Jede Kranckheit ist ein musicalisches Problem – die Heilung eine musicalische Auflösung. Je kürzer und dennoch vollständiger die Auflösung – desto größer das musicalische Talent des Arztes.
NOVALIS, «DAS ALLGEMEINE BROUILLON» (1798/99), NR. 386
Ich stand auf – oder vielmehr: Ich wurde von zwei kräftigen Krankengymnastinnen hochgehievt und auf die Beine gestellt. Mit den beiden stabilen Stützen, die man mir gegeben hatte, half ich ihnen dabei, so gut ich konnte. Wenn ich geradeaus sah, hatte ich weder eine Ahnung, wo mein linkes Bein war, noch irgendein definitives Gefühl, das mir seine Existenz anzeigte. Ich musste hinuntersehen, denn Sehen war von entscheidender Bedeutung. Aber wenn ich das tat, fiel es mir einen Augenblick lang schwer, in dem «Objekt» neben meinem rechten Fuß meinen linken Fuß zu erkennen. Es schien in keiner Weise zu mir «zu gehören». Ich kam nicht auf den Gedanken, es zu belasten oder es irgendwie zu gebrauchen. So stand ich, oder wurde gestanden, aber nicht auf meinen Beinen, sondern gestützt durch Krücken und Krankengymnastinnen. Es herrschte eine seltsame und recht beklemmende Stille, jene absolute Stille, die vor bedeutsamen Ereignissen eintritt.
Diese Stille, diese Erstarrung, wurde durch energische Stimmen unterbrochen.
«Nun kommen Sie schon, Dr. Sacks! Sie können da nicht so stehen bleiben – wie ein Storch auf einem Bein. Sie müssen auch das andere gebrauchen und es belasten!»
«Welches ‹andere›?», war ich versucht zu fragen und wunderte mich, wie ich gehen, wie ich mich auf diesen gespenstischen Geleeklumpen, dieses Nichts, das schlaff von meiner Hüfte herabhing, stützen, geschweige denn es bewegen sollte? Und selbst wenn dieses groteske Anhängsel durch seine Schale aus Kalk tatsächlich in der Lage sein sollte, mich zu stützen, wie sollte ich dann «gehen», wenn ich vergessen hatte, wie man geht?
«Na los, Herr Doktor!», drängten mich die Krankengymnastinnen. «Sie müssen einen Anfang machen.»
Einen Anfang machen! Wie konnte ich das? Und doch musste ich. Dies war der einzigartige Augenblick, in dem der Keim eines Anfangs gelegt werden musste.
Ich konnte mich nicht dazu bringen, das linke Bein direkt zu belasten, weil das völlig undenkbar und überdies mit Ängsten besetzt war. Was ich tun konnte und tat, war, das rechte Bein anzuheben, sodass das linke (sogenannte) Bein mein Gewicht tragen oder unter mir nachgeben musste.
Unvermittelt, ohne Vorwarnung, ohne irgendeine Vorahnung, stürzte ich in einen schwindelerregenden Strudel von Sinnestäuschungen. Bis zum Boden, der eben noch meilenweit entfernt gewesen war, waren es jetzt nur noch ein paar Zentimeter; der ganze Raum kippte plötzlich und drehte sich um seine Achse. Schockartig überkamen mich Verwirrung und Entsetzen. Ich hatte das Gefühl zu fallen und rief den Krankengymnastinnen zu: «Halten Sie mich fest, Sie müssen mich festhalten – ich bin völlig hilflos.»
«Beruhigen Sie sich», sagten sie. «Nicht nach unten sehen.»
