Aber auf welche Weise mag das Tier von inneren Prinzipien getrieben werden … durch welche Mittel? Ziehen wir einen Vergleich zu Automaten … Ist die erste Bedingung für Bewegung der Geist? Oder sind es natürliche Ursachen – wie die Bewegung des Herzens?
WILLIAM HARVEY (1578 – 1657), «DE MOTU LOCALI ANIMALIUM»
Während dieser zehn endlosen und doch leeren Tage hatte sich der Zustand des Beines nicht im mindesten verändert; in seiner weißen Grabstätte aus Gips blieb es gänzlich bewegungslos, taub, ohne Tonus. Seine absolute Unbewegtheit und Beständigkeit, sein Austausch sozusagen gegen eine anorganische weiße Walze, seine leblose, versteinerte und kalkartige Beschaffenheit wurden mir jede Nacht zahllose Male vorgeführt. Und auch meine Träume veränderten sich nicht im mindesten, sondern waren von derselben eidetischen und bildhaften Lebendigkeit, derselben Abwesenheit aller Bewegung, aller Entwicklung, aller Begebenheiten, derselben Leblosigkeit erfüllt, die ihr erstes Auftreten gekennzeichnet hatte.
Allein der Gedanke an einen Fortschritt, eine Veränderung, oder auch nur ein Hinweis oder eine Hoffnung darauf, waren unmöglich und wurden ständig zunichtegemacht – bis zum folgenden Samstagmorgen. Ich zitiere aus meinem Tagebuch:
Neuartige Phänomene im Bein. Plötzliche, unglaublich starke, äußerst kurz anhaltende Schmerzen irgendwo im Bein, blitzlichtartig in ihrer blendenden Intensität und Kürze. «Blitzschmerzen» fühlen sich ähnlich an … Ein solcher Schmerz bewirkt, solange er anhält, eine totale Verkrampfung, dauert aber nur ein paar Tausendstel Sekunden. Ich frage mich, welche physiologischen Ursachen diese außergewöhnlichen kurzen Schmerzen haben. Was ist nur los?
Seit neuestem habe ich auch unwillkürliche, blitzartige Zuckungen im bislang reglosen und stummen Muskel. Sowohl die Zuckungen als auch die Schmerzen sind ihrer Erscheinungsform nach beinahe spinal, als seien einzelne sensorische oder motorische Nervenzellen beteiligt …
Die Gefühle, die sie hervorrufen, sind ambivalent: zum Teil Angst, zum Teil Hoffnung. Offensichtlich sind diese Empfindungen pathologisch. Die Art dieser Schmerzen deutet darauf hin, dass eine echte Denervierung vorliegt. Aber allein ihr Auftreten ist vielleicht ein Zeichen einer beginnenden Wiederherstellung der Nervenfunktion.
Jede willkürliche Bewegung ist bis jetzt unmöglich und undenkbar, aber diese unwillkürlichen Blitze – Fulgurationen und Faszikulationen – sind vielleicht die ersten Lebensfunken und könnten darauf hindeuten, dass der Muskel sich bereit macht zu reagieren.
Diese Faszikulationen von Muskelfaserbündeln waren keineswegs «subjektiver» Natur, sondern auch für alle anderen deutlich sichtbar und stellten das erste positive Stück Realität seit meiner Einlieferung ins Krankenhaus dar. Dieses Knistern und Blitzen war ein Hinweis, ein ernst zu nehmendes Anzeichen eines neurologischen Genesungsprozesses, ein Zeichen, dass zum ersten Mal seit der Verletzung vor zwei Wochen eine Bereitschaft zur Weiterleitung von Reizen, ein gewisses «Leben» in Nerven und Muskel zurückkehrte. Sie riefen in mir ein starkes Gefühl elektrischer Aktivität hervor, als finde eine Art spontaner «Faradisation» oder Fulguration von Nerven und Muskeln, ein elektrisches Anfachen des schwach glimmenden Lebensfunkens statt …
Ich hatte das sehr starke Gefühl eines elektrischen Gewitters, des Zuckens von Blitzen, die von einer Faser zur anderen sprangen, und eines elektrischen Murmelns und Knisterns in Nerven und Muskeln. Ich musste an Frankensteins Ungeheuer denken, das mit einem Blitzableiter verbunden war und durch die Blitze knisternd zum Leben erwachte.
An diesem Samstag also fühlte ich, dass ich «elektrisch geladen» war, oder vielmehr: dass ein kleiner peripherer Teil des Nervensystems elektrisch geladen war und mit neuem Leben erfüllt wurde – nicht ich, sondern es … Ich trug zu diesen örtlich begrenzten und unwillkürlichen Krämpfen und Zuckungen nichts bei. Sie hatten nichts mit mir, mit meinem Willen, zu tun. Sie waren sowohl von jedwedem Gefühl der Absicht oder der Willentlichkeit als auch von einem Gedanken an Bewegung abgekoppelt. Sie waren weder die Folge von Vorstellungen oder Absichten, noch zogen sie diese nach sich. Es war ihnen also keine persönliche Qualität zu eigen; sie waren nichts Willentliches, keine Handlungen, sondern lediglich ein sporadisches Zucken an der Peripherie – und dennoch waren sie ein klares und wichtiges und höchst willkommenes Zeichen, dass, ganz gleich was an der Peripherie geschehen war, nun eine gewisse Rückkehr der Funktion einsetzte – eine abnorme, blitzartige, krampfartige Funktion, gewiss, aber jede beliebige Funktion war besser als gar keine.
In meiner Vorhölle hatte ich mich nach Musik gesehnt, aber all meine Bemühungen in dieser Richtung hatten zu nichts geführt. Gegen Mitte der Woche war ich mein erbärmliches Radio leid gewesen und hatte einen Freund gebeten, mir einen Kassettenrecorder zu bringen. Am Samstagmorgen – ebenjenem Samstag, den 7. – brachte er mir seinen Recorder und eine Kassette. Er sagte, es tue ihm leid, aber dies sei die einzige, die er habe finden können. Es war Mendelssohns Violinkonzert.
