondern eine eher beschauliche Gegend … Na ja, von den Morden des letzten halben Jahres mal abgesehen. Aber trotzdem!
„Ja, bitte?“, erwiderte die Frau. „Das bin ich. Was kann ich für Sie tun?“
„Mein Name ist Gruber, ich komme von der Kripo. Das hier …“ Er deutete auf Benno. „Das ist mein Kollege, Kommissar Hagemann. Wir würden uns gerne mit Ihnen unterhalten und Ihnen ein paar Fragen zu einem aktuellen Fall stellen.“
„Kripo?“, kam es reichlich abweisend zurück. „Das passt mir im Augenblick eigentlich gar nicht. Worum geht es denn?“
Gruber wechselte einen Blick mit Benno und zwinkerte ihm zu, als hätte er nichts anderes erwartet.
„Um einen Mordfall“, erklärte er höflich. „Näheres dazu würden wir aber gerne mit Ihnen persönlich besprechen. Wenn wir ungelegen kommen, können Sie aber auch auf dem Präsidium vorbeischauen.“
„Muss das denn wirklich sein?“, fragte die Frauenstimme. „Ich bin sicher, ich kann nicht das Geringste zur Klärung Ihres Falles beitragen, worum auch immer es geht und um wen. Wir pflegen keinerlei Umgang mit zwielichtigen Subjekten, das kann ich Ihnen versichern.“
Benno konnte ein abfälliges Schnauben nicht unterdrücken. Die Dame klang genauso blasiert und hochnäsig, wie er sich eine typische Klischee-Adelige vorstellte.
„Das zu beurteilen dürfen Sie getrost uns überlassen, Frau Dinnebier.“ Gruber schmunzelte in die Kamera.
„Also, ich sehe wirklich nicht ein …“ Eine zweite Stimme unterbrach die Unterhaltung.
„Was ist denn hier los?“
Männlich, jung, ungeduldig, konstatierte Benno und hob eine Braue. Er schaute zu Gruber, der den Blick mit gerunzelter Stirn erwiderte. Ein paar Wortfetzen drangen noch aus der Sprechanlage, dann wurde sie offenbar abgeschaltet. Nur Augenblicke später ertönte ein Summen und dann ein leises Klacken, als das schmiedeeiserne Tor von drinnen geöffnet wurde.
Obwohl sie nicht verbal dazu aufgefordert wurden, traten Benno und Gruber hindurch und näherten sich gemächlichen Schrittes dem Haus. Es handelte sich dabei um eine Art flachen Bungalow, weiß getüncht, mit einem dunkelgrauen Schieferdach und ebensolchen Fensterrahmen. Sorgfältig in Form gestutzte immergrüne Ziergehölze standen in sauber geharkten, weißen Kiesbeeten, dazwischen breitete sich dichter, gepflegter Rasen aus. Auf der linken Seite war eine breite Garage angebaut, davor befand sich ein Stellplatz für zwei Fahrzeuge, von denen einer mit einem recht neu aussehenden, silbergrauen Mercedes belegt war.
Das Grundstück selbst war weitläufig und erstreckte sich, nach dem, was Benno von hier vorn sehen konnte, hinter dem Gebäude noch beträchtlich. Fast erinnerte es ihn an einen Park im Miniaturformat.
„Wow“, murmelte er. „Ich hab eindeutig den falschen Job. Zahnarzt scheint mir definitiv lukrativer zu sein.“
Gruber lachte leise.
„Dinnebier verdient sicher nicht schlecht, aber ich denke mal, hier ist auch eine Menge altes Geld von der Familie seiner Frau im Spiel“, erklärte er. Inzwischen hatten sie sich der Haustür bis auf wenige Meter genähert und selbige schwang langsam auf. In ihrem Rahmen wurde ein junger Mann sichtbar, der ihnen ernst entgegenblickte. Er trug das blonde Haar seitlich akkurat gescheitelt, was zu seinen fein geschnittenen, aristokratisch anmutenden Gesichtszügen und der hochmütigen Miene durchaus passte. Außerdem steckte er in einer dunklen Stoffhose mit Bügelfalte und einem blauen Pullover, in dessen Ausschnitt der Kragen eines weißen Hemdes sichtbar war. Ungewöhnlich für einen Mann seiner Altersgruppe, wie Benno fand.