Aber ich war äußerst unsicher auf den Beinen und musste nach unten sehen. Und da bemerkte ich die Ursache meiner Verwirrung. Die Ursache war mein Bein, oder vielmehr: dieses Ding, diese nichtssagende Kalkröhre, die mir als Bein diente, diese kalkweiße Abstraktion eines Beines. Eben war diese Röhre Hunderte Meter lang gewesen, jetzt maß sie nur noch zwei Millimeter; eben war sie dick gewesen, jetzt war sie dünn; eben hatte sie sich dahin geneigt, jetzt neigte sie sich dorthin. Sie änderte ständig Form und Größe, Position und Winkel, und die Veränderungen erfolgten vier- bis fünfmal pro Sekunde. Das Ausmaß dieser Veränderung und Verwandlung war gewaltig: Zwischen zwei aufeinanderfolgenden «Bildern» konnte ein Sprung um ein Tausendfaches liegen …
Solange sowohl das Erschrecken über die Veränderungen als auch ihr Ausmaß so groß war, kam es für mich nicht in Frage, irgendetwas zu tun, ohne von jemandem gestützt zu werden. Angesichts einer derartigen Unbeständigkeit der Erscheinungsformen, bei der alle Parameter unvorsehbare Sprünge in jeder Größenordnung machten, war ein weiteres Gehen unmöglich. Innerhalb von ein oder zwei Minuten (also nach mehreren hundert Verwandlungen) wurden die Veränderungen weniger ungestüm und sprunghaft, ohne jedoch an Häufigkeit abzunehmen. Die Umformungen und Verwandlungen der Kalkröhre wurden, auch wenn sie noch immer gewaltig waren, abgemildert und gedämpft und begannen, sich in annehmbaren Grenzen zu halten.
In diesem kritischen Augenblick also entschloss ich mich zu einem ersten Schritt. Außerdem wurde ich ja von den beiden Krankengymnastinnen gedrängt, ja geradezu mit sanfter Gewalt vorwärts geschoben. Sie hatten meine Verwirrung bemerkt und zeigten ein gewisses Mitgefühl, hatten aber (so meine Vermutung, die sich später bestätigte) nicht die leiseste Ahnung, was ich in diesem Augenblick erlebte und mit welchen Schwierigkeiten ich zu kämpfen hatte. Es war gerade noch vorstellbar (dachte ich jetzt), dass man lernen konnte, mit einem solchen Bein umzugehen – obwohl das der Bedienung eines außerordentlich instabilen roboterhaften Mechanismus gleichkam, der sich ständig auf eine konstruktionsbedingt unwahrscheinliche und unvorhersehbare Weise veränderte. Aber konnte man in einer Welt, einer Wahrnehmungswelt, deren Gestalt und Größe sich unablässig wandelte, tatsächlich auch nur einen einzigen gelungenen Schritt tun?
Sobald der Tumult der Empfindungen und Erscheinungen losbrach, hatte ich das Gefühl einer Explosion, einer absoluten Wildheit und Unordnung, das Gefühl, dass etwas überaus Willkürliches und Anarchisches am Werk war. Aber was konnte eine solche Explosion in meinem Verstand auslösen? War es möglich, dass es sich um eine lediglich sensorische Explosion handelte, die von meinem Bein, das jetzt zum ersten Mal gezwungen war, mein Gewicht zu tragen, zu stehen und zu funktionieren, ausging? Aber dafür waren die Wahrnehmungen zweifellos zu komplex. Sie hatten etwas von Konstrukten, und nicht von «ungefilterten Empfindungen», «Sinnesdaten» usw. an sich. Sie hatten etwas von Hypothesen, von Raum, von jener elementaren Anschauung a priori, ohne die keine Wahrnehmung, keine Gestaltung der Welt möglich wäre. Es herrschte nicht ein Chaos der Wahrnehmung, sondern ein Chaos des der Wahrnehmung vorangehenden Raumes und Maßes. Ich hatte das Gefühl, dass ich, noch während ich mich in diesem Chaos befand, zum Zeugen der Festlegung von Maßen, der Vermessung einer Welt wurde.