Ich hatte Mendelssohn nie besonders gemocht, obwohl mir die Lebendigkeit und die zarte Leichtigkeit seiner Musik immer gefallen hatten. Ich fand es (und finde es auch heute noch) erstaunlich, dass diese gefällige, spielerische Musik eine so tiefgreifende und, wie sich herausstellte, entscheidende Wirkung auf mich hatte. Von dem Augenblick, in dem ich auf den Abspielknopf drückte, von den ersten Takten des Konzertes an, geschah etwas – etwas von der Art, wie ich es herbeigesehnt hatte, etwas, das ich mit jedem Tag verzweifelter gesucht und das sich mir immer wieder entzogen hatte. Unvermittelt und wunderbarerweise wurde ich von der Musik mitgerissen. Sie erschien mir leidenschaftlich, wunderbar lebendig, geradezu zitternd vor Lebenskraft und erfüllte mich wieder mit dem herrlichen Gefühl, am Leben zu sein. Bei den ersten Takten dieser Musik spürte ich eine Hoffnung, eine Andeutung, dass das Leben wieder in mein Bein zurückkehren würde – dass es wieder zu eigenen Regungen erwachen, sich bewegen und sich entweder seiner vergessenen motorischen Melodie entsinnen oder sie aufs Neue erschaffen würde. Ich fühlte mich – wie unzureichend doch Worte sind, um Gefühle dieser Art mitzuteilen! –, ich fühlte mich bei den ersten himmlischen Takten dieser Musik, als werde mir das belebende und kreative Prinzip der ganzen Welt enthüllt; ich spürte, dass das Leben selbst Musik oder wesensgleich mit der Musik war und dass unser lebendiger, sich bewegender Körper «verfestigte» Musik war: Musik, die Fleisch, Substanz, Körper geworden war. Auf eine intensive, leidenschaftliche, fast mystische Weise spürte ich, dass die Musik vielleicht tatsächlich das Heilmittel für meine Probleme war – oder jedenfalls ein unentbehrlicher Schlüssel zu ihrer Lösung.
Ich hörte mir das Konzert immer und immer wieder an. Ich bekam es nicht über, es verlangte mich nach nichts anderem. Jedes Abspielen war eine Erfrischung und eine Erneuerung meiner Seele. Jedes Abspielen schien mir neue Ausblicke zu eröffnen. War Musik, so fragte ich mich, die Partitur des Lebens – das Versprechen, der Schlüssel zu neuem Handeln und Leben?
Am Samstag und am Sonntag – dieses Wochenende der Hoffnung! – verschwand das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, der endlosen Finsternis. Ich meinte, wenn schon nicht den Tagesanbruch, so doch die ersten Anzeichen des Tagesanbruchs zu ahnen: Es war noch immer Mittwinter, aber vielleicht würde der Frühling kommen. Wie, das wusste ich nicht – es war nicht vorstellbar, es war nichts, was durch Mutmaßungen oder gedankliche Arbeit gelöst (oder auch nur berührt) werden konnte. Ich stand nicht einem Problem, sondern einem Geheimnis gegenüber: dem Geheimnis einer Erweckung zum Leben und eines neuen Anfangs. Vielleicht musste ich, bevor mir dies zuteil wurde, eine unendliche Finsternis und Stille durchqueren. Vielleicht war dies der Schoß, der Schoß der Nacht, in dem neues Leben entstand.
An diesem Wochenende erlebte ich nicht nur, wie etwas von der Hoffnungslosigkeit von mir abfiel, sondern erfuhr auch eine eigenartige Leichtigkeit und Heiterkeit des Geistes. Ich hatte das Gefühl, dass eine Genesung möglich war. Die Ahnung, dass ein Neubeginn bevorstand, breitete sich in mir aus.
Jedes Mal wenn ich das Mendelssohn-Konzert auf dem Kassettenrecorder oder in Gedanken abspielte und jedes Mal wenn ich einen plötzlichen elektrischen Krampf im Muskel hatte, ergriff diese Hoffnung aufs Neue von mir Besitz. Dennoch war meine Hoffnung in gewissem Sinne theoretischer Natur: Es war keineswegs klar, dass ich Grund zur Hoffnung hatte. Für mich war das Bein, das Fleisch, immer noch «hinüber». Was bedeutete Musik, was bedeuteten diese erhebenden Gefühle, wenn mir der Mechanismus, der Apparat, das Fleisch fehlte. Ich musste das Bein unbedingt sehen, ich musste mich davon überzeugen, dass seine Substanz, sein Fleisch, seine Realität noch intakt war. Und wie es mein Glück und die günstige zeitliche Abstimmung wollten, sollte ich am nächsten Tag Gelegenheit dazu haben.
Am Montagmorgen, dem vierzehnten Tag nach der Operation, sollte ich in den Gipsraum gebracht werden, damit die Wunde untersucht und die Fäden gezogen werden konnten. Während dieser zwei Wochen, ja eigentlich sogar seit dem Abend des Tages, an dem ich den Unfall gehabt hatte, hatte ich mein Bein nicht sehen können: Es war immer vom Gips bedeckt und eingeschlossen gewesen. Dieser Gips hatte etwas an sich – eine gestaltlose Glätte, eine Bleichheit, die an ein Grabmal gemahnte, und eine Form, die wie eine verschwommene, obszöne Parodie eines Beines war –, das ihm etwas Schreckenerregendes verlieh, und tatsächlich spielte er als Schreckgespenst eine wichtige Rolle in meinen Träumen.
In der Nacht, bevor ich zur Gipsabnahme nach unten gebracht werden sollte, erreichten diese Träume einen beängstigenden Höhepunkt: Ich träumte, wachte kurz auf, schlief wieder ein und träumte abermals dasselbe – ich muss Hunderte Mal geträumt haben, der Gips sei leer oder durch und durch massiv oder enthalte nur eine ekelhafte, wimmelnde Masse aus verfaulenden Knochen, Maden und Eiter. Die Mendelssohn’sche Fröhlichkeit, Heiterkeit und Beschwingtheit waren völlig verschwunden. Als am Montag endlich der trübe, graue Morgen anbrach, fühlte ich mich schwach und zittrig. Mir war so schlecht, dass ich weder frühstücken noch irgendetwas sagen oder denken konnte. Ich lag im Bett wie ein Toter und wartete darauf, dass man mich hinaustrug.
