10. Kapitel

Athelstan und Cranston beendeten ihre Mahlzeit und überquerten die London Bridge. Unter ihnen rauschte das Wasser schwarz und träge, und die Eisschollen krachten gegen die Verkleidungen, die die Holzpfeiler der Brücke vor dem Wüten der Themse schützen sollten. Sie kamen durch Billingsgate. Die Verkaufsstände verströmten heftigen Gestank; sie waren wieder frisch gefüllt mit Hering, Kabeljau, Schleie und sogar Hecht, denn auch die Flotte der Fischerboote hatte den Wetterumschwung genutzt.

Im Tower herrschte reges Treiben, als sie ankamen. Wie jeder gute Soldat ließ Colebrooke die Garnison arbeiten, um die durch den Frost ausgelöste Trägheit zu beenden und sich selbst von den Morden abzulenken. Der Lieutenant stand auf dem Tower Green und rief den Arbeitern, die die Steinschleudern, die Skorpione und die großen Rammen überholten, Befehle zu. Bogenschützen standen knöcheltief im Matsch und übten an den Zielscheiben; andere wurden von ihren Feldwebeln gnadenlos gedrillt. Athelstan entsann sich, Gerüchte gehört zu haben: Im Frühjahr würden die Franzosen vielleicht die Kanalhäfen angreifen und sich sogar die Themse heraufkämpfen, um die Stadt zu plündern und niederzubrennen.

Colebrookes Mißvergnügen, als er Cranston und Athelstan sah, war unübersehbar.

»Habt Ihr den Mörder gefunden?« schrie er.

»Nein, Master Lieutenant«, antwortete Cranston. »Aber wir werden ihn finden. Und wenn es soweit ist, könnt Ihr die Galgen bauen.«

Cranston trat beiseite, als ein Metzger und zwei Bogenschützen Fässer mit gepökeltem Schweinefleisch zum Vorratslager rollten. Der Coroner rümpfte die Nase. Trotz der starken Gewürze und der dicken weißen Salzschicht roch das Fleisch faulig, und er mußte würgen, als er Insekten über den Rand der Fässer krabbeln sah. Im stillen schwor er sich, kein Essen aus den Vorratskammern oder den Küchen des Tower anzunehmen. Colebrooke sah, daß seine Besucher sich nicht abschrecken ließen, wandte sich ab und erteilte ein paar Befehle. Athelstan nutzte den Moment, um zu dem Bären hinüberzuschleichen, der in seinem eigenen Kot hockte und einen Berg Unrat plünderte. Der verrückte Rothand saß da wie ein Kobold und betrachtete das Untier fasziniert.

»Du bist zufrieden, Rothand?« fragte Athelstan leise.

Der Mann zog eine Grimasse und wedelte mit den Händen, wie um den Bären zu imitieren. Athelstan kauerte sich neben ihn. »Magst du den Bären, Rothand?«

Der Bursche nickte, ohne den Bären aus den Augen zu lassen. »Der Ritter aber auch«, sagte er mit schwerer Zunge, und Athelstan roch Weingestank.

»Welcher Ritter?«

»Der mit dem Kreuz.«

»Du meinst Fitzormonde?«

»Ja, ja, Fitzormonde. Der kommt oft und gafft ihn an. Rothand mag Fitzormonde. Rothand mag auch den Bären. Den Colebrooke mag Rothand nicht. Colebrooke würde Rothand umbringen.«

»Mochtest du Burghgesh?« fragte Athelstan schnell, und er sah, daß die Augen des Irren aufleuchteten. »Du kanntest ihn«, fügte er hinzu. »Als junger Soldat hat er hier gedient.«

Rothand blickte weg.

»Du erinnerst dich doch?« drängte Athelstan.

Der Verrückte schüttelte den Kopf und starrte den Bären an, aber Athelstan sah, daß er mit den Tränen kämpfte. Der Ordensbruder erhob sich seufzend und klopfte sich das Eis von der Kutte.

»Bruder Athelstan!« schrie Cranston. »Master Colebrooke ist ein vielbeschäftigter Mann. Er sagt, er kann nicht den ganzen Tag warten, während du dich mit einem Verrückten unterhältst!«

»Master Colebrooke sollte begreifen«, erwiderte Athelstan, »daß es Ansichtssache ist und wohl auch dem Urteil Gottes unterliegt, wer verrückt ist und wer nicht.«

»Pater, es war ja nicht böse gemeint«, sagte Colebrooke; er nahm den kegelförmigen Helm ab und hielt ihn in den Armen. »Aber ich habe hier eine Garnison zu führen. Ich werde tun, was Ihr wollt.«

Athelstan lächelte. »Gut. Mowbrays Leichnam - wo liegt der?« Colebrooke deutete auf die Kapelle von St. Peter ad Vincula. »Vor dem Chorgitter. Morgen wird er auf dem Friedhof der Allerheiligenkirche begraben.«

»Ist er schon eingesargt?«

»Nein, nein.«

»Gut. Ich will die Leiche sehen, und danach würden Mylord Coroner und ich gern mit all denen sprechen, die von Sir Ralphs Tod berührt sind.«

Colebrooke stöhnte auf.

»Wir sind hier im Auftrag des Regenten«, betonte Athelstan.

