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Hannah

1933

In Inverness stieg ich erschöpft und hungrig aus dem Zug. Die Reise hatte erheblich länger gedauert als erwartet, und ich konnte kaum noch richtig denken vor Müdigkeit. Die Stadt lag deutlich weiter nördlich, als ich angenommen hatte, und bei unserer Einfahrt in den Bahnhof war schon später Nachmittag. Seit dem Hochzeitsfrühstück, das gefühlt schon Tage zurücklag, hatte ich kaum etwas in den Bauch bekommen und kein Auge zugemacht.

Es hätte mich nicht überrascht, wenn mich die Polizei schon auf dem Bahnhof in Empfang genommen hätte, aber ich sah nirgends eine blaue Uniform.

Ich schleppte mich erleichtert mit den anderen müden Reisenden in die Haupthalle des Bahnhofs, wo ich, unsicher, wohin ich gehen sollte, erst mal stehen blieb.

»Kann ich Ihnen helfen, Miss?«, fragte ein Mann, der seiner Uniform zufolge der Stationsvorsteher war, und lächelte mich freundlich an.

Ich hätte fragen wollen, wo sich das nächste Polizeirevier befand, doch als mein Blick auf meinen zerknitterten Mantel fiel und mit der kalten Luft von draußen verschiedene Essensdüfte in die Halle wehten, überlegte ich es mir anders.

»Gibt es hier in der Nähe ein Hotel?«, erkundigte ich mich und fügte schnell hinzu: »Nichts allzu Teures, denn ich habe nicht viel Geld.«

Der Mann bedachte mich mit einem neugierigen Blick, und ich verwünschte mich dafür, dass ich so viel von mir preisgegeben hatte.

Als er mir eine Antwort gab, verstand ich kein Wort, und er lachte leise, als er meine aufgerissenen Augen sah.

»Sind Sie zum ersten Mal hier in den Highlands?« Diesmal sprach er sehr deutlich, und als ich nur nickte, fügte er hinzu: »Willkommen in diesem wundervollen Teil der Welt.«

Ich wollte mich zu einem Lächeln zwingen und wünschte mir, es wäre ein Urlaub oder vielleicht sogar meine Hochzeitsreise, die mich nach Inverness führten.

Der Stationsvorsteher empfahl mir das Royal Hotel. Ich dankte ihm und ging nach draußen in den Regen, wo der kalte Wind mir den Atem nahm. Ich wickelte mich fest in meinen Mantel, und da mir die Energie zum Laufen fehlte, schleppte ich mich in dem sehnlichen Verlangen, vielleicht bald ein heißes Bad zu nehmen, weiter bis zu dem empfohlenen Hotel.

Das, was ich unterwegs von Inverness zu sehen bekam, wäre ohne Regen sicher hübsch gewesen. Die Stadt, die oberhalb des Flusses thronte, wirkte herrschaftlich und stolz. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie so hohe Berge gesehen wie die, welche ich hinter dem großen Castle in der Ferne erkennen konnte. Der Anblick gab mir ein Gefühl von Sicherheit, als hielte diese Festung oben auf dem Hügel tapfer allen Invasoren stand.

Meine müden Beine trugen mich die paar Treppen zum Hoteleingang hoch, wo ich mir von dem Geld, das Freddie mir gegeben hatte, ein Zimmer für die Nacht nahm. Es lag im ersten Stock, und dankbar dafür, im Trockenen zu sein, ließ ich mich auf das Bett am Fenster fallen. Daneben stand auf einem Tisch ein Krug mit Wasser. Ich schenkte mir etwas davon in ein Glas und leerte es in einem Zug.

Fünf Minuten wollte ich noch liegen bleiben und mich danach waschen und etwas essen gehen. Und wenn ich sauber, satt und wieder halbwegs munter wäre, würde ich mir überlegen, wie es weitergehen sollte.

Aber vorher würde ich für einen Moment die Augen schließen …

*

Das Läuten von Kirchenglocken riss mich aus dem Schlaf, und einen Augenblick wusste ich nicht, wo ich war.

Ich sah hoch an die weiße Decke, und dann war plötzlich alles wieder da – Freddie und Lawrie, der so schrecklich reglos auf dem Boden lag …

Ich richtete mich auf und blickte auf die Uhr, die auf dem Nachttisch stand. Mein Gott, es war schon sieben! Ich hatte mich am Abend nur kurz ausruhen wollen, und jetzt lag ich immer noch in staubiger Garderobe auf dem Bett, nicht einmal die Schuhe hatte ich mir ausgezogen. Wenn Tante Beatrice mich sehen würde, wäre sie entsetzt.