Schon allein das Wort «casting room» (Gießraum) hatte für mich einen bösen, angsteinflößenden Klang. Selbst das Wort «cast» weckte beunruhigende Assoziationen. Bilder schossen mir ungebeten durch den Kopf: der Gießraum als ein Ort, wo gegossen (cast) und weggeschüttet (cast away) wurde, wo der Gipsgießer neue Glieder und Körper goss und alte, nutzlose entfernte und wegwarf. Solche Phantasien drangen auf mich ein, und ich konnte sie, so absurd sie auch waren, nicht aus meinen Gedanken verbannen.
Ich war einerseits von Erleichterung, andererseits aber auch von Angst und Schrecken erfüllt, als die Pfleger schließlich kamen, mich auf eine Trage legten und aus meinem Zimmer schoben. Aus meinem Zimmer! Zum ersten Mal seit fünfzehn Tagen. Als wir auf den Aufzug warteten, der uns nach unten bringen sollte, erhaschte ich einen kurzen Blick auf den Himmel. Der Himmel! Ich hatte ihn, wie den Rest der Welt draußen, vergessen, während ich erregt, besessen, als Einzelhäftling in meiner kleinen, «aussichtslosen» Zelle lag und mein Kopf mit seinen rasenden Gedanken einem Dampfkessel glich. Das Rumpeln der fahrbaren Trage kam mir ungeheuer laut vor und erinnerte mich an Schinderkarren. ‹Ich fühlte mich, als stehe mir mein Tod bevor – oder etwas noch Schlimmeres als der Tod: die Verwirklichung eines entsetzlichen Albtraums, bei der sich alle Phantasien vom Unheimlichen, vom Leblosen, vom Unwirklichen als wahr erweisen würden.
Der Gipsraum war klein, weiß und nichtssagend, ein Mittelding zwischen Operationsraum und Werkstatt. An der Wand hingen große Scheren und andere Gerätschaften: die seltsamen, furchterregenden Werkzeuge der Gipserzunft. Die Pfleger hoben mich auf ein Podest in der Mitte des Raums – in meinen Augen eine Kreuzung aus einem Katafalk und dem Hackklotz eines Metzgers –, gingen hinaus und machten die Tür hinter sich zu. Plötzlich war ich allein in diesem unheimlichen, stillen Raum.
Und dann wurde mir bewusst, dass ich nicht allein war. In einer Ecke stand der «Caster» in seinem weißen Kittel. Als ich ins Zimmer geschoben worden war, hatte ich ihn irgendwie gar nicht bemerkt. Oder vielleicht war er auch eingetreten, ohne dass es mir aufgefallen war. Eigenartigerweise schien er sich nämlich nicht zu bewegen, sondern sich in verschiedenen Teilen des Raums zu materialisieren. Er war hier, er war dort, aber nie gelang es mir, ihn im Übergang zu ertappen. Er hatte ein seltsam unbewegliches, gleichsam gemeißeltes Gesicht, dessen Züge an eine mittelalterliche Zeichnung erinnerten. Es hätte Dürers Gesicht sein können oder das einer Maske, eines grotesken Wasserspeiers aus Dürers Phantasie.
Ich zwang mich zu einem freundlichen Plauderton und sagte: «Guten Tag, Mr. Enoch. Merkwürdiges Wetter heute, was?»
Er reagierte nicht, zeigte keine Regung, zuckte nicht einmal mit der Wimper.
Ich machte noch ein paar unzusammenhängende Bemerkungen und gab es dann auf, denn er antwortete nicht, sondern stand weiterhin reglos und mit verschränkten Armen in der Ecke und starrte mir in die Augen. Meine Angst wurde immer größer – mir kam der Gedanke, er könne verrückt sein.
Und dann stand er unvermittelt und ohne irgendeine Bewegung gemacht zu haben nicht mehr in seiner Ecke, sondern vor der Wand, wo seine Schere und die anderen Werkzeuge hingen. Im nächsten Augenblick hatte er die Schere gepackt. Sie kam mir schrecklich groß vor, und auch er sah riesig aus. Ich war überzeugt, er könne mir mit einem Schnitt das Bein abschneiden oder mich in zwei Teile zerlegen.
Mit einem Satz war er, die Schere weit geöffnet, neben mir und setzte zum ersten Schnitt an. Ich wollte schreien: «Hilfe! Hierher! Ein Verrückter mit einer Schere geht auf mich los!» Mein Verstand sagte mir jedoch, dass das alles Einbildung und Mr. Enoch zwar vielleicht ein bisschen schrullig und wortkarg, aber nach allem, was ich gehört hatte, ein geübter und verantwortungsbewusster Fachmann war. So beherrschte ich mich, lächelte und sagte kein Wort.
Und dann vernahm ich ein beruhigendes Geräusch: ein leises Knirschen, das verriet, dass der Gips aufgeschnitten wurde. Es hatte kein furchtbarer Angriff stattgefunden! Mr. Enoch tat ruhig seine Arbeit. Er schnitt den Gips von oben nach unten der Länge nach auf, zog ihn dann vorsichtig auseinander und legte das Bein frei. Den Gips warf er lässig in eine Ecke. Das erstaunte mich, denn ich hatte mir vorgestellt, er sei ungeheuer schwer und wiege mindestens vierzig bis fünfzig Pfund. Freunde hatten, nachdem sie auf meine Bitte meine beiden Beine angehoben hatten, ausgerufen: «Donnerwetter! Das mit dem Gips wiegt ja eine Tonne – es ist mindestens vierzig Pfund schwerer als das andere.» Aber nach der Leichtigkeit zu urteilen, mit der Mr. Enoch den Gips aufgehoben und in eine Ecke geworfen hatte, wog er fast gar nichts, und die Schwere des Beines, das zusätzliche Gewicht von vierzig Pfund, musste ausschließlich von dem totalen Fehlen eines Muskeltonus herrühren – jenem normalen Erregungszustand der willkürlichen Muskulatur, der selbst in der tiefsten Entspannung oder im Schlaf noch aufrechterhalten wird.