Da fehlt ja eigentlich nur noch das Halstuch, dann ist der adelige Dandy-Verschnitt komplett
, dachte Benno und versuchte das Alter ihres Gegenübers genauer einzuschätzen. Es war nicht einfach, nicht zuletzt eben wegen des Kleidungsstils. Sicher war Benno sich nur darüber, dass der junge Mann die dreißig noch nicht erreicht haben konnte.
„Sie kommen von der Kripo?“, war die erste Frage, die an sie gerichtet wurde. „Kann ich Ihre Ausweise sehen?“
So wie es ausgesprochen wurde, klang es eher nach einer Forderung als nach einer Bitte. Trotzdem leisteten sie beide Folge und wurden nach sorgfältiger Prüfung der Plastikkärtchen ins Innere des Hauses vorgelassen.
„Meine Mutter wird Sie im Salon empfangen“, sagte der junge Mann und beantwortete damit auch die bislang unausgesprochene Frage nach seiner Identität. Er war demnach der Sohn der Dinnebiers.
„Sie sind also der Sohn des Hauses, nehme ich an?“, kleidete Gruber seine Vermutung dann auch in Worte.
„Richtig.“ Keine weitere Erklärung, kein Name, nichts. Seine Arroganz war regelrecht mit den Händen greifbar und Benno spürte, wie es in ihm zu brodeln begann.
„Würde es Ihnen etwas ausmachen, uns Ihren Namen mitzuteilen?“, fragte er und bezwang seinen Unmut. Dinnebier junior blieb stehen, warf ihm einen langen, abschätzigen Blick zu und sagte dann: „Ich bin Frederick von Froning, Herr Kommissar.“
„Von Froning? Nicht Dinnebier?“, hakte Gruber nach.
„Ganz recht“, bestätigte der junge Mann. „Meine Mutter brachte mich noch vor ihrer Eheschließung zur Welt, daher trage ich ihren Mädchennamen.“
„Wollten Sie das denn nicht ändern, als Sie älter wurden?“, entfuhr es Benno. Im nächsten Moment biss er sich auf die Zunge. Das ging ihn weder etwas an, noch trug es in irgendeiner Form zur Lösung ihres Falles bei. Es interessierte ihn lediglich. Wieder wurde er gemustert und fühlte sich unwillkürlich, als wäre er ein besonders interessantes Exemplar einer seltenen Insektenart oder etwas Ähnliches. Stirnrunzelnd verscheuchte er das Gefühl.
„Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Nein. Niemals. Ich bin stolz, den Namen dieser altehrwürdigen Familie zu tragen und ihn eines Tages auch an meine eigenen Kinder weiterzugeben. Ist Ihre Neugier damit befriedigt?“
„Natürlich.“ Benno fühlte, dass er rot wurde, und ärgerte sich darüber. Der Kerl war locker an die zehn Jahre jünger als er selbst und benahm sich, als wäre er einem Edelmann hinten rausgefallen! … Na ja, keinem Edelmann
, sondern wohl eher einer …
Schluss mit dem Blödsinn!
, ermahnte sich Benno. Der Kerl ist schlicht und ergreifend ein arrogantes Arschloch, basta!
„Gut. Dann werde ich Sie jetzt zu meiner Mutter führen. Es wäre übrigens nett von Ihnen, wenn Sie ihre Zeit nicht über Gebühr beanspruchen würden. Sie und ich haben nämlich noch einen überaus wichtigen Termin.“
Klar,
sagte sich Benno. Polizeiliche Ermittlungen in einem Mordfall sind ja auch bloß ein lästiges Übel. Nicht zu vergleichen mit den überaus wichtigen Angelegenheiten von irgendwelchen adeligen Korinthenkackern. Und dass die in Wirklichkeit den ganzen Tag nichts tun, als Sekt zu trinken und ihre Kohle zu zählen, ist bestimmt auch bloß ein Vorurteil.