Und diese Wahrnehmung, besser: Vor-Wahrnehmung oder Intuition, hatte nicht im Entferntesten etwas mit mir zu tun, sondern schritt auf ihre ganz eigene außergewöhnliche und unerbittliche Weise fort. Ihr Vorgehen war und blieb von Anfang an im Wesentlichen willkürlich, wurde aber durch eine Art Vergleichen oder Versuchen, ein Anvisieren oder Raten, vielleicht durch einen Prozess von Versuch und Irrtum gemildert, durch eine wunderbare und doch irgendwie mechanische Art der Berechnung, an der ich nicht im mindesten beteiligt war. Ich war anwesend, ja, aber nur als Beobachter, als bloßer Zuschauer bei einem Urereignis oder «Urknall», der den Beginn des inneren Raumes, des Mikrokosmos in mir, markierte. Ich machte diese Veränderungen nicht aktiv, sondern passiv durch, und so konnte ich miterleben, wie es war, bei der Gründung einer Welt, bei der uranfänglichen Festlegung ihrer Maße und ihrer Ausdehnung dabei zu sein. Vor mir, in mir geschah ein echtes Wunder. Aus dem Nichts, aus dem Chaos entstand Maß. Die springenden, flackernden Maßeinheiten näherten sich an einen Durchschnitt, an eine Urskala, an. Ich war von schrecklicher Angst, aber auch von Ehrfurcht und einer Heiterkeit des Gemüts erfüllt. In mir schien eine kosmische Mathematik am Werk zu sein, die eine unpersönliche mikrokosmische Ordnung herstellte.
Mit einem Mal fielen mir Gottes Fragen an Hiob ein: «Wo warest du, als ich die Erde gründete? … Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat?» Und mit heiliger Scheu dachte ich: Ich bin da, ich habe es gesehen. Die Bilder, die flackernden Bilder, ließen mich an Planck und Einstein denken und daran, dass Quantenhaftigkeit und Relativität möglicherweise aus demselben Ereignis hervorgegangen sind. Ich hatte das Gefühl, die «Vor-Planck’sche Zeit» meiner selbst zu erfahren, jene unvorstellbare Zeit, von der die Kosmologen sprechen, diese ersten 10-45 Sekunden nach dem «Urknall», wenn der Raum noch unstabil, flackernd, quantenhaft ist: die Vorbereitungszeit, die dem Einsetzen der wirklichen Zeit vorausgeht.
Ich stand reglos, gebannt, wie angewurzelt da, zum Teil weil das Schwindelgefühl jede Bewegung unmöglich machte, zum Teil vielleicht auch, weil ich von diesen Betrachtungen völlig in Anspruch genommen war. Meine Seele erstarrte in Verzückung über dieses Wunder. Das ist das Wunderbarste, was ich je erlebt habe, dachte ich. Diesen herrlichen Augenblick darf ich nie vergessen. Und ich kann das unmöglich für mich behalten. Und unmittelbar nach diesen Gedanken fielen mir weitere Worte aus dem Buch Hiob ein. «Ach, dass meine Reden geschrieben würden! ach, dass sie in ein Buch gestellt würden!» In diesem Augenblick wusste ich, dass ich meine Erfahrungen in einem Buch beschreiben musste.
Nie habe ich eine solche Schnelligkeit der Gedanken erlebt, nie eine solche Schnelligkeit der Wahrnehmung – und dabei erfordert die Wiedergabe so viel Zeit. Ich denke an die zurückkehrenden Empfindungen im Bein und in den höheren, unbenutzten Systemen der Koordination und wie sie, die zunächst so ungestüm und chaotisch waren, durch eine Methode von Versuch und Irrtum kalibriert und korrigiert wurden; ich denke daran, wie mein Geist von einer Flutwelle von verschiedenen Wahrnehmungen und Wahrnehmungshypothesen und -berechnungen, die mit unvorstellbarer Geschwindigkeit aufeinanderfolgten, überrollt wurde.
Ich muss ein seltsames Bild für die beiden freundlichen Krankengymnastinnen abgegeben haben, die wahrscheinlich einen offensichtlich unsicheren, schwankenden, verwirrten Mann sahen, der, nachdem sein Gesicht anfangs Bestürzung verraten hatte, nach und nach sein Gleichgewicht fand, der zunächst verwirrt und ängstlich, dann fasziniert und gespannt und schließlich froh und von innerem Frieden erfüllt war.
«Sie sind ja wie ausgewechselt, Dr. Sacks», sagte eine von ihnen. «Wie wär’s jetzt mit einem ersten Schritt?»