Mr. Enoch trat zurück, oder vielmehr: Er verschwand plötzlich und erschien ebenso plötzlich wieder in der Ecke, in der er zuvor gestanden hatte. Ein leises, rätselhaftes Lächeln spielte um seinen Mund.
Und jetzt traten geschäftig die Oberschwester und der Oberarzt der Chirurgie ein. Sie lächelten und unterhielten sich, als sei nichts geschehen – und es war ja wirklich nichts geschehen.
Die Oberschwester sagte, sie werde jetzt die Fäden entfernen, aber der Oberarzt unterbrach sie: «Wollen Sie sich Ihr Bein denn nicht ansehen? Immerhin haben Sie es ja seit über zwei Wochen nicht gesehen!»
Wollte ich das? Unbedingt und leidenschaftlich gern; und dennoch hatte ich Angst und zuckte davor zurück, denn ich wusste nicht, welcher Anblick sich mir bieten würde. Und vermischt mit diesen beiden Gefühlen war ein eigenartiges Fehlen von Gefühlen, eine Art wirklicher oder abwehrender Gleichgültigkeit, sodass es mir fast egal war, was ich sehen würde.
Mit der Hilfe des Oberarztes richtete ich mich, auf einen Arm gestützt, auf und musterte mein Bein mit einem langen, langen Blick.
Ja, es war da! Das war nicht zu bestreiten! Der Gips war weder leer noch durch und durch massiv gewesen, wie ich es befürchtet hatte, und er hatte auch nicht eine Masse aus Erde oder Mist oder verfaulenden Hühnerknochen enthalten. Es war ein Bein darin gewesen, ein Bein von annähernd normaler Größe (wenn auch im Vergleich zu seinem Gegenstück stark abgemagert) und mit einer etwa dreißig Zentimeter langen, sauberen Narbe. Ein Bein – und doch kein Bein: Irgendetwas war hier ganz falsch. Ich war sehr beruhigt und gleichzeitig beunruhigt und bis in die Tiefen meines Wesens erschüttert. Denn obwohl es «da» war, war es eigentlich nicht da.
In einem normalen, faktischen Sinn war es tatsächlich «da»: Es war sichtbar, aber es war nicht lebendig, stofflich, wirklich «da». Was da vor mir lag, war kein wirkliches Bein, war überhaupt nichts Wirkliches, sondern ein bloßes Abbild. Ich war beeindruckt von der schönen, fast durchscheinenden Zartheit dieses Gliedes und von seiner absoluten, fast abstoßenden Unwirklichkeit. Es war vollendet geformt und leblos wie ein gelungenes Wachsmodell in einem Museum für Anatomie.
Vorsichtig streckte ich meine Hand aus, umes zu berühren – und die Berührung war ebenso unheimlich und fragwürdig wie der Anblick. Es sah nicht nur so aus, als sei es aus Wachs, sondern fühlte sich auch so an – fein modelliert, anorganisch und gespenstisch. Ich konnte die tastenden Finger auf dem Bein nicht spüren, und so drückte ich es, kniff hinein und zupfte ein Haar aus. Von alledem spürte ich so wenig, dass ich ein Messer hätte hineinstoßen können. Ich hatte absolut kein Gefühl. Ich hätte ebenso gut einen leblosen Teig drücken und kneten können. Mirwurde klar, dass ich ein dem Anschein nach anatomisch vollkommenes Bein hatte, das fachmännisch operiert und komplikationslos verheilt war und mir dennoch von Anblick und Gefühl gespenstisch fremd war, eine leblose Attrappe, die an meinem Körper befestigt war. Wieder fiel mir der junge Mann ein, zu dem ich am jenem längst vergangenen Silvesterabend gerufen worden war, und ich dachte an sein bleiches, verängstigtes Gesicht und die Bestürzung, mit der er flüsterte: «Das ist nichts weiter als eine Fälschung. Es ist nicht echt. Es ist nicht meins.»
«Nun», sagte der Oberarzt, «Sie sehen es sich ja sehr genau an. Was halten Sie davon? Gute Arbeit, was?»
«Ja, ja», antwortete ich und versuchte verwirrt, meine Gedanken zu sammeln. «Ja, gute Arbeit, schön, wirklich schön. Ich danke und gratuliere Ihnen. Aber …»
«Aber …?», fragte er lächelnd.
«Es sieht gut aus, und chirurgisch betrachtet ist es wirklich gut.»
«Wie meinen Sie das, ‹chirurgisch betrachtet›?»
«Es fühlt sich nicht richtig an. Es fühlt sich … irgendwie komisch an, nicht richtig, so als ob es nicht mein Bein wäre. Es ist schwer in Worte zu fassen.»
«Machen Sie sich nur keine Sorgen», sagte der Oberarzt. «Wir haben hervorragend gearbeitet. Sie werden wieder herumspringen wie ein junges Fohlen. Die Oberschwester zieht jetzt die Fäden.»
Mit ihrem Tablett voller blitzender Instrumente trat die Oberschwester hinzu und sagte: «Es tut bestimmt nicht sehr weh, Doktor Sacks. Wahrscheinlich werden Sie nur ein Zupfen spüren. Wenn es wehtut, können wir Ihnen eine örtliche Betäubung geben.»
«Nur zu», antwortete ich. «Wenn es wehtut, melde ich mich.»
Aber zu meiner Überraschung schien sie sich nicht an die Arbeit zu machen, sondern hantierte auf äußerst seltsame und unverständliche Art und Weise mit Schere und Pinzette herum. Erstaunt sah ich ihr eine Weile zu und schloss dann die Augen. Als ich sie wieder aufschlug, hatte sie mit ihrem aberwitzigen Gefuchtel, bei dem es sich, wie ich annahm, um eine Art «Aufwärm-» oder Vorbereitungsübung handelte, aufgehört. Ich vermutete, dass sie nun darangehen würde, die Fäden zu ziehen.
«Fangen Sie jetzt an?», erkundigte ich mich.
Sie sah mich erstaunt an. «Ob ich jetzt anfange?», rief sie. «Ich bin doch fertig! Ich habe alle Fäden gezogen. Sie waren sehr gut, das muss ich sagen. Sie haben ruhig dagelegen wie ein Lämmchen. Sie müssen ein sehr stoischer Mensch sein. Hat es sehr wehgetan?»
