Wie lange war sie nun schon in Oak’s Hill? Einen Monat oder länger? Es kam ihr vor, als lägen Jahre zwischen ihrer Ankunft hier und dem heutigen Tag. Es war Herbst geworden, und die sengende Hitze hatte nachgelassen. Wind war aufgekommen, Präriewind, den Susanne nicht gerade liebte. Schließlich war es so kalt geworden, dass sie den Kamin am Abend hatte anheizen müssen, damit Tuuli nicht fror. Das Haus fühlte sich längst an wie ihr eigenes, auch wenn sie zur Miete darin wohnte, und es würde bald so aussehen, wie sie sich das vorgestellt hatte. Unten, im Erdgeschoss, war der Laden mit den braunen Holzregalen, der hölzernen, glänzenden Verkaufstheke aus poliertem Mahagoni mit dem Bonbonglas in der Mitte und dem im Schachbrettmuster gefliesten Boden. Sie hätte gern Dielen gehabt, aber dazu hätte jemand die Fliesen herausreißen und in der nächstgrößeren Stadt Bodendielen anfertigen lassen müssen. Das hätte gedauert, und so viel Zeit hatte Susanne nicht. Also blieben die Fliesen, blieb der weiße Kalkputz an den Wänden, nur bei den Schaufenstern ließ sie keine Kompromisse gelten. Sie hatte den Boden mit rotem Samt ausgeschlagen, hatte Körbe und sogar einen frisch eingedeckten Frühstückstisch in das Schaufenster bugsiert und drapierte darauf jeden Tag einen frischen Kuchen. Sie hatte kein Geld für den Hauskauf ausgeben müssen und konnte sich so zwei neue Backöfen leisten. Der Kaminbauer hatte ganze Arbeit geleistet, die Öfen zogen, hielten die Wärme und buken die Brote, Brötchen und Kuchen genau so, wie Susanne sie haben wollte.
Über dem Laden befand sich ihre Wohnung. Sie war nicht groß, aber darin fand sich alles, was Susanne brauchte: ein Wohnzimmer, eine Schlafkammer, die Susanne mit Tuuli teilte, eine Schlafkammer für den Bäckergehilfen, den sie irgendwann einmal einstellen wollte, und zwei winzige Kammern, die noch keine Bestimmung gefunden hatten.
Die Backstube unten diente zugleich als Küche, und Susanne war es sogar gelungen, die alte Kochmaschine wieder in Gang zu bringen. Für Tuuli hatte sie eine kleine Nische abgezweigt, in der sie ruhig liegen konnte, ohne dem heißen Backofen zu nahe zu kommen. Aber meist war die Kleine tagsüber ohnehin bei Madame Joyce, die gleich nebenan wohnte, in Cherrys Haus.
Auch Cherry hatte sich bereits eingerichtet. Auf der Veranda brannten zwei rote Laternen, die sie von dem chinesischen Lebensmittelhändler bekommen hatte. Drinnen waren die Wände mit rot gefärbtem Kalk beworfen, überall standen reparierte Samtsofas herum, auf den Böden lagen dicke gewebte Teppiche, die Cherry den Indianern der Gegend abgekauft hatte. Zwei Mädchen, die hier hängengeblieben waren, lebten in den beiden Kammern, die sich oben im Dachgeschoss befanden, während Madame Joyce recht luxuriös in zwei Zimmern im ersten Stock residierte und am Abend sehr oft dafür sorgte, dass die Gäste genug zu trinken hatten.
Jetzt, dachte Susanne, kann das Leben endlich anfangen. Sie buk Brot und Kuchen, verkaufte ihre Waren, nicht immer alles, aber das meiste. Geld kam in die Kasse, nicht viel, aber es reichte zum Leben, und doch wartete sie. Worauf? Auf das, was sie sich unter «dem Leben» vorgestellt hatte? Was hatte sie sich vorgestellt?
