Als Gottwitha erwachte, wusste sie nicht gleich, wo sie war. Sie blickte auf eine weiß gekalkte Decke und erkannte ihre alte Kammer im Hause von Vivian und Paul Taylor. Sie versuchte sich aufzurichten, doch auf der Stelle wurde ihr wieder schwindelig, sodass sie mit einem leisen Stöhnen zurück auf ihr Lager sank. Sie war so müde, so unendlich müde und erschöpft, dass sie die Augen kaum offen halten konnte …
Sie erwachte, als jemand sanft an ihrer Schulter rüttelte. Mühsam öffnete sie die Augen. «Vivian?», fragte sie verblüfft. «Was ist passiert? Warum bin ich wieder hier?»
Vivian lachte leise und rückte sich einen Stuhl neben das Bett. «Du bist auf der Straße umgefallen. Einfach ohnmächtig geworden. Die Milchfrau hat dich gefunden, und, na ja, sie wusste, dass du hier gewohnt hast. Also ließ sie dich zu uns bringen. Der Arzt war schon da. Du hast eine nervöse Erschöpfung, hat er gesagt, und brauchst ein wenig Ruhe in der nächsten Zeit.»
Wieder versuchte Gottwitha, sich zu erheben, und dieses Mal klappte es auch. «Ich werde gehen. Auf der Stelle. Vielleicht dauert es ein wenig, bis ich mich aufgerappelt habe, aber Sie können gewiss sein, Ma’am, dass ich ganz bald verschwunden bin.»
«Es besteht überhaupt keine Eile.» Vivian drückte Gottwitha zurück auf das Kissen. «Das Wichtigste ist es jetzt erst einmal, dass du gesund wirst. Dann sehen wir weiter.»
Vivian lächelte sie freundlich an, aber Gottwitha traute ihr nicht mehr. Vor ein paar Stunden erst hatte Vivian sie beschimpft und sie aus dem Haus gejagt. Und nun saß sie an ihrem Bett und sprach zu ihr wie zu einer Freundin? Bestimmt war es keine gute Idee, auch nur eine Sekunde länger als nötig in diesem Haus zu bleiben. Aber erst musste sie wieder zu Kräften kommen. Sie hätte gern gewusst, wie es Paul ging, wagte jedoch nicht zu fragen. Vivian stand auf. «Du wirst hungrig sein. Bonnie wird dir etwas zum Essen und zum Trinken bringen.» Dann war sie verschwunden.
Kurze Zeit später klopfte Bonnie an ihre Tür. Nein, es war nicht üblich, dass eine Frau von einem Mann bedient wurde, aber Bonnie war ein schwarzer Mann und zählte somit nicht. Er stellte ein Tablett mit Suppe und einem Glas Wein, in das ein Ei geschlagen war, auf das Nachtkästchen und betrachtete Gottwitha mitleidig. «Wie geht es dir?»
«Ich weiß es nicht. Ich fühle mich schwach, aber nicht eigentlich krank. Kümmere dich nicht um mich, sondern berichte mir lieber, ob Mister Paul wohlauf ist.»
Bonnie lachte leise. «Er muss sich verkühlt haben. Er liegt mit einer gewaltigen Erkältung in seinem Bett und niest so heftig, dass dabei jedes Mal die Petroleumlampe ausgeht.» Bonnie beugte sich zu Gottwitha herab. «Er hat wieder nach dir gefragt. Die Ma’am hat ihm gesagt, du wärest nicht mehr hier.» Er hob die Augenbrauen und zuckte mit den Schultern.
«Was hat sie vor? Weißt du das?»
Bonnie schüttelte den Kopf. «Sie will morgen für zwei Tage verreisen. Und wir sollen darauf achten, dass du solange das Haus nicht verlässt.»
«Warum das?»
«Sie sagt, du wärest noch viel zu schwach. Der Arzt hat unbedingte Bettruhe befohlen.»
«Aber du glaubst ihr nicht?»
Bonnie zuckte mit den Achseln. «Ich weiß nicht, was sie im Schilde führt, aber du bist wirklich noch viel zu schwach, um wegzugehen.»
