13 – Clara

Ich stehe auf dem Balkon im Obergeschoss.

Weit hinten sehe ich den Oslofjord. Dunstig und grau-blau geht er beinahe unmerklich in den großen Himmel über.

Etwas näher liegt die Stadt, von hier aus nicht mehr als ein dunkelgrauer Streifen mit vielen kleinen Hügeln.

Als ich das erste Mal hier war, Haavards Eltern wohnten noch im Haus, warf mich die Aussicht glatt um. Jetzt wohne ich schon seit fast zehn Jahren selber hier. Der Blick aufs Wasser ist immer noch das Beste, eine Art Verbindung zu unserem Hof daheim mit seinem Panoramablick über den Fjord.

Ich brauchte etliche Jahre, bis mir klar war, dass für Familien wie diese ein nicht allzu penibel gepflegter Garten zum edlen Image gehört. Sorgfältig getrimmte Hecken und Rasen sind kleinbürgerlich, fertig. So gesehen stehen wir sehr gut da, wir haben beide keine Zeit für Gartenarbeit.

Die Stauden und Büsche brauchen zum Glück nicht viel Pflege. Gerade jetzt blüht der erste Flieder, in diesem Jahr so früh wie noch nie.

Im Juni dann die Pfingstrosen.

Beide stehen hier schon seit fünf oder sechs Generationen. Und ebenso die knorrigen alten Apfelbäume.

Das Villenviertel hier im Stadtteil Vinderen ist sehr ­attraktiv, eine gesuchte Lage, würden wir in der Annonce schreiben, falls wir denn verkaufen wollten. Stadtnah gelegen, dennoch ruhig im Haakon den Godes Vei.


Die Einfahrt wird von einer hohen Hecke geschützt, die Häuser stehen so, dass sie für die Nachbarn nicht einsehbar sind. Man kann unbemerkt kommen und gehen.

Ich drehe mich um und gehe rein. Das Schlafzimmer ist mir am liebsten, quadratisch, hohe Decke, mit Stuck wie in allen Zimmern. Alte Fenster. Balkon. Der Boden weiß gestrichen. Luftige weiße Gardinen, ein Korbsessel, eine Kommode aus Eichenholz, ansonsten viel Freifläche.

Luftig, sauber, aufgeräumt, so, wie es mir gefällt.

Auf der Seite, wo in meinem Kleiderschrank die Sachen für die Arbeit hängen, habe ich zehn Seidenblusen. Alle in verschiedenen gedeckten Farben. Vier oder fünf schwarze, dunkelgraue und dunkelblaue Hosen. Ein paar T-Shirts.

Zweimal pro Jahr gehe ich in einige Läden, in denen ich sicher sein kann zu finden, was mir gefällt. Meistens bei Hugo Boss, Donna Karan oder in den Geschäften ganz unten im Hegdehaugsvei. Massimo Dutti. Filippa K. Diskrete Eleganz und Qualität. Klassische Teile, uni, gern aus Leinen, Seide, Baumwolle. Optisch möglichst unaufwendig.

Vor allem schlicht. Um weder unnötig viel Zeit noch Energie fürs Einkaufen zu verwenden.

Jetzt wähle ich ein Set von Filippa K, dunkelblaue Hose und Jacke, darunter ein weißseidenes Top.

Ich föhne mir die Haare, schminke mich, besprühe mich mit dem exklusiven Duft, den Schwiegermutter mir aus Südfrankreich mitgebracht hat, aus Grasse oder so.

Zum ersten Bewerbungstermin im Ministerium vor fünfzehn Jahren war ich allzu teuer gekleidet erschienen, die Sachen waren raffiniert geschnitten, ich hatte sie vom Rest meines Studiendarlehens in der City gekauft. Eigentlich war ich an Jeans und T-Shirt gewöhnt und kam mir verkleidet vor.

Trotzdem zog ich die Sachen am ersten Tag im neuen Job wieder an.