Freiheit. Aber was war das? Reichte es, selbst entscheiden zu können? Und dann doch Tag für Tag denselben Rhythmus zu leben, weil man ja von irgendetwas leben musste? Nein, sie war nicht unglücklich, aber irgendwie hatte sie sich unter dem Begriff «Freiheit» mehr vorgestellt. Einen nimmermüden Rausch, ein immerwährendes Glücksgefühl. So etwas in der Art. Aber dieses immerwährende Glücksgefühl kam nicht, dafür nach einigen langen Wochen die ersten Glücksritter. Goldgräber, die davon gehört hatten, dass es hier etwas geben sollte, dessen Abbau sich lohnte.
Susanne stand im Schaufenster ihrer Backstube, als die ersten dieser Männer in die Stadt zogen. Sie kamen staubbedeckt auf müden Gäulen daher, die Satteltaschen prall gefüllt, die Spitzhacken hinter sich im Sattel, Revolver in den Halftern und Messer im Stiefel. Sie spuckten auf den Boden, zogen den Rotz hoch, kauten Tabak oder rauchten Zigaretten, tranken Whiskey, als wäre es Wasser, und fluchten wie die Fischweiber auf den Großstadtmärkten. Hinter dem letzten Haus in der Straße, auf der freien Prärie, hoben sie Gräben aus, die sie mit Planen überdeckten, und nannten diese Dinger ihr Zuhause. Cherrys Laden wurde jeden Abend voller, der Lärm drang durch die Wände und ließ weder Susanne noch Tuuli schlafen. Drüben im Saloon fanden Tanzveranstaltungen statt, und weil es noch immer weniger Frauen als Männer gab, tanzten die Männer mit den Männern, und es hieß, dass manche, die bei Cherry nicht mehr drangekommen waren, sich sogar küssten. Das Geld floss in Strömen, denn die Männer fanden Silber, verkauften es, und jeder in Oak’s Hill hatte etwas davon. Alle stopften sich die Taschen voll: der Chinese mit seinem Lebensmittelladen, seine Frau mit ihrer Wäscherei, der Apotheker, der Saloonbesitzer, der Sheriff und natürlich auch Cherry und Susanne.
Jeden Morgen stand Susanne vor Tau und Tag auf und buk und buk und buk. Ein Teil der Männer waren Deutsche wie sie, und sie wusste, dass sie am liebsten graues Brot mochten. Also buk sie graues Brot. Andere waren Italiener mit einer Vorliebe für weißes Brot, also buk sie weißes Brot. Wieder andere kamen aus Irland und liebten weiches Brot, am besten ohne Rinde, und auch das buk Susanne, aber sie kam einfach nicht hinterher, und am Wochenende verkaufte sie nur die Dinge, für die sie vorher Bestellungen aufgenommen hatte. Sie suchte nach einem Mädchen oder einem jungen Mann, die ihr in der Backstube und beim Verkauf helfen würden, doch sie fand niemanden. Die wenigen Mädchen verdienten ihr Geld bei Cherry, viel Geld, mehr Geld, als sie jemals zuvor hatten. Und die jungen Männer schürften auf den abgesteckten Claims von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Jede Woche kamen mehr Leute her, bald gab es eine ganze Siedlung von Grassodenhäusern draußen bei den Grabungsfeldern. Der Chinese eröffnete einen zweiten Laden, die Wäscherei platzte aus allen Nähten, und selbst Madame Joyce musste wieder arbeiten. Nein, nicht als Hure. «Ich muss wieder rüber. Cherry hat mir die Bar anvertraut. Es gibt viel zu tun dort.» Und Susanne nickte, erhob sich ebenfalls, blickte auf die Uhr. «Ich muss in die Backstube, muss den Teig noch kneten, damit ich morgen in aller Herrgottsfrühe backen kann.»
«Ich weiß», erwiderte Madame Joyce. «Bring mir die Kleine ruhig rüber. Wenn ich noch schlafen sollte, so lege sie mir einfach ins Bett.»