Bonnie nickte ihr zu, dann verließ er die Kammer. Das kurze Gespräch hatte Gottwitha so erschöpft, dass sie auf der Stelle wieder in den Schlaf sank, und als sie erwachte, da war ihr so weinerlich zumute, dass sie mit ihren Tränen das halbe Kissen durchtränkte. Und das Weinen erschöpfte sie zum Gotterbarmen, und schon schlief sie wieder für viele Stunden hintereinander. Das Essen auf dem Nachtkästchen wurde kalt, das Wasser schal, aber Gottwitha schlief und schlief, und als sie am dritten Tag erwachte, da fühlte sie sich so ausgeruht und gesund wie schon lange nicht mehr.
Sie stand auf, wusch sich an dem Waschgeschirr auf der Kommode, dann zog sie sich an, bürstete ihr Haar, setzte die Haube auf und griff nach ihrer Tasche, die noch immer gepackt neben der Tür stand. Sie hatte eigentlich vorgehabt, still und heimlich zu verschwinden, damit sie Vivian keine Rechenschaft ablegen musste, doch als sie die Türklinke drückte, stellte sie fest, dass die Tür verschlossen, dass sie eingesperrt war. Auf der Stelle hämmerte sie gegen das Holz, und schon bald erklang Vivians Stimme. «Aha, sie ist also aufgewacht. Ich schlage vor, zunächst einmal allein zu ihr hineinzugehen. Wir wollen sie nicht gleich so schrecklich aufregen.» Gottwitha hörte ein zustimmendes Brummen und meinte, der Arzt stünde draußen neben Vivian. Und schon wurde ein Schlüssel ins Schloss gesteckt, herumgedreht, und Vivian stand im Türrahmen. Seufzend wich Gottwitha auf ihr Bett zurück, setzte sich, faltete die Hände ordentlich im Schoß.
«Du willst uns verlassen?» Vivians Stimme klang honigsüß.
«Ich wollte Ihnen nicht länger zur Last fallen. Sie haben schon so viel für mich getan.»
Vivian quittierte die Sätze mit einem verächtlichen Schnauben. «Du hast recht, du fällst mir zur Last.» Ihr Gesicht drückte dabei so viel Verachtung aus, dass es Gottwitha kalt über den Rücken lief.
«Wenn ich Ihnen schon lange so zuwider bin, warum haben Sie mich dann eingeschlossen?»
Vivian zog die Augenbrauen hoch. «Eine gute Frage. Solltest du am Ende doch einen Hauch von Grips besitzen?» Sie legte einen Finger an ihre Lippen und betrachtete Gottwitha nachdenklich, dann schüttelte sie den Kopf. «Nein. Du bist und bleibst dumm wie die Nacht dunkel. Wärest du es nicht, wüsstest du, warum ich dich nicht gleich gehen lassen konnte.»
Gottwitha presste erschrocken eine Hand auf ihren Bauch und sah Vivian mit großen Augen an. «Ich musste doch erst sicher sein, dass du nicht schwanger von Paul bist. Es hätte ja gut sein können, dass du deshalb auf der Straße ohnmächtig geworden bist. Dann hättest du nämlich bis zur Entbindung hierbleiben müssen. Das Kind hätte ich natürlich an mich genommen. Aber nun ist alles gut, nun weiß ich, dass du kein Kind unter deinem Herzen trägst.»
Gottwitha hatte früher, als sie noch eine Amische war, oft daran gedacht, wie es wäre, ein Kind zu bekommen. Sie hätte gern ein Kind gehabt, aber eine ledige Mutter, nein, das hatte sie nie sein wollen. Und deshalb hatte sie Paul gebeten, darauf zu achten, dass sie nicht schwanger wurde. Und Paul hatte sich daran gehalten. «Nun, dann kann ich ja jetzt gehen.» Gottwitha erhob sich, aber Vivian versetzte ihr einen leichten Stoß vor die Brust, sodass sie wieder zurück auf ihr Bett fiel. «Nicht so schnell, meine Liebe.»
«Warum? Was soll ich noch hier?»
Vivian lächelte gehässig. «Ich habe eine ganz besondere Überraschung für dich.»
Sie drehte sich um und rief mit lauter Stimme: «Sie können jetzt hereinkommen.»
Die Tür öffnete sich – und Gottwitha fiel die Kinnlade herab. «Du?», stotterte sie. «Du?»