Der erste Schritt! Bei meinen Anstrengungen zu stehen, mich unter Kontrolle zu bekommen, hatte ich nur an Festhalten, Überleben, Stehen und noch nicht an Bewegung gedacht. Jetzt, fand ich, konnte ich einmal versuchen, mich in Gang zu setzen. Und ich wurde gedrängt, vielleicht sogar sanft geschoben von den beiden Krankengymnastinnen, die eines mit Sicherheit wussten: dass man «weitermachen» muss, dass man fortfahren und den ersten Schritt tun muss. Sie wussten – es war ein kostbares Wissen, das der Verstand jedoch vergessen kann –, dass es nie einen Ersatz für das Tun geben kann, dass «am Anfang die Tat» steht und dass es keine Hinführung, keine Anleitung zum Tun gibt, es sei denn das Tun selbst.
Mein erster Schritt! Das war leichter gesagt als getan.
«Also, Dr. Sacks, worauf warten wir noch?»
«Ich kann das Bein nicht bewegen», antwortete ich. «Ich weiß nicht, wie ich das machen soll. Ich habe keine Ahnung, wie ich den ersten Schritt machen soll.»
«Warum?», fragte sie. «Gestern konnten Sie eine Beugebewegung an der Hüfte ausführen. Sie haben sich so darüber gefreut – und jetzt können Sie keinen Schritt machen!»
«Im Bett liegen und das Bein beugen, ist eine Sache», antwortete ich, «aber den ersten Schritt machen ist etwas ganz anderes.»
Sie bedachte mich mit einem langen Blick und rückte, da sie einsah, wie sinnlos Erklärungen waren, ohne etwas zu sagen, mit Hilfe ihres Beines mein Bein ein Stück vor, schob es in eine neue Position, sodass es notgedrungen eine Art Schritt machte. Von da an wusste ich, was ich tun musste. Man konnte es mir nicht erklären, aber wenn man es mir zeigte, begriff ich sofort; und sie zeigte mir, wie eine solche Bewegung ablief, so wie die anfangs unwillkürliche und ticartige Flexion mir am Tag zuvor gezeigt hatte, wie eine Hüftbeugung auszuführen war. So konnte ich, nachdem es mir gezeigt worden war, meinen Willen daransetzen und die Bewegung aus eigener Kraft und aktiv ausführen. Sobald der erste Schritt, selbst wenn es sich um einen künstlichen und nicht spontanen «Schritt» handelte, getan war, sah ich, was ich tun musste – wie ich die Hüfte so beugen konnte, dass das Bein einen annehmbar weiten Schritt machte.
Ich stellte fest, dass ich, um beurteilen zu können, was ein «annehmbar weiter Schritt» in eine «annehmbare Richtung» war, gänzlich auf äußerliche, visuelle Orientierungspunkte angewiesen war – Markierungen auf dem Boden oder solche, die sich in einem bestimmten Winkel zur Wand oder zu den Möbelstücken befanden. Ich musste jeden Schritt bis ins Letzte und im Voraus berechnen und dann das Bein vorsichtig und tastend vorwärts bewegen, bis es den Punkt erreicht hatte, den ich berechnet hatte und der mir sicher erschien.
Warum «ging» ich auf diese groteske Weise? Weil ich, wie ich feststellte, keine andere Wahl hatte. Wenn ich nämlich das Bein «seine Bewegungen selbst ausführen» ließ und nicht zu Boden sah, konnte es sein, dass es sich wenige Zentimeter oder über einen Meter weit bewegte, und das auch noch in die falsche Richtung, zum Beispiel seitwärts oder, und dies häufiger, wahllos in alle möglichen Richtungen. Bevor mir klar wurde, dass ich seine Bewegungen im Voraus «programmieren» und dann ständig überwachen musste, ging es tatsächlich mehrmals «verloren» und brachte mich fast zu Fall, weil es irgendwie zurückblieb oder meinem gesunden rechten Bein in die Quere kam.
