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INTERVIEW MIT EINER IMPFSTOFFFORSCHERIN
Die Infektionsforscherin Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) arbeitet gemeinsam mit Forschern der Universitäten München und Marburg an einem Impfstoff gegen das neue Coronavirus. Vor der Pandemie hat sie einen hochwirksamen Ebola-Impfstoff mitentwickelt und einen eingeflogenen Patienten behandelt.
Frau Addo, von welcher Art ist der Impfstoff, an dem Sie arbeiten?
Marylyn Addo: Wir arbeiten an einem Vektorimpfstoff. Diese Art Impfstoff ist neu und wurde aber zum Beispiel schon zum Schutz vor Ebola zugelassen.
Was genau ist ein Vektorimpstoff?
Addo: Bei Vektorimpfstoffen wird das Genmaterial des Virus, gegen das man impfen möchte, in harmlose Viren eingebaut und dann als Impfstoff injiziert. Im Körper bringen die entsprechend modifizierten harmlosen Viren den Körper dann dazu, Antikörper zu produzieren. Trifft irgendwann einmal das tatsächliche Virus – in unserem Fall SARS CoV-2 – auf den Menschen, ist dessen Immunsystem bereits vorbereitet und kann den Erreger abwehren. Wir nutzen den Impfstoff als Plattform, sozusagen als Basis für unsere Entwicklung. Und das auch nicht zum ersten Mal: Wir haben diesen Vektor bereits in einem Entwicklungsprogramm für einen Impfstoff gegen MERS (Middle East Respiratory Syndrome, eine schwere Atemwegserkrankung) eingesetzt, hier haben wir diesen bereits bis in Phase 1 der drei Studienphasen mit guter Sicherheit und Verträglichkeit getestet.
Diese Plattform stelle ich mir vor wie einen Basis-Kuchenteig und je nachdem, was für ein Virus bekämpft werden soll, arbeitet man mit diesem Kuchenteig dann weiter und ergänzt entweder Schokolade, Nüsse oder Kakaopulver.
Addo: Ja, das ist ein ganz guter Vergleich. Ich habe bisher immer an einen Lego-Bausteinkasten gedacht, dass quasi eine Grundstruktur da ist. Dann stelle ich es mir immer vor wie so einen Ring. Und an diesen baut man dann den Wirkstoff gegen das Virus auf, das man bekämpfen möchte.
Ein wichtiges Argument der Impfgegner oder generell der Kritiker einer Impfung ist ja, dass Nebenwirkungen nicht kommuniziert werden. Für den Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus, an dem Sie arbeiten, können Sie da schon sagen, welche Nebenwirkungen es vielleicht geben wird?
Addo: Wir haben tatsächlich aus 2020 Daten von den ersten Menschen, die gegen das MERS-Virus geimpft worden sind. Wir erwarten eigentlich ein ähnliches Nebenwirkungsspektrum, weil sehr viel am Impfstoff gleich bleibt. Was wir an Nebenwirkungen gesehen haben, war alles mild und moderat, wie etwa Kopfschmerzen, leichter Schmerz an der Einstichstelle. Starke und schwerwiegende Nebenwirkungen gab es nicht.
Es kann durchaus sein, dass verschiedene Impfstoffe gegen Corona auf dem Markt sein werden. Befürchten Sie ein Chaos?
Addo: Nein, es wird ja nicht 20 Impfstoffe geben. Aber es ist auch gut, dass man sich nicht nur auf einen einzigen versteift. Es ist wichtig und gut, dass man verschiedene Ansätze in der Entwicklung vorhält. Wie viele dann am Ende tatsächlich auf den Markt kommen und da auch angewendet werden, muss man sehen. Und auch nicht zu vergessen: Man muss ja auch erst mal verstehen, welche Impfstoffe bei wem am besten wirken.