»Wenn die Angelegenheit geklärt ist, werde ich in meinem Bericht auch die Unterstützung erwähnen, die wir bei unseren Ermittlungen bekommen oder nicht bekommen haben. Wir erwarten die Leute in der Kapelle von St. John.«

Colebrooke lächelte gezwungen und eilte davon; unterwegs befahl er einigen Soldaten, Sir Fulke und die anderen zu suchen. Cranston und Athelstan gingen zu St. Peter. Die Kirche war ein strenger, ernster Ort, kalt und klamm. Das Kirchenschiff war viereckig, und runde Säulen bewachten dunkle Seitengänge. Eine kleine Fensterrosette in der Giebelwand spendete Licht. Das Chorgitter war aus poliertem Eichenholz, und davor lagen, von Kerzen umgeben, die beiden Toten Sir Ralph Whitton und Sir Gérard Mowbray. Die Einbalsamierer hatten getan, was sie konnten, aber schon im Kirchenschiff drang Cranston und Athelstan der Geruch der Verwesung in die Nase.

Die beiden Leichname lagen unter Leintüchern auf geflochtenen Matten und Holzgestellen. Cranston blieb stehen und winkte Athelstan weiterzugehen.

»Ich habe zu fett gegessen, Bruder«, brummte er. »Sieh dir an, was du willst, und dann laß uns verschwinden.«

Athelstan gehorchte nur zu gern. Er ignorierte Sir Ralphs Leichnam und schlug die Insignien des Hospitaliters und das Leintuch darunter beiseite. Mowbrays Gesicht wollte er nicht sehen; er kannte das Gesicht des Todes. Statt dessen untersuchte er die weißen, schorfigen Beine des Hospitaliters. Er nahm eine der Kerzen, um den bläulichgelben Bluterguß am rechten Bein des Toten unter dem Knie zu inspizieren. Befriedigt zog er das Leintuch wieder an seinen Platz, steckte die Talgkerze in den Halter, kniete kurz vor dem Allerheiligsten und ging zum Ausgang. Cranston folgte ihm, so schnell er konnte. Draußen blieben sie stehen und sogen gierig die erfrischende kalte Luft ein.   

»Gütiger Gott, Sir John«, sagte Athelstan. »Ich dachte ja immer, St. Erconwald ist schlimm; aber wenn ich jemals wieder darüber jammere, müßt Ihr mich an diese Kirche erinnern, und ich halte den Mund.«

Cranston grinste. »Aber mit Vergnügen, Bruder. Hast du gefunden, was du gesucht hast?«

»Ja, Sir John. Ich glaube, Sir Gérard wurde nicht von der Mauer heruntergestoßen, sondern jemand hat einen Speer oder ein Stück Holz oben über die Treppe gelegt, als der Hospitaliter am anderen Ende des Wehrganges auf seinem gewohnten Platz beim Salt Tower stand. Im Schutze der Dunkelheit wäre das möglich gewesen, wenn Sir Gérard in Gedanken versunken war.« Mit schmalen Augen schaute er zur fernen Mauer hinüber. »Die Sturmglocke ertönte. Mowbray lief den Wehrgang entlang. Im Dunkeln sah er das Hindernis nicht, stieß mit dem Bein dagegen, rutschte und stürzte in den Tod.«

»Aber wir wissen nicht, wer die Glocke geläutet oder die Stange über die Treppe gelegt hat«, sagte Cranston. »Du darfst nicht vergessen, daß außer Colebrooke und Fitzormonde alle bei Mistress Philippa waren.«

»Colebrooke könnte es getan haben«, meinte der Bruder. »Er könnte den Ritter oben an der Brustwehr gesehen, sich hinaufgeschlichen und die Stange hingelegt haben, um dann auf irgendeine Weise die Sturmglocke läuten zu lassen.«

»Aber wir haben keine Beweise.«

»Nein, Sir John, noch nicht. Aber wir tragen sie zusammen, Stück für Stück.« Athelstan seufzte. »Nur die Zeit wird zeigen, ob wir Erfolg haben.«

Sie fanden Colebrooke und die anderen in der Kapelle von St. John. Das Mißvergnügen über diese Versammlung war unübersehbar. Hammond drehte ihnen halb den Rücken zu. Fulke räkelte sich auf seinem Platz und schaute an die Decke. Rastani wirkte selbstbewußter; Athelstan sah den sarkastischen Spott in seinen dunkel funkelnden Augen. Colebrooke marschierte auf und ab wie bei einer Parade, und Mistress Philippa lehnte an der Wand und starrte betrübt auf das Tower Green hinunter.

»Wo ist Geoffrey?« fragte Athelstan.

»Geoffrey Parchmeiner«, antwortete Fulke, »mag ein ziemlich ängstlicher, törichter junger Mann sein, der viele Laster hat.« Der Ritter ignorierte den erbosten Blick seiner Nichte. »Aber er arbeitet schwer. Er hat Besseres zu tun, als im Tower herumzulungern und müßige Fragen zu beantworten, während brave Männer getötet werden und der Mörder ungeschoren herumspaziert.«        

»Ich danke Euch für diese Rede, Sir Fulke«, versetzte Cranston und strahlte mit gespielter Freundlichkeit in die Runde. »Wir haben nur eine Frage - und ich muß mich bei Euch entschuldigen, Sir Brian -, aber es ist nur ein Name, weiter nichts. Bartholomew Burghgesh. Sagt das einem von Euch irgend etwas?«

Athelstan war verblüfft über die Verwandlung, die Cranstons Worte auslösten. Das Grinsen des Coroners wurde breiter. »Gut«, stellte er fest. »Jetzt haben wir Eure Aufmerksamkeit.« Er warf einen kurzen Blick auf den wütenden Hospitaliter. »Sir Brian, Ihr braucht nicht zu antworten, und wenn Ihr Geduld habt, werdet Ihr sehen, warum wir fragen. Nun?« Der Coroner klatschte in die Hände. »Bartholomew Burghgesh?«

»Bei den Zähnen der Hölle!« schnarrte Sir Fulke und trat in die Mitte des Raumes. »Treibt keinen Schabernack, Sir John. Burghgesh war ein Name, dessen Erwähnung mein Bruder, Sir Ralph, in seiner Gegenwart nicht geduldet hätte!«

»Warum nicht?« fragte Athelstan unschuldsvoll.