Das Gefühl der Unwirklichkeit war noch immer übergroß. Ich ging nicht mit «meinem Bein», sondern mit einer riesigen, plumpen Prothese (oder Hypothese), einem bizarren Anhängsel, einer beinförmigen Kalkröhre, die obendrein noch immer fortwährend flackernd ihre Größe und Form veränderte, sodass es war, als bediente ich mich eines besonders unbeholfenen und unstabilen Robotermechanismus, eines absolut lächerlichen künstlichen Beins. Ich kann, außer auf diese unvollkommene Weise, nicht sagen, wie seltsam dieses Pseudogehen war, wie vollkommen jedes Gespür dafür fehlte und wie es umgekehrt übermäßig mit einer peniblen mechanischen Exaktheit und Vorsicht befrachtet war. Ich fand, dass diese Angelegenheit äußerst komplizierte, mühselige und ermüdende Berechnungen erforderte. Es war wohl eine Art von Fortbewegung, aber eine unnatürliche, unmenschliche. Das soll Gehen sein?, dachte ich, und dann, mit einem Anflug von schrecklicher Angst: Werde ich mich für den Rest meines Lebens damit abfinden müssen? Werde ich nie mehr das Gefühl haben, wirklich zu gehen? Werde ich nie mehr wissen, wie sich ein natürlicher, spontaner, freier Gang anfühlt? Werde ich von jetzt an gezwungen sein, jede Bewegung vorher zu bedenken? Muss denn alles so komplex sein – kann es nicht einfach sein?
Und plötzlich ertönte inmitten der Stille, dem stummen Zucken bewegungsloser, eingefrorener Bilder, Musik, herrliche Musik: Mendelssohn, fortissimo! Leben, berauschende Bewegung! Und ebenso plötzlich stellte ich fest, dass ich, ohne nachzudenken, ohne es in irgendeiner Weise zu beabsichtigen, mühelos und mit der Musik gehen konnte. Und ebenso plötzlich, genau in dem Augenblick, in dem diese innere Musik begann, jenes Mendelssohn-Konzert, dass meine Seele heraufbeschworen und halluziniert hatte, und in ebenjenem Moment, in dem meine «motorische»Musik, meine kinetische Melodie, mein Gang zurückkehrte – in genau diesem Moment kehrte auch mein Bein zurück. Mit einem Mal, ohne Vorwarnung und völlig übergangslos fühlte sich das Bein lebendig, wirklich und zu mir gehörig an, und zwar genau in dem Augenblick, in dem diese spontane Belebung, das Gehen, die Musik erfolgte. Ich war gerade dabei, vom Korridor wieder in mein Zimmer zurückzukehren, als aus heiterem Himmel dieses Wunder geschah – die Musik, das Gehen, die Verwirklichung meines Beines, alles gleichzeitig. Und ebenso unvermittelt war ich plötzlich absolut sicher: Ich glaubte an mein Bein, ich wusste, wie man geht …
Ich sagte zu den Krankengymnastinnen: «Gerade ist etwas Ungewöhnliches passiert. Ich kann jetzt gehen. Lassen Sie mich los, aber bleiben Sie für alle Fälle bei mir.»
Und trotz meiner Schwäche, trotz des Gipses, trotz der Stützen, trotz aller Widrigkeiten ging ich tatsächlich leicht, automatisch, spontan, melodisch, und meine eigene, persönliche Körpermelodie, die irgendwie durch die Mendelssohn’sche Melodie geweckt worden und mit ihr verbunden war, kehrte zurück.
Ich ging mit Stil, mit meinem unnachahmlichen eigenen Stil. Diejenigen, die mir dabei zusahen, bestätigten meinen Eindruck. «Vorher sind Sie mechanisch, wie ein Roboter gegangen», sagten sie, «aber jetzt gehen Sie wie ein Mensch. Ja, Sie gehen wie Sie selbst.»
Es war, als ob mir plötzlich wieder eingefallen wäre, wie man geht. Nein, nicht «als ob» – mir war wieder eingefallen, wie man geht. Ganz unvermittelt waren mir der natürliche, unbewusste Rhythmus, die Melodie des Gehens wieder eingefallen; ich hatte mich ihrer plötzlich wie einer einst vertrauten, aber lange vergessenen Weise erinnert, und sie war mit dem Rhythmus und der Melodie des Mendelssohn-Konzertes zurückgekehrt. In diesem Augenblick hatte ein abrupter und absoluter Sprung stattgefunden, kein Prozess, keine langsame Entwicklung, sondern ein plötzlicher Übergang vom unbeholfenen, künstlichen, mechanischen Gehen, bei dem jeder Schritt bewusst hatte berechnet, geplant und ausgeführt werden müssen, zu einer unbewussten, natürlich-eleganten, musikalischen Bewegung.
