Sie war noch immer durcheinander, als sie nach Hause kam.
«Es hat lange gedauert», stellte Emily fest. «Wo warst du noch?»
Annett nahm ihren Hut ab und legte die Zeitung auf den Tisch, sodass die Überschrift obenauf lag. «Ich war bei der New York Times», erwiderte sie.
«Bei der New York Times? Einfach so?»
«Ja. Ich konnte nicht zulassen, dass ein Journalist so über die Baustelle schreibt. Das geht doch nicht!»
Emily lächelte, setzte sich an den Esstisch und forderte Annett auf: «Erzähl!»
Und Annett nahm Emily gegenüber Platz und erzählte alles, was sie heute erlebt hatte.
«Und nun bist du mit ihm verabredet?»
«Ja», gab Annett zu. «Er wird mich morgen Abend hier abholen. Aber ich habe nicht vor, mit ihm irgendwohin zu gehen.»
Emily nickte und lächelte. «Das heißt, du hast ihn ganz einfach zu uns hergelockt?»
Jetzt lächelte auch Annett. «Ja, das habe ich. Er soll dich kennenlernen, er soll sehen, wie klug du bist. Er soll begreifen, dass eine Frau nicht weniger technischen Verstand hat als ein Mann. Und er soll Washington kennenlernen. Er soll sehen, wie sehr ihr beide für diese Brücke lebt.»
Und dann kam der nächste Abend und mit ihm Arthur. Annett eilte ihm entgegen, nahm ihm Hut und Mantel ab, obgleich das Dienstmädchen direkt hinter ihr stand. «Ich wollte Sie eigentlich nur hier abholen, Annett», sagte er unsicher.
«Nun, Sie werden doch den Roeblings die Einladung zu einem Dinner nicht abschlagen wollen, oder? Hier entlang, bitte.» Sie führte Arthur durch das Haus, das Dienstmädchen öffnete die Flügeltür zum Salon und fragte Arthur, was er trinken wolle.
«Ich weiß nicht», erwiderte Arthur verlegen. «Einen Whiskey vielleicht.»
«Gern. Was für einen? Einen Scotch oder einen Bourbon? Einen schottischen, irischen, amerikanischen oder kanadischen?»
«Ich nehme einen guten, alten amerikanischen Whiskey», erklärte er schließlich und zeigte auf ein Etikett, das er kannte. «Den da.»
Das Dienstmädchen knickste und schenkte ihm ein. Annett lehnte einen Drink ab und sagte, sie müsse kurz etwas in einem Buch nachschlagen. Vom Salon aus führte eine offene Tür in die Bibliothek, und Arthur folgte Annett. «Sehen Sie sich ruhig um», ermunterte ihn Annett, und Arthur nickte.
Er blickte beeindruckt auf die Regale, in denen Bücher auf Deutsch und auf Englisch, Bücher über Architektur und Mathematik, über Statik und Statistik, über Brückenbau und Ingenieurwesen standen. Daneben lagerten die großen Klassiker der Weltliteratur, angefangen mit den Werken Goethes bis hin zum erst kürzlich erschienenen Buch «Onkel Toms Hütte».
«Guten Abend, Mister Munroe», erklang plötzlich eine Stimme hinter ihm. Annett bemerkte mit Genugtuung, dass er erschrak, als er Emily sah, und verlegen war, weil er ihr Eintreffen nicht bemerkt hatte. Sie trat auf ihn zu, reichte ihm die Hand. «Es ist schön, Sie heute Abend bei uns zu haben», sagte sie und lächelte mit solcher Herzlichkeit, dass Arthur das Lächeln erwidern musste. Sie deutete auf das gelbe Sofa, ließ sich selbst darauf nieder und wartete, bis er neben ihr Platz genommen hatte. «Ich hoffe, Sie sind uns nicht gram. Ich weiß natürlich, dass Sie mit Miss Annett ausgehen wollten, doch wie Sie vielleicht wissen, steht es um Washingtons Gesundheit nicht zum Besten.»