Um wach zu werden, rieb ich mir über die Stirn. In diesem Aufzug konnte ich mich unmöglich den Behörden stellen, also würde ich mich erst einmal waschen, meine zerzausten Haare kämmen und mich umziehen müssen. Mein Magen knurrte so vernehmlich, dass es sicher noch im Nebenraum zu hören war. Aber nach dem Frühstück würde ich dann wirklich zur Polizei gehen.

Im Erdgeschoss duftete es verführerisch nach Würstchen, Toast und anderen Köstlichkeiten. Ich war beinahe allein im Speisesaal, nur an einem Tisch am Fenster saß ein gut gekleidetes Paar und an einem anderen eine junge Frau, die ungefähr in meinem Alter war. Ich wählte einen Tisch in einer Ecke und nahm Platz in der Hoffnung, dass ich dort möglichst meine Ruhe hätte.

Als die Bedienung kam, bestellte ich Porridge und eine Kanne Tee und fügte scheu hinzu: »Und eine Zeitung, falls Sie eine haben«, weil ich einfach wissen musste, ob es schon Berichte über Lawries … Unfall gab. Das Mädchen nahm die Bestellung auf und ließ mich wieder allein am Tisch zurück. Ich lehnte mich zurück und blickte auf die junge Frau, die sich ein großes Frühstück schmecken ließ.

Als die Bedienung mir meinen Tee und eine Zeitung brachte, warf sie einen Blick auf die Frau und stellte im Vorbeigehen fest: »Nur gut, dass du nicht mehr bei uns arbeitest, Davina. Seit du hier nicht mehr isst, verdienen wir endlich was mit dem Hotel. Ich frage mich, wo du das alles lässt.«

Davina streckte ihr die Zunge raus und erwiderte fröhlich: »Vielleicht habe ich ja einen Bandwurm.«

Ich musste über ihr Geplänkel lächeln. Davina sprühte regelrecht vor Energie, wie sie mit einem angezogenen Bein dort saß und es sich ganz ungeniert schmecken ließ.

»Die Zeitung, Miss«, wandte sich die Serviererin an mich.

Ich dankte ihr, und während sie das Teegeschirr und ein Kännchen Milch vor mir abstellte, schlug ich die Zeitung auf. Statt der erhofften Times hatte das Mädchen die Lokalzeitung gebracht, doch nach den Anzeigen auf der ersten Seite hatten sie dort einen Bericht zu Roosevelts Plänen für die Banken abgedruckt.

Ich trank den ersten Schluck von meinem Tee und begann mit der Lektüre des Artikels. Trotz meiner Schuldgefühle wegen Lawrie fühlte es sich herrlich an, allein zu sein. Ich kam mir unabhängig und erwachsen vor und schlug gerade die nächste Seite auf, als die Bedienung von Davina wissen wollte, wie sie ihr Frühstück fände.

»Nicht schlecht, wobei die Würstchen nicht so gut sind wie im Drum«, gab sie zurück. Sie hatte kurzes, wild gelocktes Haar, und als ich unauffällig über meine Zeitung lugte, klemmte sie sich gerade seufzend eine wirre Strähne hinters Ohr. »Du solltest mitkommen und auch dort arbeiten, Mary. Mrs McEwan sucht noch immer zusätzliches Personal.«

»Ach nein, so weit nach draußen will ich nicht«, entgegnete Mary mit deutlich ausgeprägterem Akzent als im Gespräch mit mir. »Ich lebe lieber in der Stadt.«

Ich wandte mich erneut der Zeitung zu und las mir den Bericht über den Wahlen in Deutschland durch. Dann fuhr ich zusammen, denn unten auf der Seite war ein Foto von mir in meinem Hochzeitskleid abgedruckt, das mich nur im Profil zeigte, das offene Haar fiel mir über die Schultern. Ich runzelte die Stirn. Auf diesem Foto sah ich unschuldig und bieder aus. Wie konnte es sein, dass dieses Bild erst vor zwei Tagen aufgenommen worden war?

Ich atmete tief durch und las die ersten Worte des Artikels.