»Weil mein Bruder den Mann nicht ausstehen konnte.«

»Aber sie sind doch Waffenbrüder gewesen.«

»Gewesen«, betonte Sir Fulke. »In Outremer hatten sie einen Streit. Später kam Bartholomew ums Leben, als sein Schiff im Mittelmeer von maurischen Piraten gekapert wurde.«

»Warum?« fragte Cranston.

»Warum was?«

»Warum konnte Euer Bruder Burghgesh nicht ausstehen?« Fulke kam näher und senkte den Blick. »Es war eine Ehrensache«, sagte er leise, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und schaute nervös Philippa an. »Sir Ralph hat Bartholomew einmal beschuldigt, er widme deiner Mutter, seiner Frau, zuviel Aufmerksamkeit.«

»Und traf diese Beschuldigung zu?« wollte Athelstan wissen. Fulkes Miene wurde milder. »Nein«, stammelte er. »Ich will ehrlich sein - ich mochte Bartholomew. Er war lustig und glaubte von allen immer nur das Beste. Er war sanftmütig und höflich.«

Athelstan spürte plötzlich die stählerne Härte in Sir Fulkes Charakter.

»Ihr hattet ihn wirklich gern, nicht wahr?«

»Ja. Ich war sehr betrübt, als ich von seinem Tod erfuhr.« Er scharrte mit den Füßen und schaute zu Boden. »Ehrlich gesagt«, fuhr er fort, »als ich jünger war, wünschte ich mir immer, Bartholomew wäre mein Bruder, weil ich - Gott verzeihe mir - Ralph nicht leiden konnte.« Er hob den Kopf, und sein Blick war traurig. »Vorjahren dienten er und Bartholomew hier im Tower als Offiziere.« Fulke hustete und räusperte sich. »Mein Bruder war heimtückisch. Er war grausam. Er hat Rothand schlecht behandelt. Er hat sogar den Priester hier geschlagen, als er noch ein junger Novize war.«

Der Kaplan errötete verlegen. »Los, sagt endlich die Wahrheit!« Fulke schaute wütend in die Runde und fletschte die Zähne wie ein Hund. »Sir Ralph war allen verhaßt!«

Kreideweiß vor Wut, trat Mistress Philippa vor. »Mein Vater liegt aufgebahrt und erwartet seine Beerdigung, und du sprichst so schlecht von ihm!«

»Gott verzeihe mir, Philippa, aber ich sage die Wahrheit!« Fulke streckte die Hand aus. »Frag Rastani! Wer hat ihm denn die Zunge herausgerissen, als er ein Junge war?«

Der Schwarze starrte ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken. »Das stimmt«, schaltete sich Fitzormonde ein. »Als es zum erstenmal böses Blut zwischen Burghgesh und Whitton gab, ging es um den Mohren.«

Fulke ließ sich auf die Bank fallen. »Ich habe genug gesagt«, seufzte er. »Aber ich habe diese Fragen satt. Philippa, dein Vater war ein Schweinehund, und niemand hier wird mir widersprechen.«

Cranston und Athelstan waren verblüfft über diesen unverhofften Ausbruch von Haß und Feindseligkeit. Du lieber Gott, dachte Athelstan: Jeder von ihnen konnte Sir Ralphs Mörder sein. Burghgesh war sehr beliebt gewesen. Hielt einer der Anwesenden sich für Gottes Henker, der den Tod des guten Mannes zu rächen hatte? Athelstan schaute in die Runde.

»Master Parchmeiner wird heute nicht kommen?« fragte er, die plötzliche Stille nutzend.

»Nein«, antwortete Sir Fulke müde. »Um Himmels willen, Pater, wer würde sich gern hier aufhalten? So viele Erinnerungen, so viel Haß.«

Mistress Philippa saß zusammengesunken auf einer Bank und hatte die Hände vors Gesicht geschlagen. Sir Fulke ging zu ihr und tätschelte ihr leicht die Schulter. Cranston sah, daß Rastani spöttisch die Mundwinkel verzog. War er der Mörder? Der Coroner dachte an Athelstans Worte: Adam Hornes Mörder hatte eine Methode benutzt, mit der man in den maurischen Ländern den Leichnam eines Verbrechers und Verräters schändete.

»Wir haben genug gesehen«, flüsterte Athelstan. »Wir sollten jetzt gehen.«

»Eines noch«, sagte Cranston. »Ihr kennt den Kaufmann Adam Horne?«

»Noch so ein Schweinehund«, zischte Sir Fulke. »Ja, ja, Sir John, Horne war ein Freund meines Bruders.«

»Nun, er ist tot«, verkündete Cranston ohne Umschweife. »Gestern nacht in den Ruinen nördlich von hier ermordet.« Fitzormonde fluchte leise. Die anderen blickten erschrocken auf.

»Ich wüßte zu gern, wo jeder einzelne von Euch gewesen ist«, sagte Cranston.

»Bei den Zähnen der Hölle, Sir John!« fauchte Colebrooke. »Jetzt, wo es getaut hat, kann jeder unauffällig kommen und gehen.«

Cranston lächelte matt. Der Lieutenant hatte recht: Es wäre praktisch sinnlos, von allen Rechenschaft über ihre Aktivitäten zu fordern. Horne konnte zu jeder beliebigen Zeit zwischen Abenddämmerung und Morgengrauen ermordet worden sein. »Kommt, Sir John«, sagte Athelstan.

Cranston winkte Colebrooke heran, und sie verabschiedeten sich. Sie sprachen kaum ein Wort, bis sie ihre Pferde abgeholt, den Tower verlassen und die Richtung nach Eastcheap eingeschlagen hatten.

