Leseprobe zu:

Oliver Sacks

Alles an seinem Platz

Erste Lieben und letzte Fälle

Cover

Der Neurologe Oliver Sacks ist durch seine Fallgeschichten weltberühmt geworden. Er hat eine neue Form des Verständnisses für seine Patienten entwickelt, indem er deren Eigenheiten nicht als Defekte oder Behinderung abtat, sondern sie in ihrer Besonderheit wahrnahm und beschrieb. Seine Botschaft: Wer von der Norm abweicht, ist anders, aber nicht weniger wert als die sogenannten Normalen. Im Gegenteil: Viele Krankheiten ermöglichen ganz besondere Fähigkeiten der Wahrnehmung.

 

Als Sacks 2015 starb, hinterließ er eine Fülle von Aufzeichnungen: über sein eigenes Leben, über Patienten, über Lektüren und Reisen. Seine engsten Mitarbeiter haben daraus ein Buch zusammengestellt, das den Autor Oliver Sacks noch einmal in der ganzen Fülle seines Beobachtens und Denkens zeigt. Der Band enthält faszinierende autobiographische Miniaturen ebenso wie Studien über wichtige Fälle aus der Praxis des Arztes.

 

Das Spektrum der Texte ist denkbar breit: Der Autor schreibt über Depressionen und Psychosen, über das Tourette-Syndrom, Krebs- und Demenzerkrankungen, Träume und Halluzinationen. Und er gibt Einblicke in seine persönliche Welt, indem er sein Faible für Farngewächse und Ginkgobäume beschreibt und von seinem meistgeliebten Sport erzählt: dem ausgiebigen Schwimmen in Seen und Flüssen. Das höchst lesenswerte Vermächtnis eines Autors von Weltrang.

Wir waren alle Wasserbabys, meine drei Brüder und ich. Mein Vater, der ein Schwimm-Champ war (er hat die drei Meilen vor der Isle of Wight drei Jahre hintereinander gewonnen) und für sein Leben gern schwamm, machte uns schon mit dem Wasser vertraut, als wir kaum eine Woche alt waren. In diesem Alter schwimmt man instinktiv, daher habe ich, ob es mir recht war oder nicht, niemals schwimmen «gelernt».

Daran musste ich denken, als ich die Karolinen in Mikronesien besuchte, wo ich sah, wie Kleinkinder furchtlos in den Lagunen tauchten und schwammen, wobei sie meist wie Hunde paddelten. «Nicht schwimmen können» gibt es dort nicht; die Insulaner sind hervorragende Schwimmer. Magellan und andere Seefahrer, die im 16. Jahrhundert Mikronesien anliefen, waren begeistert, als sie die Insulaner schwimmen und tauchen sahen, und konnten nicht umhin, sie mit Delfinen zu vergleichen, als sie beobachteten, wie sie von Welle zu Welle sprangen. Vor allem die Kinder fühlten sich so heimisch im Wasser, dass sie einem Entdeckungsreisenden «eher wie Fische als wie Menschen» erschienen. (Anfang des 20. Jahrhunderts lernten Westler von den Pazifikinsulanern den Kraulstil, diesen eleganten, kraftvollen Armzug, den sie perfekt beherrschten und der dem menschlichen Körperbau so viel besser entspricht als das froschartige Brustschwimmen, das damals im Westen vorherrschte.)

Die Pubertät war eine schlimme Zeit. Ich bekam eine eigenartige Hauterkrankung: «Erythema annulare centrifugum», meinte ein Facharzt, «Erythema gyratum perstans», ein anderer – prächtige, volltönende, pompöse Wörter, aber keiner der Experten vermochte etwas dagegen auszurichten, und ich war mit nässenden Ekzemen bedeckt. Da ich aussah wie ein Leprakranker, oder es zumindest glaubte, wagte ich nicht, mich im Schwimmbad oder am Strand auszuziehen, und hatte nur gelegentlich das Glück, einen einsamen See oder Tümpel zu finden.

In Oxford wurde meine Haut plötzlich wieder rein, woraufhin meine Erleichterung so groß war, dass ich nackt schwimmen wollte, um zu fühlen, wie das Wasser ungehindert über jeden Teil meines

In Oxford wurde das Schwimmen für mich zu einer unwiderstehlichen Leidenschaft, und danach gab es keinen Weg zurück. Als ich Mitte der 1960er Jahre nach New York kam, begann ich, am Orchard Beach in der Bronx zu schwimmen; manchmal umrundete ich City Island – eine Schwimmstrecke, für die ich mehrere Stunden brauchte. So fand ich übrigens auch das Haus, in dem ich zwanzig Jahre lang lebte: Auf halbem Wege hatte ich haltgemacht, um mir einen entzückenden Pavillon am Ufer anzuschauen, war an Land gestiegen und die Straße entlanggeschlendert, als ich ein kleines rotes Haus erblickte, das zum Verkauf stand, hatte mich (immer noch tropfnass) von den verdutzten Eigentümern herumführen lassen, war zur Immobilienmaklerin gegangen, hatte sie davon überzeugt, dass ich es ernst meinte (sie war nicht an Kunden in Badehose gewöhnt), war auf der anderen Seite der Insel wieder ins Wasser gestiegen und zum Orchard Beach zurückgeschwommen. So hatte ich mir während des Schwimmens ein Haus gekauft.