Woher diese Gedanken kamen, vermochte Benno nicht zu sagen. Vielleicht lag es ja nur an dieser „Ich bin besser als ihr und ihr könnt nicht das Geringste dagegen tun“
-Attitüde von diesem Frederick von Froning. Natürlich war ihm klar, dass längst nicht alle Menschen mit adeliger Abstammung bornierte Arschlöcher waren, aber im Augenblick konnte er nichts gegen seine instinktive Abneigung tun.
„Reiß dich am Riemen, Mann!, beschwor er sich und verscheuchte seine Gedanken mit einem kurzen Räuspern.
Frederick von Froning hatte sich inzwischen abgewandt und marschierte zügig voraus. Während sie ihm folgten, schaute Benno sich um und fand seinen ersten Eindruck bestätigt: In diesem Haus stank es an jeder Ecke geradezu nach Geld.
Der großzügige Eingangsbereich war mit auf Hochglanz poliertem, schwarzem Marmor ausgelegt, auf den wenigen Möbeln fand sich kein Stäubchen, dafür standen hier und dort Plastiken und andere Kunstgegenstände herum, die sicherlich ein Vermögen gekostet hatten. Sie waren allesamt dezent beleuchtet, um sie dem Auge eines etwaigen Betrachters möglichst unaufdringlich zu präsentieren, ohne sie zu sehr in den Hintergrund zu rücken. Das erklärte womöglich die Sicherheitsmaßnahmen, über die Benno sich anfangs so gewundert hatte.
Ein offener Durchgang schloss sich nahtlos an und führte in ein riesiges Wohnzimmer, ebenso sparsam, aber teuer möbliert. Das war dann wohl der sogenannte Salon?
Wieder ließ Benno den Blick neugierig herumwandern. Chrom, Stahl und dunkles Holz dominierten den Raum, abgemildert durch dicke, cremefarbene Teppiche, ein paar Grünpflanzen, weitere Plastiken und einen großen Kamin. Einige Sessel waren davor platziert worden, doch sie wirkten mit ihren schwarz glänzenden Bezügen weniger einladend als abschreckend auf Benno. Auf der anderen Seite des Zimmers dominierte ein riesiger Flatscreen den Raum, davor eine Sitzgarnitur, bestehend aus einer wuchtigen Couch und zwei Sesseln, ebenfalls mit schwarzen, glatten Bezügen. Darauf ein paar vereinzelte cremefarbene Kissen, die das Ganze wirken ließen wie die gekünstelten Arrangements in einer Möbelausstellung.
An den Wänden hingen einige abstrakte Gemälde, die für Benno aussahen wie wirre Klecksereien in aggressivem Rot auf weißem Grund, eingefasst in schwarze Rahmen. Vermutlich ebenso teuer wie hässlich.
Für ihn hatte dieser sogenannte Salon den Charme einer Bahnhofshalle und freiwillig hätte er sich bestimmt nicht länger dort aufgehalten. Viel zu steril und aufgesetzt wirkte das alles.
Die Dame des Hauses erwartete sie stehend vor der riesigen Fensterfront, hinter der man das weitläufige, noch winterlich kahle Grundstück und einen abgedeckten Swimmingpool sehen konnte. Eine Hand hatte sie dabei auf die Rückenlehne eines Sessels gelegt, fast so, als bräuchte sie den zusätzlichen Halt. Ihre Miene wirkte … beherrscht, besser ließ es sich nicht beschreiben.
Die Ähnlichkeit mit ihrem Sohn war unübersehbar. Das gleiche blonde Haar, sorgfältig frisiert, die gleichen zarten Gesichtszüge und auch die blauen Augen hatte Frederick von Froning offenbar von seiner Mutter geerbt. Sie trug ein schickes Kostüm, eine zweireihige Perlenkette um den Hals und dazu passende Ohrringe. Ihr Make-up war dezent, aber erkennbar und der leichte blumige Duft nach einem teuren Parfüm umwehte sie.