»O Herr, errette uns!« Cranston brach unvermittelt das Schweigen. »Wieviel Haß doch des Menschen Herz erfüllt, wie, Bruder?«

»Aye«, antwortete Athelstan und lenkte Philomel behutsam von der verschneiten Kloake weg, die in der Mitte der Straße entlangführte. »Vielleicht sollten wir alle das bedenken, Sir John. Kleine Eifersüchteleien und Mißverständnisse können aus den Funken eines Zanks ein tosendes Feuer des Hasses entfachen.«

Cranston warf Athelstan einen Blick zu und lächelte über diese stachelige Ermahnung: Was für Fulke und die anderen im Tower galt, galt natürlich auch für seine Beziehung zu Lady Maude. »Wohin jetzt, Bruder?« fragte er.

»Zu Master Parchmeiners Laden gegenüber dem Chancellor’s Inn bei St. Paul.«

»Warum?« fragte Cranston.

»Weil er nicht bei den anderen im Tower war, Sir John, und weil wir jeden befragen müssen.«

Sie ritten die Candlewick Street zur Trinity hinauf, in einem wohlhabenden Stadtteil, den Athelstan nur selten besuchte. Die Häuser waren geräumig und beeindruckend; die unteren Stockwerke waren aus massivem Holz gebaut, die überhängenden Giebel darüber ein Fachwerk aus schwarzen Balken und weißem Putz. Die Dächer waren mit Ziegeln gedeckt, anders als viele der Häuser in Athelstans Pfarrgemeinde, die sich mit Ried oder Stroh begnügen mußten. Viele der Fenster waren aus reinem Glas und mit Holzläden und Eisengittem gesichert. In diesen Häusern spülten Dienstboten regelmäßig die Kloake mit dem Wasser, das sie zum Waschen der Kleider benutzten; deshalb stank es hier nicht so wie in Southwark. Vor etlichen der imposanten Hauseingänge standen bewaffnete Gefolgsleute mit den bunten Wappen ihrer Herren, auf denen Bären, Schwäne, geflügelte Drachen, Löwen und noch seltsamere Tiere dargestellt waren. Untersetzte, wohlgenährte Kaufleute spazierten Arm in Arm mit ihren rundlichen Ehefrauen, die in Seide und Satin gehüllt und mit winzigen Perlen von exquisiter Zartheit geschmückt waren. Zwei Domherren aus der Kathedrale in dicken wollenen, mit Hermelin verbrämten Roben stolzierten vorbei. Eine Gruppe von Rechtsanwälten in roten und violetten, lammwollgefütterten Gewändern schlenderten arrogant vorüber; sie hatten ihre Mäntel zurückgeschlagen und stellten prachtvolle, tiefhängende Gürtel zur Schau.   

Schweine mit Glocken um den Hals streiften umher; sie gehörten dem Hospital von St. Anthony und durften nicht geschlachtet werden. Büttel vertrieben mit stahlbeschlagenen Stöcken das freilaufende Geflügel oder machten dem Gekläff wilder, gelber Hunde ein Ende, und Gemeindediener versuchten, ein merkwürdiges, wie eine Elster in schwarzweiße Lumpen gekleidetes Geschöpf zu vertreiben, einen Burschen, der lautstark behauptete, in seinem ramponierten Lederkoffer ein paar der wunderbarsten Reliquien der Christenheit zu haben. »Einen Zahn von Karl dem Großen!« schrie er. »Zwei Beine des Esels, der Maria trug! Den Schädel eines Dieners des Herodes und ein paar von den Steinen, die Christus in Brot verwandelte.«

Athelstan blieb stehen und hielt die Büttel zurück, die den armen Kerl bedrängten.

»Du sagst, du hast einen von den Steinen, die Christus in Brote verwandelt hat?«

»Jawohl, Bruder.« Die Augen des Reliquienhändlers leuchteten in Vorfreude auf den Gewinn.

»Aber Christus hat keine Steine in Brot verwandelt. Der Teufel wollte, daß er das tut, aber Christus hat abgelehnt.«

Cranston grinste und kam näher, um zu sehen, wie der Scharlatan reagieren würde. Der Reliquienhändler leckte sich die trockenen Lippen.

»Natürlich hat er es getan, Bruder«, antwortete jener halb flüsternd. »Ich weiß es aus zuverlässiger Quelle: Nachdem Satan gegangen war, hat Christus das gemacht. Und sie dann wieder zurückverwandelt in Steine, um zu beweisen, daß er sich nicht in Versuchung führen läßt. Das Stück kostet dich nur einen Penny.«

Athelstan holte eine Münze hervor.

»Hier.« Er drückte dem Burschen das Geld in seine schmierige Pfote. »Das ist nicht für den Stein. Behalte es nur. Als Belohnung für deinen Einfallsreichtum.«

Der Mann glotzte ihn mit offenem Mund an; über die Schlagfertigkeit des Reliquienhändlers leise lachend, ritten Athelstan und Cranston weiter. Sie kamen an St. Pauls Littlegate vorbei, wo ein Laienbruder Leprakranke mit verschimmeltem Brot und verfaultem Schweinefleisch fütterte, wie es von den Stadtvätem bestimmt worden war, die glaubten, eine solche Diät werde den Kranken helfen. Cranston schaute angewidert.

»Meinst du, das hilft wirklich?« fragte er Athelstan.

»Was, Sir John?« 

»Solches Essen - hilft es den Leprakranken?«       

Athelstan schaute hinüber zu den grau verhüllten Gestalten mit ihren Stäben und Almosenschüsseln. »Ich weiß es nicht«, sagte er leise. »Vielleicht.«

Die Aussätzigen ließen ihn an die beiden denken, die auf dem Friedhof von St. Erconwald hausten. Eine Erinnerung regte sich, aber er konnte nichts damit anfangen und schob sie beiseite.