Wieder dachte ich sofort an Zazetsky in «The Man With a Shattered World» und seinen «Wendepunkt», den Lurija beschrieben hat: die plötzliche Entdeckung, die er eines Tages machte, dass nämlich das Schreiben, das für ihn bis dahin schrecklich schwierig gewesen war, weil er jeden Buchstaben, jeden Strich mühsam malen musste, ganz einfach sein konnte, wenn er nur losließ und sich, ohne nachzudenken oder sich zurückzuhalten, dem natürlichen Fluss, der Melodie, der Spontaneität dieser Tätigkeit hingab. Und dann fielen mir zahllose, wenn auch weniger spektakuläre Erfahrungen ein, die ich selbst gemacht hatte, als ich zum ersten Mal gerannt oder geschwommen war und zuerst jeden Schritt, jeden Zug abgemessen und berechnet und dann von einem Moment auf den anderen entdeckt hatte, dass ich «hineingekommen» war, dass ich geheimnisvollerweise und ohne es auch nur im Geringsten zu versuchen, «den Dreh», «den Rhythmus», «das Gefühl» dieser Tätigkeit gefunden hatte und sie nun perfekt und mit Leichtigkeit, ohne jede bewusste Berechnung oder Planung, ausführen konnte, indem ich mich einfach ihrem Tempo, Schwung und Rhythmus hingab. Diese Erfahrung war so gewöhnlich, dass ich kaum je darüber nachgedacht hatte, aber nun, das wurde mir plötzlich klar, war sie von grundlegender Bedeutung.
Wäre mir der Gedanke gekommen, dass das zeitliche Zusammentreffen von Gehvermögen, verbunden mit der Wiederfindung meines Beins, und dem Mendelssohn-Konzert eine Laune, ein bloßer Zufall ohne besondere Bedeutung sein könnte, so wäre er vierzig Sekunden später ad absurdum geführt worden, als ich, voller Selbstvertrauen ausschreitend, einen plötzlichen, unerwarteten Rückfall erlitt und mit einem Mal meine kinetische Melodie vergaß und nicht mehr wusste, wie man geht. In diesem Moment hörte das innere Abspielen des Mendelssohn-Konzertes auf, so unvermittelt, als habe man die Nadel von der Platte gehoben, und im selben Augenblick war es auch mit meinem Gehen vorbei. Das Bein hörte auf, fest und wirklich zu sein, und verfiel wieder in sein kinematisches Delirium, jene schrecklichen, regellosen, sprunghaften Veränderungen von Form, Größe und Bezugsrahmen. Sobald die Musik aufhörte, war auch das Gehen unmöglich, und das Bein löste sich in flackernde Phantombilder auf. Wie hätte ich an der Bedeutung dieses Zusammenhangs zweifeln können? Die Musik, das Handeln, die Realität – das alles gehörte zusammen.
Wieder war ich hilflos und konnte mich kaum auf den Beinen halten.
Die beiden Krankengymnastinnen führten mich zu einem Geländer, an dem ich mich mit aller Kraft festklammerte.
Mein linkes Bein baumelte kraftlos hin und her. Ich berührte es, und es hatte keinen Tonus und fühlte sich unwirklich an.
«Keine Angst», sagte die eine Krankengymnastin. «Das ist nur eine lokale Ermüdung. Gönnen Sie den Nervenenden ein bisschen Ruhe, dann ist gleich alles wieder in Ordnung.»