„Frau Dinnebier?“ Gruber ging auf sie zu und streckte die Rechte aus. Sie nickte, ergriff sie, ohne zu lächeln und gleich darauf auch die von Benno.
„Um was geht es denn?“, kam sie ohne weitere Umschweife zur Sache. „Sie sprachen von einem aktuellen Fall?“
„So ist es“, bestätigte Gruber. Bisher hatte Frau Dinnebier ihnen noch nicht angeboten, Platz zu nehmen, und auch von ihrem Sohn, der bereits in einem der Sessel saß, die Beine lässig übereinandergeschlagen, kam nichts dergleichen.
Erneuter Ärger wallte in Benno auf. Für wen hielten sich diese Leute? Und für wen hielten sie ihn und Gruber? Für Bittsteller, denen sie huldvoll gestatteten, ihr Anliegen vorzutragen?
„Sie erlauben sicher, dass wir uns setzen?“, fragte er barsch und wartete die Antwort nicht ab. Von ihm aus konnten sich diese Dinnebiers oder von Fronings ihre Standesdünkel sonst wo hinstecken!
Er ließ sich auf einem weiteren Sessel nieder und bemerkte zu seiner Genugtuung, dass Gruber den Sinn dahinter offenbar verstand, denn er tat es ihm umgehend nach und setzte sich auf die Couch.
Frau Dinnebier presste einen Moment lang die Lippen zusammen, sagte jedoch nichts dazu und nahm stattdessen ebenfalls Platz.
„Also, um es kurz zu machen, Frau Dinnebier, Sie haben vielleicht davon gehört, dass vor einigen Tagen im hiesigen Wald ein Skelettfund gemacht wurde“, begann Gruber nun die Fakten darzulegen. Benno schwieg und beobachtete. „Wir konnten den Toten inzwischen identifizieren und auch die Todesursache feststellen. Nach unseren Ermittlungen handelt es sich um einen jungen Aserbaidschaner namens Ahmad Gazizow.“ Er machte eine Pause und Frau Dinnebier runzelte die Stirn.
„Das ist ja alles recht interessant, Kommissar Gruber“, sagte sie und es klang eindeutig abweisend. „Aber was habe ich damit zu tun?“ Sie zuckte demonstrativ mit den Schultern. „Ich kenne keinen … wie sagten Sie gleich, war der Name? Ahmad irgendwas?“
„Gazizow, gnädige Frau. Ahmad Gazizow“, wiederholte Gruber geduldig.
„Wie auch immer“, fiel ihnen der junge von Froning ins Wort und gestikulierte ungehalten. „Ich verstehe wirklich nicht, warum Sie damit zu uns kommen. Weder meine Mutter noch ich kennen diesen … diesen – Gazizow!“
„Nun, Ihr Herr Vater dafür schon“, sagte Benno kühl und seine Worte brachten den jungen Mann abrupt zum Verstummen.
„Mein Vater?“, echote er.
„Mein Mann?“ Frau Dinnebier legte sich in einer merkwürdig gekünstelt wirkenden Geste eine Hand auf die Brust. „Aber …?“
„Ihr Mann hat das Opfer identifiziert“, erläuterte Gruber und warf Benno einen mahnenden Blick zu. „Er hat den jungen Mann offenbar regelmäßig in seiner Praxis behandelt und konnte daher einen Abgleich der Zähne des Toten mit alten Röntgenbildern vornehmen.“
Frau Dinnebier und auch ihr Sohn wirkten nachdenklich. Schließlich schüttelte von Froning den Kopf und sagte: „Trotzdem verstehe ich immer noch nicht, warum Sie damit zu meiner Mutter kommen? Es ist doch sicher nicht strafbar, jemanden zahnärztlich zu behandeln?“ Noch immer wirkte er arrogant und überheblich, aber irgendwie hatte Benno das Gefühl, seine aalglatte Fassade hätte einen hauchfeinen Riss bekommen. Unruhiges Verändern der Sitzposition und häufiges Blinzeln schienen ihm eindeutige Hinweise zu sein, dass der junge Mann etwas vor ihnen verbarg.