Die beiden bogen von der Friday Street ab in eine kleine Gasse, und Cranston fragte Vorübergehende lautstark nach dem Weg zu Parchmeiners Laden. Sie fanden ihn an der Ecke zur Bread Street in einem schmalen, einstöckigen Haus mit dem Laden im Erdgeschoß und einer Wohnung darüber. Davor war ein Stand aufgebaut, der wegen des unfreundlichen Wetters leer war; also öffneten sie die Ladentür und gingen hinein. Athelstan schloß sofort die Augen und genoß den süßen Duft von frischgebürstetem Pergament und Velin. Der Geruch erinnerte ihn lebhaft an die wohlbestückte Bibliothek und die stille Schreibstube seiner Novizenzeit in Blackfriars. Der Laden war ein kleiner, weißgekalkter Raum; auf den Regalen an den Wänden stapelten sich Pergamentbögen, Tintenhörner, Bimssteine, Federkiele und alles andere, was in einer Bibliothek oder Schreibstube gebraucht wurde.

Geoffrey saß an einem kleinen Schreibpult. Er erhob sich lächelnd, um sie zu begrüßen.

»Sir John!« rief er. »Und Bruder Athelstan! Seid mir willkommen.« Er verschwand nach hinten in die Dunkelheit und kehrte mit zwei Schemeln zurück. »Bitte setzt Euch. Mögt Ihr Wein?«

Überraschenderweise schüttelte Cranston den Kopf.

»Ich trinke nur, wenn Sir John es auch tut«, sagte Athelstan spöttisch.

Der Pergamenthändler grinste und setzte sich wieder hinter sein Pult.

»Nun, was kann ich für Euch tun? Ich glaube kaum, daß Ihr Pergament oder Velin kaufen wollt - obwohl ich, Bruder, das beste in der Stadt führe. Ich bin Mitglied der Zunft, und alles, was ich verkaufe, trägt das Zunftzeichen.« Geoffreys gutmütiges Gesicht legte sich in kleine Lachfältchen. Er schüttelte den Kopf. »Aber Ihr seid sicher nicht zum Kaufen hier.« Sein Gesicht wurde wieder ernst. »Es geht um die Sache im Tower, nicht wahr?«

»Nur eine Frage«, sagte Cranston und rutschte unbehaglich auf dem kleinen Schemel herum. »Sagt Euch der Name Bartholomew Burghgesh etwas?«

»Ja und nein«, antwortete Geoffrey. »Gesehen habe ich ihn nie, aber Sir Fulke hat ihn erwähnt, und einmal hat Philippa in Gegenwart ihres Vaters diesen Namen ausgesprochen. Sir Ralph wurde wütend und ist hinausgestürmt. Natürlich habe ich Philippa gefragt, warum. Sie schüttelte nur den Kopf und meinte, er sei ein alter Feind ihres Vaters. Mehr wollte sie nicht sagen.«

Athelstan beobachtete den jungen Mann aufmerksam. Konnte dieser träge, ziemlich nichtsnutzige Stutzer der Rote Schlächter sein? Der schreckliche Mörder, der sich im Tower seine Opfer suchte?

»Geoffrey?« sagte er.

»Ja, Bruder?«

»Wie lange kennt Ihr Philippa?«

»Seit ungefähr zwei Jahren.«

»Und Sir Ralph hat Euch gemocht?«

Der Pergamenthändler grinste. »Ja, obwohl Gott allein weiß, warum. Ich kann kaum reiten, und der Ruf der Waffen stößt bei mir auf taube Ohren.«

»Ihr wart am Abend vor seinem Tod bei ihm?«

»Ja, wie schon gesagt, ich war mit ihm in der Großen Halle. Sir Ralph war mürrisch, und als er betrunken war, wurde er weinerlich.«

»Er war betrunken?«

»Sehr.«

»Und Ihr habt ihn in seine Kammer gebracht?«

»Tja, wieder muß ich sagen, ja und nein. Master Colebrooke hat mir geholfen. Ich brachte Sir Ralph bis zur Treppe in der Nordbastion, aber der Gang war so eng, daß Colebrooke allein ihm dort weiterhalf.«

»Und Ihr habt diese Nacht bei Mistress Philippa verbracht?« Der junge Mann schlug verlegen die Augen nieder. »Ja. Wenn Sir Ralph das gewußt hätte, wäre er sehr wütend geworden.«

»Aber ihm gefiel, daß Ihr seiner einzigen Tochter den Hof machtet?«

»Ja, ich glaube schon.«

»Warum?« donnerte Cranston. »Wie Ihr schon sagtet, schließlich seid Ihr kein Soldat.«

»Nein. Ich bin weder Lord noch Ritter, sondern Kaufmann, Sir John. Aber ein sehr guter. Ich gehöre zu denen, die dem König Geld leihen, damit er seine Ritter bezahlen kann.« Der Pergamenthändler deutete auf seinen gutsortierten Laden. »Vielleicht sieht es nicht so aus, aber meine Gewinne sind hoch. Ich bin ein reicher Mann, Sir John.«

»Noch eine andere Frage«, sagte Athelstan lächelnd. »Wir haben sie schon einmal angesprochen. Ihr seid Sir Ralph wecken gegangen. Was ist dann passiert?«

»Die Wachen haben mir die Tür zum Gang aufgeschlossen und sie, wie Sir Ralph es befohlen hatte, hinter mir wieder geschlossen. Ich bin zur Kammertür gegangen und habe versucht, den Konstabler zu wecken. Er hat nicht geantwortet; also bin ich zurückgegangen. Ich wollte selbst aufschließen, habe es mir dann anders überlegt und Colebrooke geholt.«

»Warum?«

Geoffrey zog eine Grimasse. »Als es so still war, wußte ich, daß da etwas nicht stimmt - von dem kalten Luftzug unter der Tür ganz zu schweigen.«

Athelstan erinnerte sich an den Spalt unter Sir Ralphs Tür und nickte. Wer davor gestanden hätte, müßte den starken Luftzug gespürt und geahnt haben, daß etwas nicht in Ordnung war.