Ich stützte mich halb auf mein gesundes Bein und halb auf das Geländer und ließ das linke Bein ausruhen. Das Delirium ließ nach, die Pendelschläge des Beins wurden kleiner, waren aber von Zuckungen begleitet. Nach etwa zwei Minuten hatte sich wieder eine ausreichende Stabilität eingestellt. Gestützt auf die beiden Krankengymnastinnen, setzte ich meinen Weg fort. Und jetzt, so plötzlich wie beim ersten Mal, kehrte die Musik ein zweites Mal zurück, und mit ihr das spontane, automatische Gehen, der Tonus und die Wirklichkeit des Beines. Glücklicherweise waren es nur ein paar Schritte bis zu meinem Zimmer, und es gelang mir, die Musik und die Musikalität der Bewegung beizubehalten, bis ich, erschöpft, aber triumphierend, meinen Stuhl und von dort aus mein Bett erreicht hatte.
Als ich im Bett lag, war ich vor Freude außer mir. Es schien ein Wunder geschehen zu sein. Die Körperlichkeit meines Beines und das Vermögen, wieder zu stehen und zu gehen, waren mir zurückgegeben worden und wie ein Segen über mich gekommen. Jetzt, da ich wieder mit meinem Bein vereint war – mit einem Teil meiner selbst, der ausgestoßen und in die Vorhölle geworfen worden war –, war ich von zärtlichen Gefühlen für es erfüllt und streichelte den Gipsverband. Mein verlorenes Bein war wieder zurückgekehrt, und ich war von einer überwältigenden Wiedersehensfreude erfüllt. Das Bein war wieder nach Hause, zu mir zurückgekommen. Mitten in einer Bewegung hatte mein Körper Schaden genommen, und erst jetzt, da er sich als Ganzes wieder bewegen konnte, empfand er sich auch wieder als ein Ganzes.
Bis zum Einsetzen der inneren Musik hatte es keinerlei Gefühl gegeben – das heißt, die Phänomene selbst waren nicht mit eigentlichen Gefühlen besetzt gewesen. Das war während der wenigen, von phantastischen, kaleidoskopischen, aufblitzenden Visionen erfüllten Minuten besonders deutlich geworden. Es war eine spektakuläre Vorführung gewesen, die spektakulärste, die ich je in meinem Leben gesehen hatte; aber es war lediglich ein Spektakel gewesen und ich nur ein Zuschauer. Es gab kein «Eindringen» und auch keine Möglichkeit dazu, oder auch nur den Gedanken daran, in diese rein sensorischen und intellektuellen Phänomene einzudringen. Man betrachtete sie so, wie man ein Feuerwerk oder den Himmel betrachten würde. Man konnte sagen, dass sie eine kalte, unpersönliche Schönheit besaßen, die Schönheit der Mathematik, der Astronomie, des Himmels.
Und dann wurde dieser kalte, sternenübersäte, unpersönliche Kosmos und der gleichfalls kalte und unpersönliche Mikrokosmos des Geistes ganz plötzlich und ohne Vorwarnung von Musik erfüllt, von warmer, schwungvoller, lebendiger, berührender, persönlicher Musik. Sie war, wie ich es am Wochenende geträumt hatte, eine göttliche Botschaft und eine Botschafterin des Lebens. Sie war ihrem Wesen nach belebend – Kant hatte sie «die belebende Kunst» genannt –, und sie beflügelte meine Seele und damit auch meinen Körper, sodass ich plötzlich und spontan zur Bewegung, zu meiner eigenen Wahrnehmungs- und Bewegungsmelodie erweckt und durch die Lebendigkeit der Musik in mir ins Leben zurückgerufen wurde. Und in diesem Augenblick, in dem der Körper Bewegung wurde, wurde das Fleisch belebt und lebendig und verwandelte sich in leibhaftige, greifbare Musik. Alles an mir, Körper wie Seele, wurde in diesem Augenblick zu Musik:
«weil du selbst die Musik bist,
Solange sie forttönt.»