«Nein», antwortete ich. «Es hat überhaupt nicht wehgetan. Und ich war auch nicht tapfer. Ich habe Sie gar nicht gespürt. Ich habe überhaupt nichts gespürt, als Sie die Fäden gezogen haben.» Weil ich glaubte, das würde zu seltsam klingen, unterließ ich es zu sagen, dass mir gar nicht bewusst gewesen war, dass sie sie tatsächlich zog, ja dass ich mir auf ihre Bewegungen überhaupt keinen Reim hatte machen oder sie in irgendeine Beziehung zu mir hatte setzen können, weswegen ich sie ja auch irrtümlich als sinnloses «Gefuchtel» interpretiert hatte. Aber die ganze Angelegenheit verwirrte und erschütterte mich. Mir wurde nochmals vor Augen geführt, wie sehr mir mein Bein entfremdet war, wie «unvertraut», wie «entfernt» es war. Allein der Gedanke, dass ich die Oberschwester die charakteristischen Bewegungen des Schneidens und Ziehens von Fäden hatte machen sehen, ohne mir dabei etwas anderes denken zu können, als dass dies das «Aufwärmen» vor der «eigentlichen Arbeit» sei! Ihr Tun hatte bedeutungslos und unwirklich ausgesehen, wahrscheinlich weil das Bein sich bedeutungslos und unwirklich anfühlte. Und weil sich das Bein sinn-los (in allen Bedeutungen des Wortes), absolut sinnlos und so, als habe es überhaupt nichts mit mir zu tun, anfühlte, waren mir, als sie sich mit dem Bein beschäftigte, auch ihre Bewegungen sinnlos vorgekommen. So wie das Bein lediglich ein Schein war, waren mir auch ihre Gesten, die sie beim Ziehen der Fäden ausführte, wie ein bloßer Schein vorgekommen. Beides war auf einen sinnlosen Schein reduziert worden.
Als ich sah, dass meine schrecklichen Ängste und Hirngespinste unbegründet waren und mein Bein wenigstens dem äußeren Anschein nach intakt und vorhanden war, und als ich schließlich, nachdem Mr. Enoch meine Ferse angehoben hatte und das Knie fest und genau an seinem Platz geblieben war, zu meiner unendlichen Beruhigung feststellte, dass sich das Schreckgespenst des Kniegelenksverlustes, Dislokation und Exartikulation, in Luft aufgelöst hatte, überkam mich plötzlich eine grenzenlose Erleichterung, die so angenehm und überwältigend war und mein ganzes Wesen so durchdrang, dass ich das Gefühl hatte, in Seligkeit gebadet zu sein. Mit dieser plötzlichen angenehmen und tiefen Beruhigung, diesem unvermittelten und dramatischen Stimmungsumschwung, war das Bein ganz und gar umgewandelt und verändert. Es sah noch immer äußerst eigenartig und unwirklich aus. Es wirkte noch immer äußerst unlebendig. Aber während es mich zuvor an einen Leichnam erinnert hatte, ließ mich sein Anblick nun an einen Fetus, an etwas noch nicht Geborenes denken. Das Fleisch schien irgendwie durchscheinend und unschuldig wie Fleisch, dem der Lebensodem noch nicht eingehaucht worden ist.
Theoretisch war bisher nur das Fleisch vorhanden, anatomisch verheilt zwar, aber noch nicht wieder zur Tätigkeit erweckt. Da lag es: geduldig, weiß, noch unwirklich, und beinahe bereit, hinaus ins Leben zu treten. Das Gefühl, einen schrecklichen, unersetzlichen Verlust erlitten zu haben, verwandelte sich in das Gefühl eines mysteriösen «Schwebezustandes». Es befand sich in einem seltsamen Zwischenstadium, in einer geheimnisvollen Zone zwischen Tod und Geburt …
zwischen zwei Welten, die eine tot,
die andere unfähig, geboren zu werden.
ARNOLD
Das Fleisch war immer noch so leblos wie Marmor, mochte aber, wie das marmorne Fleisch der Galatea, zum Leben erweckt werden. Und selbst der neue Gipsverband trug zu diesem Gefühl bei: Den alten hatte ich gehasst, weil ich ihn verfault und widerwärtig gefunden hatte, aber den neuen, mit dem Mr. Enoch Lage um Lage mein neues, rosiges Bein sorgfältig verband, mochte ich auf Anhieb. Dieser Gips erschien mir elegant, wohlgeformt, ja geradezu chic. Noch wichtiger aber war, dass ich ihn als eine Art hilfreicher Schmetterlingspuppe ansah, die das Bein schützen und es ihm ermöglichen würde, sich voll zu entwickeln, bis schließlich der Zeitpunkt gekommen war, wo es schlüpfen und wiedergeboren werden konnte.
Als ich aus dem Gipsraum zum Aufzug gefahren wurde, der uns nach oben bringen sollte, hielten wir an den großen Fenstern an, die nun geöffnet waren. Der Himmel, der zuvor düster und voller dunkler Wolken gewesen war, hatte jetzt aufgeklart und war herrlich ruhig und heiter. Ich hatte das Gefühl, dass selbst die Elemente genau zur selben Zeit wie ich ihre Krise durchgemacht hatten. Alles hatte sich gelöst, das Firmament erstrahlte hell und blau. Eine milde Brise strich durch die großen Fenster, und als Sonne und Wind auf meiner Haut spielten, war ich wie berauscht. Zum ersten Mal seit mehr als zwei Wochen – zwei Wochen, in denen ich voller Verzweiflung in meiner Zelle geschmachtet hatte – hatte ich eine sinnliche Berührung mit der Außenwelt. Und als ich in mein Zimmer zurückkehrte, klang mir Musik aus einem neuen Radio entgegen – herrlicher Purcell: «Dido und Äneas» –, und wie der Wind und die Sonne und das Licht war auch dies wie himmlischer Balsam für meine Sinne. Ich hatte das Gefühl, in die Musik einzutauchen, von ihr durchdrungen, geheilt und durch und durch belebt zu werden – göttliche Musik: Geist, Botschaft und Bote des Lebens!