»Ja, aber warum habt Ihr die Tür nicht selbst geöffnet?« fragte Cranston.

Der junge Mann lächelte matt. »Sir John, ich hatte Angst. Sir Ralph war nicht beliebt. Heute glaube ich, daß ich befürchtete, jemand könnte in der Kammer sein.«

»Und in der Nacht, als Mowbray starb?«

»… war ich bei Philippa, betrunken wie ein Lord. Da könnt Ihr die anderen fragen.«

»Und Ihr habt sie nicht verlassen?«

Geoffrey zog ein Gesicht. »Wie alle anderen habe ich den Abtritt am Korridor benutzt. Als der Alarm losging, bin ich hinausgewankt, um zu sehen, was los war. Aber viel getan habe ich nicht; ich war betrunken und hasse diese Mauertreppen. Also lief ich herum und tat beschäftigt, und dann sah ich Fitzormonde und Colebrooke, die bei Mowbrays Leiche standen.« Der junge Mann schwieg und sah Athelstan scharf an. »Ich weiß, warum Ihr gekommen seid. Es gibt wieder einen Toten im Tower, nicht wahr?«

»Ja«, sagte Athelstan leise, und dann berichtete er, wie Horne gestorben war.

Geoffrey lehnte sich zurück und pfiff leise. »Vermutlich«, sagte er müde, »wollt Ihr mich deshalb vernehmen.«

»Es wäre hilfreich zu wissen, wo Ihr gestern nacht wart«, bemerkte Cranston.

Parchmeiner zuckte die Achseln. »Ich habe hier gearbeitet und mich dann in einer Taverne in der Nachbarschaft vollaufen lassen. Im Goldenen Streifen. Dort könnt Ihr nachfragen.« Athelstan lächelte. Was würde das nützen? Horne konnte zu jeder beliebigen Nachtstunde ermordet worden sein. Er betrachtete Parchmeiners mädchenhaftes Gesicht. »Seid Ihr eigentlich in London geboren?« erkundigte er sich und versuchte, das Pergament auf Parchmeiners Tisch zu entziffern.

»Nein, Bruder. Meine Familie ist aus Wales, wie man an meiner Haarfarbe sieht. Sie ist nach Bristol gezogen, und mein Vater handelte in einem Laden unter der Kathedrale mit Pergamenten und Velin. Als er starb, zog ich nach London.« Geoffrey nahm das Pergament zur Hand. »Meine Schwester, die inzwischen verheiratet ist, lebt immer noch dort; sie schreibt mir gerade, daß sie zu Weihnachten kommen will. Sie, ihr Gemahl« - seine Miene zeigte gespielte Feierlichkeit - »und ihre große Kinderbrut werden ein wenig Leben in den Tower bringen.« Er sah Sir John an. »Mylord Coroner, habt Ihr sonst noch Fragen?«

Sir John schüttelte den Kopf. »Nein, Sir, keine.«

Sie standen auf und verabschiedeten sich, und Sir John und der Ordensbruder traten hinaus auf die kalte Straße.

»Was meinst du, Bmder?«

»Ein junger Mann, der es in seinem Geschäft noch weit bringen wird, Sir John. Er steht mit beiden Beinen fest auf der Erde.« Athelstan grinste. »Ja, Sir John, genau wie Ihr habe ich mich gefragt, ob er nicht Burghgeshs Sohn sein könnte. Aber ich bin sicher, er ist es nicht.« Athelstan sah den Coroner eindringlich an. »Wir suchen einen Mörder ohne Bindungen, Sir John. Jemanden, der vorgibt, etwas zu sein, was er nicht ist. Jemanden, der von dem großen Verrat vor so vielen Jahren weiß. Die Frage ist: Wer ist es?«   

»Tja!« Cranston klatschte in die Hände. »Das werden wir hier nicht herausfinden, Bruder. Aber vielleicht in Woodforde …« Der Coroner wischte sich mit dem Handrücken die Nase und schaute zum Himmel. »Ich will nicht in London bleiben«, sagte er leise. »Lady Maude muß sich von mir erholen. Und du, Bruder?«

»Meine Pfarrgemeinde«, antwortete Athelstan trocken, »wird die fortgesetzte Abwesenheit ihres Pastors noch ein Weilchen überleben, denke ich.«

Sie trennten sich an der Ecke Friday Street und Fish Street und vereinbarten, sich in zwei Stunden in einer Schenke auf der Mile End Road zu treffen.

Sir John verschwand, sein Pferd am Zügel, und Athelstan ritt durch die Trinity und Walbrook Street an der Ropery entlang zur London Bridge. Gottlob fand er die kleine Kirche beinahe verlassen vor; nur Watkin war da, dem er strikte Anweisungen für die Kirche erteilte, und Ranulf, der Rattenfänger, der gekommen war, um ihn an sein Versprechen zu erinnern, St. Erconwald zur Zunftkirche zu machen, wenn eine Zunft der Rattenfänger gegründet werde.