Und die Wochen vergingen weiter, und die Jahreszeiten wandelten sich, und Oak’s Hill wuchs und wuchs, denn noch immer strömten die Menschen in die Stadt. Die Herbergen waren übervoll, und der Saloonbesitzer musste neue Stühle anschaffen, und der Apotheker besorgte sich Quecksilber, um seinen Syphillispatienten zu helfen, und Cherry steckte zwei Huren in eine einzige kleine Kammer und begrenzte die Zeit der Freier auf zwanzig Minuten, und Susanne buk sich die Seele aus dem Leib. Eine zweite Kirche wurde gebaut, ganz einfach, in einem alten Holzschuppen. Jemand sägte ein Kreuz und setzte es oben auf das Dach, stellte ein paar Bänke ins Innere und holte einen Pfarrer aus dem nächstgrößeren Ort. Der Mann, der früher Barbier gewesen war, kaufte sich ein paar zahnmedizinische Instrumente, zumeist Zangen, und machte eine Zahnarztpraxis auf, und wenn es ganz schlimm kam, dann verabreichte er Chinin, und dabei war es ganz und gar gleichgültig, um welche Krankheit es sich eigentlich handelte. Und ein anderer kaufte sich ein festes Fuhrwerk und starke Ochsen und fuhr in die Stadt, um Ziegel zu holen, damit die Goldgräber aus ihren Grassodenhäusern herauskamen. Und bald gab es auch Straßen. Dort, wo sich die Mainstreet früher in der Prärie verloren hatte, stand jetzt ein Schild mit der Aufschrift «Gold-Avenue». Und die Straße, in der die Schmiede war, hieß jetzt «On the Hill», und neben dem Chinaladen hatte ein weiterer Laden aufgemacht, in dem es Werkzeuge zu kaufen gab, und aus den umliegenden Städten kamen die Huren zu Dutzenden und wollten sich in Oak’s Hill niederlassen, aber das ließ Cherry – zu Susannes grenzenlosem Erstaunen – nicht zu. «Was hast du gegen die Mädchen?», wollte Susanne wissen. «Mittlerweile gibt es mehr Männer hier, als du bedienen kannst. Jede Frau in der Stadt hat in den letzten Monaten mehr Heiratsanträge bekommen als Miss Amerika. Sogar Madame Joyce hätte vor den Altar treten können, wenn sie es denn gewollt hätte.»
Cherry biss sich auf die Lippen. «Ich lasse mir von denen nicht mein Geschäft kaputt machen. Sollen sie sich meinetwegen in der Gold-Avenue an den Straßenrand stellen, das ist mir gleich, aber ein Hurenhaus reicht für diese Stadt.»
«Und deshalb hast du deinen Freiern erzählt, die anderen Mädchen wären krank, was man schon dadurch sehen könnte, dass sie sich nie wuschen, weil sie das Brennen an der Scham dabei nicht ertrugen. Ist es so? Und den Huren hast du erzählt, dass wenige Meilen entfernt eine neue Stadt entsteht, die noch kein Hurenhaus hat.»
Cherry schürzte die Lippen. «Was würdest du tun, wenn hier noch jemand eine Bäckerei aufmachen wollte?» Und Susanne hatte gelacht. «Manchmal wünsche ich mir das sogar. Ich habe genug Geld verdient für die nächsten vier Jahre, die wir hier noch vertraglich gebunden sind, und sogar darüber hinaus.»
Cherry strich sich in gespielter Sorge eine Locke aus der Stirn, dann lächelte sie: «Ist das nicht großartig!» Ihr Jubel schallte durch das halbe Haus. «Ist das nicht phantastisch? Niemals hätte ich gedacht, dass ich einmal ein eigenes Bordell besitzen werde! Niemals hätte ich gedacht, dass ich nicht nur ein, sondern ein Dutzend Kleider mein eigen nennen kann. Ach!»
Dann wurde sie ernst. «Denkst du manchmal noch an Jane und Amy und Rose?»
Susanne nickte.
«Ich würde sie aufnehmen, wenn sie hierherkämen. Ich schwöre beim barmherzigen Gott, dass ich das täte», versicherte Cherry.