»Ihr Porridge«, sagte Mary plötzlich. Ich fuhr zusammen, und als sie sich über mich beugte und die Schüssel vor mir abstellte, stieß ich vor lauter Schreck meinen Tee um, der sich über die die Zeitung ergoss.

»Oje, es tut mir leid. Ich wollte Sie nicht erschrecken«, bat mich das Mädchen um Entschuldigung. »Am besten setzen Sie sich an einen anderen Tisch, damit ich diesen hier erst mal sauber machen kann. Davina, hilfst du mir?«

Sie führte mich zu einem anderen Tisch, näher bei dem Paar, und lächelnd sprang Davina auf und trug die nasse Zeitung aus dem Raum. Auch meine Kleider hatten etwas abbekommen, doch ich stand wegen meines Fotos in der Zeitung derart unter Schock, dass ich mich einfach wortlos setzte und mir mein Porridge bringen ließ.

»Ich hole Ihnen frischen Tee«, bot Mary an und eilte los.

Ich griff nach meinem Löffel, doch mitten in der Bewegung hielt ich inne. Meine Gedanken überschlugen sich. Anscheinend suchte man mich schon. Weswegen hätten sie mein Foto sonst hier in der Zeitung drucken sollen? Waren sie schon auf der Jagd nach mir? Das Wort beschwor das Bild einer Meute Hunde herauf, die mir auf den Fersen waren. Hatte die Polizei wohl schon mit dem Taxifahrer gesprochen, der mich zum Bahnhof gebracht hatte? Ich schüttelte mich voller Aufregung. Ich sollte trauern und mich schämen, denn ich hatte schließlich Lawrie umgebracht.

Doch hatte ich das wirklich?

Wieder dachte ich an die Bewegung seiner Hand, als er dort auf dem Boden vor dem Bett gelegen hatte, und wie Freddie mich daran gehindert hatte, noch einmal nach ihm zu sehen.

Natürlich wusste ich, dass ich schnellstens zur Polizei gehen und mich stellen sollte.

Aber …

Hatte Lawrie nicht womöglich wegen seines Doppellebens eine Mitschuld an dem, was geschehen waren? Hatte er nicht einzig seine eigenen Interessen im Sinn gehabt?

Bei dem Gedanken wogte neben meinen Schuldgefühlen und der Angst auch ein Hauch von … freudiger Erregung in mir auf. Denn endlich, endlich war ich frei. Hier gab es keine Tante Beatrice, die mir erklärte, was ich tun und wie ich mich verhalten musste, und auch keinen Lawrie, der mir untersagte, bestimmte Gespräche zu führen oder mich für Politik zu interessieren.

*

Natürlich war ich schuld an Lawries Sturz, und vielleicht wurde ich deshalb von der Polizei gesucht. Wahrscheinlich würde ich bis an mein Lebensende immer wieder von dem Bild, wie er dort auf dem Boden lag, in meinen Träumen heimgesucht werden.

Doch wie hatte meine Mutter stets gesagt? Wenn Gott die eine Tür verschloss, tat er gleich eine andere auf. Was dies hier meine Tür? War dies hier meine Chance, dem Leben zu entgehen, das andere für mich vorgezeichnet hatten?

Und was ist, wenn sie wirklich nach dir suchen?, nagte eine leise innere Stimme an mir.

Was sollte dann schon sein? Sie suchten nach der braven Hannah Wetherby von meinem Hochzeitsbild. Die aber war ich nicht. Im Grunde sah ich ihr nicht mal wirklich ähnlich. Weil ich sie vielleicht nie gewesen war.

Ich tastete nach meinem Haar, das ich in einem Knoten trug, und blickte auf das Paar, das über Salz- und Pfefferstreuern Händchen hielt und sich versonnen in die Augen sah. Am anderen Ende des Raumes kürzte eine Angestellte Osterglocken, die sie dann in einer Vase auf der Anrichte arrangierte, und plötzlich waren alle meine Sinne in Alarmbereitschaft, und ich stand entschlossen auf.

Als Mary zurückkam, erklärte ich: »Ich muss mich kurz entschuldigen, aber sehen Sie mal, ich glaube, dass der Gentleman da vorne etwas von Ihnen will.«

Als Mary zu dem Paar hinüberging, nutzte ich die Gelegenheit und steckte schnell die Schere ein, die die Angestellte nach dem Blumenschneiden hatte liegen lassen. Auf meinen Weg nach draußen griff ich nach einem Hut, der am Garderobenständer hing und sicherlich der verliebten Frau vom Nachbartisch gehörte, und lief eilig durch das Foyer zu den Toiletten.