Wie sich herausstellte, trugen die meisten jungen Sachbearbeiter immer noch dasselbe wie zuvor auf der Uni. Jeans, Pulli, vielleicht Bluse oder Hemd, allerhöchstens mal eine Anzugjacke. Ansonsten vor allem casual, casual, casual.

Am zweiten Tag wollte ich es ihnen gleichtun, entschied mich aber im letzten Moment doch anders und wählte einen schwarzen Rock, dunkelblaues Polo und dazu die neue Kostümjacke.

Dress sharp, think sharp.

Diese Kleidung gehört zu den Dingen, die dir Autorität verleihen, und daran habe ich festgehalten. Zu Hause trage ich ausschließlich Jeans, T-Shirt und Hoodies.


Als ich den Empfang des Ministeriums betrete, ist es mittlerweile kurz nach acht Uhr. Ein Team von TV2 macht sich für eine Aufnahme bereit. An der Schleuse ziehe ich meine Karte durch, warte, gehe weiter zum Fahrstuhl. Der öffnet sich, heraus kommen Minister Munch und sein politischer Referent. Der Minister blickt auf, lächelt mir zu, ich erwidere sein Nicken. Die Leute von TV2 warten wohl auf ihn.

Während meiner Jahre hier hat sich die Berichterstattung in den Medien total verändert.

Die Presse ist viel präsenter und reagiert auf den kleinsten Fehler. Den ganzen Tag herrscht ein viel höheres Tempo. Sogar große Pressekonferenzen werden manchmal in allerletzter Minute vorbereitet, während man durch die Flure zu ihnen hetzt.

Ich betrete den frei gewordenen Fahrstuhl. Im achten Stock steige ich aus, ziehe meine Karte noch einmal durch den Leser. In meinem Büro nehme ich den Laptop aus der Tasche und verbinde ihn mit der Dockingstation. Während er hochfährt, hole ich mir im Flur einen Kaffee. Dann sitze ich am Tisch und schaue die Onlineausgaben der Tageszeitungen und unseren Pressespiegel durch.

Und plötzlich steht er in der Tür. Der Minister himself.

»Bleib ruhig sitzen«, meint er, als ich Anstalten mache aufzustehen. »Hast du vielleicht ein paar Minuten?«

»Ja.« Ich nicke zum Besuchersessel, blicke ihn abwartend an. Munch tritt alles Mögliche los, jedes Problem muss gelöst werden, noch das kleinste, er ist extrem sichtbar. In der Öffentlichkeit bringt das Punkte. Vorläufig. Aber er kann keine Prioritäten setzen und lässt sich von den Medien treiben, um ohne großen Aufwand gut dazustehen. Und so gerät man in Vergessenheit.

Da er meinen Gesetzesvorschlag abgeschmettert hat, hoffe ich, dass es schnell geht.

»Ja, Clara, wir haben ja über dein Papier nicht eingehender reden können. Du weißt, ich dachte, ich würde es durchkriegen.« Er faltet die Hände und lässt die Knöchel knacken, ein unausstehliches Geräusch. Schmaler Trauring. Seine Frau habe ich bislang nur auf Fotos zu Gesicht bekommen, Fotos von Diners im Schloss, die wahrscheinlich wiederum er unausstehlich findet. »Obwohl dein Vorschlag hier oben nicht so besonders beliebt war. Mehrere deiner Vorgesetzten haben mich aufgesucht und sich dagegen ausgesprochen. Aber du hast dich nicht beirren lassen. Das ist recht ungewöhnlich, muss ich sagen.«

Und da wird es mir klar.

Er ist hier, um mich abzuservieren. Oder zu versetzen, in irgendein langweiliges, nebensächliches Referat, damit sie mich hier los sind.

Natürlich wird er es nicht so nennen, es wird sicher nur wieder so eine zwielichtige Restrukturierung von der Sorte, die nur eine oder zwei Personen betrifft. Aber ihm ist klar, dass das geplant ist, und er hat indirekt seinen Segen dazu gegeben, um all die zu beruhigen, die gegen meinen Vorschlag waren. So gesehen gereicht es ihm zur Ehre, dass er mir das höchstpersönlich mitteilen will. Er muss wirklich ein schlechtes Gewissen haben.