Wenn es ging, schwamm ich von April bis November draußen – damals war ich abgehärteter –, im Winter ging ich in die örtliche YMCA-Schwimmhalle. 1976/77 errang ich den Titel des besten Langstreckenschwimmers des Mount Vernon YMCA in Westchester: Ich schwamm fünfhundert Bahnen – zehn Kilometer – in dem Wettbewerb und hätte weitergemacht, hätten die Kampfrichter nicht gesagt: «Es reicht! Bitte gehen Sie nach Hause.»

Im 13. Jahrhundert nannte es Duns Scotus condelectari sibi – den Wunsch, sich an der eigenen Tätigkeit zu erfreuen, und in unseren Tagen spricht Mihály Csikszentmihályi vom Flow. Schwimmen hat etwas inhärent Stimmiges, so wie alle fließenden und gewissermaßen musikalischen Tätigkeiten. Und dann ist da noch das Wunder des Auftriebs, des Schwebens in diesem dichten, transparenten Medium, das uns trägt und umfängt. Wir können uns in einer Weise im Wasser bewegen und mit ihm spielen, für die es in der Luft nichts Vergleichbares gibt. Wir sind in der Lage, in jeder beliebigen Richtung seine Dynamik und seinem Fluss zu erkunden; wir können unsere Hände wie Propeller bewegen oder wie kleine Ruder einsetzen, uns in kleine Wasserflugzeuge oder U-Boote verwandeln, die Strömungsphysik mit dem eigenen Körper erforschen.

Und zu alldem kommt noch die ganze Symbolik des Schwimmens – seine imaginativen Resonanzen, seine mythenbildenden Kräfte.

Mein Vater nannte Schwimmen das «Lebenselixier», und auf ihn traf das wohl wirklich zu: Er schwamm jeden Tag und wurde mit der Zeit nur ein wenig langsamer. Ich hoffe, ich kann es ihm nachtun und schwimmen, bis ich sterbe.

Solange ich zurückdenken kann, habe ich Museen geliebt. Immer haben sie eine zentrale Rolle in meinem Leben gespielt, indem sie meine Phantasie anregten und mir die Ordnung der Welt in lebhafter, konkreter Weise vor Augen führten, wenn auch in verkleinertem Maßstab, en miniature. Aus dem gleichen Grund schätze ich Botanische Gärten und Zoos: Sie zeigen einem die Natur, aber eine klassifizierte Natur, die Taxonomie des Lebens. Bücher sind nicht real in diesem Sinn, sie sind nur Wörter. Museen präsentieren reale Exemplare der Natur in sinnreicher Anordnung.

Die vier großen South-Kensington-Museen – alle auf demselben Stück Land gelegen und im gleichen hochviktorianischen Barock erbaut – wurden als eine Einheit mit vielen Aspekten konzipiert, als Versuch, Naturgeschichte, Naturwissenschaft und Kulturgeschichte öffentlich und für jedermann zugänglich zu machen.

Die South-Ken-Museen waren (zusammen mit der Royal Institution und ihren beliebten Weihnachtsvorträgen) eine einzigartige viktorianische Bildungseinrichtung, die für mich heute noch, wie in meiner Kindheit, der Inbegriff des Museums sind.

Es gab das Natural History Museum, das Geology Museum, das Science Museum und das Victoria and Albert Museum, das der Kulturgeschichte gewidmet war. Da ich der naturwissenschaftliche Typ war, ging ich nie ins V&A, aber die anderen drei waren für mich

Ich hatte viele Freunde im Natural History Museum – Cacops und Eryops, riesige fossile Amphibien, in deren Schädel sich ein Loch für ein drittes Auge befand, das Scheitelauge; die Würfelqualle Charybdea, die niederste Tierart mit Nervenganglien und Augen; die herrlichen Braunglasmodelle von Strahlentierchen und Sonnentierchen – aber meine tiefste Liebe, meine besondere Leidenschaft gehörte den Kopffüßern, von denen es dort eine prachtvolle Sammlung gab.

Stundenlang konnte ich mich in den Anblick der Tintenfische vertiefen: von Sthenoteuthis caroli, 1925 an der Küste Yorkshires gestrandet, oder des exotischen pechschwarzen Vampirtintenfischs (leider nur als Wachsmodell vertreten), eine seltene Tiefseeart mit schirmartigen Häuten zwischen den Armen, in deren Falten glänzende Sterne leuchteten. Und natürlich: Architeuthis, der Riesenkalamar, der Herrscher aller Tintenfische, in tödlicher Umarmung mit einem Wal.