Zum Glück war niemand anderes dort, doch ich wollte mich beeilen, deswegen löste ich entschlossen meinen Knoten und ließ meine Haare offen über meine Schultern fallen. Ich holte tief Luft und begann zu schneiden.

Die Schere schnitt nicht wirklich gut, doch erstmals war ich dankbar für meine feinen Haare und ließ Strähne um Strähne in das Becken fallen.

Am Ende reichten mir die Haare nur noch bis zum Kinn, und mir entfuhr ein leises »Aber hallo!«, als ich in den Spiegel blickte, denn meine Augen wirkten mit der neuen Frisur größer, und ich sah etwas erwachsener aus.

Ich klemmte mir ein paar kurze Strähnen hinter die Ohren und zog mir die breite Krempe des rosa Huts so tief wie möglich in die Stirn.

Ich wusste nicht genau, was ich da tat, doch mir war klar, dass ich nicht mehr die Absicht hatte, mich der Polizei zu stellen. Ich hatte noch ein wenig Geld, ich konnte arbeiten und war alles andere als dumm. Ich würde sicher eine Stelle finden, vielleicht in einem der vielen Läden, Cafés oder Hotels, die es hier gab. Die Welt lag mir zu Füßen, und ich konnte tun, was immer mir gefiel.

Ich sah noch einmal in den Spiegel, strich mir die Bluse glatt und richtete mich kerzengerade auf. Ich war nicht länger Hannah Wetherby. Jetzt war ich wieder Hannah Snow. Und ab sofort begann ein völlig neues Leben für mich.

Mit stolz erhobenem Kinn ging ich zurück durch das Hotelfoyer zum Lift. Ich würde meine Tasche holen und dann einen Plan entwerfen. Einen Plan, bei dem es auch um Essen gehen musste, denn tatsächlich hatte ich noch immer nichts im Bauch.

Als die Türen des Fahrstuhls sich öffneten, stand darin an die Wand gelehnt, als hätte sie auf mich gewartet, Davina.

»Guten Tag.« Sie richtete sich auf.

»Guten Tag.«

Sie hielt mich davon ab, den Fahrstuhlknopf zu drücken, und ich fragte alarmiert: »Was tust du da?«

»Ich habe gesehen, wie du diesen Hut gestohlen hast.«

Ich griff mir an den Kopf. »Wie kannst du wagen, so etwas zu behaupten?«

»Und du hast dir deine Haare abgeschnitten«, stellte sie mit einem aufgeweckten Lächeln fest.

»Ganz sicher nicht.«

Sie hinderte mich abermals daran, den Knopf zu drücken, und ich fuhr sie ungehalten an: »Hör sofort auf, wenn ich mich nicht bei der Hotelleitung über dich beschweren soll.«

»Nur zu.«

Ich starrte sie mit großen Augen an, und plötzlich zog sie die aufgeweichte Zeitung mit meinem Foto hinter dem Rücken hervor.

»Das bist doch du?«

Achselzuckend fragte ich sie: »Geht es dir um Geld?«

Sie lachte auf. »Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass du welches hast.«

»Das habe ich auch nicht.«

Sie stieß mich mit dem Ellenbogen an. »Du wirkst, als ob du weggelaufen wärst.«

»Hast du denn den Artikel nicht gelesen?«, fragte ich mit rauer Stimme, weil ich keine Ahnung hatte, ob es darin vielleicht hieß, ich würde wegen der Ermordung meines Ehemanns gesucht.

Verlegen wandte sie sich ab, dann sah sie mich trotzig an. »Nein. Die Zeitung war vollkommen aufgeweicht. Wie hätte ich da irgendetwas lesen sollen?« Verächtlich zerknüllte sie das durchweichte Tageblatt. »Ich habe nur gesehen, wie du reagiert hast, als dein Blick auf dieses Foto fiel.«

»Es war ein kleiner Schock für mich, mich selbst dort zu sehen«, räumte ich widerstrebend ein.

»Und wovor bist du weggelaufen?«, fragte sie, und seufzend lehnte ich mich an die Wand.

»Vor meinem Mann. Und zwar noch in der Hochzeitsnacht.«