Benno warf einen Blick zu Gruber hinüber und als der unmerklich nickte, lehnte er sich leicht nach vorn, um seinen nächsten Worten mehr Gewicht zu verleihen.
„Es wird Sie vielleicht interessieren, Frau Dinnebier, dass es Gerüchte darüber gibt, dass Ihr Mann sich diese Zahnbehandlungen auf eine … nun, sagen wir sehr spezielle Art und Weise bezahlen ließ?“
Verständnislos starrte sie ihn an.
„Auf eine spezielle Art und Weise?“, wiederholte sie. „Was …?“
Weiter kam sie nicht. Wie aus einer Kanone abgefeuert sprang ihr Sohn auf die Füße.
„Was erlauben Sie sich? Derartig infame Unterstellungen auszusprechen? Noch dazu in Abwesenheit meines Vaters! Wenn er hier wäre, würde er …“
„Oh, ich denke, ich habe bereits eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was er tun würde“, unterbrach Gruber ihn gelassen. „Er hat es meinem Kollegen heute Morgen bereits mit ziemlich blumigen Worten beschrieben. Wenn ich mich recht erinnere, meinte er, wir würden es bitter bereuen, sollten wir versuchen, ihn – Zitat: in irgendwas reinzuziehen. War es nicht so, Benno?“
Der Angesprochene nickte.
„Ziemlich exakt sogar. Und nur um das Ganze hier und jetzt vielleicht etwas abzukürzen: Das war, nachdem
er den sexuellen Umgang mit Ahmad Gazizow bereits eingeräumt hatte. Weitere Details seiner Äußerungen erspare ich Ihnen, das sollten Sie besser mit Ihrem Gatten unter vier Augen klären.“
Frau Dinnebier war kalkweiß geworden, ihr Sohn dafür umso röter. Eine Ader pochte auf seiner Stirn und er deutete, vor Wut zitternd, in Richtung Haustür.
„Die Unterhaltung ist beendet. Verlassen Sie auf der Stelle unser Haus“, sagte er und es klang, als könnte er sich nur mühsam beherrschen, nicht loszuschreien. „Für diese haltlosen Unterstellungen und infamen Beleidigungen hören Sie von unserem Anwalt! Dass Sie es überhaupt wagen, solche Dinge hier vorzubringen!“
Gruber und Benno tauschten einen kurzen Blick, dann standen sie auf.
„Auf Wiedersehen, Frau Dinnebier. Sollten wir noch weitere Fragen an Sie haben …“, begann Gruber, wurde jedoch unterbrochen.
„Oh nein! Nichts da! Sie werden dieses Haus nicht noch einmal betreten und meine Mutter mit keinen weiteren Fragen mehr behelligen, haben Sie verstanden? Und falls nicht, werde ich höchstpersönlich dafür sorgen! Ich bin sicher, auf höherer Ebene wird man sehr daran interessiert sein, wie Sie Ihren Beruf ausüben und dabei angesehene Bürger belästigen“, herrschte von Froning ihn an. „Oder glauben Sie ernsthaft, ich gestatte Ihnen, weiter solch haltlosen Schmutz über meiner Familie auszugießen? Ich werde …“
„Jetzt passen Sie mal auf, Herr von Froning!“ Gruber wandte sich dem jungen Mann zu und erhob nun ebenfalls die Stimme. „Wir ermitteln hier in einem Mordfall und das ist immer noch ein Kapitalverbrechen! Wen wir dazu befragen, das entscheiden wir und der Staatsanwalt, nicht Sie! Sie können von mir aus einen Anwalt beauftragen oder sich, genau wie übrigens auch Ihre Mutter, auf Ihr Zeugnisverweigerungsrecht berufen, aber was Sie nicht können, ist, mir zu erklären, wie wir unsere verdammte Ermittlung zu führen haben!“
Sichtlich konsterniert klappte von Froning den Mund wieder zu und beschränkte sich darauf, Benno und Gruber mit Blicken zu erdolchen.