»Hier ist es zurzeit für dich nicht besonders gemütlich, was?« Er blickt mich forschend an. »Ich meine, hier bist du nicht ganz am rechten Platz, Clara. Du bist zu gut für diese Tretmühle.«

»Aha.« Ich winde mich auf meinem Stuhl, würde ihn am liebsten auffordern zu gehen, mag mir nicht anhören, wie er mir in bester Politikermanier den Verlust meiner Stelle als Chance verkaufen will.

»Es ist Zeit, dass du weiterkommst. Du ahnst vielleicht, worauf ich hinauswill?«

»Mag sein, ja.« Ich pule an meiner Schreibunterlage her­um, einem alten Mistding von der Materialbeschaffungsstelle. Wahrscheinlich schicken sie mich jetzt in die Orga­abteilung auf irgendeinen öden Planungsjob.

»Und, wie stehst du dazu?«

»Viel mitzureden habe ich ja wohl nicht.« Ich blicke starr aus dem Fenster auf die obersten Etagen des Regierungshochhauses.

»Haha, jetzt überschätzt du wahrscheinlich meine Einflussmöglichkeiten. Ich kann dich natürlich nicht zwingen.«

»Wozu genau eigentlich?« Er soll aus meinem Büro verschwinden, Minister hin oder her. Da sitzt er, den rechten Unterschenkel nonchalant auf dem linken Knie, er wippt mit seinem braunen Lederschuh. War seinerzeit sicher ein vielversprechender Fußballer, unser Munch.

»Woll hört demnächst auf.« Er genießt es hörbar, mich zu überraschen.

»Oh.« Damit habe ich nicht gerechnet. »Wohin geht er?«

»Finanzministerium.«

»Aha.« Wenn unsere besten Leute sich nicht gleich von Headhuntern auf Leitungsposten in der freien Wirtschaft abwerben lassen, wechseln sie öfter ins Finanzministerium und verwandeln sich über Nacht in treue Knappen des dortigen Ministers, wenn es darum geht, den Geldbeutel zuzuschnüren. Das ist jedes Mal wieder faszinierend.

»Ja«, seufzt Munch, »das ist natürlich bedauerlich. Aber als ich es erfuhr, dachte ich, warum nicht mal something else ? Wenn du verstehst, was ich meine.«

»Ich glaube nicht, offen gesagt.«

»Na ja … ich will dich fragen, ob du nicht meine Staatssekretärin werden willst?«

»Ich? Machst du Witze?«

»Nein.« Er lacht kurz. »Du bist sehr fähig, Clara. Und außerdem eine Frau. … nein, nicht darum«, ergänzt er begütigend, wahrscheinlich ist ihm mein Blick nicht entgangen. »Das ist nur noch ein Pluspunkt mehr. Ich kann so was gut einordnen. Du verfügst über alle Fachkenntnisse und Erfahrungen, die man für das Amt braucht. Und dazu noch über Gestaltungswillen und Durchsetzungsfähigkeit, du willst etwas, anders als viele sonst. Also, was sagst du, könnte dich das interessieren?«

Ihm ist anzusehen, dass er fest mit meiner Zusage rechnet, mag sein Angebot auch unkonventionell sein.

Eine Verwaltungsmitarbeiterin als Staatssekretärin. Das hat es schon gegeben. Oft nicht.

»Du wirst das mit deiner Familie besprechen wollen. Das ist total in Ordnung. Aber ich hoffe, du denkst wenigstens ernsthaft darüber nach?«

»Nachdenken werde ich auf jeden Fall, ja …«

»Gut! Nur nicht zu lange. Ich kann Woll nicht mehr lange halten.«

»… aber für besonders wahrscheinlich halte ich es nicht«, schließe ich, und sein Lächeln verblasst ein wenig.

Staatssekretärin? Neben Munch? Auf keinen Fall, und wenn es in der Hölle schneit.