T.S. ELIOT
In diesem Augenblick, mit diesem Sprung von einem kalten Flackern und Zucken in den warmen Strom der Musik, den Strom des Handelns, den Strom des Lebens, wurde alles grundlegend verändert. Das Delirium, das Pandämonium, das Kaleidoskop, das Kino, all dies war seinem Wesen nach unbelebt und unzusammenhängend, während der Strom der Musik, des Handelns, des Lebens, seinem Wesen nach ganz und gar und unteilbar ein Strom, ein organisches Ganzes war, das keine Brüche oder Nahtstellen aufwies, sondern deutlich gegliedert und auf das Leben abgestimmt war. Ein ganz neues Prinzip – das, was Leibniz ein «neues tätiges Prinzip der Einheit» nannte – begann zu wirken, eine Einheit, die nur in Aktivität vorhanden ist und nur durch sie zustande kommt.
Das Wunderbare war diese himmlische Leichtigkeit und Sicherheit: Ich wusste, was ich tun musste, ich wusste, was als Nächstes kam, ich wurde ohne jede bewusste Überlegung oder Berechnung von dem unablässigen Strom der Musik, von meinem ganzen Gefühl getragen. Und dies war es auch, was sich so sehr, so absolut von dem komplizierten und erschöpfenden Berechnungen, die ich zuvor hatte anstellen müssen, unterschied – von diesem Gefühl, dass alles im Voraus berechnet und in Form von Programmen, Strategien, Verfahrensweisen ausgearbeitet werden musste und nichts einfach und ohne nachzudenken getan werden konnte. Die Freude am reinen Tun, seine Schönheit, seine Schlichtheit, war eine Offenbarung: Es war die einfachste, natürlichste Sache der Welt – und doch versagten vor ihr selbst die komplexesten Berechnungen und Programme. Hier, durch Tun, erlangte man auf einen Schlag Sicherheit, und zwar durch eine Gnade, die die komplexesten Berechnungen überstieg oder sie vielleicht auch einschloss und dann transzendierte. Jetzt fühlte sich alles einfach richtig an, alles war richtig, alles Handeln war mühelos, aber mit einem ihm innewohnenden Gefühl der Leichtigkeit und der Freude.
Was also war es, das plötzlich – verkörpert durch Musik, herrliche Musik, Mendelssohns fortissimo – zurückgekehrt war? Es war die triumphale Rückkehr des reinen, lebendigen «Ichs», das ich während meiner zwei Wochen im Abgrund und der zwei Minuten im Delirium verloren hatte; nicht das geisterhafte, denkende, solipsistische «Ich» Descartes’, das nie fühlt, nie handelt, das nicht ist und nichts tut – nein, nicht dies, nicht diese Ohnmacht, diese mentalistische Fiktion. Was zurückkehrte, was sich so fühlbar, so herrlich ankündigte, war ein dichtes, kraftvolles Fühlen und Handeln, das einem ursprünglichen, befehlenden, wollenden «Ich» entsprang. Die Phantasmagorie, das Delirium, besaß keine Ordnung, keinen Mittelpunkt. Mit der Musik kam eine Ordnung, ein Mittelpunkt ins Spiel, und Ordnung und Mittelpunkt allen Handelns war eine wirkende Kraft, ein «Ich». Was sich in diesem Augenblick einstellte, überstieg das Körperliche, das jedoch sogleich in ein nahtloses, perfektes Ganzes eingeordnet und reorganisiert wurde. Dieses neue, über das Körperliche hinausgehende Prinzip war Gnade. Ohne dass ich darum gebeten hatte, hatte Gnade in das Geschehen eingegriffen, den Mittelpunkt eingenommen und alles verwandelt. Die Gnade war, wie sie es immer tut, in den genauen Mittelpunkt der Dinge eingetreten, in den verborgenen, innersten, unerreichbaren Mittelpunkt, und hatte sofort alle Erscheinungen koordiniert und ihrem Willen unterworfen. Das bewirkte, dass der nächste Schritt klar, sicher und natürlich war. Gnade war die Voraussetzung und das Wesen allen Handelns.
Solvitur ambulando: Die Lösung für das Problem des Gehens ist – Gehen. Die einzige Möglichkeit, etwas zu tun, ist – es zu tun. Der Schlüssel zu diesem Paradox ist das Mysterium der Gnade. Hier fanden Denken und Handeln ihre Grenzen und ihren Frieden. Dies waren die ereignisreichsten und entscheidendsten zehn Minuten meines Lebens gewesen.