Befreit von allen Ängsten und Spannungen, voller Gewissheit und Zuversicht, dass das Bein zu mir zurückkehren und ich wieder genesen und gehen würde – wenn auch nur Gott wusste, wann und wie –, fiel ich plötzlich in tiefen, seligen Schlaf. Ich schlief vertrauensvoll, geborgen wie in Abrahams Schoß. Es war ein sehr, sehr tiefer und dadurch heilsamer Schlaf, die erste wirkliche Ruhe seit dem Tag meines Unfalls, der erste Schlaf, der nicht durch grässliche Albträume und Schreckgespenster unterbrochen wurde. Es war der Schlaf der Unschuld, der Vergebung, des neuen Glaubens, der neuen Hoffnung.
Als ich erwachte, verspürte ich einen merkwürdigen Impuls, mein linkes Bein zu beugen, und im selben Augenblick: tat ich genau das! Es war eine Bewegung, die bisher unmöglich gewesen war, die die aktive Kontraktion des ganzen Quadrizeps erforderte – einemir bislang unmögliche und unvorstellbare Bewegung. Und dennoch hatte ich sie innerhalb eines Moments gedacht und ausgeführt. Es hatte kein Erwägen, keine Vorbereitung, kein Nachdenken gegeben; ich hatte es nicht «versucht». Ich hatte einen blitzschnellen Impuls gespürt und war ihm blitzschnell gefolgt. Die Vorstellung, der Impuls, die Ausführung waren eins – ich konnte nicht sagen, was zuerst da war, es war alles gleichzeitig. Unvermittelt hatte ich «mich erinnert», wie man ein Bein bewegt, und im Augenblick des Erinnerns hatte ich es tatsächlich getan. Plötzlich hatte ich gewusst, was zu tun war, und im selben Augenblick hatte ich es getan. Dieses «Wissen, was zu tun war» hatte überhaupt nichts Theoretisches, sondern war ganz und gar praktisch, unmittelbar und zwingend. Und es war mir ohne die leiseste Überlegung oder Warnung zugefallen, ohne irgendeinen Vorsatz oder Plan meinerseits, sondern unvermittelt und spontan – aus heiterem Himmel.
Aufgeregt läutete ich nach der Schwester.
«Sehen Sie doch!», rief ich. «Ich hab’s geschafft, ich kann es!»
Aber als ich es ihr vorführen wollte, geschah gar nichts. Das Wissen, der Impuls waren so plötzlich und unerklärlich wieder verschwunden, wie sie gekommen waren. Verwirrt und verdrossen widmete ich mich wieder meinem Buch – und dann, etwa eine halbe Stunde später und abermals ohne Absicht, ohne Plan, spürte ich mitten in einem Wort denselben Impuls. Der Impuls, der Gedanke, die Erinnerung kehrten blitzartig zurück, und ich bewegte mein Bein (sofern in dem Wort «bewegen» angesichts dieser gänzlich unüberlegten, spontanen Bewegung, die sich «ereignete», nicht zu viel Überlegung mitschwingt). Einige Sekunden später aber war jede Regung wieder unmöglich. Und so ging es den Rest des Tages weiter. Die Fähigkeit zur Bewegung, der Gedanke der Bewegung, der Impuls der Bewegung kehrte ganz plötzlich zu mir zurück und verließ mich ebenso unvermittelt wieder, so wie einem ein Wort, ein Gesicht, ein Name oder eine Melodie «auf der Zunge» oder am Rand des Gesichts- oder Hörfeldes liegen und dann ganz plötzlich wieder verschwinden kann. Meine Fähigkeit, mein Bein zu bewegen, kehrte zurück, aber bislang war sie labil und unbeständig und noch nicht wieder fest in meinem Nervensystem oder meinem Geist verankert. Ich begann, mich zu erinnern, aber die Erinnerung kam und ging. Plötzlich wusste ich, und dann wieder wusste ich nicht – es erging mir, wie es einem Aphasiker mit Worten ergeht.
Der Ausdruck «ideomotorisch» schoss mir durch den Kopf. Die Zuckungen, die ich zuvor gehabt hatte, waren lediglich motorischer Natur gewesen, ein bruchstückhaftes Zucken und Verkrampfen eines gereizten Bündels aus Nerven und Muskeln, das in keinem Zusammenhang mit einem inneren Impuls, einem Gedanken oder einer Absicht stand. Sie hatten nichts mit mir zu tun, während diese hier, so unwillkürlich, spontan und unbeabsichtigt sie auch waren, ganz gewiss und in hohem Maße meines Zutuns bedurften. Das war nicht bloß «ein zuckender Muskel», sondern «meine Erinnerung», und die Ausführung dieser Bewegungen erforderte ebenso sehr meinen Geist wie meinen Körper. Tatsächlich verbanden sie Geist und Körper; blitzartig wurde mir ihre wesensmäßige Einheit vorgeführt, die Einheit, die seit der Verletzung, welche die Verbindung unterbrochen hatte, verloren gewesen war.
Die ersten Worte des Chirurgen fielen mir wieder ein: «Bei Ihnen ist die Verbindung abgerissen. Wir werden sie wiederherstellen. Das ist alles.» Ich spürte nun, dass das, was für ihn einen örtlich begrenzten und anatomischen Bezug gehabt hatte, einen (wenn auch unbeabsichtigten) viel tieferen Sinn besaß – nämlich das, was E.M. Forster mit der Bemerkung: «Only connect» – «nur die Verbindung herstellen» gemeint hat. Denn nicht nur die Verbindung zwischen Nerven und Muskeln, sondern, als Folge davon, auch die natürliche und angeborene Einheit von Körper und Geist war aufgelöst. Der «Wille» war ebenso erschlafft wie Nerven und Muskeln. Der Geist war ebenso zerrissen wie der Körper. Beide waren gespalten und voneinander abgespalten. Und da «Körper» und «Seele» nur insofern einen Sinn haben, als sie vereint sind, wurden beide sinnlos, als sie nicht mehr miteinander verbunden waren. Bei diesen ideomotorischen Zuckungen erfolgte also, auch wenn sie nur einen Augenblick dauerten, eine überaus bedeutsame Wieder-Herstellung der Verbindung, eine Wieder-Vereinigung: die unwillkürliche, erschütternde Wieder-Vereinigung von Körper und Seele.