«Niemand in ganz New York weiß, wie es um Mister Roeblings Gesundheit steht», sagte Arthur. «Man hat nur munkeln hören, dass er sich im Ausland zur Kur aufgehalten habe. Das ist aber auch schon alles. Ich hoffe jedoch sehr, dass er sich wohl befindet.» Emily hielt den Kopf leicht schief. «Nun, Sie werden ihn gleich kennenlernen.» Im Haus schlug eine Uhr die achte Stunde. Emily stand auf. «Kommen Sie, das Dinner beginnt.»
Wenig später saßen sie am Esstisch im Speisezimmer, Washington am Kopfende, Arthur ihm gegenüber und Annett und Emily an den beiden Seiten. Washington trug eine riesige Serviette um den Hals und musste gefüttert werden. Neben ihm saß Emily und achtete darauf, dass das Fleisch für ihren Mann in wirklich kleine Stücke geschnitten wurde. Emily sprach dabei über die Brücke, erklärte technische Details, wurde von Washington unterbrochen und lachend berichtigt und sogar einmal ganz ungezwungen von Annett bei einer Kleinigkeit korrigiert. Das Gespräch war heiter und dabei so klug und anspruchsvoll, dass Arthur sich einerseits sichtlich wohlfühlte, andererseits allerdings den Eindruck machte, als könne er die Dimensionen dieses gigantischen Bauvorhabens nur mit Mühe begreifen.
Dann aber wandte sich Emily an Arthur: «Bitte verzeihen Sie, wenn wir Sie gelangweilt haben. Unsere Arbeit ist zugleich auch unser größtes Steckenpferd, und manchmal vergessen wir, dass es für andere Menschen noch mehr als die Brooklyn Bridge gibt.» Sie lächelte ein wenig und fuhr fort: «Nun, Mister Munroe, woher stammen Sie? Wie sind Sie zur New York Times gekommen?»
«Ich bin aus Chicago.» Er räusperte sich, als habe er Schwierigkeiten mit seiner Stimme.
Tatsächlich hätte er es sich nie träumen lassen, einmal mit den Roeblings beim Dinner zu sitzen. Jetzt lernte er sie ein wenig kennen und musste feststellen, dass sie ganz anders waren, als er sich das immer gedacht hatte. Vor ihm saßen keine humorlosen Menschen, deren Pupillen aus nichts als Zahlen bestanden, sondern reizende Leute, die sich für ihn interessierten.
Emily sah ihn erstaunt an. «Von den Chicagoer Munroes?»
«Ja. Mein Vater ist Schlachter.»
«Jetzt untertreiben Sie aber schamlos.» Emily wandte sich an Annett. «Den Munroes gehören die meisten Schlachthöfe und die meisten Immobilien Chicagos. Es gibt niemanden dort, der einflussreicher wäre.»
«Ach ja?» Annett hielt den Kopf ein wenig schief. «Dann verfügen Sie doch wohl über eine außerordentlich gute Erziehung und Bildung?» Der Satz kam spitz, traf den verlegenen Arthur Munroe kurz unter dem Rippenbogen. «Nun, meine Erziehung war nicht von so großem Belang. Es ging hauptsächlich um Rinder und um das Rindertöten und darum, die getöteten Rinder weiterzuverkaufen.»
«Sie waren nicht in Y …» Emily brach ab. «Verzeihen Sie bitte, ich bin zu neugierig.»
«Aber nicht doch. Sie haben recht, ich war nicht in Yale und auch nicht in Harvard, ja, ich war nicht einmal an der Columbia. Ich habe sogar überhaupt nicht richtig studiert, sondern war nur auf einem Konservatorium in Chicago. Ich hatte eigentlich Musiker werden wollen.» Er nahm die Serviette und warf sie schwungvoller als geplant neben den Teller.
«Sie spielen Klavier? Oh, das ist ganz wunderbar. Ich singe sehr gern, wissen Sie.» Annett lächelte ihn an.
Und dann legte sie für einen Augenblick ihre Hand auf seine. Emily und Washington lächelten, und Arthur Munroe dachte, dass die Roeblings nicht nur große Gelehrsamkeit ausstrahlten, sondern auch eine Wärme und Zuneigung, mit der er niemals gerechnet hätte.