„Wir finden allein nach draußen“, erklärte Gruber noch brüsk und marschierte dann in Richtung Ausgang. „Komm, Benno.“
Der folgte ihm bereits und wenige Augenblicke später standen sie wieder vor dem schmiedeeisernen Tor.
„Was für ein arrogantes Arschloch“, hörte Benno seinen Partner murmeln und hob die Hand, um ihm auf die Schulter zu klopfen.
„Vergiss es“, sagte er und ging auf ihren Dienstwagen zu, den sie ein Stück die Straße runter geparkt hatten.
„Nein!“, widersprach Gruber ungewohnt heftig. „Ich will das aber nicht vergessen! Ich meine …“ Er blieb stehen, drehte sich halb zum Haus um und wies mit der Hand in die entsprechende Richtung. „Wie alt ist dieses Milchgesicht? Anfang zwanzig? Und behandelt uns, als wären wir … keine Ahnung, irgendwelche Dienstboten? Oder Bittsteller? Was bildet der sich ein, wer er ist? Nur weil seine Mutter eine geborene von Froning ist und er vermutlich mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen, sind alle anderen Leute Dreck? Ich glaube, es hackt!“
„Hey?“ Benno runzelte besorgt die Stirn. „Reg dich nicht wegen diesem Bengel auf. Das ist der doch gar nicht wert! Oder kannst du dir vorstellen, dass Kremer oder Steiner sich ausgerechnet von dem Vorschriften machen lassen?“
Er wusste natürlich, dass auch die Genannten ebenfalls Vorgesetzte hatten und allein die Tatsache, dass Akten aus dem Archiv verschwinden konnten, ohne dass nachvollziehbar gewesen wäre, wohin oder wer sie genommen hatte, war tatsächlich mehr als besorgniserregend. Aber gerade im Moment ging es ihm in erster Linie darum, seinen Partner zu beruhigen. Immerhin hatte er Gruber schon einmal bei einem mittelschweren Herzanfall überrascht und wollte nicht erleben, dass der sich jetzt in einen zweiten hineinsteigerte, wenn nicht gar Schlimmeres. Und die aktuelle Gesichtsfarbe seines Kollegen gefiel ihm überhaupt nicht, ebenso wenig wie der dünne Schweißfilm, der seine Haut überzog, oder dessen hektisches Atmen.
„Horst, dieser Kerl ist doch sicher nicht der Erste, der dir im Job doof kommt, oder? Du bist doch Profi!“
„Scheiß auf Profi!“, blaffte Gruber und machte ein paar Schritte vorwärts. „Ich hab’s satt, Benno! Verstehst du? Dieses verwöhnte Blag! Auf was ist der so verflucht stolz, hm? Hat der schon irgendwas erreicht in seinem Leben? Der ist doch auch bloß eines von diesen Scheiß-Arschlöchern, die immer meinen, mit allem durchzukommen, bloß weil sie Beziehungen
haben! Oder Geld! Oder beides! Aber weißt du, was das Schlimmste daran ist?“ Er blieb stehen und drehte sich zu Benno um. Sein Gesicht wirkte grau und eingefallen und er raffte mit einer Hand an seinem Kragen herum.
„Horst! Du musst dich beruhigen!“, bat Benno.
„Das wirklich Schlimme daran …“, setzte Gruber seine Tirade fort, verfiel dabei aber immer mehr ins Keuchen. „Das wirklich Schlimme ist, dass sie …“ Er stockte, ließ den Kopf hängen und tastete um sich herum nach Halt. Mit einem Satz war Benno bei ihm, ergriff den ausgestreckten Arm, konnte aber nicht viel mehr tun, als den Mann mehr oder weniger sanft zu Boden gleiten zu lassen.
„Horst?“ Sein Partner lag vor ihm auf dem Asphalt des Gehwegs, röchelte erstickt und lief blau an. Die Augen verdreht, begann er zu zucken. „Scheiße!“ Panik erfasste Benno. Mit fliegenden Fingern fummelte er sein Handy aus der Tasche und wählte den Notruf …