Und doch war dieser Wille sonderbar und extrem begrenzt. Zunächst einmal bewirkte er lediglich eine einzige, recht stereotype Bewegung nahe der Hüfte – und was für ein Wille ist das, der nur eine einzige Bewegung ausführen kann? Außerdem wurde er immer von einem eigenartig aufdringlichen und belanglosen «Impuls» oder «Zwang» begleitet. Ich las beispielsweise und war mitten in einem Satz, und meine Gedanken waren ganz woanders und beschäftigten sich mit nichts, was auch nur entfernt mit meinem Bein zu tun hatte, und da, ganz unvermittelt, kam dieser gebieterische und konkrete Zwang. Ich hieß ihn willkommen, ich genoss ihn und spielte mit ihm, und schließlich beherrschte ich ihn. Aber es waren ein Wille und ein Handeln höchst eigentümlicher Art, und das Ergebnis war eine seltsame Mischung aus unwillkürlichem Zucken und absichtlichem Tun.
Kürzlich musste ich mich wegen einer Verletzung der Nackenmuskulatur einer elektrischen Stimulierung unterziehen, wie sie mein Chirurg für die Behandlung des Quadrizeps vorgeschlagen hatte. Jedes Mal, wenn der Trapezmuskel stimuliert wurde, verspürte ich den plötzlichen Impuls, mit den Schultern zu zucken, als wollte ich sagen. «Na und?» Es fiel mir ein, mit den Schultern zu zucken, wie es einem eben manchmal einfällt – bloß dass dieser Einfall nur dann kam, wenn der Trapezmuskel faradisiert wurde. Ich fand dieses Erlebnis amüsant, faszinierend – und etwas erschreckend, denn es zeigte sehr deutlich, dass man das Gefühl oder die Illusion von freiem Willen haben kann, auch wenn der Impuls hauptsächlich physiologischer Natur ist. Bei diesen Gelegenheiten ist man praktisch nur eine Marionette: Man ist gezwungen zu reagieren, denkt jedoch, die Reaktion erfolge aus eigenem Antrieb. Heute glaube ich, dass dies auch bei diesen seltsamen, halb konvulsiven, pseudoabsichtlichen Zuckungen der Fall war. Ich glaube, es handelte sich dabei um willkürliche Funken oder Salven des nun genesenden neuromuskulären Apparats, der in den vorangegangenen fünfzehn Tagen inaktiv gewesen war und sich vielleicht in einem Schockzustand befunden hatte. Während des Wochenendes waren diese Salven sehr schwach, beschränkten sich auf einen kleinen Bereich und riefen nur kleine Faszikulationen oder fibrilläres Zittern in einzelnen Muskelsträngen hervor. Am Dienstag begann der ganze Muskel (einschließlich der Beckenstränge) so krampfartig und stark zu zucken, dass sich das ganze Bein ruckartig bewegte. Diese starken Kontraktionen – die Ähnlichkeit mit den starken Kontraktionen bei nächtlichen Schüttelkrämpfen oder Tics oder den starken Kontraktionen der faradisierten Trapezmuskeln hatten – stellten eine Art Kurzschluss oder Stimulus des gesamten willkürlichen Nervensystems dar. Und offenbar ist eine Aktivierung eines wesentlichen Teils eines willkürmotorischen Muskels – ganz gleich wie mechanisch oder unwillkürlich diese erfolgt – unmöglich, ohne dass gleichzeitig ein Gefühl von «voluntas», von Willensausübung, stimuliert (oder simuliert) wird.
Vielleicht muss man zwischen verschiedenen Arten von Willen (einem passiv-zwanghaften und einem aktiv-überlegten) unterscheiden – des passiv-zwanghaften aber kann man Herr werden. So wurde das, was als marionettenhafte Zuckungen und zwanghafte Aktivität des Willens begann, im Laufe jenes Tages in aktive, gelenkte Willensakte verwandelt. Die empfindlichen Nervenstränge, die wieder zum Leben erwachten, sorgten für ihre eigene elektrische Stimulation, die zu konvulsiv-zwanghaften oder ticartigen Bewegungen des Beins führte, aus denen sich wiederum echte willentliche Handlungen entwickelten.
All dies war irgendwie die Umkehrung des Skotoms. Dort, so schien es mir, hatte ich gewollt – und es war nichts geschehen, sodass ich gezwungen war, eigentümliche Zweifel an mir zu äußern und mich ständig zu fragen: «Habe ich meinen Willen angestrengt? Besitze ich einen Willen? Was ist mit meinem Willen geschehen?» Und jetzt erlebte ich unvermittelt, ohne Vorsatz und aus heiterem Himmel, plötzliche zwanghafte oder krampfartige Willensakte.
Und doch war – welche Ironie! – diese Inversion oder Perversion oder Subversion des Willens eben das Mittel, durch das eine Genesung eingeleitet wurde. Ein physiologischer Zufall, eine Verletzung, hatte mich meines Willens beraubt, und zwar spezifisch und ausschließlich in Hinsicht auf das verletzte Bein, und nun diente ein anderer physiologischer Zufall, nämlich die Funken der zurückkehrenden Versorgung mit nervlichen Impulsen, dem Wiederaufleben des Willens in diesem Glied. Zuerst war ich willenlos gewesen, unfähig, über meinen Körper zu gebieten; dann war ich dem Willen unterworfen und wurde von ihm beherrscht wie eine Marionette; und nun schließlich konnte ich die Zügel wieder in die Hand nehmen und wahrheitsgemäß und voller Überzeugung sagen «Ich will» (oder «Ich will nicht»), wenn auch nur insofern, als es die Bewegungen meines Beines betraf.
Mittwoch, der 11., sollte der Tag sein – der Tag, an dem ich das Bett verlassen und wieder stehen und gehen dürfen sollte. Zum ersten Mal seit meinem Unfall würde ich, so war zu hoffen, eine aufrechte Haltung einnehmen – und dies ist sowohl moralisch und existenziell als auch körperlich zu verstehen. Über zwei Wochen, achtzehn Tage lang, war ich kraftlos und hilfsbedürftig gewesen, und zwar in zweifacher Hinsicht: physisch infolge meiner Schwäche und Unfähigkeit, auf eigenen Beinen zu stehen, und moralisch durch meine Passivität und meine Situation als Patient, als ein Mann also, dessen Möglichkeiten eingeschränkt sind und der von seinem Arzt abhängig ist.