»Ich verspreche dir, Ranulf, ich werde mir die Sache überlegen«, sagte Athelstan und versuchte, nicht zu lächeln beim Gedanken an eine Kirche voller Rattenfänger mit Teermützen, die alle aussahen wie Ranulf. Das gelbe, vertrocknete Gesicht des Burschen verzog sich zu einem Grinsen und entblößte eine Reihe spitzer Zähne. Er hüpfte die Treppe hinunter, glücklich wie ein kleiner Junge.

»Bruder?« sagte Watkin kläglich.

»Was gibt’s?«

»Na ja…« Der Mistsammler drehte sich auf der obersten Stufe der Kirchentreppe um und deutete zum Friedhof hinüber. »Wir haben immer noch keine Wache aufgestellt.«

»Warum sollten wir, Watkin? Die Grabräuber sind fort.«

Der Mistsammler schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht, Bruder; ich fürchte, es kommt noch schlimmer.«

Athelstan zwang sich zu einem Lächeln. »Unsinn. Hör zu, Watkin, ich komme morgen am späten Abend zurück. Geh zu Pater Luke in St. Olave. Er möchte so freundlich sein, morgen früh hier die Messe zu lesen. Du weißt, wo alles ist? Und sag der Witwe Benedicta, sie soll dir helfen. Machst du das?«        

Watkin nickte und stapfte davon, er schimpfte leise über Priester, die nicht zuhörten, wenn man ihnen von dunklen Gestalten erzählte, die auf den Friedhöfen der Stadt grausige Dinge trieben. Athelstan sah ihm nach und seufzte. Was konnte er tun, wenn nichts darauf hindeutete, daß dem Friedhof Gefahr drohte? Er vergewisserte sich, daß die Kirchentür abgeschlossen war, und war dabei in Gedanken bei Cranston. Der Lord Coroner wurde allmählich zu einem genauso großen Problem wie die furchtbaren Todesfälle, die sie zu untersuchen hatten. Was war mit Maude los? Und wieso fragte er sie nicht einfach?

Athelstan lächelte, als er zu seinem Haus hinüberging. Seltsam, dachte er: Cranston, der sich vor nichts fürchtete, was auf zwei Beinen herumlief, hatte vor seiner kleinen Frau anscheinend schreckliche Angst. Er sah nach, ob Fenster und Türen des Pfarrhauses sicher verschlossen waren, warf dem protestierenden Philomel die Satteltaschen über, und müde machten sich Pferd und Reiter auf den Weg. An einem Ale-Haus machte er noch einmal halt, um bei Tab, dem Kesselflicker, Aufträge für Watkin und Benedicta zu hinterlassen: Sie sollten nach der Frühmesse die Kirche abschließen, und falls Benedicta einverstanden war, solle sie Bonaventura mit nach Hause nehmen. Dann ritt der Ordensbruder zurück auf die Hauptstraße, am Priorat von St. Mary Overy vorbei und über die London Bridge. Unterwegs sprach er in der St.-Thomas-Kapelle ein Gebet für die Reise.

Cranston erwartete ihn in der kleinen Taverne hinter Aldgate mit Blick auf den stinkenden Abflußgraben der Stadt. Der Coroner schien guter Dinge zu sein. Athelstan vermutete, dies sei auf den großen, leeren Weinbecher zurückzuführen, der vor ihm auf dem Tisch stand, aber Cranston blieb - zwinkernd und rülpsend - fest bei seinem geheimen Vorsatz, Athelstan mit seinen Sorgen und Nöten nicht weiter zu behelligen. Der Ordensbruder trank mit Sir John ein letztes Glas mit Zimt gewürzten Glühwein. Dann holten sie ihre Pferde aus dem Stall und machten sich auf den Weg über die allmählich dunkler werdende Landstraße nach Mile End. Unterstützt von einem wunderbaren Weinschlauch, der anscheinend nie leer wurde, behielt Cranston seine blendende Laune. Athelstan war müde und wund geritten; er betete und fluchte abwechselnd, während Cranston, furzend und im Sattel schwankend, über dieses und jenes schwatzte. Schließlich zügelte Athelstan sein Herd und faßte den Coroner beim Handgelenk.

»Sir John«, sagte er müde, »diese Sache im Tower … wir kommen einfach nicht voran. Wieviel Zeit haben wir noch?«

»So lange, bis wir sie erledigt haben«, antwortete Cranston mit glänzenden Augen. »In drei Teufels Namen, Bruder - Befehl ist Befehl, und ich gebe einen Rattenfurz auf murrende Mönche, vereiste Straßen und Reisen durch die Kälte. Habe ich dir eigentlich schon von Lady Maudes Weihnachtsvorbereitungen erzählt?«

Athelstan stöhnte, schüttelte den Kopf und trieb Philomel voran, während Cranston ausführlich Lady Maudes geplantes Bankett schilderte: Eberkopf, Schwan- und Hirschbraten, Quittentorte und Apfelsahne sollte es geben. Der Coroner schwatzte wie eine Elster, während das matte Tageslicht vollends verging und die Dämmerung sich wie grauer Staub über die endlos weiten Schneeflächen senkte. Der ferne Wald verschwand in diesiger Dunkelheit, die alles verhüllte; nur hier und da, wenn sie an einem Haus oder Dorf vorbeikamen, leuchteten ein paar Lichtpunkte. Es war totenstill, bitter kalt und vollkommen windstill.

»Bestimmt werden die Vögel auf den Bäumen erfrieren«, murmelte Athelstan vor sich hin, »und die Kaninchen auf den Hügeln bleiben unter der Erde.«

Cranston, dessen Weinschlauch überraschenderweise jetzt doch leer war, antwortete nur mit einem kurzen Rülpser. Sie kamen an einem Kreuzweg vorbei, wo an einem Galgen ein schwarzer, steifgefrorener Kadaver hing; der Kopf war verrenkt und das Gesicht unkenntlich, nachdem die Krähen sich daran bedient hatten. Cranston deutete den Weg hinunter auf ein Licht, das in einiger Entfernung leuchtete.

