»Ich muss jetzt weg. In 90 Minuten geht mein Flug«, sagte Fleischer und fing an, einige Papiere auf seinem Schreibtisch in die Aktentasche zu stecken. »Hätte ich gewusst, worüber Sie mit mir sprechen wollen, hätte ich mir mehr Zeit genommen.«
Nach diesen Worten erhob er sich und begleitete Ben an die Tür, wo er ergänzte: »Lassen Sie uns nach meiner Rückkehr noch einmal in Ruhe reden. Okay?«
Kaum war Ben gegangen, brach es aus ihm heraus: »Was für ein Timing!« Ausgerechnet an dem Tag, wo er beim Vorstand seine Haut retten musste, kündigte sein Verkaufsleiter. Wütend fegte er ein Buch, das am Rand seines Schreibtischs lag, zu Boden und rief: »Das hab ich mir ganz anders vorgestellt!«
Und im selben Moment fiel ihm ein, dass er sich heute Morgen auf dem Stuhl dafür entschieden hatte, sein Bestes zu geben.
»Ich bin für das, was ist«, wiederholte er langsam und bedacht. Dabei atmete er ein paar Mal tief ein und aus. Durch Schimpfen und Dagegen-Sein würde er nur noch mehr Stress auslösen. Das Leben war schon anstrengend genug. Da brauchte er nicht doppelt Stress. Außerdem half ihm Schimpfen weder, die Sitzung in der Zentrale zu meistern noch Bens Posten schnellstmöglich neu zu besetzen.
Er spielte in Gedanken die Riege seiner Mitarbeiter durch und blieb bei Georg hängen. »Vielleicht könnte er ja …« Er unterbrach den Gedanken und erinnerte sich an das, was er gelernt hatte: »Die Neubesetzung der Stelle ist jetzt gerade nicht wichtig. Ich muss den Flieger erwischen, um pünktlich in der Sitzung mit dem Vorstand zu sein. Sonst kann ich mir selber einen neuen Job suchen.«
Hastig schnappte er sich seine Aktentasche und machte sich auf den Weg zum Flughafen. Obwohl er zu spät losgefahren und auch noch in einen kleinen Stau auf der Ringstraße geraten war, kam er einigermaßen pünktlich am Airport an. An der Sicherheitskontrolle erwartete ihn eine lange Schlange.
»Auch das noch!« Wieder atmete Fleischer tief durch und dachte: Jammern hält den Flieger auch nicht auf. Dann wandte er sich an die Wartenden vor ihm und fragte freundlich: »Würden es Ihnen etwas ausmachen, mich vorzulassen? Ich bin heute viel zu spät dran … Vielen Dank.«
Als er am Kontrollpunkt angelangt war, kam eine Lautsprecherdurchsage: »Der Start der Maschine DF1213 muss aus technischen Gründen voraussichtlich um zwei Stunden verschoben werden. Wir bitten, diese Unannehmlichkeit zu entschuldigen. Weitere Informationen zum Flug erhalten Sie am Gate.«
»Nein«, rief Fleischer entrüstet. »Das gibt’s doch nicht! Das Meeting … Die können doch nicht einfach den Flug …«
Plötzlich hielt er inne. Das sah ganz nach einer Trainingseinheit aus. »Okay, ich bin bereit«, sagte er mit einem Schmunzeln, stellte seine Aktentasche auf das Förderband und ging durch den Scanner.
Am Gate angekommen, beobachtete Fleischer eine Weile die anderen Passagiere.
»Das ist der Gipfel«, ereiferte sich ein Geschäftsmann im eleganten Anzug am Counter. Ihm stand die Zornesröte im Gesicht. »Auf Ihre Fluggesellschaft ist kein Verlass. Das lasse ich mir nicht bieten!«
Eine ältere Dame im Kostüm befahl ihrer Sekretärin lautstark am Handy: »Sie müssen mich sofort umbuchen auf eine andere Maschine.« Während ihre Gesprächspartnerin antwortete, lief sie nervös auf und ab und sagte schließlich in harschem Tonfall: »Das kann doch nicht so schwer sein!«
Ein junger Mann saß blass und wie gelähmt im Wartebereich und starrte ins Leere. Für ihn schien alles gelaufen zu sein. Das Bodenpersonal versuchte geduldig, aber vergeblich, die Wartenden zu beruhigen.
