Brooke glitt von den moosbewachsenen Stufen in den Fluss. Sein Körper genoss den Schock, sein Herz schlug schneller, das warme Blut raste in Zehen und Finger. Wenn der winterliche Frost erst richtig zuschlug, würde das Wasser zu kalt sein, aber noch lieferte die Herbstsonne gerade genug Wärme, dass der Cam auch in den Stunden nach Sonnenuntergang noch erträglich war.
Auf dem Rücken treibend ließ er die Anspannung aus seinem Körper entweichen. Den Nachmittag hatte er in dem rasenden Bemühen verbracht, die Beweise zu sammeln, die notwendig waren, um eine Mordanklage gegen Joelyn Stone zu stützen. Es wurde bereits Abend, als Dr. Comfort in Brookes Büro anrief, um ihm zu sagen, dass die ballistischen Ergebnisse unzweifelhaft waren. Stones Waffe hatte den tödlichen Schuss abgefeuert. Stones Frau hatte eine offizielle Aussage machen müssen, und man hatte das Kriegsministerium um Auskunft ersucht hinsichtlich genauer Einzelheiten zu der Ernennung des Majors zum Leiter einer neuen Einheit, die mit der Entwicklung von Kampfmittelballons betraut war.
Den entscheidenden Beweis jedoch lieferte Vera Staunton. Brooke und Edison waren noch einmal in ihre Räumlichkeiten in der Babylon Street zurückgekehrt. War sie bereit, vor Gericht auszusagen? Das war sie. Ihre Mitwirkung, davon war Brooke überzeugt, würde Stone die Schlinge um den Hals legen. Dies war ein scheußlicher, brutaler, eigennütziger und billiger Mord. Und eine Enttäuschung. Brooke war überzeugt gewesen, der junge Pazifist wäre gestorben, weil er zu viel wusste, dass sein Tod das traurige Ende einer spannenden Geschichte über politische Intrigen beinhaltete. Aber in der Realität hatte er sich als nichts anderes als eine weitere schäbige familiäre Tragödie erwiesen.
Nachdem er die Babylon Street mit Stauntons unterschriebener Aussage verlassen hatte, hätte er wenigstens eine gewisse Befriedigung verspüren sollen. Aber etwas an der niederschmetternden, verzweifelten Atmosphäre des Hauses machte ihm zu schaffen; diese abgewetzten Teppiche, die gedämpften Stimmen, die freudlosen Namenskarten an den Türen mit der abblätternden Farbe. Auf der Schwelle stehend nahm er den Geruch im Hausflur auf, erkannte die Ausdünstungen von Moder und Verfall, verdorbenem Essen, Zigarettenasche und das saure Aroma von schlecht gewordener Milch. Die Erinnerung suchte ihn heim, als er nun unter die Trinity Bridge glitt, aber er ließ den Gedanken ziehen, ließ sich von der seidenen Umarmung des Flusses ablenken.
Als er die Brücke passiert hatte, drehte er sich um und fing an zu kraulen. Bald, auf der Höhe des St. John’s College, hörte er die unverkennbaren Laute des Formal Hall, eines dreigängigen Festmahls bei Kerzenschein. Voll im Gange entwickelte es sich zu einer Kakofonie, bestehend aus dem Klappern von Besteck, dem Klirren von Gläsern und Porzellan, dem Scharren von Stuhlbeinen und Stimmen, die sich zu jenem sonderbar murmelnden Chor erhoben, der so kennzeichnend war für Debatten, Konversation und Alkoholkonsum. Doch nicht ein einziges Licht verriet die Lage des Speisesaals am Ufer.
Er pflügte über den Abschnitt des Flusses, der an den Bootshäusern des Colleges vorbeiführte. Jedes schmückte sich mit einem Flaggenmast imperialer Abmessungen. Gegenüber breitete sich Midsummer Common im Mondschein aus. Hier hatte er am Abend zuvor das Kartonhaus brennen sehen und war Zeuge des grausamen gewaltsamen Todes einer älteren Frau geworden.
Gegenüber dem Fort St. George bemerkte er den Aschehaufen, der von dem Feuer geblieben war, und davor den schmalen Graben, den Chris Childe und seine Kollegen nur Stunden vor seinem Tod ausgehoben hatten. Der Zufall hatte ihm keine Ruhe gelassen, also hatte er Edison zurück zum Betriebshof geschickt, um die Einzelheiten noch einmal zu überprüfen. Hartnell, der erste Vorarbeiter, hatte ihm einen schnellen Überblick über Childes Pflichten an jenem letzten Tag geliefert: Von zehn an war er mit dem Rest des Trupps vor Ort gewesen, war aber zwischendurch für ein paar Stunden beurlaubt, um vor Gericht erscheinen zu können. Um sechs, nachdem der Sicherheitsgraben fertiggestellt war, hatte man die Leute nach Hause geschickt.
War Childe auf dem Weg zu seinem wöchentlichen Parteitreffen und seiner Verabredung mit Dodds von der Evening News direkt zum Mill Road Cemetery gegangen? War Joelyn Stone ihm gefolgt, bewaffnet mit seiner Pistole? Brooke stellte sich vor, wie der Major durch das Eisentor schlüpfte, Bäume und Grabmäler als Deckung benutzte, um seine Anwesenheit bis zu dem Moment zu verbergen, in dem er die Waffe zog. Hatte er den Mut besessen, seinem Opfer in die Augen zu blicken?
Brooke machte kehrt und schwamm kraftvoll, bis sein Herz unter der Belastung zu ächzen begann. Gegenüber von St. John’s Wilderness sah er einen Gewehrkolben schimmern, dort, wo ein Wachmann am Ufer stand. Mit leisen Schwimmzügen glitt er weiter stromaufwärts und entdeckte zwei weitere Wachen im Abstand von jeweils hundert Metern.
Zwar war die Art, wie Chris Childe den Tod gefunden hatte, inzwischen klar, jedenfalls in groben Zügen, doch das Geheimnis der Gruben am Flussufer blieb ungelöst.
An dem kleinen Graben, der in den Fluss mündete, quetschte sich Brooke durch das Eisengitter, wie er es schon zuvor getan hatte, und glitt fünfzig Meter landeinwärts, ehe er ans Ufer kletterte und auf die Wiese hinausschaute. Der Mond, der eine Weile mit den Wolken Katz und Maus gespielt hatte, brach durch, und er sah das Röhricht, das Gras, die Bocksdornbäume und die Aufschüttungen, dort, wo die Gruben ausgehoben worden waren.
Aber näher konnte er nicht heran; am oberen Rand der Uferböschung war eine Stacheldrahtspule an einer Reihe von Pfosten angebracht worden. An jedem war ein Schild befestigt, auf dem ein Schädel und eine schroffe Warnung prangten:
HIER WIRD SCHARF GESCHOSSEN –
BETRETEN VERBOTEN!
Eine Stunde später war er mit von der nächtlichen Kälte schmerzenden Knochen wieder im Spinning House. Auf seinem Schreibtisch stand ein Tontopf, in dem eine Pflanze wucherte, die Brooke als Winterjasmin identifizierte.
Eine Nachricht in einem Umschlag bestätigte, dass der Absender der Mann mit dem grünen Daumen war, der Direktor des County Gaol:
Brooke, ich habe es versprochen. Die Vögel sind ausgeflogen. Ein Gefängniswagen mit zwei zivil gekleideten Sergeants der Staatspolizei war hier. Bestimmungsort: Barlinnie, Glasgow. Lasset alle Hoffnung fahren …