Doch meine Aufmerksamkeit galt nicht in erster Linie den riesigen oder exotischen Exemplaren. Meine besondere Vorliebe gehörte den Ausstellungen der Insekten und Mollusken, der Möglichkeit,

Als die Museumsangestellten mich kannten, wurde ich durch eine verschlossene, massive Tür in die der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Räume des neuen Spirit Building gelassen, wo man Exemplare aus der ganzen Welt in Empfang nahm, sie untersuchte, sezierte, neue Arten identifizierte – und sie gelegentlich für Sonderausstellungen präparierte. (Eines war ein Quastenflosser, der gerade entdeckte «letzte noch lebende fossile Fisch» Latimeria, ein Geschöpf, von dem man geglaubt hatte, es sei seit der Kreidezeit ausgestorben.) Bevor ich nach Oxford ging, verbrachte ich endlose Tage im Spirit Building; mein Freund Eric Korn hielt sich dort ein ganzes Jahr lang auf. Damals waren wir alle vernarrt in die Taxonomie – waschechte viktorianische Naturforscher.

Ich liebte das altmodische Glas-und-Mahagoni-Ambiente des Museums und war empört, als man dem Haus während meines Studiums in den 1950er Jahren ein modernes, aufdringliches Outfit verpasste und dort trendige Ausstellungen veranstaltete. (Am Ende wurden sie sogar interaktiv.) Jonathan Miller, ein anderer Freund, teilte meinen Widerwillen und meine Nostalgie. «Ich sehne mich nach dieser sepiafarbenen Epoche zurück», schrieb er mir einmal. «Was gäbe ich drum, wenn dieser Ort plötzlich wieder in die körnige Einfarbigkeit von 1876 getaucht würde.»

Das Natural History Museum lag in einem wunderhübschen Garten, der beherrscht wurde von Sigillaria-Stämmen, einer lange ausgestorbenen fossilen Baumart, und einer Sammlung von Kala

Von dem jurassischen Fossiliengarten des Natural History Museum waren es knapp hundert Meter zum Geology Museum, in das sich, soweit ich sehen konnte, praktisch nie Besucher verirrten. (Leider gibt es das Museum nicht mehr; seine Sammlung ist dem Natural History Museum einverleibt worden.) Für das kundige, geduldige Auge war es voller außergewöhnlicher Schätze und stiller Freuden. Da gab es einen riesigen Kristall, einen Stibnit (Antimonsulfid) aus Japan. Er war einen Meter achtzig hoch, ein kristalliner Phallus, ein Totem, das mich auf eine besondere, fast ehrfurchteinflößende Weise faszinierte. Ein Phonolith, ein Klangstein, stammte vom Devils Tower in Wyoming; als die Museumswärter mich kannten, durfte ich ihn mit der Handfläche anschlagen, er gab einen dumpfen, aber gongartigen, widerhallenden Ton von sich, als hätte man gegen den Resonanzboden eines Klaviers geschlagen.

Mir gefiel die Atmosphäre dieser unbelebten Welt – die Schönheit der Kristalle, die Vorstellung ihrer Vollkommenheit, ihres Aufbaus aus identischen Atomgittern. Aber auch wenn sie vollkommen waren, gestaltgewordene Mathematik, so erregten sie mich doch mit ihrer sinnlichen Schönheit. Stundenlang starrte ich versunken auf die blassgelben Schwefelkristalle und lilafarbenen Fluoritkristalle – verschachtelt, kostbar, wie eine Meskalin-Vision – und, das andere Extrem, die seltsamen «organischen» Formen des Blutsteins, die so sehr wie die Nieren von Riesentieren aussahen, dass ich mich einen Augenblick lang fragte, ich welchem Museum ich sei.

Aber die eigentliche Offenbarung im Science Museum wurde mir zuteil, als ich zehn war: Oben im fünften Stock entdeckte ich das Periodensystem – keine dieser modernen Spiralen, dieser hässlichen, kleinen Dinger, sondern ein stabiles Rechteck, das eine ganze Wand einnahm, mit einem eigenen Kästchen für jedes Element und, wenn möglich, einer Probe des Elements: Chlor, grün-gelb; waberndes braunes Brom; pechschwarze (aber violett verdampfende) Jodkristalle; schwere, sehr schwere Urankugeln und in Öl schwimmende Lithium-Pillen. Sie hatten sogar Proben von den Inertgasen (oder «Edelgasen», zu edel, um sich mit anderen zu verbinden): Helium, Neon, Argon, Krypton, Xenon (aber kein Radon – ich vermute, weil es zu gefährlich war). In ihren versiegelten Glasröhrchen waren sie natürlich unsichtbar, aber man wusste, dass sie da waren.

Die tatsächliche Anwesenheit der Elemente verstärkte den Eindruck, dass es sich tatsächlich um die Bausteine des Universums handelte, das das ganze Universum da sei, im Mikrokosmos, in

Dieses Empfinden für die Größe, die Unwandelbarkeit der Naturgesetze und die Gewissheit, dass wir sie entdecken können, wenn wir lange und hartnäckig genug nach ihnen suchen, offenbarte sich mir mit überwältigender Klarheit, als ich ein Junge von zehn Jahren war und vor dem Periodensystem des Science Museums in South Kensington stand. Dieses Gefühl hat mich nie verlassen; heute, fünfzig Jahre später, ist es noch genauso stark und lebendig wie damals. Dieser Augenblick entschied über meinen Glauben und mein Leben; ein Museum wurde mein Pisga und mein Sinai.

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