Diese Haltung, die Passivität des Patienten, währt so lange, wie der Arzt es anordnet, und ihr Ende kann erst in dem Augenblick, in dem man sich vom Bett erhebt, ins Auge gefasst werden. Und dieser Augenblick kann nicht vorweggenommen, nicht erdacht, ja nicht einmal erhofft werden. Man kann nicht sehen, man kann sich nicht vorstellen, was außerhalb des Bettes liegt. Die Denkweise verwandelt sich ganz und gar in eine Denkweise des Bettes, des Grabes.
Bis zum eigentlichen Augenblick des Aufstehens ist es, als würde man sich nie mehr von seinem Bett erheben: Man ist (so spürt man) zu ewiger Bettlägerigkeit verurteilt.
Ich kann mich nicht von meinem Lager erheben, ehe der Arzt mich dazu befähigt hat, ja ich kann ihm nicht einmal sagen, dass ich fähig bin, mich zu erheben, bevor er es mir sagt. Ich tue nichts, ich weiß nichts von mir …
Und wenn das für John Donne galt, wenn das für jeden Patienten gilt, der verurteilt ist, im Bett zu liegen («Diese elende und, wenngleich allen gemeinsame, menschenunwürdige Lage …»), um wie viel mehr galt das, angesichts der eigentümlichen und spezifischen Art meiner Störung, für mich, der ich das Gefühl hatte, als habe man mir ein Bein amputiert, als hätte ich ein Bein verloren und nichts mehr, das mich aufrecht hielt …
Sich erheben, stehen, gehen stellt für jeden bettlägerigen Patienten eine elementare Herausforderung dar, denn die erwachsene, menschliche Haltung und die Bewegungen des aufrechten Gangs sind ihm nicht «zugestanden» worden, und so hat er sie vergessen. Ich meine jene physisch-moralische Haltung, die die Voraussetzung dafür ist, dass man auftritt, dass man eintritt für sich selbst, dass man geht und fortgeht – fort von Ärzten und Eltern fort von denen, von denen man abhängig war und an die man sich geklammert hat, dass man abenteuerlustig aufbricht, mit frischen, ausgreifenden Schritten, die man lenkt, wohin man will.
Zu diesem allgemeinen Problem gesellte sich ein spezifisches: Ich war an einem Punkt angelangt, wo ich die Unversehrtheit, ja die Existenz meines Beines anzweifelte, und meine Verletzung gab Anlass zu diesen seltsamen Zweifeln. Diejenigen, die nicht nur bettlägerig sind, sondern auch ein verletztes Bein haben, sehen sich speziellen und außerordentlichen Schwierigkeiten gegenüber, die schon Hippokrates vor zweieinhalbtausend Jahren genau und eindeutig beschrieben hat. Er berichtet von Patienten, die eine gebrochene Hüfte hatten und fünfzig Tage Bettruhe einhalten mussten. «Diese Kombination», bemerkt er, «dämpft die Phantasie, sodass ein solcher Patient sich nicht vorstellen kann, wie er das Bein bewegen, und viel weniger noch, wie er stehen soll; und wenn man ihn nicht dazu zwingt, wird er den Rest seines Lebens im Bett bleiben.» Ich musste tatsächlich gezwungen werden, mich zu erheben, zu stehen und zu gehen – aber wie sollte ich diese Aufgabe bewältigen, und was würde in einem Fall wie dem meinen geschehen, bei dem über die üblichen Ängste, Hemmungen und Bedenken hinaus eine fundamentale Zerrissenheit und «Auflösung» des Beines, eine physiologische und zugleich existenzielle Zerrissenheit und Auflösung gegeben war?
Hatte ich mich je in einer paradoxeren Situation befunden? Wie sollte ich stehen, wenn ich doch kein Bein hatte, auf dem ich stehen konnte? Wie sollte ich gehen, wenn mir doch die Beine fehlten, mit denen ich hätte gehen können? Wie sollte ich handeln, wenn das Instrument des Handelns auf ein träges, unbewegliches, lebloses weißes Ding reduziert war?
Besonders häufig dachte ich an ein bemerkenswertes Kapitel in A.R. Lurijas «The Man With a Shattered World», ein Kapitel, das die Überschrift «Der Wendepunkt» trägt. Dabei ging es für den Patienten im Wesentlichen um das Wiedererlangen von «Musik»:
Anfangs fiel ihm das Schreiben ebenso schwer, und vielleicht noch schwerer, als das Lesen. Der Patient hatte vergessen, wie man einen Stift hält oder Buchstaben malt. Er war völlig hilflos … Eines Tages machte er jedoch eine Entdeckung, die sich als Wendepunkt erwies: Schreiben konnte sehr einfach sein. Anfangs war er vorgegangen wie ein kleines Kind, das gerade erst schreiben lernt: Er hatte versucht, sich jeden Buchstaben vorzustellen, um ihn dann niederzuschreiben. Dabei hatte er bereits fast zwanzig Jahre lang geschrieben und brauchte sich nicht derselben Methoden zu bedienen wie ein Kind, brauchte nicht über jeden Buchstaben nachzudenken und zu überlegen, welche Striche er machen musste. Für Erwachsene ist Schreiben eine automatische Fähigkeit, eine Abfolge von eingebauten Bewegungen, die ich «kinetische Melodien» nenne. Warum sollte er also nicht versuchen, sich der Fähigkeiten zu bedienen, die er noch besaß? … Er begann, auf diese Weise zu schreiben. Er brauchte sich nicht mehr mit jedem Buchstaben zu quälen und musste nicht mehr versuchen sich zu erinnern, wie er geschrieben wurde. Er konnte spontan, ohne nachzudenken, schreiben.
Spontan! Spontan, ja das war die Lösung. Es musste etwas Spontanes geschehen, sonst würde überhaupt nichts geschehen.