Erleichtert stellte Fleischer fest, dass er bereits ein bewusster und geübter Zeuge seiner eigenen Klagelieder geworden war. Vor ein paar Monaten hätte er ebenfalls an den Mitarbeitern der Fluggesellschaft seinen Dampf abgelassen. Aber die enttäuschten Fluggäste hatten ja recht in dem, was sie dachten und fühlten. Sie durften sich aufregen, ihr neuronales Gitterbett gab eben gerade nicht mehr her.
Er setzte sich etwas abseits vom Gate auf eine Bank und überlegte, wie er auf diese ungünstige Situation sportlich reagieren konnte. Jetzt war Krisenmanagement angesagt: »Welche Lösungsoptionen habe ich? In der Zentrale anrufen, dass ich nicht kommen kann. Nein, ein Mann geht seinen Weg. Einen Mietwagen buchen? Nein, die Fahrt dauert zu lang, und ich komme ganz fertig an.«
Nachdem er mehrere Handlungsmöglichkeiten durchgespielt hatte, entschied er sich dafür, zu pokern und auf die Fluggesellschaft zu setzen, die bisher immer sehr serviceorientiert war. Die Sitzung begann am späten Nachmittag. Wenn es tatsächlich mit zwei Stunden Verspätung losgehen würde, könnte er es schaffen.
Und wenn er sich jetzt aufregte, würde er die ganze Energie verausgaben, die er für das Meeting benötigte. Außerdem hatten Wartezeiten auch etwas Gutes: Man konnte sich Themen widmen, die ebenfalls wichtig waren.
Er schaute auf die Uhr. Halb elf. Perfekt. Paul hatte gerade zweite Pause in der Schule.
Fleischer lehnte sich zufrieden im Sitz zurück. Der jugendliche Elan seines Sohnes war so erfrischend. Das tat gut an einem harten Trainingstag wie diesem.
Überhaupt hatte sich das wöchentliche Vater-Sohn-Gespräch, das er eingeführt hatte, als voller Erfolg erwiesen. Nicht nur, dass er sich die ganze Woche darauf freute, die Themen, die seinen Filius bewegten, zu erfahren. Er lernte Paul auch von einer ganz neuen, reifen Seite kennen. Seine Ansichten mochten nicht immer den seinen entsprechen, aber die Argumente, die er vorbrachte, hatten stets Hand und Fuß und waren mit Entschlossenheit vorgebracht. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, dachte Fleischer nicht ohne Stolz.
Er schaute wieder auf die Uhr. Bis zum Abflug blieb über eine Stunde. Genug Zeit, um noch einmal die Präsentation für die Sitzung mit dem Vorstand zu studieren. Er öffnete die Aktentasche, um seine Notizen hervorzuholen.
»Oh nein«, entfuhr es ihm, »wo sind denn die Unterlagen?«
Er durchwühlte alle Fächer, konnte aber bis auf das Deckblatt nichts finden.
»Mist!«
Wegen des Gesprächs am Morgen und der Hiobsbotschaft von Bens Kündigung hatte er seine Tasche nur mit halber Konzentration gepackt und das Wichtigste vergessen. Er verbarg sein Gesicht in den Händen und sagte leise: »Ohne die Unterlagen brauch ich gar nicht erst beim Vorstand anzutreten.«
Die Erfahrung, dass du deiner Kraft und Leistungsfähigkeit vertrauen kannst, erfüllt dich mit Selbstachtung und verleiht dir Macht über dich selbst. Mit dieser Einstellung ist das Leben nicht länger eine Abfolge von Ärger, Unlust, Ohnmacht oder Niederlagen, sondern eine stärkende und lehrreiche Trainingseinheit. Dann entscheidest du allein über Erfolg oder Misserfolg!