«Ich weiß», erklärte Susanne. Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: «Ich muss jetzt arbeiten. Die Kuchen müssen gebacken und zwei Eimer Äpfel geschält werden, und ich kann niemanden bekommen, der mir hilft.» Sie sah Cherry flehentlich an, aber Cherry schüttelte den Kopf. «Madame Joyce brauche ich. Sie hat ohnehin den ganzen Tag die kleine Tuuli auf der Hüfte sitzen. Sie muss die Bar neu ordnen und dem kleinen Negerjungen sagen, was er beim Chinesen einkaufen soll.» Cherry zuckte bedauernd mit den Achseln, lächelte dann breit und erklärte: «Ich kann dir beim Schälen helfen.»
Kurze Zeit später saßen die beiden Frauen sich am hölzernen, frischgeschrubbten Küchentisch gegenüber und schälten Äpfel. Plötzlich ließ Susanne das Messer sinken. «Sag, kannst du dir noch vorstellen, verheiratet zu sein, vielleicht sogar Kinder zu haben und alles zu machen, was dein Mann verlangt?» Sie schüttelte den Kopf, konnte kaum glauben, dass sie das jemals gewollt und getan hatte.
Cherry aber lachte. «Ich habe in meinem Leben schon so einige Ehefrauen und jede Menge Ehemänner kennengelernt, und ich schwöre dir, dass die wenigsten Ehen so funktionieren.»
«Wie denn dann?»
«Andersherum. Die Männer tun, was ihre Frauen ihnen sagen. Und wenn sie es nicht tun, werden sie von den Frauen bestraft.»
Susanne lachte auf. «Welche Macht hat eine Frau schon über einen Mann? Schließlich verdient er das Geld und hat das Recht auf seiner Seite.»
Wieder kicherte Cherry, und Susanne kam sich ein wenig blöd vor.
«Frauen strafen Männer mit Kälte im Bett.»
«Na, und? Kratzt die Männer das wirklich? Dann gehen sie eben ins Hurenhaus.»
«Ja. Von uns bekommen sie Sex, aber gewiss keine Liebe, und das wissen sie auch. Von ihren Frauen aber verlangen sie, geliebt zu werden. Und die Liebe sehen und erkennen, das können sie nur im Bett.»
Susanne runzelte die Stirn. «So einfach soll das sein? Aber das funktioniert nur, wenn der Mann sich nicht einfach nimmt, wozu er ein Recht zu haben glaubt.»
Jetzt ließ Cherry das Messer sinken. «Ach so ist das», murmelte sie. «Auf die Art bist du also zu Tuuli gekommen.»
Susanne erwiderte nichts, doch sie biss sich auf die Lippen. Cherry stand auf, umarmte die Freundin kurz: «Sie sind nicht alle so. Die wenigsten Männer vergewaltigen ihre Ehefrauen. Du musst mir das glauben.»
«Warum muss ich dir das glauben?» Susanne fühlte Trotz in sich aufsteigen.
«Damit du eines Tages einen neuen Mann findest, dem du vertrauen kannst.»
«Pah! Ich komme sehr gut allein klar. Genauso gut wie du auch.»
«Das stimmt», gab ihr Cherry recht, «aber das heißt wirklich nicht, dass ich mein Leben lang allein bleiben will. Mit einem Mann ist das Leben einfacher, glücklicher und sicherer. Das kannst du mir glauben.»
Als Cherry gegangen war, dachte Susanne an Annett und Gottwitha. Sie hatte vor wenigen Tagen einen Brief von Annett erhalten, und darin schrieb die Freundin, dass sie einen Mann kennengelernt hatte und vielleicht sogar in ihn verliebt war. Susanne hatte das sehr überrascht, denn sie hatte geglaubt, für Annett wäre die Liebe so überflüssig wie ein Herbstschnupfen. Nun bin ich die Einzige von uns dreien, dachte sie, die noch unbemannt ist.