»Dort übernachten wir, Bruder. Ein gutes, gemütliches Wirtshaus, Zum Freund des Galgens genannt.« Er lehnte sich herüber und grinste Athelstan an. »Dem Namen zum Trotz wird es dir gefallen.«

Und es gefiel ihm tatsächlich. Es war ein sauberer, gut gefegter Gasthof mit festen Stallungen, einem nach frischen Kräutern duftenden Schankraum und einem lodernden Feuer, in dem die Holzscheite sich türmten. Als Athelstan jedoch das große Bett sah, das er mit Sir John teilen sollte, sträubte er sich.

»Nein, nein, Mylord Coroner«, sagte er, »ich bestehe darauf, daß Ihr allein schlaft.«

»Wieso, Mönch?«

»Weil Ihr mich, wenn Ihr Euch im Schlaf umdreht, zerquetschen würdet.«

Lachend und scherzend ließen sie ihre Taschen in der Kammer und gingen hinunter in die Schankstube, wo die Wirtin ihnen mächtige Fleischpasteten auftischte, unter deren knusprig goldener Kruste eine würzige Sauce den fauligen Geruch des Fleisches überdeckte. Athelstan bat den Wirt taktvoll, ihnen noch einen Strohsack in die Kammer zu legen. Dann setzte er sich zu Tisch und langte fast so herzhaft zu wie Cranston. Selbstverständlich trank der Coroner, als sei das Ende der Welt nahe, und als er genug hatte, sank er gegen die Einfassung des großen Kamins, rülpste und war es zufrieden. Athelstan starrte in die Flammen und lauschte mit halbem Ohr dem inzwischen aufgekommenen Wind, der heulend an den verschlossenen Fensterläden rüttelte.

»Bruder?«

»Ja, Sir John?«

»Die Sache im Tower - könnte das Schwarze Magie sein?«

»Wie meint Ihr das?«

»Na ja, der Kopf, den ich geschickt bekommen habe …« Athelstan streckte die Hand dem Feuer entgegen. »Nein, Sir John. Ich habe schon einmal gesagt, wir haben es nicht mit einem Dämon zu tun, sondern mit etwas Schlimmerem: mit einer Seele in Todsünde. Aber mit wessen Seele?« Er sah Sir John an, der seine leuchtend rote Nase schon wieder tief in den Weinbecher versenkt hatte. »Warum ausgerechnet jetzt? Das verstehe ich nicht. Warum hat der Mörder sich diesen Zeitpunkt gesucht? Und woher weiß er von den schrecklichen Ereignissen um Burghgeshs Tod?«

»Wie meinst du das?« lallte Cranston.

Athelstan reckte sich.

»Wir sollten Ausschau halten nach jemandem ohne jeden Hintergrund, jemandem, der unvermittelt auf der Szene erschienen ist; aber alle die, mit denen wir gesprochen haben, haben ihre eigene kleine Nische.«

Cranston rülpste. »Ich weiß nicht. Aber es könnte trotzdem Schwarze Magie sein, denn ich kann verdammt keinen Weg durch dieses Gestrüpp finden. Ich habe schon zu Lady Maude gesagt…«

Plötzlich verstummte der Coroner, starrte in seinen Becher, und seine Miene wurde ernst.

»Kommt, Sir John«, sagte Athelstan ruhig. »Zeit zum Schlafengehen.«

Überraschenderweise willigte Cranston ein; er trank seinen Becher leer und stellte ihn dröhnend auf den Tisch. Dann stand er schwankend auf und grinste wohlwollend auf seinen Gefährten herunter.

»Aber glaubst du daran, Bruder?«

»Woran, Sir John?«

»An Schwarze Magie? Ich meine, zum Beispiel die Sache auf deinem Friedhof.«

Athelstan grinste. »Um ganz ehrlich zu sein, Sir John, vor dem menschlichen Herzen habe ich mehr Angst als vor irgendeinem bösen Dämon. Und jetzt kommt; es wird Zeit.«

Athelstan war froh, den richtigen Zeitpunkt getroffen zu haben, denn als sie die wacklige Holzstiege erklettert hatten, war Cranston schon halb eingeschlafen und murmelte herzerweichend von Lady Maude und wie sehr er sie vermißte. Athelstan führte ihn durch einen kalten, dunklen Korridor in die Schlafkammer. Behutsam ließ er ihn auf das Bett sinken, zog ihm die Stiefel aus und machte es ihm so bequem wie möglich. Der Coroner wälzte sich auf die Seite, rülpste noch einmal und fing an zu schnarchen. Athelstan grinste und deckte die massige Gestalt zu. Im Schlaf hatte Cranston noch mehr Ähnlichkeit mit dem großen Bären im Tower. Athelstan ging zu dem kleinen Fenster mit der Hornscheibe, kniete nieder, bekreuzigte sich und sprach leise die Worte des Psalms Davids.   

»Aus der Tiefe rufe ich zu dir, O Herr, Herr erhöre meine Stimme.«

Als er beim vierten Vers angekommen war, schweiften seine Gedanken bereits ab. Ob Sir John recht hatte? Spukte der große Dämon, der Rote Schlächter, auf seinem Friedhof und im Tower in London? Athelstan schloß die Augen, beendete den Psalm und legte sich auf seinen Strohsack. Eine Zeitlang lag er da und lauschte Cranstons lautem Schnarchen, dann schlief er ein - fast zur gleichen Zeit, als Schatten über den dunklen Friedhof von St. Erconwald huschten und sich über ein frisches Grab beugten.